Ein Portät von Collin Ulmen-Fernandes, Studio Hamburg Nachwuchspreis-Gala im Thalia Theater Hamburg

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Geschlecht und Gerechtigkeit

Wenn Mütter sich wehren, sehen ihre Töchter: Es geht

Collien Fernandes hat einen sehr wichtigen Satz gesagt. Der geht bei aller Wut auf Männer gerade unter.

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Als meine Freundin Elise 15 Jahre alt war, nahm ihre Mutter sie beiseite und sagte: „Versprich mir, dass du nie zulässt, dass ein Mann dich so behandelt wie dein Vater mich.“ Elises Vater wirkte nett, machte die Mutter aber immer wieder nieder. „Du bist einfach zu dumm, um das zu verstehen“, schrie er. Manchmal hatte die Mutter danach blaue Flecken an den Armen.

Ich musste an Elise denken, als Collien Fernandes ihrem Ex-Mann Christian Ulmen öffentlich vorwarf, sie jahrelang digital missbraucht zu haben. Er habe unter ihrem Namen über Jahre falsche Profile auf Onlineplattformen erstellt und Männern, auch aus ihrem beruflichen Umfeld, Fake-Pornos seiner Frau geschickt. Fernandes hat Strafanzeige gestellt. Ob Anklage erhoben oder das Verfahren eingestellt wird, ist noch offen. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.

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Nun bebt es in Deutschland, die Wut vieler Frauen ist enorm.

Die Sache ist: Geschichten von Gewalt und Missbrauch in Beziehungen bleiben meist privat. Man hört nichts davon, oft weil die Betroffenen sich schämen, ihre Familien zusammenhalten wollen oder Angst haben. Es ist ein bekanntes Muster, das eine Generation der nächsten vererbt – wie ein kaputtes Gebäude, in dem niemand sicher leben kann.

Aber jede Frau, die sich gegen Gewalt in ihrer Beziehung wehrt, bricht mit diesem Muster. Sie erleichtert es der nächsten Generation, aus dem kaputten Haus auszuziehen.

Das war ein sehr wichtiger Satz von Collien Fernandes⬆ nach oben

Dem Spiegel, der über ihren Fall ausführlich berichtet hat, sagte Fernandes: „Die allermeisten werden damit alleingelassen, ich möchte, dass das aufhört, auch für die Generation meiner Tochter.“ Dieser Satz ist wichtiger, als es vielleicht auf den ersten Blick aussieht.

Denn welch bessere Botschaft kann eine Mutter ihrer Tochter mitgeben, als dass sie sich wehrt, wenn ein Mann sie missbraucht? Und welche Botschaft wäre es andererseits, sie würde der Tochter vorleben, dass man so einen Mann deckt?

Die Mutter meiner Freundin Elise wollte ihre Tochter schützen, als sie sie vor Männern wie ihrem Vater warnte. Aber sie blieb mit ihm zusammen. Sie konnte ihrer Tochter nicht vorleben, wie man sich selbst schützt.

Das ist keine Schuldzuweisung an Frauen, die in Gewaltverhältnissen schweigen. Schweigen kann Überleben bedeuten. Aber wenn es einer Frau gelingt, auszubrechen und darüber zu reden, ist es wichtig, genau das auch zu würdigen und nicht nur über den Täter zu sprechen.

„Sie sagte immer wieder, dass sie ihn liebt“⬆ nach oben

Mehr noch: Fernandes’ Mut sollte uns ermutigen, auch die kleineren Strukturen von Gewalt und Ungerechtigkeit im Privaten weiter aufzubrechen.

Ich kenne zu viele kluge, reflektierte feministische Frauen, die es in ihren eigenen Beziehungen nicht schaffen, Grenzen zu ziehen. Weil sie doch denken, dass sie ihrem Mann Sex schulden, auch wenn sie selbst keine Lust haben. Weil sie Angst bekommen, wenn ihr Partner bei einem Streit laut wird, weil ein wütender Mann immer auch eine körperliche Bedrohung ist. Oder weil sie eben doch automatisch mehr kochen, putzen und sich um das Kind kümmern, weil sie nicht die ganze Zeit streiten wollen.

Das hat auch damit zu tun, dass viele von uns zwei total widersprüchliche Ideale gelernt haben. Auf der einen Seite die feministische Idee von Gleichwertigkeit, Selbstbestimmung und klaren Grenzen. Auf der anderen Seite die tief eingeübte romantische Vorstellung von Liebe: dass man verzeiht und aushält, die Beziehung schützt, notfalls auf sich selbst verzichtet.

Es ist total anstrengend, beides zusammenzubringen. Es ist erschöpfend, sich gegen einen Menschen zu wehren, der einem so nahe ist. Sich einzugestehen: „Dieser Mann, den ich liebe, behandelt mich nicht gut.“ Mein Mann kann doch nicht einer von denen sein? Doch. Kann er.

„Sie sagte immer wieder, dass sie ihn liebt“, sagte Fernandes’ Schwester dem Magazin Spiegel.

Ja, diese Welt ist derzeit verdammt beängstigend für Frauen und Mädchen. Dafür sorgen Männer wie Jeffrey Epstein, Dominique Pelicot, P-Diddy, Andrew Tate und ihre vielen, vielen namenlosen, unbekannten Varianten. Männer, die vielleicht nebenan wohnen oder im gleichen Bett schlafen, vielleicht Sätze sagen wie: „Ich sehe mich komplett als der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat“, wie Christian Ulmen.

Es muss einem das Herz klopfen, wenn man Töchter in diese Welt entlässt. Aber eine Sache, die wir tun können, ist, ihnen eine andere Idee von Liebe und Grenzen mitzugeben. Eine, die sie ermutigt, auszuziehen und sich zu wehren.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schäfer

Wenn Mütter sich wehren, sehen ihre Töchter: Es geht

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