Alexander, du hast sechs Monate lang Schulen in Finnland, Estland, Japan und Singapur besucht. Diese Staaten landen bei den berühmten PISA-Rankings seit über 20 Jahren regelmäßig ganz oben. Du bist selbst Lehrer an einer weiterführenden Schule in Hamburg: Gibt es eine Sache, die du seit deiner Reise anders machst?
Hier in Deutschland läuft es oft so: Wir Lehrkräfte unterrichten etwas und warten bis zur Prüfung, um zu testen, ob die Schülerinnen und Schüler es verstanden haben. In Singapur fragen die Lehrkräfte den Lernstand schon während des Lernprozesses ab. Dafür gibt es verschiedene Methoden. Zum Beispiel bekommen alle Schüler ein Mini-Whiteboard, so groß wie eine DIN-A4-Seite, der Lehrer stellt eine Frage, etwa: Wie sieht der Graph für diese Funktion aus? Die Schülerinnen und Schüler müssen ihre Antwort aufschreiben und hochhalten. So sieht der Lehrer direkt, ob die Kinder die Aufgabe schon lösen können, oder ob er das wiederholen muss. Das mache ich mittlerweile auch mit meinen Schülerinnen und Schülern.
Wie finden die das?
Die lieben das. Die fordern das teilweise ein und sind sehr motiviert dabei. Sie mögen, dass sie direkt Feedback bekommen, ob sie richtig oder falsch liegen, ohne vor der ganzen Klasse an der Tafel etwas erklären zu müssen.
Alexander Brand
Ist Lehrer und Journalist. Als Lehrer für Mathematik und Physik arbeitet er an einer weiterführenden Schule in Hamburg, als Journalist für das Deutsche Schulportal der Robert Bosch Stiftung. Sechs Monate lang ist er durch die vier erfolgreichsten Schulsysteme der Welt gereist und hat sich angeschaut, was sie dort anders machen. Jetzt hat er ein Buch über seine Eindrücke aus mehr als 30 Schulen geschrieben: „Die Bildungsweltmeister – Eine Reise zu den besten Schulen der Welt und was wir von ihnen lernen können“.
Du warst aber nicht nur unterwegs, um deinen eigenen Unterricht zu verbessern, du hast dir die vier besten Schulsysteme angeschaut. Was ist die eine Sache, die das deutsche Bildungssystem auf jeden Fall dazulernen muss?
Die Länder, in denen ich unterwegs war, stecken deutlich mehr Geld als Deutschland in die ganz frühe Förderung. Darum ist für mich der größte Hebel die Frage, wann man anfängt, Kinder mit Lernrückständen zu fördern. Ich würde schon bei der Einschulung viel genauer testen: Wer bringt nicht die Grundkompetenzen mit, die er oder sie braucht, um dem Unterricht zu folgen? Und dann von Anfang an viel früher schon auf Kleingruppenförderung setzen. Wir wissen aus der Forschung, dass diese Art der Förderung gerade bei benachteiligten Kindern sehr wirksam ist. Was passiert, wenn diese frühen Förderungen fehlen, sieht man in Deutschland. Die Lehrkräfte sind in den Sekundarschulen ganz viel damit beschäftigt, die großen Unterschiede zwischen den Schülern zu bearbeiten. Das ist wahnsinnig anstrengend.
Lehrkräfte bereiten für eine Unterrichtsstunde manchmal vier verschiedene Versionen eines Arbeitsblattes vor, damit jedes Kind Aufgaben bekommt, die es nicht überfordern. In deinem Buch beschreibst du, dass in Estland das Anspruchsniveau für schwächere Schüler:innen nicht gesenkt wird. Wie stellen sie sicher, dass alle Schüler:innen klarkommen?
In allen von mir bereisten Ländern haben sie, statt das Leistungsniveau zu senken, den Grad der Unterstützung angepasst. Die einen wurden mehr gefordert und die anderen mehr unterstützt. In Estland bieten die Lehrkräfte zum Beispiel einmal pro Woche sogenannte Schülersprechstunden für Schülerinnen und Schüler an. In diesen Sprechstunden können die Fragen zu Themen stellen, die sie noch nicht verstanden haben.
Das heißt, es schadet den Kindern, wenn wir ihnen zu wenig zutrauen und einfachere Aufgaben stellen?
Wenn ich die Anforderungen schon im Vorhinein absenke, dann erfüllen die Schülerinnen und Schüler auch nur genau die. Die Differenzierung im Leistungsniveau ist empirisch gar nicht besonders gut abgesichert. Viele Schulen, die ich besucht habe, fordern ihre Schülerinnen und Schüler heraus. Das geht: Wir können Kindern und Jugendlichen schon viel zutrauen. Aber uns fehlt in Deutschland halt der nötige Gegenpol: die Unterstützung.
In Finnland nehmen 30 Prozent der Kinder jedes Jahr bis zur neunten Klasse Förderung in Anspruch, die über den normalen Unterricht hinausgeht. Das könnte man ja auch als Zeichen dafür sehen, dass das Schulsystem die Kinder nicht ausreichend bildet.
Förderung wird dort anders gesehen. In Finnland werden nicht nur Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche, ADHS oder Dyskalkulie, also Rechenstörung gefördert. Das können auch Kinder sein, die länger krank waren oder Stress zu Hause haben. Die Klassenlehrer und die Sonderpädagogen sprechen sich ab und dann kann ein Junge auch mal zwei Stunden pro Woche in der Matheförderung sitzen, wo er in Kleingruppen von Sonderpädagogen viel intensiver betreut werden kann. Und wenn er sich wieder gefangen hat, fallen die zwei Förderstunden pro Woche einfach wieder weg. Diese flexible Förderung würde uns in Deutschland gut tun. Dann fiele auch dieses Label weg, ein Förderkind zu sein, das es in Deutschland häufig gibt.
Wir waren im Herbst an einer Schule in Duisburg, in der nach einem ähnlichen Muster gearbeitet wurde. Lehrer:innen meinten, dass es für manche Schüler:innen Unruhe reinbringen würde, wenn sie immer wieder aus dem Klassenverband herausgenommen werden, um separat Förderung zu erhalten.
Das habe ich in Finnland anders wahrgenommen. Das liegt vor allem daran, dass die Sonderpädagogen und Sonderpädagoginnen sehr eng mit den Klassenlehrkräften zusammenarbeiten. Die Sonderpädagogen sind im ersten Schuljahr oft im Unterricht dabei und betreuen alle Schülerinnen und Schüler. Alle kennen sich also über Jahre hinweg und haben ein enges Verhältnis. Für die Kinder macht es dann nicht so einen großen Unterschied, von wem sie betreut werden. Das sind einfach alles Lehrkräfte für sie. Man spricht auch nicht wirklich von Sonderpädagogik, sondern von Unterstützung für das Lernen. Das ist nicht so etikettiert, wie es in Deutschland ist.
In Finnland nimmt fast jedes dritte Kind pro Jahr bis zur neunten Klasse mal Förderunterricht in Anspruch. Besonders hilfreich: kleine Räume wie auf dem Foto, in denen die Kleingruppen zusammensitzen können. | Foto: Alexander Brand.
Bei den PISA-Gewinnern scheinen Lehrkräfte generell ein hohes Ansehen in der Gesellschaft zu haben. Das scheint in Deutschland manchmal zu fehlen. Kann die Bildungspolitik daran etwas ändern?
Das ist in diesen Ländern zum Teil historisch gewachsen. Finnland und Estland waren von den Sowjets besetzt. In dieser Zeit waren Lehrkräfte diejenigen, die die Kultur aufrechterhalten haben, durch Bildung und Literatur und Sprache. In Singapur war das ganz anders. Die hatten in den 1980er Jahren so großen Lehrermangel, dass sie Lehrkräfte aus dem Ausland anwerben mussten. Dort war es eine bewusste Strategie des Ministeriums, den Lehrerberuf aufzuwerten. Sie haben die Ausbildung reformiert, die Lehrkräftefortbildung entwickelt und ein neues Karrieresystem für Lehrkräfte ermöglicht. Sie haben innerhalb ihres Jobs mehr Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Sie können als Coach, als Fortbildner oder als Experte in der Region für ihr bestimmtes Fach agieren. Die Regierung kann also schon handeln. Man kann Wertschätzung auch erzeugen. Das ist nicht gottgegeben.
Die Lehramtsausbildung steht in Deutschland seit Jahren unter heftiger Kritik. Was genau machen die Länder, die du bereist hast, anders?
In Deutschland kann jeder mit Abitur ein Lehramtsstudium anfangen. Ausgesiebt wird erst ganz am Schluss beim zweiten Staatsexamen. Da wird dann sehr genau geprüft: Kannst du eine Unterrichtsstunde so vorbereiten und halten, wie die Seminarleiter es als gut ansehen? Das führt zu massivem Druck. Finnland machts genau andersrum. Die schauen zuerst: Wer hat das Potenzial, eine gute Lehrkraft zu sein? Im Grundschullehramt werden nur zehn bis 20 Prozent der Bewerber auch tatsächlich genommen.
Das würde in Deutschland zur nächsten Katastrophe führen. Wir haben jetzt schon zu wenig Lehrkräfte.
Das stimmt. Deshalb würde ich das auch nicht für Deutschland fordern. Aber eine verpflichtende Eignungsberatung am Anfang des Studiums fände ich gut, damit diejenigen aussortiert werden, die falsche Vorstellungen vom Beruf haben. Dann hätten wir vielleicht keine Abbruchquoten von rund 40 Prozent im Studium. Wenn man früh selektiert und nicht erst beim zweiten Staatsexamen, hat man den Vorteil, dass man das Referendariat nicht nur zum Bewerten der Lehrkräfte nutzen muss. In Finnland sind alle Praxisphasen ins Studium integriert. Die angehenden Lehrkräfte werden sehr eng begleitet – und nicht ständig bewertet. Das nimmt total viel Druck raus und die Lehrkräfte können sich darauf konzentrieren, besser zu werden.
Du schreibst in deinem Buch, dass die noch größeren Unterschiede zwischen Deutschland und den von dir besuchten Ländern vielleicht sogar darin liegen, wie der Job später ausgeübt wird.
Lehrkräfte in Finnland sehen sich oft als lebenslang Lernende, die ihren Unterricht immer wieder neu überprüfen, eine forschende Haltung mitbringen und im Team viel stärker reflektieren. In Singapur und Japan sind es vor allem die Strukturen, die in den Schulen angelegt sind. In Singapur zum Beispiel gibt es professionelle Lerngemeinschaften. Das sind kleine Arbeitsgruppen von Lehrkräften, die sich wöchentlich treffen und ihren Unterricht reflektieren, sich mit Fachdidaktik beschäftigen und gemeinsam Projekte planen. In den Schulen unterrichten viele Menschen mit ungemeiner Expertise. Einige Lehrkräfte haben an den besten Unis im Ausland studiert, haben sich immer weiter fortgebildet und wissen über viele Strömungen in der Bildungsforschung Bescheid. Die Schulen in Singapur waren auch total interessiert an meinen Erfahrungen. Ich saß in Konferenzräumen mit zehn, fünfzehn Leuten, die von mir wissen wollten, was ich in ihrer Schule verbessern würde. Diese Neugierde und Offenheit für neue Ideen, die habe ich nirgendwo anders gesehen.
Manche Ideen im deutschen Schulsystem existieren schon seit mehr als 100 Jahren. Darüber schreiben wir derzeit eine Newsletter-Serie. Zum Beispiel die Mehrgliedrigkeit, also dass nach der Grundschule aufgeteilt wird: Die einen dürfen aufs Gymnasium, die anderen müssen auf die Haupt-, Real- oder Oberschule. Finnland hat diese Aufteilung inzwischen abgeschafft.
Die Finnen haben gemerkt, dass Bildung zu stark vom Elternhaus abhing. Und dass es große regionale Unterschiede gab: In den Städten waren viel mehr Kinder auf dem Gymnasium als auf dem Land. Das wollte die Politik ändern und hat entschieden, dass die Kinder bis zur neunten Klasse gemeinsam lernen sollen. Das wurde nicht von jetzt auf gleich umgesetzt. Die Politik hat einen Prozess über mehrere Jahre eingeleitet. Dafür haben sie ganz oben im Land, in Lappland, angefangen. Dort gibt es nur wenige Schulen und wenn es Probleme bei der Umsetzung gab, konnte man die recht schnell beheben. Und die Schulbuchverlage haben Zeit bekommen, ihre Bücher an das neue System anzupassen. Als die Änderung Jahre später in Helsinki ankam, wo es die größten Vorbehalte gegen das eingliedrige System gab, wusste man also bereits: Das kann funktionieren. Das hat bei den Schulen im Norden auch geklappt.
Kann man diesen Prozess auf Deutschland übertragen?
Die international vergleichenden Studien zeigen relativ eindeutig, dass Bildungsgerechtigkeit zunimmt in Systemen, in denen die Schülerinnen und Schüler länger gemeinsam lernen. In drei von vier Ländern, die ich besucht habe, lernen die Schülerinnen und Schüler, bis sie etwa 15 Jahre alt sind, zusammen. Was wir auf jeden Fall lernen können aus Finnland: Wenn wir uns tatsächlich irgendwann dazu durchringen, dass alle Schülerinnen und Schüler länger gemeinsam lernen sollten, sollte man nicht von jetzt auf gleich alle Schulen gleichzeitig dazu zwingen.
Finnland rutscht in den PISA-Rankings mittlerweile eher ab. Das Land ist zwar immer noch in den wichtigsten Bereichen über dem OECD-Durchschnitt, aber zur absoluten Spitzengruppe gehört es nicht mehr. Viele Lehrkräfte machen Änderungen dafür verantwortlich, die in Deutschland viele fordern, auch in der Krautreporter-Community: mehr Freiräume für Schüler:innen, mehr selbstreguliertes Lernen, offene Klassenräume.
Man kann natürlich nicht folgern, dass Finnland nur deshalb schlechter abschneidet, weil viele Schulen mit offenen Lernlandschaften gebaut wurden, die Kindern mehr Freiräume geben. Auch die Schülerschaft sieht wie in Deutschland heute anders aus, auch die Digitalisierung hat vieles verändert. Gleichzeitig sehen viele Lehrkräfte in Finnland die Reformen der letzten Jahre wie die offenen Klassenräume und den starken Fokus auf selbstgesteuertes Lernen in frühen Jahren kritisch. Vor allem, weil diese Reformen – anders als beim Einführen der Eingliedrigkeit des Schulsystems – schnell und von oben herab eingeführt wurden. Es gab keine Pilotprojekte, keine wissenschaftliche Evidenz, die Lehrkräfte wurden nicht mit einbezogen. Natürlich wollen die Lehrkräfte, dass Kinder selbstreguliert lernen und natürlich braucht es auch Zeiten fürs freie Arbeiten. Aber viele Lehrkräfte haben gesehen, dass diese sehr offenen Settings viele Schülerinnen und Schüler überfordern. Mittlerweile haben viele Schulen den Schritt zurück gemacht und ziehen wieder Wände oder dicke Vorhänge in ihre offenen Bauten ein.
Die berühmte PISA-Studie⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Was ist PISA?
PISA ist ein internationaler Schulleistungstest der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der alle drei Jahre stattfindet. Der Name steht für Programme for International Student Assessment.
Wer wird getestet?
15-Jährige – also kurz vor dem Ende der Pflichtschulzeit in vielen Ländern. Es geht nicht um einzelne Klassen, sondern um Stichproben.
Was wird gemessen?
Vor allem Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Es geht um Alltagsaufgaben, Problemlösen und Textverständnis.
Wie läuft das ab?
Schüler:innen bearbeiten Tests (heute meist digital) und füllen Fragebögen aus. Auch Schulen geben Infos, z.B. zu Ausstattung, Unterrichtsklima oder sozialem Hintergrund der Schüler:innen.
Warum macht das so viel Wirbel?
Weil PISA Länder vergleichbar macht und daraus schnell Rankings werden. Als Deutschland 2001 im Vergleich abgesackt ist, war das der berühmte “Pisa-Schock”.
Viele in unserer Leser:innenschaft sind große Fans von Pilotschulen wie der Alemannenschule in Wutöschingen. Dort wurde der klassische Unterricht abgeschafft. Siehst du solche Lernkonzepte nach deiner Reise durch die vier Schulsysteme kritisch?
Nur, weil ein Konzept an einer Schule funktioniert, heißt das nicht, dass es überall funktioniert. Das war auch das große Problem in Finnland, als sie von oben entschieden haben, dass sie in den Schulen die Wände runterreißen. Ob selbstreguliertes Lernen funktioniert, hängt sehr stark von der genauen Umsetzung ab. Und wir müssen uns fragen: Welche Voraussetzungen bringt die Schülerschaft mit? In Finnland hat dieses Konzept besser an Schulen funktioniert, an denen die Kinder aus privilegierten Elternhäusern kamen. Lehrkräfte an Schulen mit vielen Kindern aus weniger privilegierten Elternhäusern haben es kritischer gesehen.
Eine der größten Veränderungen der vergangenen Jahre war die Digitalisierung. Viele Schulen in Deutschland sind damit überfordert. Estland hingegen gilt als Vorbild in der Digitalisierung. Wer sich scheiden lassen will oder ein Unternehmen gründet, kann das online machen. In Estland lernen sie aber gar nicht so viel mehr mit digitalen Medien. In Deutschland sind es im Schnitt 1,4 Stunden am Tag, in Estland 1,6 Stunden.
Ich war auch verblüfft. Ich dachte: Warum benutzen die nicht mehr digitale Medien im Unterricht? Aber aus internationalen Vergleichsstudien wissen wir: Es gibt keinen statistischen Zusammenhang zwischen Digitalkompetenzen und der Zeit, die man mit digitalen Geräten verbringt: Man kann fünf Stunden am Tag am I-Pad sitzen und sich trotzdem nicht besser in der digitalen Welt zurechtfinden. Das muss explizit beigebracht werden. Und in Estland fangen sie deutlich früher damit an, schon in der Grundschule. Ich habe gesehen, wie Drittklässler lernen, wie man E-Mails verfasst, was es mit E-Mail-Sicherheit auf sich hat und wie man Word-Dokumente nutzt.
Eine Lehrerin hilft einem Schüler beim Einloggen in sein Google-Konto. Heute sollen die Kinder ihre erste eigene Mail verschicken. Dafür muss die Lehrerin auch erklären, wie eine Mail aufgebaut ist. | Foto: Alexander Brand
Brauchen wir also doch ein Schulfach „Digitale Kompetenzen“, um unsere Defizite zu lösen? Das würde uns geradezu schockieren.
Vermutlich schon. Gerade in der Grundschule braucht es einen Ort, um solche digitalen Kompetenzen explizit zu vermitteln. Wenn wir das auf viele verschiedene Fächer aufteilen, geht das unter. In vielen Schulen in Estland gibt es tatsächlich Informatikunterricht, in manchen auch Robotik-Wahlfächer. Viel wichtiger als die Frage, ob es Informatikunterricht gibt, ist aber die Frage, wie gut er ist. An den meisten Schulen in Estland gibt es eine Person, die sich auch didaktisch mit IT auskennt und nicht nur bei Technikfragen hilft. Sie berät Lehrkräfte bei der Nutzung und Auswahl von IT-Tools und entwickelt mit ihnen gemeinsam Konzepte dafür, wie digitale Medien im Unterricht genutzt werden.
In Estland leben 1,3 Millionen Menschen. Sogar Hamburg hat mehr Einwohner:innen. Können wir uns überhaupt etwas von einem so kleinen Land abschauen?
Wir können Methoden aus anderen Ländern nicht eins zu eins kopieren. Wir unterscheiden uns nicht nur in der Größe, sondern auch in unserer Geschichte und Haltung. Aber wir können die Erfahrungen von anderen Ländern nutzen, um uns selbst besser zu verstehen. Wir können dadurch unsere eigenen blinden Flecken finden.
Zum Beispiel?
Für mich war es wirklich erstaunlich, dass sich Lehrkräfte so sehr als lernende Profession verstehen können. Den intensiven Drang zum Weiterlernen kenne ich aus Deutschland nicht. Das ist kein blinder Fleck, aber das zeigt uns, was noch möglich ist. Was wir gar nicht erkennen würden, weil wir in unserem System sozialisiert sind.
In Deutschland wird gerade viel darüber diskutiert, ob Lehrkräfte überhaupt noch klassisch vorne an der Tafel Wissen vermitteln oder eher als unterstützende Lerncoaches agieren sollten.
Diese beiden Rollen widersprechen sich gar nicht. Es braucht beides und es hängt davon ab, wo die Schülerinnen und Schüler im Lernprozess sind, welche Rolle gerade die richtige ist. Es gibt für jede Didaktik die richtige Zeit.
Was meinst du damit?
Am Anfang des Lernprozesses, wenn Schülerinnen und Schüler wenig Vorwissen haben, braucht es eine strukturierte Anleitung durch einen Experten. Das muss nicht unbedingt die Lehrkraft im Unterrichtsraum sein. Das kann auch ein Video leisten. Das explizite Anleiten ist am Anfang aber wichtig, weil es das Arbeitsgedächtnis entlastet. Wenn man sich ein gutes Vorwissen erarbeitet hat und gute Strukturen im Langzeitgedächtnis etabliert hat, können offene Projektformen sinnvoll sein.
Bei all dem, was die Länder, die du bereist hast, gut machen: Was sind Dinge, die wir uns nicht abgucken sollten?
Alle Bildungssysteme haben auch schlechte Seiten. Die Schülerinnen und Schüler stehen in diesen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten schon stark unter Druck. In Singapur gibt es nach der Grundschule ein Grundschulabitur, das sehr entscheidend ist für die weitere Schullaufbahn und das weitere Leben.
Diesen Druck gibt es in Deutschland nach der Grundschule auch.
Das stimmt. Aber in Singapur ist er auf einem anderen Level. Er führt dazu, dass die Schülerinnen und Schüler viel außerunterrichtliche Nachhilfe nehmen. Auch in Japan gibt es diesen Druck. Der setzt meistens deutlich später ein als in Singapur, erst gegen Ende der Mittelstufe, wenn es auf die ersten großen Prüfungen zugeht. Die Schülerinnen und Schüler gehen da durch eine Prüfungshölle. Und teilweise vier- bis fünfmal die Woche zur Nachhilfe. Sie wollen es unbedingt auf eine der Elite-Unis schaffen, aus denen die beliebten Unternehmen rekrutieren.
Gibt es etwas, das sich andere Länder von uns abschauen könnten?
Wir haben ein tolles Ausbildungssystem, für das uns viele Länder beneiden. Und wir haben nicht diese Elite-Unis. In anderen Ländern ist häufig klar: Du kannst nur was werden, wenn du an diese Uni kommst. In Deutschland gibt es ein breites Hochschulangebot und verschiedene Wege, im Leben erfolgreich zu sein.
Und machen wir in Schulen auch was richtig gut?
Wir sehen Allgemeinbildung als hohes Gut an, ohne dass es direkt wirtschaftlich verwertet werden muss. In Singapur ist das Schulsystem viel wirtschaftlicher getrieben. Bis vor kurzem hatten sie nach der Grundschule diese Dreiteilung, der niedrigste Zweig war vergleichbar mit unserer Hauptschule. In diesem Zweig gab es aber gar keinen Geschichtsunterricht, nur Sozialkunde, in der es um Singapur an sich ging. Es war dem Staat also nicht wichtig, dass diese Kinder eine historische Bildung erhalten.
Die Wirtschaft baut auf dem Erfolg des Schulsystems auf. Aber dadurch wird Schule eben auch auf das reduziert, was wirtschaftlich verwertbar ist. Wenn man in Singapur etwas studiert, bei dem der finanzielle Erfolg nicht zwingend folgt, wird man schräg angeschaut. Gegen so ein Denken gibt es in Deutschland große Widerstände. Das finde ich gut.
In seinem Buch „Die Bildungsweltmeister – Eine Reise zu den besten Schulen der Welt und was wir von ihnen lernen können“ berichtet Alexander Brand ausführlich, wie die Schulsysteme in den angesprochenen Ländern aussehen. Das Buch ist am 26. Februar 2026 im Beltz Verlag erschienen.
Redaktion: Astrid Probst, Fotoredaktion: Gabriel Schäfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger