Wir dürften wählen und tun es nicht

Wir dürften wählen und tun es nicht

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Ich fahre mit dem Auto nach Berlin-Zehlendorf. Zum zweiten Mal sitze ich vorne links am Steuer. Bisher soll ich nur lenken und gucken. Um den Rest muss ich mir keine Sorgen machen. Füße kommen dann nächste Woche dazu, sagt mein Fahrlehrer. Etwas später sagt er, dass er erst einmal in seinem Leben gewählt hat. Während es in einem Moment auf die Scheibe schneit und uns dann im nächsten die Sonne blendet, unterhalten wir uns die ganze Stunde lang, er (beinahe 60) und ich (20), über die Politik, die seiner Meinung nach nicht tut, was sie tun müsste, und nicht auf die hört, die gehört werden sollten.

Mein Fahrlehrer ist keine Ausnahme. Denn immer weniger Menschen gehen wählen. Zur Bundestagswahl 1972 gaben noch 91,1 Prozent der wahlberechtigten Deutschen ihre Stimme ab. 2013 waren es nur noch 71,5 Prozent. Wie bekommt man diese Menschen wieder dazu, wählen zu gehen?

Ich habe drei Nichtwähler gefragt, was sie bewegt.


Der Anarchist

Alexander Michel (31) lebt in Dresden und arbeitet als CEO für eine Handels GmbH.

Das letzte Mal war er 2004 wählen. Seitdem nie wieder. Ich habe ihn gefragt, warum. Es stellt sich heraus: Er hinterfragt die Macht des Staates ganz grundsätzlich. Er ist ein Anarchist.

Alexander schreibt mir:

„Ich will meine Stimme nicht abgeben, denn ich wähle lieber die Freiheit. Von mir aus braucht es keinen Despoten, kein Diktat, keinen Staat, der sich erdreistet, das Gewaltmonopol für sich zu beanspruchen, weil er die Gewalt missbraucht, um Macht über das Volk auszuüben.

Nur wenn man nicht wählen geht, wählt man die Freiheit. Wenn du deine Stimme einem Despoten vergibst, begibst du dich in die Hände der Willkürlichkeit. Das ist unnötig, denn ich wähle lieber mich. Stehe zu mir, bin kein Schaf, das einen Hirten braucht.

Das Problem dabei: Es müsste schon eine 0-prozentige Wahlbeteiligung geben, um die Herrschaft abzuwählen. Das ist utopisch, denn es gibt zu viele „Schafe“, die einen Hirten suchen. Trotzdem werde ich auch in Zukunft nicht wählen gehen.

Man lebt sowieso anständiger in einem anarchischen Zusammenhang. Das ist für die meisten Menschen Alltag, denn man interagiert mit Menschen anarchisch. Problematisch wird es, wenn der Staat dir Gewalt androht oder gar anwendet, weil er dich zu etwas zwingen möchte. Mit Gewalt meine ich die Exekutive, Legislative, Judikative. Das ist meiner Meinung nach unnatürlich.

Sollen sie doch alle wählen, mir egal. Ich gebe dem jetzigen System keine Energie und lasse mich von keiner Partei locken. Dass die einen jetzt die AfD wählen und die anderen davor warnen, ist meiner Meinung nach lächerlich, denn für mich sind alle Parteien gleich gefährdend, egal ob Mitte oder Rechts oder Links.

Meine Familie und Freunde haben ebenfalls das Politgedöns durchschaut und sind langsam davon müde, den Heil- und Glücksversprechen der Politiker zu trauen, die dann eh nicht eingehalten werden.

Politik ist nicht alles, und sollte nicht Lebensinhalt sein. Freiheit bedeutet, Abstand zur Politik zu gewinnen. Abstand gewonnen – Freiheit gewonnen! Es gibt so schöne Dinge im Leben, zu erleben. Politik bringt mich mittlerweile nur noch zum Schmunzeln.“

Alexander lässt keine Zweifel offen. Er wird nie wieder wählen, egal welche Parteien zur Wahl stehen und egal in welcher Situation sich Deutschland oder er selbst befindet. Und auch egal, was seine Freunde sagen. Er unterstützt dieses System nicht, ist aber mit dieser Meinung unter den Nichtwählern Teil einer Minderheit. Andere Ansichten sind mir bei der Recherche häufiger begegnet.

Ruth Bongi etwa. Sie gehört zu den vielen Nichtwählern (mehr als 70 Prozent), die glauben, dass ihre Stimme sowieso nichts bewirken kann. Und solange sich das nicht ändert, wählt sie auch nicht.


Die Frustrierte

Ruth wurde 1987 geboren, ist verheiratet und Mutter von zwei Kinder. Da sie sehr früh Mutter wurde, beendete sie mit dem Hauptschulabschluss ihre Schulzeit und hält sich momentan mit Hartz IV und manchmal mit Minijobs über Wasser. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Köln.

Ruth schreibt mir:

„Ach, was soll ich da schon sagen? Ich sehe nicht, dass meine Stimme was bewirkt. Bei den letzten Bundestagswahlen war ich noch engagierte Wahlhelferin. Mittlerweile vertraue ich den Politikern aber nicht mehr. Wenn ich merken würde, dass meine Stimme etwas wert ist und verändern kann, dann gehe ich auch wieder wählen. Wenn wieder auf das Volk und sein Anliegen geschaut wird, wenn Gelder mal ankommen, wo sie gebraucht werden und nicht nur in volle Taschen wandern, wenn endlich mal jemand richtig hinguckt, auf mich guckt – dann gehe ich auch gerne wieder wählen. Die großen Parteien sind meiner Meinung alle gleich: versprechen viel und halten nichts. Aber auch von den kleineren Parteien lockt mich keine ins Wahllokal.

Wenn die Wahlbeteiligung immer mehr sinkt, werden Politiker endlich mal zuhören und unsere Unzufriedenheit vielleicht mal verstehen. So, wie es jetzt ist, hat das nämlich wenig mit Demokratie zu tun, wie ich es in der Schule gelernt habe.

Ich will nicht das Gefühl haben, dass meine Stimme und die Stimmen der anderen Wähler übergangen oder vergessen werden, weil Politiker eh alles unter der Hand regeln. Ich will mitentscheiden. Irgendwann können wir das hoffentlich. Dann gehe ich wieder wählen.“

Wer abstimmt, will auch gehört werden

Ruth zu überzeugen, doch wählen zu gehen, ist anders als bei dem Anarchisten Alexander nicht unmöglich, aber sehr schwer. Denn Ruths Zweifel sind viel grundsätzlicher, systemischer, wenn man so will.

Ich verstehe Ruths Haltung, aber ich denke auch: Eine Regierung für ein ganzes Land, das aus mehreren Parteien besteht, die meist Verschiedenes durchsetzen wollen, kann nicht jeden Bürger glücklich und zufrieden machen. Aber sie muss so transparent sein, dass der Wähler annehmen kann, dass seine Stimme oder die seines Nachbarn nicht in ein schwarzes Loch fällt. Da hat Ruth recht, und da kann das System besser werden. Durch Offenheit kann die Tagespolitik interessanter, authentischer und für den Wähler nachvollziehbarer werden. Und wenn Politik öffentlicher wird, wird die Öffentlichkeit wiederum politischer und geht wählen.

Es gibt aber noch einen anderen Weg, Menschen dazu zu bringen, wieder mehr wählen zu gehen. Das betrifft vor allem eine ganz bestimmte Gruppe. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung interessieren sich mehr als die Hälfte der Nichtwähler für das politische Geschehen. Sie halten die Möglichkeit, dass sie wählen könnten, wenn sie wollten, für ein hohes Gut. So einer ist Lennart.


Der Wiederwähler

Lennart Schüller (25) studiert in Wien Psychologie, kommt aber ursprünglich aus Köln. Er nennt sich zwar selbst Nichtwähler, will aber im September unbedingt wieder wählen gehen.

Warum? Um ein Zeichen gegen die rechtspopulistische AfD zu setzen. Weil Lennart meint, dass seine Stimme in diesem Jahr etwas ausmachen wird, wählt er.

„Ich habe für mich persönlich erkannt, dass ich auf Bundesebene keine sinnvolle Wahl treffen kann. Ob die SPD, die Grünen oder die CDU - die unterscheiden sich im realpolitischen Geschehen so marginal und betreiben in meinen Augen keine soziale Politik, für die sie meines Erachtens eine Legitimation verdient hätten.

Es muss ein Gegengewicht zur AfD geben. Ich sehe im Moment, dass die Politik noch weiter nach rechts rück, als es in den letzten Jahren eh schon der Fall gewesen ist. Dieser Rechtstrend wird Deutschland nichts bringen. Deshalb gebe ich dieses Mal meine Stimme ab, deshalb will ich mitentscheiden.“

Lennart gehört also zu den 24 Prozent der Nichtwähler, die glauben, dass ihre Stimme etwas bewirkt. Alles, was er brauchte, war eine Partei, die er so verabscheut, dass er mit seiner Stimme ein Gegengewicht bilden kann. Wer Menschen wie ihn zum Wählen bewegen will, muss mit ihnen darüber sprechen, was sie nicht mögen und klar aufzeigen, dass seine Stimme was bewirkt.

Und das tun die Politiker, aber auch wir Journalisten zu wenig, wenn ich ehrlich bin. Vor großen Wahlen sprechen Medien und Politik fast nur darüber, wer gewählt werden soll. Was sie zu wenig tun: begründen, warum gewählt werden soll. Bevor Parteien mit ihrem Wahlprogramm werben und einander auszustechen versuchen, sollte ihnen wichtig sein, den Wählern und Nichtwählern gemeinsam zu beweisen, dass ihre Stimme gehört wird.

Gemeinsam einstimmen aufs Abstimmen

Beim Wählen muss es anders laufen als in meinem Fahrunterricht. Bevor ich mir überlegen kann, wohin ich lenken will, muss ich sicherstellen, dass ich den notwendigen Antrieb habe, dass der Tank voll ist, dass Gaspedal und Bremse funktionieren. Sonst komme ich nirgendwo hin, auch nicht an den schönsten Ort der Stadt. Genauso, wie ich nicht davon ausgehen darf, dass das Auto eh vollgetankt ist, darf ich nicht davon ausgehen, dass alle von alleine zur Wahl gehen.

Vielen Deutschen ist klar, warum sie wählen gehen – weil sie so erzogen wurden, weil sie das in der Schule gelernt haben und weil sie bisher keinen Grund hatten, daran zu zweifeln. Doch wie vielen ist das nicht mehr klar? Oder wem wurde es überhaupt noch nie klar gemacht? Und wie viele glauben nur halbherzig an das, was ihnen da beigebracht wurde?

Es sind gerade die jungen Wähler, Menschen wie ich, die am Wahltag zu Hause bleiben. 2013 sagten nur 38 Prozent der 18- bis 29-Jährigen, dass sie bestimmt wählen gehen werden.

Wie funktioniert Demokratie in Deutschland, wie kann ich mich daran beteiligen und was bringt meine Stimme? Wir kommen nicht mit Antworten darauf auf die Welt und empfangen diese auch nicht über Muttermilch oder Babybrei. Bei der Recherche für diesen Text habe ich gelernt: Wir müssen uns gegenseitig antworten und uns gegenseitig fragen – der Politiker den Wähler und der Wähler den Politiker – „Was kann ich bewirken?“


Am Text mitgearbeitet haben Rico Grimm und Vera Fröhlich; Foto: LP12INCH / photocase.de