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Es sollte für sich allein schon Ziel genug sein, dass Kinder und Jugendliche sich in der Schule wohlfühlen. Sie verbringen dort die meiste Zeit ihres Lebens.
Dass das nicht immer der Fall ist, zeigt das gerade veröffentlichte Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung. Dafür wurden 1.507 Kinder und Jugendliche zwischen acht und 17 Jahren (und je ein:e Erziehungsberechtigte:r) befragt.
Die Ergebnisse, die mich besonders beschäftigt haben:
- Kinder aus einkommensarmen Familien sind deutlich häufiger von psychischen Belastungen betroffen und berichten oft von einer unterdurchschnittlichen Lebensqualität.
- Kinder und Jugendliche aus finanziell belasteten Familien und solche mit psychischen Auffälligkeiten geben besonders häufig an, sich in der Schule nicht wohlzufühlen.
- Insbesondere Kinder und Jugendliche mit sehr niedrigem Haushaltseinkommen geben an, dass ihre Schule ein Ort ist, an dem sie sich unwohl und fehl am Platz oder einsam fühlen (29 bzw. 20 Prozent).
Wohlbefinden von Kinder und Jugendlichen | Deutsches Schulbarometer Befragung Schüler:innen 2025/26 der Robert Bosch Stiftung
Dass Geld mehr als nur das Wohlfühlen beeinflusst, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung der Uni Dortmund. Die Wissenschaftler:innen haben Daten von mehr als 4.000 Viertklässler:innen ausgewertet: 63 Prozent der Kinder aus einem Elternhaus mit mindestens einem Elternteil mit einem akademisch höchstqualifizierten Beruf erhalten eine Gymnasialempfehlung. Aber nur 23 Prozent der Kinder aus einem Haushalt, in dem die Eltern einer einfachen Facharbeit nachgehen. Die Gesamtstudienlage zeichnet ein eindeutiges Bild: Kinder aus armen Familien gehen seltener gerne zur Schule, brechen häufiger die Schule ab und gehen seltener auf Gymnasien.
Was mich wütend macht⬆ nach oben
Soziale Ungleichheit ist eine politische Entscheidung. Man müsste Armut (und Reichtum) bekämpfen, wenn man das Bildungssystem gerechter machen wollte. Denn Deutschland ist ein sozial ungleiches Land. Ein Beispiel: Zehn Prozent der reichsten Deutschen besitzen mehr als 60 Prozent des Gesamtvermögens. Nur Österreich ist im europäischen Vergleich noch ungleicher.
Vor ein paar Tagen wurde der Weltglücksbericht veröffentlicht. Demnach sind die Finnen die Glücklichsten (zum neunten Mal in Folge!). Ein Unterschied zwischen Deutschland und Finnland: Finnland ist ähnlich wohlhabend wie Deutschland, nur ist der Wohlstand dort besser verteilt. In Deutschland hingegen ist die Vermögensteuer seit 1997 ausgesetzt und die Erbschaftssteuer bietet viele Möglichkeiten, sie zu umgehen.
Schulen, Stiftungen, engagierte Lehrkräfte und viele andere im Bildungssystem versuchen tagtäglich, die politisch verursachte Ungleichheit auszugleichen. Aber das ist kaum möglich. All die Projekte und Programme existieren nur, weil die deutsche Politik die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergehen lässt. Sie sind Pflaster für eine Wunde, die darunter eitert. Und sie kämpfen gegen etwas, das viel mächtiger ist als sie: ungleich verteiltes Geld.
All die Programme und Initiativen sind Trostpflaster, das eigentliche Problem ist ein anderes⬆ nach oben
Das Startchancenprogramm ist das bisher größte Pflaster. Dann gibt es noch Leseförderoffensiven, Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT), Sprachkitas und vieles mehr. Gerade auch sehr beliebt: das Projekt Ganztag. Die Idee dahinter ist: Wenn Familien der Ursprung der Ungleichheit sind, sollten Kinder also mehr Zeit in der Schule verbringen. Eine bedenkenswerte Idee, aber all diese Projekte und Ideen sind dennoch Pflaster für eine Wunde, die eigentlich eine andere Behandlung braucht.
Politisch und in der Praxis wird seit Jahren fleißig nach dem Ursprung der Ungleichheit gesucht. Erst wurde festgestellt, dass es an weiterführenden Schulen meist zu spät ist, die Kinder wurden schon in ihre Bahnen geschickt, im besten Fall aufs Gymnasium und wenn sie Pech hatten, auf eine andere Schule. Dann wurde bemerkt, dass die Unterschiede in Grundschulen schon groß sind. Manche Kinder können schon schreiben, andere wissen nicht mal, wie man einen Stift hält. Deswegen wird jetzt vermehrt auf Kitas geguckt. Es wird gefragt: Was kann man in Kitas tun, damit die Unterschiede zwischen den Kindern in der Grundschule nicht schon riesengroß sind?
Es ist super, dass Kitas mittlerweile mitgedacht werden. Aber das Problem wurde einfach immer eins weitergeschoben.
Genau das hat eine neue Studie gerade bestätigt: Soziale Ungleichheit setzt früh an und bleibt dann stabil. Dafür haben die Wissenschaftler:innen des Leibniz‑Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) Daten von 30.000 Menschen von der Geburt bis zum Alter von 26 Jahren ausgewertet. Die Auswertung der Daten des LIfBi zeigt aber auch: Kinder aus Familien einer niedrigen sozialen Schicht nehmen vor dem vierten Lebensjahr seltener an frühkindlicher Betreuung teil.
Wahrscheinlichkeit des Besuchs von Kitas je nach Schicht | Studie: Von der Kita bis zur Uni – Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen von Marcel Helbig, Claudia Karwath und Corinna Kleinert des LIfBi, 2026
Die effektivste Behandlung wäre, Kinder und Jugendliche weniger arm zu machen (das heißt, Geld umzuverteilen). Denn wenig Geld führt auch zu weniger gesellschaftlicher Teilhabe. Diese Erkenntnis ist so banal, dass es sich komisch anfühlt, sie aufzuschreiben. Aber es ist frustrierend zu sehen, wie viele Initiativen und Menschen daran arbeiten, das Bildungssystem gerechter zu machen, während die Wurzel des Problems unberührt bleibt.
🎧 Was wir gerade hören
Wir kennen wahrscheinlich alle diese Geschichte von dem einen Mädchen in der Schule, das eine Beziehung mit einem Lehrer gehabt haben soll. Ich habe gerade den Podcast „Die Lieblingsschülerin“ von Deutschlandfunk zu Ende gehört. Die Journalistinnen Britta Rotsch, Taiina Grünzig und Judith Geffert erzählen von sexualisierter Gewalt an Schulen – und vor allem davon, dass so häufig so lange weggeschaut wird.
Das Bemerkenswerte ist, dass die Dynamiken, die die Journalistinnen bei ihrer Recherche entdeckt haben, den Dynamiken sehr ähneln, die wir bei unserer Rechtsextremismus-Recherche festgestellt haben: Schulleitungen, die Dinge lieber runterspielen, als was zu machen, weil sie überfordert sind oder Sorgen vor einem schlechten Ruf haben (oder beides). Disziplinarverfahren, die ins Leere laufen. Einzelne Lehrkräfte, die einen Unterschied machen können, wenn sie hinschauen. Aber kein System, das vernünftig gegen Fehlverhalten schützt.
Redaktion: Alexander Krützfeldt