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Den größten Kulturschock in den USA hatte ich in Bezug auf Religion. Ich war dort mehrere Wochen auf Recherche.
Klar, ich wusste, dass das Christentum verbreiteter ist als in Deutschland und dass es auch politisch eine wesentlich größere Rolle spielt als bei uns. Mir war aber nicht klar, wie häufig man dem im Alltag begegnet. Ich konnte Jesus sozusagen nicht entfliehen. Es gab viele Momente, in denen mir das aufgefallen ist:
- Als ich mit dem Auto in Ohio, Indiana und Wisconsin unterwegs war. Direkt neben der mehrspurigen Straße, dem Interstate, waren immer wieder große Plakate aufgestellt. Manchmal war es einfach nur Werbung, zum Beispiel für einen Anwalt. Häufig waren es christliche Slogans, wie etwa „Jesus ist die einzige Antwort“. Oder Anti-Abtreibungsbotschaften, zum Beispiel mit dem Foto eines Säuglings und der Information, ab wann sich bestimmte körperliche Eigenschaften herausbilden.
- Als ich in Chicago die Harold Washington Library besuchte und mich kurz auf einer Bank ausruhte. Eine Frau in meinem Alter setzte sich zu mir, machte mir ein Kompliment für meine Jacke und fragte: „Weißt du, wer Gott ist?“ Weil ich nicht so richtig wusste, was ich darauf antworten sollte, sagte ich: „Ich habe ihn nie getroffen.“ (Fand sie nicht so lustig wie ich.)
- Als ich im Bus von New York nach Philadelphia mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch kam. Ein junger Mann, der gerade seinen Doktor in Computerwissenschaft macht und auf dem Weg zur Hochzeit eines Bekannten war. Sie gingen eine Zeit lang „in die gleiche Kirche“.
- Als ich das Parteitreffen der Republikaner in Eau Claire, Wisconsin, besuchte und mich mit einer Teilnehmerin über den Krieg in Iran unterhielt. Ich hatte mich schon von ihr verabschiedet, als sie mich plötzlich fragte: „Weißt du, wer Jesus ist?“ Und mir dann erklärte: „Alle werden ihr Knie vor ihm beugen, ob sie es wollen oder nicht.“
- Als mich ein älteres Ehepaar in einem kleinen Ort im Südwesten Virginias zum Essen einlud und sie vor dem Essen beteten.
- Als ich in Chicago am Flughafen, der nur amerikanische Ziele anfliegt, auf meinen Flug wartete. Circa alle 15 Minuten gab es eine Lautsprecherdurchsage, in der die Wartenden dazu aufgerufen wurden, an einem kurzen Gottesdienst teilzunehmen.
Manche dieser Situationen könnten mir auch in Deutschland passieren. Dass ich mit jemandem esse, der vor jeder Mahlzeit betet, zum Beispiel. Andere Situationen wären in Deutschland undenkbar, wie etwa Anti-Abtreibungsplakate neben der Autobahn.
Christliche Wanddekoration an einem Haus im Buchanan County, Virginia. | © Isolde Ruhdorfer
All diese Dinge sind mir innerhalb von drei Wochen passiert, also einem ziemlich kurzen Zeitraum. Und an sehr unterschiedlichen Orten: Südwest-Virginia und Ohio sind ziemlich konservativ, New York und Chicago sehr progressiv.
Ich würde sagen, in Deutschland ist die Haltung eher: Mach dein Ding, aber lass andere damit in Ruhe. Selbst wenn mir hier gläubige Menschen begegnen, versuchen sie normalerweise nicht zu missionieren.
Wie sehr das Christentum dagegen in den USA Teil des Alltags ist, merkt man schon an der Häufigkeit und Beiläufigkeit, mit der die Kirche, die „church“, erwähnt wird. Wenn Menschen von „my church“ sprechen, von Leuten, die sie „at church“ kennengelernt haben oder dass sie sonntags keine Zeit haben, weil sie „to church“ gehen.
Um ehrlich zu sein, fand ich diese kleinen Situationen irritierend, teilweise sogar übergriffig. Wenn jemand in Deutschland Anti-Abtreibungsplakate aufstellen oder ständig mit mir über Jesus reden würde, dann würde ich Streit anfangen.
Gleichzeitig hat mir das geholfen, besser zu verstehen, wieso das Christentum in der US-Politik eine so große Rolle spielt: weil es schlicht und ergreifend im Alltag vieler Menschen viel wichtiger ist als bei uns.
Redaktion: Alexander Krützfeldt