Gerade passieren Dinge, die vor ein paar Monaten noch unmöglich schienen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat in Los Angeles persönlich vor einer Jury ausgesagt – in einem Gerichtsprozess, in dem geklärt werden soll, ob Meta seine sozialen Netzwerke suchtfördernd designt und dadurch Kinder und Jugendliche geschädigt hat. Während dort noch verhandelt wird, hat Australien längst entschieden: Jugendliche unter 16 Jahren dürfen seit Ende 2025 keine sozialen Medien wie TikTok oder Instagram mehr nutzen. Und Europa zieht nach. In Frankreich hat die Nationalversammlung mit großer Mehrheit für ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige gestimmt.
Auch das Oberhaus des Parlaments in Großbritannien will ein Verbot. Die griechische Regierung will eine Zugangskontrolle mithilfe einer App namens Kids Wallet umsetzen. In Deutschland wollen beide Regierungsparteien ein Verbot für Kinder unter 14 Jahren. Die öffentliche Meinung scheint klar: „Kinder gehören nicht in Stripclubs, nicht in Rauchersalons, in Spielhallen, Bordelle oder in Horrorfilme, und sie gehören auch nicht auf Social Media“, schreibt die Zeit in einem Leitartikel.
Zu dieser Entwicklung hat ein Buch entscheidend beigetragen. Der US-Psychologe Jonathan Haidt vertritt in seinem internationalen Bestseller „Generation Angst“ die These, Smartphones und soziale Medien würden die Gehirne von Kindern und Jugendlichen „neu verkabeln“. Das habe eine Mental-Health-Epidemie ausgelöst. Haidt untermauert seine Argumente mit zahlreichen Studien. Überall, sagt er heute, stoße er mit dieser Botschaft auf offene Türen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron habe sich von ihm persönlich die Studienlage erklären lassen.
Es gibt Gegenstimmen. Wie Forschende der Universität Würzburg in einem Thesenpapier schreiben, lassen sich die von Haidt identifizierten Trends aus den USA nicht einfach auf andere Weltregionen übertragen. Und bevor das Social-Media-Verbot in Australien inkrafttrat, haben 140 internationale Wissenschaftler:innen in einem offenen Brief dagegen argumentiert. Weil die Beweislage dafür, dass Social Media Jugendlichen schadet, zu schlecht sei.
Der Konsens in der Öffentlichkeit bleibt dennoch stark: Soziale Medien schaden Kindern und Jugendlichen. Sie machen süchtig, unglücklich und depressiv, stören den Schlaf, die Aufmerksamkeit und die Gehirnentwicklung. Diese Annahme ist so weit verbreitet, dass sie kaum noch erklärt wird. „Es ist offenkundig, welche Schäden Tiktok und Instagram in den Gehirnen von Kindern und Jugendlichen hinterlassen“, kommentiert der Spiegel. Aber ist es das wirklich – offenkundig? Reicht es, Social Media zu verbieten, und dann geht es allen Kindern und Jugendlichen besser?
Ja, es gibt Gründe für den Alarm⬆ nach oben
Kindern und Jugendlichen scheint es tatsächlich psychisch schlechter zu gehen als früher. Darauf verweisen große Studien. Die internationale Lancet-Kommission sprach 2024 von einer „globalen Krise der psychischen Gesundheit“ junger Menschen und sieht seit den frühen 2010er Jahren Hinweise auf mehr Angstzustände, Depressionen, Selbstverletzungen und Suizide. Als Ursachen nennt sie mehrere „Megatrends“, darunter unregulierte soziale Medien, Klimawandel und wirtschaftliche Unsicherheit.
Mein Kollege Bent Freiwald hat Ende 2024 festgestellt, dass Deutschland dem internationalen Langzeittrend seit 2010, von dem die Lancet-Kommision schreibt, zunächst gar nicht gefolgt ist. Er schreibt: „Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland war in den vergangenen 20 Jahren relativ stabil, eine langfristige Krise kann man nicht erkennen.“ Die gebe es so erst seit der Corona-Pandemie.
Das zeigt auch ein Preprint der sogenannten COPSY-Studie von 2025, bei der Familien über mehrere Erhebungswellen hinweg wiederholt befragt werden. Diese Längsschnittstudie zeigt, dass es Kindern und Jugendlichen heute psychisch schlechter geht als vor der Pandemie – außer bei Depressionen, hier ist der Anteil nicht größer geworden. Die Studie zeigt auch, dass viele Jugendliche im Internet belastende Inhalte oder Ausgrenzung erleben. Und unter ihnen finden sich besonders viele, die auch psychisch belastet sind.
Neue Zahlen der Krankenkasse DAK verstärken das Bild. Mehr als ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen nutzen soziale Medien laut einer neuen Studie in riskantem Ausmaß. Ein Teil davon, etwa 350.000 Kinder und Jugendliche gelten dabei als suchtkrank, wobei die durchschnittliche Nutzung im Vergleich zu einer früheren Studie leicht gesunken ist.
Auch international finden sich ähnliche Befunde. Die HBSC-Studie der WHO mit rund 200.000 Jugendlichen aus 42 Ländern zeigt, dass insbesondere Mädchen mit intensiver oder problematischer Social-Media-Nutzung ihren Körper häufiger als „zu dick“ oder „zu dünn“ wahrnehmen.
Das alles klingt besorgniserregend. Die Sache ist nur die: All das liefert keinen Beweis dafür, dass wirklich Social Media schuld an der psychischen Krise von Kindern und Jugendlichen ist.
Nein, die Beweislage ist nicht klar⬆ nach oben
Die gute Nachricht für alle, die bei diesem Thema gern Gewissheit haben möchten: Die Datenlage ist groß. Es gibt mittlerweile wirklich viele Studien mit Millionen Beobachtungen aus Dutzenden Ländern. Aber: Die meisten dieser Studien finden vor allem Korrelationen, also statistische Zusammenhänge, die zeigen, dass zwei Dinge gleichzeitig auftreten, ohne zu beweisen, dass das eine das andere verursacht. Und: Sie fanden im Durchschnitt sehr kleine Effekte.
Wie klein diese sind, zeigt eine vielzitierte Analyse der Psycholog:innen Amy Orben und Andrew Przybylski. Sie werteten mehrere große internationale Datensätze aus und prüften Zehntausende mögliche Auswertungswege. Ihr Ergebnis: Die Nutzung digitaler Technologien erklärt maximal 0,4 Prozent der Unterschiede im Wohlbefinden von Jugendlichen.
Statistisch kann so ein Zusammenhang signifikant sein, praktisch ist er jedoch winzig. Mit anderen Worten: vorhanden, aber kaum relevant.
Je nach Datensatz zeigten Mobbing-Erfahrungen einen viermal so starken Zusammenhang mit dem Wohlbefinden, Rauchen sogar einen 18-mal so starken. Regelmäßiges Frühstück war rund 30-mal stärker mit Wohlbefinden verknüpft, ausreichend Schlaf rund 44-mal.
Das bedeutet nicht, dass digitale Medien keinen Einfluss haben. Aber es relativiert die Vorstellung, sie seien der zentrale Treiber einer globalen psychischen Krise.
Wer scrollt da?⬆ nach oben
Ein Grund für diese widersprüchlichen Befunde liegt darin, dass sich der Effekt sozialer Medien nicht eindeutig messen lässt. Soziale Medien sind keine Droge, auch wenn manche Überschriften das behaupten. Es wird also keine klar definierte Substanz untersucht, die Menschen einnehmen und deren Wirkmechanismus eindeutig nachweisbar ist. Untersucht wird vielmehr ein Nutzungsverhalten, das auf sehr unterschiedlichen Plattformen stattfindet, die unterschiedlich funktionieren. Manche Studien beschränken sich auf soziale Medien, andere messen allgemeine Bildschirmzeit oder beziehen auch Gaming mit ein. Dadurch wird unter demselben Begriff sehr Unterschiedliches untersucht. Und die Ergebnisse driften entsprechend auseinander.
Selbst wenn wir nur von Social Media reden, ist die Lage alles andere als eindeutig. Es macht einen Unterschied, ob ein Jugendlicher drei Stunden passiv durch Tiktok scrollt oder auf Instagram Nachrichten schreibt. Und: Wer scrollt da? Wie psychisch stabil wäre diese Person auch ohne Social Media? Um welche Uhrzeit ist sie auf Tiktok? Wie viele Stunden am Tag?
So kommt es auch zu völlig widersprüchlichen Studienergebnissen, wenn man sich nur Social Media anguckt. Etwa dieses Gutachen der französischen Gesundheitsbehörde ANSES, das soziale Netzwerke als Risikofaktor für psychische Störungen und Suizidgedanken bei Jugendlichen einstuft. Während diese Studie keine Evidenz dafür findet, dass Social-Media-Nutzung oder Gaming spätere psychische Probleme verursacht. Ja, was denn nun?
Johannes Buchmann, Mitautor eines 2025 erschienenen Diskussionspapiers der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, fordert mit einem Expertenteam strengere Regeln für Social Media bei Minderjährigen: Unter 13-Jährige sollen sie gar nicht nutzen dürfen, 13- bis 15-Jährige nur in Begleitung der Eltern, bis 17 soll die Nutzung eingeschränkt werden, etwa ohne personalisierte Werbung. Zugleich verweist Buchmann auf offene Fragen zu den Zusammenhängen. Es sei denkbar, dass depressive Jugendliche besonders häufig soziale Medien nutzen. Ebenso plausibel sei, dass soziale Medien psychische Probleme verstärken. Wie diese Wechselwirkungen genau aussehen, müsse weiter erforscht werden.
Umso wichtiger ist es, genau hinzusehen, wie Studien, die Belege zu liefern scheinen, entstanden sind. Je nach Studiendesign können Forschende lediglich Zusammenhänge beobachten oder tatsächlich prüfen, ob ein Ursache-Wirkung-Verhältnis vorliegt. In der Forschung zur Wirkung sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche spielen dabei vor allem drei Studientypen eine Rolle:
1. Die Momentaufnahme
Eine Querschnittsstudie ist wie ein Foto. Sie erfasst Daten vieler Menschen zu einem einzigen Zeitpunkt, um Zusammenhänge zwischen gleichzeitig auftretenden Phänomenen zu ermitteln. Auf solchen Zusammenhängen basiert zum Beispiel ein wesentliches Argument von Jonathan Haidt: Ungefähr zur gleichen Zeit, in der Smartphones und Social Media sich massenhaft verbreitet haben, also in den frühen 2010er Jahren, ging es Jugendlichen auf einmal messbar psychisch schlechter. Sein Projekt „The Anxious Generation“ präsentiert eine überzeugend daherkommende Grafik nach der anderen. Zum Beispiel diese hier:
Allerdings lässt sich aus einer gut aussehenden Grafik noch kein verlässlicher Schluss ziehen. Die Vorliebe von US-Amerikanern im Bundesstaat Maine für Margarine korrelierte über zehn Jahre lang stark mit der Scheidungsrate. Was aber nicht heißt, dass das eine das andere verursacht hat. Damit will ich mich nicht über Haidt lustig machen. Aber Statistiken sind kompliziert, und aus solchen Zusammenhängen sollte man nicht zu schnell Schlüsse ziehen.
Der Nachteil von Querschnittstudien liegt darin, dass sie keine Kausalität nachweisen können. Wenn also eine Studie zeigt, dass unglückliche Jugendliche mehr Zeit auf Tiktok verbringen, weiß man danach nicht: Macht Tiktok unglücklich, oder flüchten unglückliche Kinder einfach öfter in die App?
2. Die Doku
Längsschnittstudien beobachten eine feste Gruppe von Menschen über einen längeren Zeitraum. Dabei führen die Forschenden zu mehreren Zeitpunkten Messungen durch. Der Vorteil dieser Studien liegt darin, dass sie langfristige Trends sichtbar machen. So konnte die COPSY-Studie zeigen, wie sich die psychische Gesundheit von der Pandemie bis heute entwickelt hat.
Längsschnittstudien liefern zwar deutlich stärkere Hinweise auf Ursachen als ein Querschnitt. Aber auch hier zeigen die Studien vor allem Zusammenhänge und keine eindeutigen Ursachen, weil die Forscher:innen das Verhalten der Probanden meist nicht aktiv steuern. Sie zeigen zwar, was zuerst da war – erst kam die Pandemie, in den Jahren danach ging es Jugendlichen immer schlechter – , können aber oft nicht ausschließen, dass ein dritter Faktor die Ergebnisse beeinflusst. Zum Beispiel Stress in der Familie. Was die Studien ebenfalls nicht zeigen können: Wie viele Jugendliche auch ohne Social Media und Smartphones psychisch erkrankt wären.
3. Das Experiment
Interventionsstudien sind die beste Methode, um Ursachen zu belegen. Hier beobachten die Forschenden nicht nur, sondern greifen aktiv ein, indem sie etwas verändern.
Leider gibt es bislang nur sehr wenige veröffentlichte, saubere Interventionstudien zu diesem Thema. Und die beschäftigten sich größtenteils mit Erwachsenen.
Als eine der ersten Arbeiten mit einem echten experimentellen Design gilt die Studie „The Facebook Experiment“. An der Untersuchung nahmen Ende 2015 insgesamt 1.095 erwachsene dänische Proband:innen teil. Die Teilnehmenden wurden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine verzichtete eine Woche komplett auf Facebook, die andere nutzte es wie gewohnt. Nach sieben Tagen berichtete die Verzichtsgruppe eine signifikant höhere Lebenszufriedenheit. Besonders stark war der Effekt bei intensiven Nutzer:innen, bei passiven Mitlesenden sowie bei Personen, die zu „Facebook-Neid“ neigten, die sich also oft unvorteilhaft mit dem scheinbar besseren Leben anderer verglichen.
Dass Facebook-Neid ein Problem sein könnte, bestätigte auch eine andere Untersuchung. Diese war kein echtes Experiment sondern das, was man ein quasi-Experiment nennt. Die Forschenden nutzten eine reale, von außen vorgegebene Veränderung als eine Art natürliches Versuchsszenario: Die schrittweise Einführung von Facebook an US-Universitäten zwischen 2004 und 2006. Weil Facebook nicht überall gleichzeitig startete, konnten sie Studierende mit Zugang zur Plattform mit solchen ohne Zugang vergleichen. Auf Basis von über 430.000 Befragungen zeigte sich: Mit dem Zugang zu Facebook verschlechterte sich die psychische Gesundheit messbar; der Anteil klinisch relevanter Depressionen stieg um rund zwei Prozentpunkte. Als zentralen Mechanismus identifizierten die Forschenden auch hier soziale Vergleiche.
Was war zuerst, Social Media oder die Depression?⬆ nach oben
Besonders interessant in der Kategorie Experimente ist eine Studie mit dem Titel „No More FOMO“ aus dem Jahr 2018. Sie sollte klären: Machen soziale Medien unglücklich oder nutzen unglückliche Menschen sie häufiger? 143 Studierende wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt. Eine begrenzte Facebook, Instagram und Snapchat auf 30 Minuten täglich,
die Kontrollgruppe nutzte sie wie gewohnt. Nach drei Wochen zeigte die Zeitlimit-Gruppe signifikant geringere Werte bei Einsamkeit und depressiven Symptomen, besonders Teilnehmende, die vorher schon stärker damit belastet waren. Angst und FOMO (Fear of Missing Out, also die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen) nahmen in beiden Gruppen ab.
In einer 2025 veröffentlichten Studie der dänischen Wettbewerbs- und Verbraucherbehörde (DCCA) ging es tatsächlich mal um Jugendliche. Die DCCA hatte zuvor bereits herausgefunden, dass die reine Nutzungszeit keinen großen Einfluss auf das Wohlbefinden von Jugendlichen hatte. Ein negativer Effekt zeigte sich erst bei suchtartigem Verhalten. Also wollten die Forschenden testen, wie man Jugendliche dazu bringen konnte, soziale Medien bewusster zu nutzen. Für ihr Experiment beobachteten die Forschenden zunächst zwei Wochen lang das normale Nutzungsverhalten von 269 Jugendlichen. Dabei griffen sie noch nicht ein. Für die darauffolgenden vier Wochen teilten sie die Teilnehmenden zufällig in drei Gruppen ein:
- „Reflexion“: Bei jedem fünften App-Start mussten die Nutzer:innen kurz über ihre Absichten und Gefühle nachdenken.
- „Planung“: Die Jugendlichen mussten vor der Nutzung ein Zeitlimit festlegen.
- „Warten“: Die Teilnehmer:innen mussten vor jedem Öffnen einer App zwingend sechs Sekunden warten, bevor sich die App öffnete
Der stärkste Effekt zeigte sich bei der „Warten“-Gruppe: Die Jugendlichen in dieser Gruppe reduzierten ihre tägliche Social-Media-Zeit um mehr als ein Drittel. Während der Unterrichtszeit griffen sie nur noch halb so oft zum Handy, dadurch sank die Nutzung um 40 Prozent. Und da die Jugendlichen vor allem am späten Abend seltener auf Social Media hängen blieben, schliefen sie im Schnitt 15 Minuten mehr pro Nacht.
Auf das Wohlbefinden der Gruppe hatte das aber keinen großen Einfluss. Die Auswertungen der Nachbefragungen ergaben, dass das allgemeine Wohlbefinden, die Lebenszufriedenheit und das Gefühl der sozialen Verbundenheit in allen drei Gruppen weitgehend unverändert blieben.
Zusammengenommen sind das interessante Ergebnisse. Aber auch sie sind widersprüchlich. Was man sagen kann: Unter bestimmten Bedingungen, etwa wenn Menschen sehr häufig soziale Medien intensiv nutzen oder sich dabei stark mit anderen vergleichen, scheint es tatsächlich zu helfen, wenn sie die Nutzung reduzieren.
Social Media kann sogar guttun⬆ nach oben
Gleichzeitig können Jugendliche online auch positive Erfahrungen machen. Ein Teenager zum Beispiel, der in seinem unmittelbaren Umfeld ausgegrenzt wird, weil er in irgendeiner Weise aus der Reihe fällt, kann im Netz unterstützende Communitys finden.
Im Jahr 2017 veröffentlichen Andrew Przybylski und Netta Weinstein, Psycholog:innen am Oxford Internet Institute, die Ergebnisse einer groß angelegten Studie, in der sie Daten zu den Technologiegewohnheiten von 120.000 Jugendlichen auswerteten. Die Studie zeigte das, was man erwarten würde: Teenager:innen, die Technologien intensiv und täglich nutzten, ging es psychisch schlechter.
Sie fanden aber auch etwas Überraschendes. Auch Jugendlichen, die kaum oder gar keine Zeit mit digitalen Medien verbrachten, ging es schlechter. Am besten schnitten diejenigen ab, die moderat Zeit online verbrachten. Beim Surfen, Chatten mit Freundinnen und Freunden oder beim Videospielen. Wer davon vollständig ausgeschlossen war, zahlte einen Preis: Jugendliche, die digitale Angebote gar nicht nutzen dürfen, verlieren den Anschluss an ihre Peergroup. Sie werden zu digitalen Außenseitern.
Die Linien zeigen die geschätzte Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche von geringem Wohlbefinden berichten – je nachdem, ob sie gar nicht, moderat oder sehr viel Social Media nutzen. Die schattierten Bereiche um die Linien markieren den statistischen Unsicherheitsbereich (95-Prozent-Konfidenzintervall): Je breiter die Fläche, desto unsicherer die Schätzung. Die Unterschiede zwischen den Gruppen sind messbar, fallen aber insgesamt klein aus.
In Anlehnung an das Märchen von Goldlöckchen, die weder zu heißen noch zu kalten Brei mag, formulierten die Forschenden ihre Schlussfolgerung, die Goldilocks-Hypthese: Digitale Technologien sind für Jugendliche nicht per se schädlich und können unter Umständen sogar guttun. Es kommt auf das richtige Maß an. Wie viel Nutzung unbedenklich ist und ab wann sie problematisch wird, hängt unter anderem von der jeweiligen Technologie ab.
Auch hier gilt: Die Effekte waren klein. Sie erklären nur einen schmalen Ausschnitt dessen, was darüber entscheidet, wie es Jugendlichen geht.
Die Goldilocks-Hypothese bildet einen Gegensatz zur sogenannten Verdrängungshypothese, die auch Jonathan Haidt vertritt. Diese geht davon aus, dass jegliche Nutzung schädlich ist, weil Jugendliche, die am Bildschirm hängen, dafür andere wertvolle Dinge nicht tun. Zum Beispiel Sport oder Lesen.
Allerdings haben Przybylski und Weinstein nicht explizit auf Social Media geschaut. Social Media war bei ihnen ein Teil der „Smartphone“-Kategorie.
Genau das änderte eine neuere Studie aus dem Jahr 2026. Die Forschenden begleiteten über drei Jahre hinweg, von 2019 bis 2022 rund 100.000 Schülerinnen und Schüler der Klassen 4 bis 12. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie viel Zeit verbringen Jugendliche an Wochentagen direkt nach der Schule, zwischen 15 und 18 Uhr, in sozialen Netzwerken?
Um das Wohlbefinden zu erfassen, nutzten die Forschenden acht Indikatoren, darunter Glück, Lebenszufriedenheit, Optimismus und die Fähigkeit zur Emotionsregulation. Die Jugendlichen wurden in drei Gruppen eingeteilt: keine Nutzung (null Stunden pro Woche), moderate Nutzung (mehr als null bis zu 12,5 Stunden pro Woche) und sehr hohe Nutzung (mehr als 12,5 Stunden pro Woche).
Die Ergebnisse bestätigten die Goldilocks-Hypothese. Sowohl sehr viel als auch gar keine Nutzung gingen mit einem geringeren Wohlbefinden einher. Pauschale Einschränkungen oder vollständige Abstinenz können Jugendliche, vor allem in der späten Schulzeit, sozial isolieren. Am besten schnitten Jugendliche ab, die soziale Medien moderat nutzten.
Für die Politik ist egal, dass der perfekte Beweis fehlt⬆ nach oben
Wenn die Datenlage so unklar ist – wie kommt es dann, dass etwa die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina so klar fordert, Social Media für Jugendliche einzuschränken? Sie tut es nicht, weil sie die Beweise für eindeutig hält. Sondern weil die Datenlage gut genug ist, um anzunehmen, dass Social Media vielen Jugendlichen schaden könnte.
Auf den perfekten Beweis zu warten, ist tatsächlich schwierig. Denn die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts ist Lichtjahre schneller als die Geschwindigkeit, mit der seriöse Wissenschaft arbeiten kann. Während eine neue App-Funktion über Nacht Millionen Nutzer:innen erreicht, dauert eine fundierte Längsschnittstudie mehrere Jahre. Dieses Rennen kann die Forschung nicht gewinnen.
Sie begründet ihre Forderungen mit dem sogenannten Vorsorgeprinzip, das ursprünglich aus dem Technik- und Umweltrecht stammt. Es besagt: Wenn der wissenschaftlich begründete Verdacht besteht, dass etwas die Gesundheit massiv schädigen könnte, darf man nicht warten, bis der letzte Zweifel ausgeräumt ist. Erst recht, wenn mögliche Schäden nicht wiedergutzumachen sein könnten, wie etwa Störungen in der psychischen Entwicklung von Kindern. Dann muss der Staat Schutzmaßnahmen ergreifen. Und das tut er bisher nicht, indem die Plattformen ihre Algorithmen ändern müssen, sondern indem Verbote diskutiert werden. Johannes Buchmann, Mitautor des Leopoldina-Papiers, betont, dass Nutzungseinschränkungen von einer Begleitforschung flankiert werden sollten. Nur so lasse sich prüfen und weiterentwickeln, wie sie möglichst wirksam gestaltet werden können.
In Australien passiert das schon: Die Connected Minds Study ist eine groß angelegte Untersuchung, die prüfen soll, wie sich das Verbot auf das Wohlbefinden und die Entwicklung von Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren auswirkt.
Bis wir mehr wissen, wird die Politik also wahrscheinlich schneller regulieren, als die Wissenschaft hinterherkommt. Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen. Denn klar ist, dass jetzt schon die nächste Frage im Raum steht: Ob und wie KI für Jugendliche reguliert wird. Für Jonathan Haidt hängt beides zusammen. „Wenn wir bei den sozialen Medien nicht gewinnen können, dann können wir definitiv auch nicht bei der KI gewinnen“, meint er. Und sieht eine Zukunft, in der wir uns damit abfinden müssen, „dass die Jungen ihr ganzes Leben lang sexy Chatbots haben werden und sich nie fortpflanzen werden.“
Wenn Social Media für Jugendliche nicht reguliert wird, stirbt die Menschheit aus wegen … sexy Chatbots? Man könnte sagen, dass Haidt hier eine weitere wackelige Kausalkette hinhängt. Schade eigentlich. Denn man braucht sie gar nicht.
Stattdessen könnte man über eine andere Frage reden, die in der Debatte jetzt ziemlich untergeht. Die kanadische Psychologin Candace Odgers glaubt, dass Haidts Fokus auf die „Neuverkabelung“ des Gehirns von den wahren Ursachen der Krise ablenkt. Während wir über Bildschirmzeit debattieren, ignorieren wir laut Odgers andere reale Faktoren, die Kinder und Jugendliche belasten: wachsende Armut, Gewalt an Schulen oder soziale Diskriminierung. Sie warnt davor, dass wir unsere Zeit damit verschwenden, wissenschaftlich unbewiesene Horrorszenarien zu verhindern, anstatt den Jugendlichen mit evidenzbasierten Lösungen in ihrer tatsächlichen Not zu helfen.
Redaktion: Bent Freiwald, Grafiken: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger