Familie am Handy, über ihrem Gesicht Emotes die intressiert schauen.

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Politik und Macht

200 Menschen haben uns gesagt, was sie von einem Social-Media-Verbot halten (für sich)

Denn Selbstkontrolle ist nicht nur ein Problem von jungen Leuten.

Die SPD hätte gern ein komplettes Social-Media-Verbot für alle Kinder unter 14 Jahren. Australien ist strenger als die SPD und hat 2025 ein Verbot für die Nutzung von Social Media für unter 16-Jährige eingeführt. In Frankreich dürfen unter 15-Jährige nur mit Zustimmung der Eltern auf soziale Medien zugreifen.

Jetzt wird das Thema auch in Deutschland hitzig diskutiert. Zwei Dinge werden dabei regelmäßig vergessen. Einerseits die Jugendlichen selbst zu fragen (das macht meine Kollegin Nastasja für ihren nächsten Text). Aber eine Sache wird tatsächlich noch häufiger übersehen (man mag es kaum glauben): Gibt es eigentlich Erwachsene, die sich ein Verbot wünschen würden? Für sich selbst und nicht nur für andere?

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Wir haben in einer Umfrage gefragt: Hättest du gerne ein Social-Media-Verbot für dich? Mehr als 200 Menschen haben geantwortet. Das nicht-repräsentative Ergebnis ist: Mindestens jede dritte Person hätte gern ein Social-Media-Verbot für sich selbst. Ich zähle mich dazu. Ich würde mich nicht beschweren, wenn eine größere Macht (Gott, der Staat, meine Mitbewohnerin) regelmäßig mein Handy ausschalten würde und ich nur noch über ein Haustelefon (mit Kabel) für dringende Anrufe erreichbar wäre. Bei einem dauerhaften Verbot spüre ich einen leichten Anflug von Panik.

Weitere Gründe, warum sich Menschen unterschiedlichen Alters ein Verbot wünschen:⬆ nach oben

Verena, über 40 Jahre alt, schreibt

Weil ich es nicht schaffe, mich selbst zu regulieren⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Weil ich eigentlich weiß, dass ich es nicht brauche. Weil es meine psychische Gesundheit belastet. Weil es ein Weg raus wäre aus einer toxischen Beziehung mit dem Internet. Ich glaube, es ist ein bisschen, wie wenn man trockener Alkoholiker ist: Wenn Alkohol nicht ständig und überall verfügbar wäre, dann würde man weniger unter der Abstinenz leiden. Oder man wäre erst gar nicht suchterkrankt.

Maria, über 40 Jahre alt, schreibt

Weil ich trotz hohem Bildungsgrad und gutem psychischen Zustand merke, wie süchtig es mich macht und mich runterzieht⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Aktuell sind das Instagram und die Beiträge zu den Epstein-Files.

Marielle, zwischen 19 und 24 Jahre alt, schreibt

Social Media macht aus mir ein dopamingetriebenes Suchtwesen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich merke, dass Social Media aus mir ein dopamingetriebenes Suchtwesen macht, ich fühle mich dadurch eingeschränkter in meiner Denkweise. Hinzu kommen Konzentrationsschwierigkeiten, die es mir erschweren, einen roten Faden beizubehalten und Dinge durchzuziehen, anstatt auf der Hälfte des Weges aufzuhören, weil „die Puste raus ist.“

Sina, unter 14 Jahre alt, schreibt

Social Media zerstört meine Jugend⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Weil Social Media extrem süchtig macht und wir davon wegkommen müssen.

jan-eric, zwischen 19 und 24 Jahre alt, schreibt

Man vergleicht den Alltag mit den besten Momenten aus den Leben anderer⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Zeitverschwendung, ständig abgelenkt, man vergleicht seinen Alltag mit den besten Momenten aus den Leben anderer, was Unzufriedenheit in mir auslöst. Man stumpft ab.

Jonny, zwischen 25 und 30 Jahre alt, schreibt

Ein Verbot würde hoffentlich zu mehr echter Interaktion führen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Mehr Verabredungen und weniger zuhause alleine Zeit verschwenden.Weil die Plattformen das Problem sind und nicht die Nutzer. Entweder man müsste den Plattformen beispielsweise vorschreiben, dass sie ihre Algorithmen nicht an Hass und Gewalt orientieren dürfen, oder man verbietet sie einfach insgesamt.

Antonia, über 30 Jahre alt, schreibt

Wenn ich länger als zehn Minuten scrolle, gehts mit meiner Stimmung bergab⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich bemerke immer wieder, dass ich schlechte Laune bekomme, wenn ich auf Instagram unterwegs bin. Ich habe es schon vor einer Weile von meinem Handy gelöscht und gehe jetzt nur noch alle paar Wochen über den Browser rein, weil ich das Gefühl habe, auf dem aktuellen Stand sein zu müssen. Wenn ich länger als zehn Minuten scrolle, gehts mit meiner Stimmung bergab und ich werde gestresst. Es sind mir zu viele zu unterschiedliche Informationen, die ohne Zusammenhang und Vorbereitung auf mein Hirn und Herz einprasseln. Und es soll ja nachgewiesenermaßen süchtig machen, und ich finde, das ist auch stark zu spüren. Ich werde mir bald selber das Verbot auferlegen und Instagram löschen.

matthias, über 40 Jahre alt, schreibt

Ich wäre am Ende glücklicher⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich glaube, ich wäre am Ende glücklicher. Ich nutze Social Media eh nur, wenn es mir schlecht geht oder ich prokrastiniere, und es macht die Situation dann definitiv nicht besser. Im Urlaub oder zu anderen glücklichen Zeiten bin ich dann oft überrascht, wie leicht es mir fällt, komplett auf Social Media zu verzichten.

Matthias hält ein Verbot für Jugendliche für sinnvoll:

Selbst bei mir schafft es Social Media, schlechte Gefühle hervorzurufen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich kann nur aus meiner Perspektive sagen, dass Social Media es selbst bei mir, einem erwachsenen Mann und Vater, schafft, schlechte Gefühle, Selbstzweifel und Nervosität hervorzurufen. Ich kann mir nur grob ausmalen, wie stark der Effekt dann bei Teenagern sein muss.

Matthias ist nicht allein mit der Meinung, dass ein Verbot für Jugendliche sinnvoll wäre. Jede:r dritte Teilnehmer:in der KR-Umfrage und die SPD hätten gern ein Verbot für Jugendliche. Nur eine Person will ein Verbot für Erwachsene. Wo sind diejenigen, die normalerweise rufen: Nehmt den Boomern das Handy weg? Zumindest nicht in der Umfrage von Krautreporter. Etwa 20 Prozent der Umfrage-Teilnehmer:innen wollen ein Verbot für alle. Und die Hälfte findet, ein Verbot sei nicht die Lösung. Stattdessen müsse man auf Aufklärung der Nutzer:innen und Regulierung der Plattformen setzen.

Zwei Drittel wollen gerne weiter Social Media nutzen. Das sind ihre Begründungen⬆ nach oben

Charlotte, über 30 Jahre alt, schreibt:

Kochrezepte auf Instagram und gesellschaftskritische Impulse⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Jo, über 25 Jahre alt, schreibt

Ohne die Kontakte über Social Media hätte ich keine Freunde gefunden⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich benutze tatsächlich keine sozialen Medien mehr, weil sie mir in den letzten Jahren zu sehr geschadet haben. Seit sie nicht mehr social sind, sozusagen. Ich habe Stunden mit Reels verbracht, irgendwelche Beiträge irgendwelcher Leute gesehen, passiv konsumiert. Das hat mir die Lebensfreude geraubt. Demgegenüber steht meine Zeit auf Twitter und später Discord in den 2010ern: Ohne die Kontakte, die ich dort geknüpft habe, hätte ich als Teenager gar keine Freunde gefunden. Wer weiß, ob ich dann jetzt hier wäre, um das hier zu schreiben. Ich finde es sehr traurig, was aus Social Media geworden ist.

anonym, über 40 Jahre alt, schreibt

Ich habe Menschen kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Über Social Media habe ich Menschen kennengelernt, die ich vermutlich sonst nicht getroffen hätte, und ich halte Kontakt zu Menschen, die ich zum Beispiel übers Couch Surfing kennengelernt habe. Mir fällt das über Social Media leichter, da sie Dinge aus ihrem Leben teilen, Storys hochladen und man dann auch auf kleinere Dinge reagieren kann.

susan, über 40 Jahre alt, schreibt

Sehen, dass ich nicht alleine bin⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Mich mit anderen vernetzen. Sehen, dass ich nicht alleine bin. Über Fandoms quatschen. Coole Comics entdecken. Unterstützende Kommentare schreiben. Fragen stellen und Antworten bekommen.

anonym, über 25 Jahre alt, schreibt

Ich mag es, auf diese Weise verbunden zu sein⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich folge vielen Künstlern und Handwerkern, aber auch Aktivisten und Menschen, die einfach nur aus ihrem Leben berichten. Ich mag es, auf diese Weise verbunden zu werden. Ich mag es, mich auszutauschen. Ja, es gibt viele Probleme, aber ich würde viel vermissen, wenn Social Media von einem Tag auf den anderen nicht mehr da wäre.

dagmar, zwischen 41 und 50 Jahre alt, schreibt

Von vielen Dingen höre ich auf Social Media das erste Mal⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich nutze Social Media, um mehr mitzubekommen, was auf der Welt passiert, weil in den klassischen Medien vieles nicht oder zu wenig thematisiert wird. Zum Beispiel Demos/Proteste, Polizeigewalt, Tierausbeutung, Straftaten von Menschen OHNE Migrationshintergrund. Oft höre ich auf Social Media zum erstem Mal davon. Ich finde es hilfreich für Einordnungen von politischen und aktivistischen Influencer:innen, denen ich folge, um verschiedene Lebensrealitäten kennenzulernen, die mir sonst verschlossen bleiben, und natürlich auch zu reinen Unterhaltungszwecken (Comedy).

kim, über 25 Jahre alt, schreibt

Autoritäre Staaten verbieten Social Media⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich benutze Social Media selber gar nicht so gerne. Instagram, Twitter, Facebook und so weiter habe ich gar nicht. Aber es ist, wie man an den Protesten in jüngster Zeit erkennen kann, ein gutes Mittel, um sich zu organisieren und Aufmerksamkeit zu bekommen. Sollte Social Media vernünftig geregelt werden? Auf jeden Fall. Sollte es verboten werden? Nein, auf gar keinen Fall. Autoritäre Staaten verbieten soziale Medien.


Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert

200 Menschen haben uns gesagt, was sie von einem Social-Media-Verbot halten (für sich)

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