Trump hat den Iran angegriffen – ohne Koalition, ohne UN-Resolution, ohne auch nur eine ordentliche Rede an die Nation. Zwei dünne Videostatements, ein paar Interviews. Das wars.
Es ist der größte US-Militäreinsatz seit dem Irakkrieg 2003. Ein Drittel der Marine ist im Einsatz, zwei Flugzeugträger, Hunderte Kampfjets. Erste US-Soldaten sind tot, iranische Drohnen treffen Hotels in Dubai und Raffinerien in Saudi-Arabien. Ein langwieriger regionaler Krieg droht.
Und anders als 2003 gibt es dieses Mal nicht einmal den ernsthaften Versuch einer Rechtfertigung. Damals warb die US-Regierung monatelang um eine internationale Koalition. Dieses Mal: nichts außer Rechtfertigungen, die von Tag zu Tag hilfloser wirken. Erst ging es um einen Regimewechsel im Iran, nun plötzlich soll der Angriff unvermeidlich gewesen sein, weil Israel ohnehin angegriffen hätte.
Es ist ein unbegründeter Krieg. Aber kein grundloser.
In den vergangenen Tagen haben Analyst:innen, Militärs und Wissenschaftler:innen mehrere Theorien präsentiert, warum Trump diesen Angriff befohlen hat. Zusammen ergeben sie ein klares Bild.
1. Trump glaubt an einen schnellen, einfachen Sieg⬆ nach oben
Die wichtigste Erkenntnis aus den Analysen: Für Trump ist das kein Krieg im klassischen Sinne, sondern ein kurzer Waffengang. Mit Luftschlägen will er die iranische Regierung so weit schwächen, dass sie einem Volksaufstand nichts mehr entgegenzusetzen hat.
Dafür spricht, dass Trump bisher keinen langen Militäreinsatz begonnen hat. Luftschläge in Syrien, kleine Operationen gegen die Terrorgruppe des Islamischen Staats, Luftschläge gegen den Iran, ein Kommandoeinsatz in Venezuela – das ist ein starker Kontrast zu den großen Landkriegen der Nullerjahre unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush.
In den vielen kurzen Interviews, die Trump seit Kriegsbeginn am 28. Februar gegeben hat, zeigt Trump, wie er auf den Konflikt schaut. Er fordert die Sicherheitskräfte des Iran darin auf, die Waffen niederzulegen und rief den Iranern über Video zu: „Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen.“
Dafür spricht aber auch, was Trump selbst sagt. Einem Bericht des israelischen Portals Ynet zufolge, habe Trump bereits am Samstagnachmittag europäischer Zeit beim Iran vorgefühlt, ob ein Waffenstillstand möglich sei. Am Sonntag hat er seine Bereitschaft zu Gesprächen auch in Interviews deutlich gemacht.
Im Interview mit der New York Times brachte Trump selbst eine Venezuela-Lösung ins Spiel: ein einfacher Austausch der Regierung, ohne das politische System zu ändern. Und gegenüber dem US-Magazin Atlantic deutete ein Mitglied der Regierung an, welches Land das nächste Ziel sein könnte: Kuba. „We are on a roll“, sei Trumps Eindruck aktuell, so der Beamte. Die Einstellung ist also, mit schnellen Eingriffen maximale Ziele zu erreichen, so lange es geht.
2. Trump braucht einen Sieg⬆ nach oben
Trumps Umfragewerte als US-Präsident sind nie gut gewesen, aktuell sind sie sehr schlecht. Denn auch bei den Themen, bei denen er traditionell relativ hohes Vertrauen genoss, verliert er. Nach den ICE-Morden in Minnesota sind große Teile der amerikanischen Wählerschaft von seiner Immigrationspolitik abgerückt, und in ihrem täglichen Leben sehen die Bürger und Bürgerinnen nicht, dass sich ihre wirtschaftliche Situation verbessert. Die Mieten sind weiterhin hoch, Lebensmittel weiterhin teuer.
Dann hat der Oberste Gerichtshof der USA vor wenigen Wochen in einem ersten Grundsatzurteil Trumps Zollpolitik gekippt. Die Richter und Richterinnen haben dem Präsidenten das Recht abgesprochen, so weitreichende Zölle für so einen langen Zeitraum zu erlassen. Zölle allerdings waren das Kernstück der Trumpschen Wirtschaftsagenda.
Und dann sind da noch die Epstein-Akten. Niemand hat vergessen, dass weiterhin Millionen von Akten unter Verschluss gehalten werden und dass noch immer nicht klar ist, welche Rolle Trump im Missbrauchsnetzwerk von Jeffrey Epstein spielte.
In acht Monaten finden die Zwischenwahlen für den US-Kongress statt. Stand jetzt wird die republikanische Partei große, schmerzliche Niederlagen erleiden. Das wäre bei dieser Gemengelage vor allem eine Niederlage von Donald Trump. Der von ihm ersehnte und angedachte schnelle Sieg gegen den Iran könnte auch ein innenpolitischer Befreiungsschlag sein.
3. Netanjahu und Mohammed bin Salman wollen einen Sieg⬆ nach oben
Die Washington Post berichtet, dass Mohammed bin Salman, der Kronprinz von Saudi-Arabien, in den vergangenen Wochen immer wieder für einen Angriff auf den Iran geworben habe.
Das ist wichtig, weil Trump und seine Familie weitverzweigte, tiefgehende Beziehungen zu Saudi-Arabien haben und auch zu den anderen Golfstaaten. Sie verdienen an diesen Beziehungen viele Hundert Millionen Dollar.
Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Iran den größten Gegner seines Landes sieht. Seit Jahrzehnten trommelte er in Washington für einen großflächigen Angriff auf das Land. Israel ist es dabei bis zu einem gewissen Grad egal, was als Nächstes passiert. Sollte der Iran im Bürgerkrieg versinken, kann Israel genauso damit umgehen, wie es mit dem langen Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien umgehen konnte. Wichtig ist Israel nur, einen starken, feindlich gesinnten Iran zu verhindern.
4. Das Militär befolgt Befehle, anders als Gerichte, Universitäten und Medien⬆ nach oben
Militärhistoriker Phillips O’Brian und Autoritarismusforscher Timothy Snyder machen in diesem Gespräch auf einen sehr interessanten Punkt aufmerksam: Donald Trump habe im vergangenen Jahr festgestellt, dass seine Macht trotz allem Grenzen hat. Universitäten, Unternehmen und der Oberste Gerichtshof haben sich ihm widersetzt.
Es gibt allerdings eine Institution, die dafür gebaut wurde, Befehle zu befolgen, und das ist das Militär.
5. Iran ist sehr schwach, noch nie war die Chance für einen Regimewechsel so hoch⬆ nach oben
Hätten die USA den Iran angegriffen, wenn der Iran Atomwaffen hätte? Nein! Hätten die USA angegriffen, wenn der Iran in der Lage wäre, die beiden Flugzeugträger in der Region am ersten Tag zu versenken? Nein!
Es ist auch fraglich, ob die USA angegriffen hätten, wenn die Stellvertreter, die Iran mühselig in den 2010er Jahren in den Nachbarländern aufgebaut hat, noch immer volle Kraft hätten: die Hisbollah im Libanon, Hamas im Gazastreifen, die Milizen im Irak und Syrien, die Huthis im Jemen. Denn sie hätten als Katalysator für die iranischen Raketenangriffe dienen und Angriffe an vielen Fronten gleichzeitig lancieren können. Das Chaos in der Region wäre perfekt gewesen.
Diese Verbündeten aber hat vor allem Israel in sehr systematischen Angriffen seit 2023 geschwächt. 2020 schon haben die USA den Architekten dieser iranischen Stellvertreter-Strategie, Qasem Soleimani, in einem Luftschlag getötet.
Zudem hat Trump gesehen, wie erfolgreich sie im Zwölftagekrieg im Juni 2025 zwischen Israel und Iran waren. Sie konnten ohne eigene militärische Verluste relativ große Schäden erzielen. Gleichzeitig haben die blutig niedergeschlagenen Massenproteste im Iran Anfang des Jahres gezeigt, dass der Rückhalt des Regimes vor allem in den Städten nur noch sehr klein ist.
Allerdings hat die Geschichte immer und immer wieder gezeigt, dass Luftangriffe allein nicht ausreichen, um eine Regierung zu stützen. Im Gegenteil. Nach Tagen und Wochen brutaler Angriffe aus der Luft, die immer wieder auch zivile Opfer fordern, solidarisiert sich die Bevölkerung mit der Regierung, die gerade an der Macht ist. Der Widerstandsgeist wird nicht geschwächt, sondern gestärkt. Das haben wir zuletzt auch in der Ukraine gesehen.
6. Ein schwacher Iran schwächt auch China⬆ nach oben
Donald Trump denkt nicht langfristig strategisch. Er hat in den vergangenen zehn Jahren immer wieder das Gegenteil bewiesen. Etwa, als er den Atomdeal mit dem Iran aufgekündigt hat, der verhindert hätte, dass der Iran Atomwaffen bekommt, nur um jetzt in den Krieg zu ziehen, um zu verhindern, dass der Iran Atomwaffen bekommt.
Allerdings gibt es auch in seiner Regierung und vor allem auch im außen- und sicherheitspolitischen Establishment der Vereinigten Staaten Menschen, die langfristig strategisch planen. Diese denken seit mehreren Jahren schon darüber nach, wie sie die sich formende autokratische Allianz aus Russland, China, dem Iran und Nordkorea schwächen und vor allem China treffen können.
China ist der größte Kunde iranischen Öls. Laut Reuters gehen mehr als 80 Prozent aller iranischen Ölexporte nach China. Die chinesischen Firmen Huawei und ZTE haben das iranische Kommunikationsnetz aufgebaut. Nach dem Zwölftagekrieg hat China dem Iran geholfen, seinen Vorrat an militärischen Raketen wieder aufzufüllen.
Die Politikwissenschaftlerin Zineb Riboua forscht beim neokonservativen Hudson-Institute in Washington. Sie schreibt in ihrem Newsletter: „Peking hat über Jahre hinweg Milliarden von Dollar investiert, um Iran zu einem strukturellen Aktivposten auszubauen. Alles, was im Nahen Osten geschieht, ergibt sich aus dieser Tatsache. Deshalb ist ‚Operation Epic Fury‘ die erste amerikanische Militärkampagne, die diesen Aktivposten ernsthaft zu zerstören droht. Indem die Trump-Regierung Iran direkt angreift, demontiert sie, ob beabsichtigt oder als Nebenfolge, eine tragende Säule der regionalen Architektur Chinas.“
Ein Schlag gegen den Iran ist in dieser Sichtweise auch ein Schlag gegen den erklärten Hauptgegner China.
Fazit⬆ nach oben
Seit die Menschen Kriege führen, gibt es Menschen, die die Geschichte dieser Kriege aufschreiben. Die Geschichtsschreiber:innen sind sich dabei selten einig, nur eine Schlussfolgerung zieht sich seit Tausenden Jahren durch alle alten Chroniken und neuen Forschungsaufsätze: Kein Krieg hat nur einen Grund.
Warum also hat Trump diesen Krieg begonnen? Ein früher Versuch einer Geschichtsschreibung kann an Tag 4 dieses Krieges so aussehen:
Bestärkt durch die erfolgreiche Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar 2026 und angefeuert vom israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und dem saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman glaubte Trump, sich mit seiner schnellen Militäraktion eines großen geopolitischen Gegners entledigen zu können, an dem der verhasste Vorgänger Barack Obama angeblich gescheitert war. Dass aktuell kaum jemand mehr über die Epstein-Akten, die Verbrechen der Migrationspolizei ICE oder die hohen Kosten des täglichen Lebens spricht, kommt Trump acht Monate vor den wichtigen Zwischenwahlen für den US-Kongress auch gelegen.
Jetzt muss der Plan nur noch aufgehen. Trump geht die Zeit aus.
Mitarbeit: Rika Hagedorn, Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schäfer