Sind die Wechseljahre noch ein Tabu? Das Internet ist voll mit Influencerinnen, Prominenten und Fachleuten, die über die Wechseljahre reden. Die Menopause ist überall: im Fernsehen, in Buchhandlungen, in Podcasts und in der Presse. Vielleicht haben auch Artikel, die ich für Krautreporter über die Menopause geschrieben habe, einen Anteil daran, dass Frauen heute rund um den 50. Geburtstag anders mit Beschwerden umgehen als noch vor zehn Jahren? Jedenfalls wird das chaotische Auf und Ab der Hormone in dieser Lebensphase zum Gesprächsthema Nummer eins und natürlich die Frage, was gegen Wechseljahrsbeschwerden hilft. Das verändert spürbar das gesellschaftliche Klima für Frauen in der Lebensmitte.
Sogar die CDU nimmt die Wechseljahre inzwischen ernst. Im September 2024 stellte die Fraktion einen Antrag an den Bundestag: Das Parlament solle eine nationale Menopausen-Strategie nach internationalem Vorbild beschließen.
Angesichts dessen wirkt es tatsächlich so, als ob das Tabu endlich gefallen sei.
Was wie Fortschritt aussieht, ist aber nicht nur gut für Frauen und andere Menschen mit Uterus. Denn so positiv die Entwicklung auch ist, sie hat ihre Tücken. Drei davon sind mir aufgefallen. Und jede einzelne könnte dazu führen, dass Frauen wieder mehr Nachteile wegen ihrer Wechseljahrsbeschwerden haben und dass ihre Bedürfnisse am Arbeitsplatz weniger ernst genommen werden.
Führt die neue Aufmerksamkeit für die Wechseljahre zu mehr Freiheiten oder nur dazu, dass Frauen auf eine neue Weise stigmatisiert werden?
Falle Nummer eins: Frauen werden auf die Biologie reduziert⬆ nach oben
Noch vor Kurzem waren Frauen ziemlich alleingelassen mit gesundheitlichen Fragen zu den Wechseljahren. Sie hörten von ihren Ärzt:innen sehr oft, dass Symptome wie Hitzewallungen und Schlafstörungen in dieser Lebensphase normal seien und bald wieder von allein verschwinden würden. Das war schon mal anders. Ab den 1960er Jahren dominierte in der Gynäkologie lange die Auffassung, dass die Wechseljahre kein natürlicher Zustand, sondern ein Defizit seien. Demnach hätte die gestiegene Lebenserwartung Frauen einen unnatürlichen Hormonmangel beschert, der ausgeglichen werden sollte. So veröffentlichte der US-amerikanische Arzt Robert Wilson im Jahr 1966 ein Buch mit dem Titel „Feminine forever“ (Für immer weiblich). Wilson stellte darin Frauen nach den Wechseljahren als gebückte und von der Umwelt ignorierte Wesen dar. In Hormonen sah er eine Art Jungbrunnen. Die Wechseljahre waren nach dieser Logik vor allem eins: behandlungsbedürftig und jede Frau brauchte eine Hormonersatztherapie.
Frauen, die sich dieser Logik entzogen, mussten nach Ansicht der Meinungsführer, wie zum Beispiel dem Gynäkologen Christian Lauritzen, Gründer der Deutschen Menopause Gesellschaft, mit vielen Nachteilen rechnen: schlaffere Haut, ständig müde, keine Lust mehr auf Sex und brüchige Knochen. Ohne den künstlichen Hormonersatz wären Frauen außerdem launisch, streitlustig und unausgeglichen. Hormone wurden auch mit dem Slogan beworben, dass sie Ehen retten würden, weil „Frauen scharf und schön“ blieben, wie ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1995 vermittelt.
In einem anderen Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2005 kann man nachlesen, wie sehr die Gynäkologie damals von männlichen Ärzten geprägt war, die im Habitus des „Halbgotts in Weiß“ auftraten. Sie waren überzeugt, besser zu wissen, was gut für ihre Patientinnen ist, als die Frauen selbst, ohne dass sie für die propagierten Wirkungen von Östrogen wissenschaftliche Belege an der Hand hatten.
Dann kam der Bruch: Eine große US-amerikanische Studie zerstörte Anfang der 2000er Jahre das Image der Hormonersatztherapie. Das war ein Schock. Die Studie zeigte, dass das Brustkrebsrisiko steigt, wenn Frauen längere Zeit hohen Östrogen-Konzentrationen ausgesetzt sind. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Geschichte der Hormontherapie bis zum Jahr 2010.
Heute funktioniert Medizin anders, evidenzbasiert, und sie bezieht bei der Beratung die Perspektive der Patient:innen in Gesundheitsentscheidungen ein. Frauen sind informierter über das, was in den Wechseljahren passiert und niemand glaubt mehr, dass diese Lebensphase unnatürlich sei. Man denkt nicht mehr, dass Hormone per se ersetzt werden müssten, sondern nutzt sie gezielt zur Therapie von Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen. Der Wandel zeigt sich auch im Namen: Aus der Hormonersatztherapie ist die Menopausale Hormontherapie geworden.
Ganz verschwunden ist das alte Denken aber noch nicht. Mehr noch, es gewinnt aktuell sogar wieder an Fahrt. Auf einmal heißt es wieder vermehrt, Frauen sollten frühzeitig Hormone zuführen, um bestimmte Gesundheitsrisiken zu vermeiden. In sozialen Medien sorgt das für viel Aufmerksamkeit. Viele der Posts und Videos im Netz, die über die Wechseljahre aufklären wollen, betonen die Bedeutung von präventiven Maßnahmen – und zählen die frühzeitige Hormoneinnahme dazu. Das Problem daran: Man kann die Vorteile der Hormontherapie ebensowenig wie die Nachteile pauschalisieren, wie die Frauenärztin Maria Beckermann in einem ausführlichen Artikel schreibt. Fachleute betonen, wie wichtig es ist, Nutzen und Schaden jeweils individuell abzuwägen.
Wenn jetzt überall suggeriert wird, dass Frauen die Wechseljahre komplett selbst steuern können, wirkt das entlastend, ist aber auch anmaßend. Diese Lebensphase lässt sich nicht managen wie eine Firma, sie ähnelt eher der Pubertät. Der Lebensstil spielt eine Rolle: Gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Stressmanagement werden jetzt wichtiger. Prävention ist auch meistens besser als Behandlung. Aber auch sie braucht Belege. Gerade, wenn dabei Medikamente, wie etwa Hormonpräparate zum Einsatz kommen sollen.
Hinzu kommt, die meisten Untersuchungen, die vor der Jahrtausendwende die präventive Wirkung von Hormonen zu belegen schienen, stammten aus den USA. Aber dort ist das Gesundheitswesen anders strukturiert. Frauen, die Hormone nahmen, waren meistens reicher und gebildeter, trieben mehr Sport und brachten weniger Risikofaktoren mit. In den Studien gab es dadurch eine große Verzerrung: Man konnte nicht eindeutig sagen, warum genau die Teilnehmerinnen gesünder waren. Lag es an ihrer sozialen Situation, ihrer Fitness, ihren Genen – oder den Hormonen? Feinheiten dieser Art gehen auch heute leicht unter, vor allem im Internet.
Es ist also Vorsicht geboten. Offener über die Wechseljahre zu sprechen ist richtig, es gibt aber auch viele Falschinformationen. Das hat nicht nur mit der mangelhaften Studienlage und irreführenden Botschaften von Gesundheitsinfluencer:innen zu tun. „Das mediale Dauerfeuer nervt“, schrieb die Chefredakteurin des Zeit-Magazins Carmen Böker im Sommer 2025. Sie findet, dass sich Frauen ab einem bestimmten Alter zu sehr über die Wechseljahre definieren und ihre Beschwerden wie Auszeichnungen behandeln. Bröker ärgert sich: „Heute sind es die Frauen selbst, die sich die stereotypischen Defekte zuschreiben. Ich weiß, das klingt grob. Doch ich möchte da nicht mittun, wo Frauen sich opferbereit der Macht ihrer Hormone ergeben.“
Brökers Einwand ist berechtigt. Viele Symptome, die den Wechseljahren zugeschrieben werden, treten auch in anderen Lebensphasen auf und lassen sich nicht allein mit Hormonen erklären. Eindeutig belegt ist der Zusammenhang bislang nur für Hitzewallungen und Scheidentrockenheit. Viele Symptome wie Schlafstörungen und Erschöpfung werden auch durch andere Faktoren beeinflusst, Stress bei der Arbeit zum Beispiel, Pubertätskrisen der Kinder oder pflegebedürftige Eltern. In den Wechseljahren kommt viel zusammen. Auch das Älterwerden an sich kann Stress erzeugen. Der Körper verändert sich, zum Beispiel der Zucker- und Fettstoffwechsel. Alles auf die Menopause zu schieben, ist medizinisch zu kurz gedacht und hilft auch gesellschaftlich nicht weiter.
Falle Nummer zwei: Frauen werden als ökonomisches Risiko betrachtet⬆ nach oben
Großbritannien hat seit 2022 eine Menopausenstrategie. Die Wechseljahre sind dort ein Wirtschaftsthema, weil sie als Kostenfaktor gelten. Auch in Deutschland kursieren Zahlen dazu, wie viel Fehlzeiten aufgrund von Wechseljahrsbeschwerden die Wirtschaft kosten. Doch eine Onlinebefragung, die immer wieder zitiert wird und an der rund 2.000 Frauen teilnahmen, hat methodische Mängel. Sie beziffert den Verlust auf fast zehn Milliarden Euro. Und führt das darauf zurück, dass Arbeitnehmerinnen zwischen 50 und 65 Jahren pro Woche eine halbe Stunde produktiver Arbeitszeit wegen der Symptome verlieren.
Diese Kostenschätzungen kommen ins Wanken, wenn man auf reale Abrechnungsdaten von Krankenkassen schaut. So kommt etwa eine Untersuchung des Barmer Instituts für Gesundheitsforschung zu dem Ergebnis, dass Frauen, bei denen Hitzewallungen diagnostiziert wurden, nicht häufiger am Arbeitsplatz fehlen, als Frauen gleichen Alters ohne dieses Symptom.
Auch die CDU-Fraktion zitiert die umstrittene Onlinebefragung in ihrem Antrag für eine nationale Menopausenstrategie. Demnach wollen ungefähr zehn Prozent der Frauen mit Wechseljahresbeschwerden früher in Rente gehen oder haben das bereits getan. Fast ein Viertel hat ihre Arbeitszeit wegen der Symptome reduziert und ein Drittel war wegen Beschwerden bereits krankgeschrieben oder hat unbezahlten Urlaub genommen. Ungefähr jede sechste Frau hat ihren Arbeitsplatz gewechselt und zwölf Prozent lehnten eine Beförderung wegen der Beschwerden ab.
Doch eine Befragung von etwa 2.000 Frauen im Auftrag der Krankenkasse HKK zeigt ein ganz anderes Bild: Deutlich weniger berichten hier, dass sie sich stark durch die Wechseljahre beeinträchtigt fühlen und es gibt kaum Krankschreibungen deswegen.
Viele Studien zu den wirtschaftlichen Folgen haben ein Grundproblem: Sie bringen Symptome mit den Wechseljahren in Zusammenhang, die auch andere Ursachen haben können. Dazu zählen auch Belastungen, die etwa durch Personalmangel und unbezahlte Carearbeit begünstigt werden. Auch sie können zum Beispiel zu Schlafstörungen, Konzentrationsmangel und Erschöpfung führen. Solche Beschwerden fragt auch ein gängiger Fragebogen zu den Wechseljahren ab. Dabei kommen die gleichen Symptome auch bei Frauen vor, die nicht in den Wechseljahren sind. Und bei Männern.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Beschwerden in den Wechseljahren sollten ernst genommen werden. Schließlich haben Frauen ein Recht auf angemessene Behandlung von belastenden Symptomen. Aber möglicherweise nehmen Frauen Beschwerden, die sie vielleicht schon länger haben, in der Lebensmitte selbst zum ersten Mal ernst. Vielleicht auch, weil die Wechseljahre eine akzeptablere Begründung geworden sind. Solche Effekte gehören zu den bekannten Schwächen von Selbstauskunftsbögen und können Ergebnisse von Analysen verfälschen.
Das kann sich negativ auswirken: Was, wenn Arbeitgeber die Risiken überschätzen und Frauen im mittleren Alter plötzlich als Dauerproblem gelten? Darauf weist zum Beispiel der Arbeitskreis Frauengesundheit hin. Und plädiert dafür, die wirtschaftlichen Folgen der Wechseljahre mit geeigneten Methoden zu analysieren. Sonst droht vor allem Frauen in schlecht bezahlten, prekären Jobs zusätzliche Diskriminierung mit dem billigen Argument, sie seien altersbedingt nicht mehr leistungsfähig genug.
Gewerkschaften sehen jetzt die Gefahr eines Rückschritts. Biologische Unterschiede könnten wieder als Argument dienen, um Arbeitsschutz auszuhöhlen und den Anspruch zurückzudrängen, Gleichstellung zu erreichen.
Falle Nummer drei: Frauen werden von politischen Interessen instrumentalisiert⬆ nach oben
Die Menopausenstrategie setzt auf mehr Wissen, bessere Aufklärung, mehr Verankerung im Medizinstudium und in der ärztlichen Weiterbildung. Sie steht im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung und Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eröffnete bereits einen Dialogprozess Wechseljahre. Daran nehmen zahlreiche Expert:innen aus Fraueninitiativen, Fachgesellschaften, Gewerkschaften, Verbänden und der Wissenschaft teil. Im Herbst 2026 soll klar sein, wo die Defizite bei der Versorgung, der Aufklärung, in der Arbeitswelt und in der Forschung liegen.
Eine Forschungsgruppe arbeitet gerade im Auftrag des Bayerischen Gesundheitsministeriums an einer Studie. Dafür erstellt sie ein neues Curriculum, das Ärzt:innen das nötige Wissen über eine angemessene Menopausenberatung vermitteln soll. Die Studie soll auch überprüfen, welche Effekte es hat, wenn Ärzt:innen ein halbstündiges Aufklärungsgespräch über die Wechseljahre abrechnen könnten. Bisher wird so ein Gespräch von den Krankenkassen kaum vergütet.
Auch für die Arbeitspolitik rückt das Thema in den Fokus, denn circa sieben Millionen erwerbstätige Frauen sind zwischen 50 und 65 Jahre alt. Ihre Zahl wird in Zukunft noch steigen. Gesundheitsministerin Warken meint, dass Arbeitgeber die Gesundheit ihrer Mitarbeiter:innen während der Wechseljahre unterstützen sollen: Mit Schulungen, aber auch Bewegungs- und Entspannungsangeboten, die von den Krankenkassen gefördert werden können. Diese betriebliche Gesundheitsförderung gibt es schon jetzt, sie soll die Menopause zukünftig stärker einbeziehen und Krankenkassen sollen sie auch in Präventionsprogramme integrieren, die außerhalb des Arbeitsplatzes ansetzen.
Das klingt nach Fortschritt. Wenn dadurch aber Frauen mit Wechseljahrsbeschwerden zum biologischen Sonderfall erklärt werden, könnte das den Druck erhöhen, gegen die Beschwerden schnell und effektiv vorgehen zu müssen, um nicht aufzufallen. Schon jetzt höre ich von Frauen, dass sie eigentlich keine Hormone nehmen wollen, es aber tun, um ihre Arbeit zu schaffen und in der Familie zu funktionieren.
Dass sich ausgerechnet die CDU diesem Thema annimmt, während andere Parteien dem Anliegen einer Menopausenstrategie kritisch gegenüberstanden, kann stutzig machen. Sie brachte ihren Antrag dafür ungefährt einen Monat vor der Abstimmung über die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in den Bundestag ein. Dem gruppenübergreifenden Antrag, das Abtreibungsrecht aus dem Strafgesetzbuch zu entfernen, stimmte die CDU-Fraktion nicht zu. Nun schmückt sie sich aber damit, etwas für Frauenrechte zu tun, weil sie sich angeblich für die Gesundheit älterer Frauen einsetzen will.
Die Geschlechtergerechtigkeit nicht aus den Augen verlieren⬆ nach oben
Vielleicht wäre es besser, die Wechseljahre nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines größeren Themas, das alle betrifft: Älterwerden am Arbeitsplatz. Davon würden alle Geschlechter profitieren. Denn auch Männer und trans Personen haben mit zunehmendem Alter mehr Gesundheitsprobleme.
Es ist wichtig, dass Frauen mehr Wahlmöglichkeiten bekommen, nicht weniger. Eine spezielle Unterstützung bei Wechseljahrssymptomen wünschen sich viele Frauen, aber wenn sie sich dadurch genötigt fühlen, ihre Beschwerden offenlegen zu müssen, könnte das auch zu neuen Tabus und Stigmatisierungen führen. Das darf nicht passieren. Sonst schafft die neue Offenheit über Wechseljahre wieder mehr Unfreiheit, anstatt sie abzubauen.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer