„Geh weg, du bist hässlich.“ So begrüßte mich täglich meine Sitznachbarin in der fünften Klasse. Ich war elf, ein bisschen pummelig und es gab keinen Friseur, der mit meinen Locken klarkam. Außerdem interessierte ich mich überhaupt nicht für Klamotten. Ein Foto von mir aus dieser Zeit hängt heute im Arbeitszimmer meiner Mutter. Ich trage ein formloses, lila gestreiftes Sweatshirt und eine ebenso formlose Hose. Mit halb geschlossenen Augen schaue ich in die Kamera, als hätte man mich mitten in einem Tagtraum erwischt.
Ich war nicht hässlich. Ich war auch nicht umwerfend schön. Vor allem war ich vorpubertär und sah aus, wie man eben aussieht, wenn der eigene Körper sich noch nicht entschieden hat, was das alles einmal werden soll. Ich lebte in einem Dorf, kletterte auf Bäume, las Bücher und hatte Freundinnen mit ähnlichen Interessen. Mein Aussehen war mir ziemlich egal.
Das änderte sich schlagartig, als ich in die neue Schule in der Stadt kam. Dort traf ich auf eine neue, härtere Sorte Jugendlicher. Mit elf hatte ich keine Ahnung von sozialen Hierarchien, aber schnell wurde ich zur Expertin. Ich lernte, dass das falsche Outfit, die falsche Frisur einen zum Außenseiter machen können. Dass Schönheit eine Währung ist, mit der man sich Akzeptanz erkauft.
Pretty Privilege und der Halo-Effekt⬆ nach oben
Diese Lektion trage ich seit gut 30 Jahren mit mir herum. Ganz akzeptiert habe ich sie nie. Denn etwas an diesem Deal ist doch faul: Wir geben zufälligen Eigenschaften, wie einem hübschen Gesicht, einem gut gebauten Körper absurd viel Bedeutung. Dabei ist das reine Gen-Lotterie. Schönheit ist zutiefst unfair verteilt. Wie können wir sie so wichtig nehmen? Und kommen wir da irgendwie raus?
Das Thema Schönheit ist auch deshalb so brisant, weil es nie nur darum geht, ob jemand eine hübsche Nase hat.
Schon in der Antike war Schönheit moralisch aufgeladen. Im „Symposion“ lässt der griechische Philosoph Platon seinen Lehrer Sokrates die sogenannte Stufenleiter der Liebe beschreiben: Körperliche Schönheit ist die erste Sprosse auf der Leiter hin zu geistiger Einsicht. Sie lädt den Menschen also dazu ein, die Leiter der Erkenntnis weiter emporzuklettern, bis man schließlich die Idee des Schönen selbst begreift.
In der Renaissance knüpften manche Denker:innen daran an und verklärten Schönheit zum Ausdruck des Wahren und Guten. Und im Nationalsozialismus wurde das Politische der Schönheit brutal konkret. Ein normiertes Körperideal stand für Stärke, Reinheit und „Volksgemeinschaft“. Schönheit, natürlich nach Nazi-Definition, war hier ein Merkmal der Herrschenden.
Die Frage, was Schönheit bedeutet, ist also alles andere als oberflächlich. Der sogenannte Halo-Effekt zeigt, dass wir Menschen, die attraktiv sind, auch andere positive Eigenschaften zuschreiben. Wir halten sie für klug, sympathisch, vertrauenswürdig. Eine Meta-Analyse konnte zeigen, dass Attraktivität sogar beeinflusst, wer als Führungsperson wahrgenommen wird. Attraktive Menschen gelten eher als freundlich und kompetent und werden deshalb häufiger als Anführer:innen gesehen, selbst wenn sie keine Chefs sind. Schönheit wirkt also nicht nur auf Dates, sondern auch auf Macht.
Es ist, als wären wir darauf programmiert, Bücher nach ihrem Einband zu beurteilen, auch wenn wir wissen, dass wir das nicht tun sollten. Pretty Privilege gibt es wirklich.
Für mich war dieses Thema wie ein unangenehmer innerer Knoten, den ich lange mit mir herumgetragen habe. Erst vor Kurzem wurde mir klar, dass ich eine andere, viel wichtigere Frage ignoriert hatte. Sie lautet: Was sorgt eigentlich dafür, dass wir einen Menschen schön finden?
Es gibt darauf tatsächlich handfeste Antworten. Und sie haben nur bedingt damit zu tun, ob jemand eine hübsche Nase oder Idealgewicht hat.
Was macht Menschen schön?⬆ nach oben
Eine überraschende Antwort auf die Frage nach Schönheit fand ein englischer Gelehrter vor 130 Jahren – und zwar aus Versehen. Francis Galton wollte eigentlich beweisen, dass man Verbrecher an ihren Gesichtszügen erkennen kann. Er legte dafür viele Porträts übereinander, um das „typische“ Verbrechergesicht sichtbar zu machen. Das Ergebnis verblüffte ihn: Die angeblich typische Verbrechervisage sah verdammt gut aus.
Später griff die Psychologie diesen Befund auf und konnte zeigen: Wenn man viele Gesichter übereinanderlegt, bleibt ein geglätteter Durchschnitt. Und der, so besagt die sogenannte Averageness-Hypothese, wirkt besonders schön. Genau so funktionieren heute übrigens KI-Bildtools, wenn sie perfekte Gesichter und Körper generieren. Sie sind ein noch krasserer Durchschnitt als Galtons Verbrecher, weil sie Schönheit aus Milliarden Trainingsbildern herausrechnen und dabei alles Asymmetrische und Eigentümliche systematisch abschleifen. Je mehr Daten eingehen, desto glatter wird das Ergebnis.
In den Jahrzehnten danach bemühte sich die Forschung darum, Schönheit bei Menschen in Zahlen zu erfassen und universelle Muster zu finden. Das klappte nicht so gut. In den 1990er Jahren glaubte der Psychologe Devendra Singh, ein erstaunliches Muster entdeckt zu haben: Frauen mit einem Taille-Hüfte-Verhältnis von etwa 0,7, das heißt einem Hüftumfang von 100 Zentimetern und einer Taille von 70 Zentimetern, wurden in sehr unterschiedlichen Kulturen als attraktiver bewertet. Das passte zu einer biologischen Lesart von Schönheit: Eine solche Figur galt als Hinweis auf Fruchtbarkeit. Markante Gesichtszüge bei Männern wiederum deuteten angeblich auf hohe Testosteronwerte, Dominanz und Durchsetzungsfähigkeit hin. Andere Forscher fanden heraus, dass Gesichter mit hoher Symmetrie anziehender wirken. Sie vermuteten, dass solche Gesichter eine Entwicklung ohne größere Störungen signalisierten. Wer attraktiv ist, soll bessere Gene in Aussicht stellen.
Doch je genauer man hinsah, desto mehr Risse zeigten sich in dieser scheinbar universellen Theorie. Warum stehen manche Menschen auf Narben? Weshalb galten in der einen Epoche üppige Körperformen als Inbegriff der Schönheit, während heute das Schlanke verherrlicht wird? Und wie erklärt sich, dass Menschen, deren Aussehen wir erstmal nur okay finden, mit der Zeit unwiderstehlich wirken können?
Als ich einmal auf Social Media über dieses Thema schrieb, erreichten mich viele persönliche Nachrichten. „Ich finde Menschen erst richtig schön, wenn ich sie auch mag“, schrieb jemand. Ein anderer Kommentar: „Manche Menschen sind auf Fotos durchschnittlich schön, haben aber live eine Ausstrahlung, die einen umhaut.“
Bei Lippen kann sich niemand einigen⬆ nach oben
Eine Forschungsgruppe für plastische Chirurgie hat sich für eine Studie wirklich angestrengt. Die Forschenden wollten herausfinden, ob man Patient:innen, die ihr Aussehen verbessern möchten, auf Basis von wissenschaftlichen Fakten statt nur nach Bauchgefühl beraten kann. Dafür haben sie sich durch die riesige Menge von über 1.200 bereits existierenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen gearbeitet, um den aktuellen Stand der Forschung zusammenzutragen.
Leider fanden auch sie nicht die ultimative Schönheitsformel. Ein zentrales Ergebnis der Studie war, dass es keinen globalen Standard für Schönheit gibt. Was als attraktiv gilt, wird stark von der Kultur, der Ethnie und dem Zeitalter beeinflusst. Japanische Probanden mögen beispielsweise oft eher kleine Nasen, in China gilt bei Männern ein kleiner Unterkiefer als schön – ganz anders als der kantige Kiefer, der in westlichen Ländern zum Ideal für Männer gehört. Und bei der Frage, was schöne Lippen sind, zeigt sich die Welt tief gespalten.
Die Forscherin Annett Schirmer erklärt in einem Artikel für das Magazin Psyche, warum die Schönheitsforschung lange einen wichtigen Haken hatte. Um Schönheit objektiv bestimmen zu können, ließen Forschende Gesichter bewerten und bildeten daraus den Durchschnitt. Das heißt: Vielleicht fanden einige Personen Gesicht A sehr schön und andere gar nicht. Im Mittelwert ergibt sich daraus ein durchschnittlich schönes Gesicht.
Die individuellen Unterschiede in den Urteilen gehen bei dieser Methode völlig unter; im Mittelwert verschwindet die Vielfalt von dem, was Menschen als schön empfinden.
Schirmer sagt: Mit neuen statistischen Methoden lässt sich heute zeigen, was wir an einem Gesicht wegen allgemeiner Schönheitsnormen mögen und was einfach unserem eigenen Geschmack entspricht.
Das Ergebnis: Beides spielt eine Rolle, individuelle Präferenzen sind mindestens genauso wichtig wie Standards. Genau das wurde in den alten Studien unterschlagen, weil man nur Durchschnittswerte angeschaut hat.
Die alten Studien sagten also: Schönheit ist universell.
Neue Analysen zeigen: Schönheit ist teilweise universell, aber ebenso individuell, und die Individualität wurde bisher weggerechnet.
Schirmer hat dazu selbst eine Studie durchgeführt. Sie wollte wissen, warum wir andere Menschen attraktiv finden.
Die Studie war mit rund 60 Probandinnen und Probanden und gut 70 Beobachtern zwar eher klein angelegt. Aber sie lieferte einen Hinweis auf etwas, was wir eigentlich intuitiv wissen: Wer uns anzieht, der gefällt uns meist auf mehreren Kanälen zugleich: im Blick, in der Stimme, in der Art, sich zu bewegen, manchmal sogar im Geruch.
Das heißt auch, niemand ist nur sein Gesicht. Wir senden auf vielen Kanälen, und was für den einen unscheinbar wirkt, kann für den anderen unwiderstehlich sein.
Der zweite Blick⬆ nach oben
Hinzu kommt, wenn wir einem anderen Menschen zum ersten Mal begegnen, urteilen wir eher ziemlich schnell. Ob wir jemanden schön finden, hängt dann einerseits von allgemeinen Standards ab, andererseits von unseren persönlichen Vorlieben. Meine Freundin Yudit etwa steht auf glattrasierte Männer mit Bürstenschnitt, ich werde schwach bei schön geschwungenen Augenbrauen.
Je mehr Zeit ins Spiel kommt, desto weniger wichtig wird dieses erste Urteil. Forschende konnten zeigen: Die individuellen Eigenheiten einer Person gewinnen an Anziehungskraft, je besser man jemanden kennt. Meine Vorderzähne etwa bilden unten keine perfekte Kante, sondern sind unregelmäßig. Ich finde, ich sehe aus, als hätte ich zu viele harte Nüsse gegessen. Für mich ist das ein Makel, für meinen Mann das Schönste an meinem Lächeln.
Ich habe das Bild im Arbeitszimmer meiner Mutter nie gemocht. Es erinnert mich an eine schmerzhafte Zeit in meinem Leben, in der ich mich hässlich und ausgeschlossen gefühlt habe.
Erst seit Kurzem betrachte ich dieses Bild anders. Ich sehe ein Kind, das völlig in seiner eigenen Welt gelebt hat, auf Bäumen, in Büchern, in Tagträumen. Meine Mutter hat dieses Bild aufgehängt, weil es mich zeigt, wie ich war.
Dieser Text ist zuerst als Ausgabe des Newsletters „Wie du nicht den Verstand verlierst“ von Theresa Bäuerlein erschienen. Er wurde für Krautreporter ergänzt und überarbeitet.
Redaktion: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Susann Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schaefer.