Interessante Gründe, nicht zu wählen

Interessante Gründe, nicht zu wählen

Antonia Barthel
Verfasst von
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„Wer gewinnt?“ Das scheint die spannendste Frage zu sein, wenn es um die Bundestagswahl geht. Aber mich interessiert noch etwas anderes: „Wer geht da überhaupt hin?“ Denn die Wahlbeteiligung in Deutschland ist stetig gesunken und die Politiker verstehen nicht, warum das so ist.

Zur Bundestagswahl 1972 gaben noch 91,1 Prozent der wahlberechtigten Deutschen ihre Stimme ab. 2013 waren es nur noch 71,5 Prozent. Der Rest schaute zu.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat in einer Studie herausgefunden, dass der Anteil der Geringverdiener bei den Nichtwählern höher ist als bei den Wählern. Vergleicht man die Sozialstrukturen, fällt auf, dass unter den Nichtwählern viele mit geringer Schulbildung, geringem Einkommen, geringem sozialen Status zu finden sind. Viele Nichtwähler fühlen sich laut Studie von politischen Entscheidungen ausgegrenzt, da diese nur Privilegierte betreffen.

Doch genauso, wie man aus unterschiedlichen Gründen zur Wahl geht, entscheidet man sich aus unterschiedlichen Gründen gegen das Wählen.

Ich habe drei Nichtwähler gefunden, die mir erzählt haben, warum sie ihre Stimme lieber für sich behalten.


Der Anarchist

Alexander Michel (31) lebt in Dresden und arbeitet als CEO für eine Handels GmbH.

Das letzte Mal war er 2004 wählen. Seitdem nie wieder. Er hinterfragt die Macht des Staates ganz grundsätzlich. Er ist ein Anarchist.

Alexander schreibt mir:

"Ich will meine Stimme nicht abgeben, denn ich wähle lieber die Freiheit. Von mir aus braucht es keinen Despoten, kein Diktat, keinen Staat, der sich erdreistet, das Gewaltmonopol für sich zu beanspruchen. Weil er die Gewalt missbraucht, um Macht über das Volk auszuüben.

Nur wenn man nicht wählen geht, wählt man die Freiheit. Wenn Du Deine Stimme einem Despoten vergibst, begibst Du Dich in die Hände der Willkürlichkeit. Das ist unnötig, denn ich wähle lieber mich. Stehe zu mir, bin kein Schaf, das einen Hirten braucht.

Das Problem dabei: Es müsste schon eine nullprozentige Wahlbeteiligung geben, um die Herrschaft abzuwählen. Das ist utopisch, denn es gibt zu viele „Schafe“, die einen Hirten suchen. Trotzdem werde ich auch in Zukunft nicht wählen gehen.

Man lebt sowieso anständiger in einem anarchischen Zusammenhang. Das ist für die meisten Menschen Alltag, denn man interagiert mit Menschen anarchisch. Problematisch wird es, wenn der Staat Dir Gewalt androht oder gar anwendet, weil er Dich zu etwas zwingen möchte. Mit Gewalt meine ich die Exekutive, Legislative, Judikative. Das ist meiner Meinung nach unnatürlich.

Sollen sie doch alle wählen, mir egal. Ich gebe dem jetzigen System keine Energie und lasse mich von keiner Partei locken. Dass die einen jetzt die AfD wählen und die anderen davor warnen, ist meiner Meinung nach lächerlich, denn für mich sind alle Parteien gleich gefährdend, egal, ob Mitte oder rechts oder links.

Meine Familie und Freunde haben ebenfalls das Politgedöns durchschaut und sind langsam davon müde, den Heil- und Glücksversprechen der Politiker zu trauen, die dann eh nicht eingehalten werden.

Politik ist nicht alles, und sollte nicht Lebensinhalt sein. Freiheit bedeutet, Abstand zur Politik zu gewinnen. Abstand gewonnen – Freiheit gewonnen! Es gibt so schöne Dinge im Leben zu erleben. Politik bringt mich mittlerweile nur noch zum Schmunzeln."

In Alexander habe ich einen System-Aussteiger gefunden, der sein Nichtwählen nicht mit fehlendem Angebot oder gutem Wetter begründet. Er wünscht sich ein anderes System, solange „lebt er aber trotzdem mit uns anderen mit“ und schmunzelt. Er steht aber nicht für alle Nichtwähler.

Obwohl die Nichtwähler genauso wie die Wähler eine heterogene Gruppe sind, lassen sich durch die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung bestimmte Merkmale finden, die ihnen allen gemein sind: 85 Prozent der deutschen Nichtwähler finden die Idee der Demokratie im Vergleich zu anderen Staatsformen gut. Mehr als die Hälfte von ihnen wollen also, anders als Alexander, am System festhalten. Mit der jetzigen Politik Deutschlands sind allerdings nur 21 Prozent der Befragten zufrieden.

Mehr als die Hälfte der Nichtwählenden interessieren sich trotzdem für das politische Geschehen und finden die Möglichkeit, dass sie wählen könnten, wenn sie wollten, ein hohes Gut. Dass die eigene Stimme bei einer Wahl jedoch wirklich etwas bewirken kann, glauben nur 24 Prozent der befragten Nichtwähler.

Ruth Bongi tut es nicht.


Die Frustrierte

Sie wurde 1987 geboren, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Da sie sehr früh Mutter wurde, beendete sie mit dem Hauptschulabschluss ihre Schulzeit und hält sich momentan mit Hartz IV und manchmal mit Minijobs über Wasser. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Köln.

Ruth schreibt mir:

"Ach, was soll ich da schon sagen? Ich sehe nicht, dass meine Stimme etwas bewirkt. Bei den letzten Bundestagswahlen war ich noch engagierte Wahlhelferin. Mittlerweile traue ich den Politikern aber nicht mehr.

Wenn ich merken würde, dass meine Stimme etwas wert ist und verändern kann, dann gehe ich auch wieder wählen. Wenn wieder auf das Volk und sein Anliegen geschaut wird, wenn Gelder mal ankommen, wo sie gebraucht werden und nicht nur in volle Taschen wandern, wenn endlich mal jemand richtig hinguckt, auf mich guckt – dann gehe ich auch gerne wieder wählen. Die großen Parteien sind meiner Meinung alle gleich: versprechen viel und halten nichts. Aber auch von den kleineren Parteien lockt mich keine ins Wahllokal.

Wenn die Wahlbeteiligung immer mehr sinkt, werden Politiker endlich mal zuhören und unsere Unzufriedenheit vielleicht mal verstehen. So, wie es jetzt ist, hat das nämlich wenig mit Demokratie zu tun, wie ich es in der Schule gelernt habe.

Ich will nicht das Gefühl haben, dass meine Stimme und die Stimmen der anderen Wähler übergangen oder vergessen werden, weil Politiker eh alles unter der Hand regeln. Ich will mitentscheiden. Irgendwann können wir das hoffentlich. Dann gehe ich wieder wählen."

Ruth sagt, was die meisten Nichtwähler stört. Viele bemängeln, dass ihnen die Politiker nicht zuhören. Deshalb geben sie ihre Stimme nicht ab, schweigen lieber. Aber wer hört heutzutage einem Schweigenden noch zu, wenn es drum herum laut ist? Und was ist, wenn die Lauten um dich herum eine ganz andere Meinung haben als du - eine für dich unverständliche Meinung? Was ist, wenn du merkst, dass viele Wähler für eine Partei abstimmen, von der du nicht regiert werden willst?


Der Wiederwähler

Lennart Schüller (25) studiert in Wien Psychologie, kommt aber ursprünglich aus Köln. Er nennt sich zwar selbst Nichtwähler, will aber im September unbedingt wählen gehen.

Warum? Um ein Zeichen gegen die rechtspopulistische AfD zu setzen.

"Ich habe für mich persönlich erkannt, dass ich auf Bundesebene keine sinnvolle Wahl treffen kann. Ob die SPD, die Grünen oder die CDU - die unterscheiden sich im realpolitischen Geschehen so marginal und betreiben in meinen Augen keine soziale Politik, für die sie meines Erachtens eine Legitimation verdient hätten.

Es muss ein Gegengewicht zur AfD geben. Ich sehe im Moment, dass die Politik noch weiter nach rechts rückt, als es in den letzten Jahren eh schon der Fall gewesen ist. Der Rechtstrend wird Deutschland nichts bringen. Deshalb gebe ich dieses Mal meine Stimme ab, deshalb will ich mitentscheiden."