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Ich habe kürzlich recherchiert, warum die Schule eigentlich um 8 Uhr beginnt (der Artikel erscheint bald!). Bei der Recherche ist mir aufgefallen, dass sehr viele Regeln, die bestimmen, wie Kinder heute zur Schule gehen, mindestens 100 Jahre alt sind. Dass Schule um 8 Uhr beginnt, war schon 1717 so. Ich fand das ziemlich verrückt.
Wir haben deswegen entschieden, eine Newsletter-Serie zu schreiben. Sie heißt „War halt schon immer so“. In der Serie schauen wir uns an, woher die Regeln für das Schulsystem eigentlich kommen – und stimmen mit euch darüber ab, ob sie heute noch sinnvoll sind.
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Als erstes blicke ich auf das zwei- bzw. dreigliedrige Schulsystem. Der Weg dahin wurde nämlich schon im frühen 19. Jahrhundert geebnet. Ich würde behaupten: Wenn Humboldts Reformpläne damals nicht gescheitert wären, wäre Deutschlands Bildungssystem heute vielleicht nicht so ungerecht.
Aber ein paar Schritte zurück.
Der preußische König Friedrich Wilhelm III wollte Anfang des 19. Jahrhunderts die Schulen reformieren. Zu dem Zeitpunkt gab es kein einheitliches Schulsystem. Es gab Dorf- und Stadtschulen und eine klare Trennung zwischen normalen Leuten und dem Adel.
Man könnte sagen, der preußische König wollte das Schulsystem aufgrund eines gekränkten Egos reformieren. Wilhelm III verlor mit seinen Truppen 1806 nicht nur einmal, sondern gleich zweimal gegen Napoleon. Daraufhin verkündete er, der Staat müsse durch geistige Kräfte ersetzen, „was er an physischen verloren“ habe. Das Scheitern war Antrieb für eine Reihe progressiver politischer Entscheidungen.
Der König schaffte die Leibeigenschaft ab, führte die Gewerbefreiheit und die freie Jobwahl ein. Der Staat sollte nicht länger nach dem Stände-, sondern nach dem Leistungsprinzip organisiert sein. Heißt: Nicht die Geburt sollte entscheiden, wo man im Leben und beruflich landet, sondern die persönliche Leistung. Also musste auch das Schulsystem angepasst werden.
Kurzer Einschub aus dem Jahr 2026: Irgendetwas ist damals anscheinend schief gelaufen. Mehr als 200 Jahre später ist Deutschland eines der Länder, in dem die soziale Herkunft den größten Einfluss auf den Bildungsweg hat.
Humboldts Ideen wären sogar heute noch modern⬆ nach oben
1808 jedenfalls beauftragte Wilhelm III den größten Philosophen seiner Zeit damit, sich Reformen für das Schulsystem in Preußen zu überlegen: Wilhelm von Humboldt. Humboldt wollte keine parallel laufenden Schulformen, er wollte ein aufeinander aufbauendes Schulsystem. Alle Kinder sollten gemeinsam zur Schule gehen! Erst in die sogenannte Elementarschule, die drei Jahre dauern sollte, dann in die Stadtschule und wer besonders hervorstach, sollte noch das Gymnasium besuchen. Das war der sogenannte „Königsberger Schulplan“.
Zu dieser Zeit gab es vor allem Schulen, in denen bestimmte Berufsgruppen ausgebildet wurden, Ritterakademien oder Kadettenschulen zum Beispiel. Gymnasien gab es für den Adel und Stadt- oder Bürgerschulen für praktische Berufe im kaufmännischen und handwerklichen Bereich.
Humboldt aber wollte eine „allgemeine Menschenbildung“ für alle. In einem Brief an den König im Jahr 1809 schrieb er: „Es giebt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf.“
Abgesehen von der etwas merkwürdigen Rechtschreibung liest sich der Brief ziemlich modern. Man sollte laut Humboldt außerdem nicht nur seinen Beruf frei wählen können, man sollte sogar fähig sein, ihn im Laufe seines Lebens zu wechseln. Humboldt hätte die Quereinsteiger von heute gefeiert.
Die gleiche Schule für alle würde die staatliche Ordnung bedrohen, sagten die Konservativen⬆ nach oben
Wenig überraschend gefiel den Konservativen die ambitionierten Reformpläne nicht. Sie sahen die staatliche Ordnung bedroht. So argumentierte zum Beispiel der spätere Leiter des Volksschulreferates im preußischen Kultusministerium, Ludolph von Beckedorff, eine Stufenordnung der Schulen würde vielleicht in einem demokratischen System funktionieren, aber nicht in einem System mit monarchischen Institutionen.
Letztendlich setzte sich die ständische Auffassung von Bildung durch. Das heißt: Schüler:innen wurden von Anfang an getrennt unterrichtet und das entsprechend ihrer Herkunft. Mittlerweile ist Deutschland eine Demokratie, aber das Schulsystem eines, das auf der Annahme konstruiert wurde, dass Menschen von Natur aus ungleich sind und deswegen auch frühestmöglich getrennt werden sollten.
Denn so argumentierte Ludolph von Beckedorff damals: „Je länger der Jungend die Verschiedenheit der menschlichen Verhältnisse verheimlicht wird, als eine desto größere Last muss sie ihr hinterher erscheinen; ja, eben dieser lange Traum und Wahn einer allgemeinen Gleichheit wird nicht bloß die nachfolgende Ungleichheit umso drückender machen, sondern auch die früher Gleichen und Vereinten umso schroffer trennen und umso feindseliger gegen einander stellen.“
Das Gymnasium für die Elite, die anderen Schulformen für das gemeine Volk⬆ nach oben
1815 verlor Napoleon endgültig in der Schlacht bei Waterloo und Wilhelm III musste nicht mehr auf geistige Stärke setzen. 1819 wurden die Reformpläne abgeschmettert (armer Humboldt) und das Schulsystem in einer Form ausgebaut, dessen Struktur wir heute noch wiedererkennen. Auf der einen Seite gab es die überfüllten Volksschulen, in denen minimale Mindeststandards gelehrt wurden. Auf der anderen Seite die gut ausgestatteten Gymnasien, in denen ein Fokus auf Latein und Griechisch gelegt wurde. Hier sollten die Eliten ausgebildet werden. Durchgesetzt hatte sich also das Motto: keine allgemeine Bildung für alle, sondern Trennung so früh wie möglich.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte sich heraus, dass Gymnasien und Volksschulen der wachsenden Bevölkerung und den Veränderungen durch die Industrialisierung allein nicht gerecht werden konnten. Am Gymnasium wurden moderne Sprachen wie zum Beispiel Englisch oder auch Naturwissenschaften unterschlagen. Die Antwort war Ausdifferenzierung. Es wurden zusätzlich zu den Volksschulen und den Gymnasien „Realanstalten“, „Fachschulen“ und „Realgymnasien“ und „Oberrealschulen“ gegründet. Man könnte sagen, dies markierte den Beginn des dreigliedrigen Schulsystems, wie wir es heute noch kennen.
200 Jahre später traut sich immer noch niemand an die Institution Gymnasium ran⬆ nach oben
In den 1970er-Jahren wurden vor allem in sozialdemokratisch regierten Bundesländern Gesamtschulen eingeführt, also Schulen, an denen nicht ab der fünften Klasse getrennt voneinander gelernt wird. Seit der Wiedervereinigung wurde das dreigliedrige System immer öfter in Frage gestellt. Ostdeutsche Bundesländer machten den Anfang, Haupt- und Realschulen zusammenzulegen, westdeutsche Bundesländer zogen schrittweise nach. Nur Bayern besteht noch auf drei Schulformen.
Aber das Gymnasium ist immer noch eine weitgehend unangefochtene Institution. Ich weiß noch genau, wie ich immer das Gefühl hatte, meine Schulbildung gegenüber Schüler:innen und Lehrer:innen von Gymnasien rechtfertigen zu müssen. Als sei meine Bildung an einer Gesamtschule weniger wert, weil ich mit Kindern zusammen lernte, die Haupt-, Real- und Gymnasialempfehlungen hatten. Vielleicht muss der heutige Anführer von Deutschland (looking at you, Friedrich Merz) mal wieder ein gekränktes Ego haben. Dann wird das Gymnasium irgendwann abgeschafft.
Redaktion und Schlussredaktion: Bent Freiwald, Fotoredaktion: Gabriel Schäfer