Baby Anziehsachen liegen auf einer Couch und werden von einer Person angebhoben.

Monika Grabkowska/Unsplash+

Leben und Lieben

Über die Scham, kein Kind zeugen zu können

Unfruchtbarkeit gilt als medizinisches Problem. Für mich war sie ein Urteil. Über meine Männlichkeit, meine Beziehung, meinen Wert. Wie ich lernte, damit zu leben und schließlich doch Vater wurde.

Meine ersten Schuldgefühle wegen eines Kinderwunsches hatte ich, als ich selbst noch ein Kind war. Mein Vater stellte mir und meinem Bruder öfter die scherzhafte Frage: „Wo wart ihr denn die ganze Zeit, bis ihr zu uns gekommen seid?“

Trotz des spielerischen Tons nistete sich in mir eine Gewissheit ein: Kinderkriegen dauert lange und ist kompliziert.

In den folgenden Jahren war diese Gewissheit allenfalls ein Hintergrundrauschen. Bis der ferne Gedanke an Kinder zur ernsthaften Vorstellung wurde. Ich war zu diesem Zeitpunkt, 2016, vier Jahre mit meiner Freundin zusammen. Nennen wir sie Felicitas. Wir heirateten in diesem Sommer. Wir wussten, wir wollen eine Familie gründen, Kinder bekommen.

Später stellte ich fest, dass das Wort „Kinderwunsch“ eine der größten Untertreibungen der deutschen Sprache ist. Ein Wunsch hört sich irgendwie zart, rosafarben und hoffnungsvoll an. Genauso begann es bei uns. In den ersten Wochen, den ersten Monaten. Doch Felicitas wurde nicht schwanger. Wir blieben zuversichtlich, machten weiter. Und weiter und weiter. Nach einem Jahr war Felicitas noch immer nicht schwanger und aus dem Wunsch wurde eine Sehnsucht.

Irgendwann glaubten wir unserer Zuversicht nicht mehr. Ich begann bald, nach etwas zu suchen, das Hoffnung macht. Natürlich wurde ich fündig. Im Internet kursieren unendlich viele Tipps und Geheimwissen, mit denen es endlich mit dem Schwangerwerden klappen sollte.

Rauchen und Alkohol meiden.
Weniger Kaffee.
Normalgewicht anstreben.
Kein Stress.
Häufiger Geschlechtsverkehr.
Nicht zu viel Geschlechtsverkehr.
Kristallauflegungen.
Ahnenarbeit.
Meditationen mit dem „zukünftigen Kind“.

Nichts half. Und irgendwann tauchte eine Frage auf, die schon länger darauf wartete, ausgesprochen zu werden: Warum klappt es nicht?

Ich war mir gleich sicher: Die Ursache bin ich.

Warum?

Es gibt nur ein einzige Chance, sagt der Arzt⬆ nach oben

Da wäre zum einen die familiäre Vorgeschichte. Sieben lange Jahre dauerte es bei meinen Eltern, bis es mit dem Kinderkriegen klappte. Später erzählte mir meine Mutter, wie sehr sie darunter gelitten hatte und wie es am Ende, ebenso unerwartet wie ersehnt, doch noch klappte. Bei Felicitas dagegen kamen sie und ihre Geschwister in rascher Folge.

Die gynäkologischen Untersuchungen nach zwei Jahren ohne Schwangerschaft ergaben 2018, dass Felicitas uneingeschränkt fruchtbar ist. Bei mir liegt die Sache anders. Nachdem die ersten Untersuchungen keine Auffälligkeiten zeigten, schickte mich der Urologe in eine Kinderwunschpraxis, die praktischerweise auch Spermiogramme erstellt. Eine Woche später holte ich das Ergebnis ab.

OAT1, steht auf dem Befund.

OAT bedeutet zu wenig bewegliche und teilweise fehlgeformte Spermien. Der Befund beschreibt eine eingeschränkte männliche Fruchtbarkeit.

OAT1 bedeutet: leicht eingeschränkt. Es kann länger dauern, aber es gibt Hoffnung. Nur blieb sie auch in den folgenden Monaten unerfüllt. Weitere Spermiogramme zeigten, dass sich meine Fruchtbarkeit verschlechtert hatte. Noch weniger Spermien, noch weniger davon normal beweglich und normal geformt. Das Urteil des Urologen war klar: Eine Kinderwunschbehandlung ist die einzige Chance.

Ich empfand sofort ein tiefes Schuldgefühl. Denn es lag ja an mir oder in mir. Warum ich nicht fruchtbarer bin, wird man nie herausfinden. Aber ich bin die Ursache dafür, dass Felicitas leidet. Jedes Mal, wenn der Schwangerschaftstest negativ ausfiel und die Regelblutung einsetzte, waren wir wieder auf Null und von unserem Wunsch weiter entfernt. Zugleich dachte ich, dass ich der Fels sein sollte, an den sie sich jetzt anlehnen kann, Trost und Zuversicht findet. Aber wie tröstet man einen Menschen, wenn man selbst der Grund für sein Leid ist?

Hinzu kam die Angst davor, dass sie sich von mir trennen und vielleicht einen fruchtbareren Mann suchen würde. In den folgenden Tagen und Wochen lauerte ich geradezu auf Zeichen des Entliebens. Gab sie mir nach dem Aufstehen einen Kuss? War der Kuss lieblos? Wirkte ihr Lächeln gezwungen? Aber war diese Angst nicht auch irgendwie egoistisch? Dabei brauchten wir gerade jetzt Nähe und Offenheit.

Dazu gehörte aber auch oder gerade Offenheit mir selbst gegenüber. Natürlich habe ich ein Bild von Männlichkeit im Kopf. Natürlich halte ich mich für einen Mann der reflektierten, der modernen, der nicht-toxischen Sorte. Was mich als Mann aber ausmacht, darüber habe ich mir nie tiefere Gedanken gemacht.

Ich habe nie davon geträumt, eine Dynastie zu gründen, um zu überdauern. Was ich will, ist ganz auf die Gegenwart gerichtet. Ich will mit Felicitas ein Kind haben. Wir wollen diesem Kind Liebe geben, wollen es groß werden sehen. Wir wollen eine Familie sein.

Nur scheint die Natur genau das in meinem Fall nicht vorgesehen zu haben.

„Du kannst keine Kinder bekommen? Krass, bei uns gings sofort.“⬆ nach oben

Mit wem sollte ich darüber reden, wie ich mich fühlte? Die Ärzte betrachten in allererster Linie die biologische Seite. Felicitas gegenüber wollte ich tapfer sein. Und vor meinen Freunden würde ich mir komisch vorkommen, wenn ich so intime Dinge mit ihnen teile. Den weiblichen Freundinnen gegenüber würde ich mir bei dem Thema nackt vorkommen. Bei den männlichen Freunden gab es dagegen einen hemmenden Faktor, der meistens ganz sachte irgendwie mitschwingt.

Man kann als Mann noch so eng mit einem anderen Mann befreundet sein, man vergleicht sich, man konkurriert. Und oft, sehr oft schlittert man in einen saloppen Ton hinein, mit dem man unangenehme oder peinliche Themen neutralisieren will.

„Oh, du kannst keine Kinder bekommen? Krass, bei uns gings sofort.“

Das Problem bei Scham und Schuld ist allerdings, dass sie nicht durch Schweigen verschwinden. Diese Erkenntnis fiel mir indes nicht von alleine zu.

Immer öfter stritten Felicitas und ich über Kleinigkeiten. Etwa, wer den Müll rausbringen soll oder es vergessen hat, und der Streit wuchs und wurde größer als der Anlass. Der Grund dafür war die Kinderfrage, die untergründig für Spannungen sorgte. Nach einer besonders heftigen Auseinandersetzung sagte ich, dass sie sich einen anderen Mann suchen solle und mit ihm ein Kind bekommen sollte. Sie sagte darauf einen Satz zu mir, der mich schweigen ließ und mir zugleich Kraft gab: „Ich will kein Kind mit irgendwem, ich will ein Kind mit dir.“

Eine Woche später, wir schreiben 2019, gingen wir in eine Kinderwunschklinik. Und bald darauf saß ich im Wartezimmer einer Psychotherapeutin. Von allein wäre ich nie hingegangen. Was soll die Therapeutin oder der Therapeut mir schon Erlösendes sagen?

Bis dahin habe ich einiges ausprobiert, was man gemeinhin so tut, wenn man (als Mann) mit einem echten Problem konfrontiert ist. Ich habe versucht, meine Scham, meine Schuldgefühle und meine Ängste zu verdrängen. Aber Augen zu und durch und Zähne zusammenbeißen ist ein unbrauchbares Konzept, wenn man in einer echten Krise ist. Und auch ziellos mit dem Auto durch die Gegend fahren, die Musik so laut stellen, wie es geht, und noch lauter zu schreien, hilft einem nicht.

Felicitas drängte mich noch vor Beginn der Kinderwunschbehandlung freundlich, aber beharrlich und so saß ich schließlich einer freundlichen Dame gegenüber und redete.

In den ersten Sitzungen kam ich mir vor wie ein Schauspieler oder mein eigener Avatar. Ich versuchte eine gute Figur abzugeben. Erzählte meine Geschichte. Bald auch die meiner Kindheit und Jugend. Erst stockend, beschönigend, gespickt mit lustigen Anekdoten, als könnte ich das Leben damit besänftigen. Meine Therapeutin fragte gelegentlich nach, führte mich in die dunkleren Ecken meiner Erzählung.

Es gab nicht den einen Trick, mit dem sich die schwarze Brille, durch die ich meine Lage betrachtete, rosa färbte. Aber es gab den Moment, in dem sie fragte, wer mich verurteilt. Ich merkte: niemand. Außer ich selbst.

Erfolgschance: 20 bis 25 Prozent⬆ nach oben

Die Kinderwunschbehandlung, die wir 2019 begannen und die mit Unterbrechungen durch Corona-Lockdowns fast drei Jahre dauerte, fand allerdings nicht in unserem Kopf statt, sie war so körperlich, wie es nur sein kann.

Das Wartezimmer in der Klinik war in freundlichem Grün gehalten. Diskrete Milchglasscheiben, Grünpflanzen, ein Tisch mit Zeitschriften.

Die Chefärztin empfing uns mit der Warmherzigkeit kluger Medizin:erinnen, die kurz vergessen lässt, wieso man sich eigentlich gegenübersitzt. Unsere Befunde hatte sie vor sich liegen. Meine eher schlechte Fruchtbarkeit interessierte sie dabei weniger. Der Mann liefert schließlich nur seine Spermien und an deren Qualität lässt sich nichts ändern.

„Ihre Werte sind top!“, sagte sie zu Felicitas. Uns standen Tränen in den Augen.

Sie schlug uns die ICSI-Methode vor (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion). Dabei wird ein Spermium direkt in die Eizelle injiziert. Die Erfolgschance beträgt bei jedem Versuch dennoch nur 20 bis 25 Prozent.

Ganz ähnlich wie bei einer normalen Zeugung. Der Unterschied ist, dass ich mein Sperma in einem dezenten Zimmer neben dem Labor in ein Becherchen fülle und die Befruchtung auf einem gynäkologischen Stuhl stattfinden wird. Hierbei wird ein herangereifter Follikel entnommen, in dem sich eine Eizelle befindet, in die dann das Spermium eingepflanzt wird.

Nur dass bei uns, ein paar Minuten nach der Entnahme des Follikels, die Laborantin um die Ecke kam und leise sagte, dass es nicht geklappt hatte. Im Follikel war keine Eizelle. Der erste Rückschlag. Ich saß hinter meiner Partnerin, die noch auf dem Behandlungsstuhl lag und hielt ihre Hand. Ich glaube, es war der traurigste Moment meines Lebens.

Die Ärztin erklärte, dass so etwas leider öfter vorkomme. Nicht immer entwickelt sich in einem Follikel eine Eizelle.

„Wollen wir gleich einen neuen Termin machen?“ Die Frage der Ärztin klang so selbstverständlich, dass auch wir sofort in unseren Kalendern suchten. Wir machten weiter.

Was uns bald Sorgen machte, war das Geld. Eine Kinderwunschbehandlung kostet sehr viel. Mit Hormonstimulation und mehreren Versuchen geht es schnell in die Zehntausende Euro. Besonders wenn man, wie Felicitas, bei einer privaten Krankenversicherung ist und die sich weigert, den allergrößten Teil der Kosten zu übernehmen, da der gesetzlich versicherte Mann die Ursache der Behandlung ist.

Und noch dazu hatten wir keinen Erfolg. Felicitas wurde nicht schwanger. Auch bei den Versuchen, bei denen eine Eizelle befruchtet werden konnte, bildete sich kein Embryo heraus.

Ich würde alles dafür tun, Felicitas den Schmerz abzunehmen. Nicht auf eine heroische Art. Das einzig Heroische in dieser Zeit war, nicht verrückt zu werden.

Wir saßen, wie die sechs Male davor, zuhause und hofften. Schließlich saßen wir wieder im Wartezimmer und wurden aufgerufen. Wir folgten einer Angestellten in das Behandlungszimmer mit dem gynäkologischen Stuhl. Aber sie ging in einen Nebenraum. Dort wartete die behandelnde Ärztin und schaute uns bedauernd an. Es hatte sich wieder keine Eizelle weiterentwickelt. Warum, weiß niemand.

Der Traum ist aus.

Noch eine Chance⬆ nach oben

Wenn ich mir heute die Fotos aus den Wochen nach unserem letzten Versuch anschaue, wundere ich mich. Man sieht keinen Schmerz, keine Traurigkeit. Ich sehe zwei Menschen, die fröhliche Selfies machen. Im Straßencafé, beim Wandern in den Bergen, am Badesee. Wir bleiben dem Versprechen treu, dass wir uns gegeben haben: Wir wollen kein trauriges Leben führen. Auch wenn uns oft die Tränen kommen.

Aber es gab einen weiteren Grund, weswegen wir neue Hoffnung schöpften. Ein paar Wochen nach dem Erlebnis in der Klinik hatte Felicitas dem Jugendamt geschrieben. Genauer gesagt der Abteilung für Adoptionsvermittlungen und nach einem Termin gefragt.

Was wusste ich bis dahin über Adoptionen? So gut wie nichts. Aber wenn es eine Chance gab, wollten wir sie nutzen.

Es gibt erstaunlich wenige klar definierte Kriterien. Keine Vorstrafen, stabile Verhältnisse, stabile Beziehung, ein natürlicher Altersabstand zum Kind, wobei dieser nicht genau definiert ist, was dem Amt eine gewisse Freiheit bei der Auswahl der Bewerber:innen lässt. Alles klingt nüchtern, amtlich. Und doch schwingt eine Frage mit, die sich nicht in Verwaltungsvorschriften fassen lässt: Sind wir gut genug?

Im Sommer 2022, sechs Jahre ist unser Kinderwunsch inzwischen alt, hatten wir einen Termin bei der Adoptionsvermittlungsstelle. Ich war inzwischen 41 und Felicitas 36 Jahre alt. Ich saß da und wartete im Grunde nur auf einen Satz: „Sie sind zu alt und nicht geeignet.“

Er kam nicht. Stattdessen hörten wir, dass wir altersmäßig absolut im Rahmen seien. Es fühlte sich an wie eine Begnadigung.

Dann begann die eigentliche Bewerbung. Lebensläufe, Motivationsschreiben, Gesundheitszeugnisse, Führungszeugnisse, Kontoauszüge. Wir erzählten unsere Geschichte, erklärten unsere Vorstellungen von der Erziehung eines Kindes, legten unser Leben auf den Tisch. Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich nicht das Gefühl, der Biologie ausgeliefert zu sein. Wir konnten etwas tun. Und doch blieb die Angst. Bei jedem Hausbesuch der Adoptionsvermittlerin fürchtete ich, dass man uns ansah, dass wir nur so taten, als wären wir stabile, reflektierte Erwachsene.

Nach einem knappen Dutzend Hausbesuchen der Adoptionsvermittlerin und einem Bewerberseminar bei dem uns und anderen Bewerber:innen Adoptiveltern von ihren Erfahrungen erzählten, kam fast ein Jahr später ein Brief. Wir waren zugelassen. Das war zwar keine Garantie für ein Kind. Aber es zeigte: Wir sind geeignet. Wir hatten eine Chance.

Ein paar Wochen nach der Zulassung als Bewerber lag eine Nachricht in meiner Mailbox.

„Rufen Sie mich bitte möglichst bald zurück. In der Klinik liegt ein neugeborenes gesundes Mädchen, das Sie gern kennenlernen würde.“

Es war unsere Adoptionsvermittlerin. Sie schilderte ein paar Stunden später in ihrem Büro, was sie wusste: Eine junge Frau hatte ein Kind zur Welt gebracht und sich seitdem nicht mehr gemeldet. Sie wollte es zur Adoption freigeben. Das Mädchen war gesund.

Nach einer schlaflosen Nacht fuhren wir am nächsten Morgen in die Klinik. Wir gingen über einen Flur und sahen hinter geöffneten Türen Inkubatoren, es blinkte und piepte. Babys schliefen oder schrien. Eines davon war unseres. Der Gedanke überraschte mich.

Die Ärztin sagte noch einmal, das Kind sei gesund. Dann hob eine Schwester ein winziges Mädchen aus einem Bettchen und legte es mir in den Arm. Es streckte die Hand aus und legte sie mir auf die Lippen.

Drei Tage lang lag sie ohne Mutter in diesem Raum. Jetzt waren wir hier.

Wir zogen für ein paar Tage in ein Eltern-Kind-Zimmer. Wir lernten zu wickeln, zu füttern, zu tragen. Nachts lauschte ich, ob sie atmete. Sie wirkte zerbrechlich, und ich spürte etwas Neues: keinen Mangel, nur liebevolle Sorge. Ich fühlte mich noch nicht wie ein Vater. Aber ich fühlte mich verantwortlich. Das reichte.

Eltern auf Bewährung⬆ nach oben

Nach einer knappen Woche auf der Neugeborenenstation und insgesamt sieben Jahren Kinderwunsch verließen wir die Klinik zu dritt. Ein winziges Baby in der Babyschale, wir beide daneben, noch immer ungläubig. Zuhause standen Kartons voller Bodys, Strampler und winziger Mützen. Freunde und Familie hatten gesammelt, als hätten sie die ganze Zeit darauf gewartet.

Wickeln. Füttern. Schlafen. Zu wenig schlafen. Dinge, die wir bisher nur aus der Ferne sahen, waren nun unsere Realität. Und doch lag über allem ein Schatten.

Rechtlich war sie noch nicht unsere Tochter. Die leibliche Mutter hatte sich seit der Geburt nicht mehr gemeldet. Dadurch war unser Verfahren in der Schwebe. In Deutschland können leibliche Eltern ihr Kind erst nach zwei Monaten zur Adoption freigeben. Wenn sie sich allerdings nicht melden und auch auf keine Kontaktversuche reagieren, bleibt alles in der Schwebe. Theoretisch kann die leibliche Mutter ihre Meinung ändern und sich entschließen, ihr Kind zu behalten.

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So lieben wir also ein Kind, das wir jederzeit verlieren konnten. Nachts legte ich einen Schnuller auf ihren Bauch, um zu sehen, wie er sich hob und senkte und betete darum, dass sie bei uns bleiben dürfe. Am Tag stellte ich mein Handy nicht mehr auf lautlos. Jeder Anruf konnte alles verändern. Abends, wenn die Bürozeiten des Jugendamts vorbei waren, atmete ich auf.

Monate vergingen. Die leibliche Mutter meldete sich nicht. Unsere Tochter lachte das erste Mal, brabbelte fröhlich vor sich hin und lernte laufen. Mehr als ein Jahr später erreichte man die Mutter doch noch. Sie erklärte, dass sie mit der Adoption einverstanden sei. Mehr brauchte es nicht.

Ein paar Wochen später saßen wir in einem nüchternen Raum des Familiengerichts. Kein Hammerschlag, kein Pathos. Ein freundlicher Richter stellte ein paar Fragen, blätterte durch die Akte und verkündete den Beschluss.

Unser Kind ist jetzt auch rechtlich unsere Tochter. Kein Jubel. Nur Erleichterung. Auf dem Heimweg fiel mir auf, dass ich seit Monaten nicht mehr darüber nachgedacht hatte, was mir angeblich fehlte. Ein gutes Gefühl.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert

Über die Scham, kein Kind zeugen zu können

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