Collage: Kinder und ein Schattenfoto eines Papas mit seinen Kindern

Alexander Krützfeldt/Privat

Geschlecht und Gerechtigkeit

Solange man uns beobachtet, sagen wir Dinge, die alle hören wollen

Aber wenn keiner hinsieht, nicht mehr. Wie kann ich meinen Söhnen zeigen, was Männlichkeit heute bedeutet?

Als ich davon lese, dass Collien Fernandes ihrem Ex vorwirft, sie jahrelang online sexualisiert missbraucht zu haben, denke ich zuerst daran, dass ich mal auch ein Nacktbild von ihr gegoogelt habe. Das ist 20 Jahre her, damals fand man im Netz Fotomontagen. Schlagartig fühle ich mich schuldig.

Es ist eine Schuld, bei der ich mich öfter ertappe, wenn der Mann, der ich sein will, nicht zusammenpasst mit dem, was ich offensichtlich bin. Ich möchte kein Tier sein auf Beutezug. Ich möchte nicht an Sex denken müssen, wenn ich eine Frau sehe, die mir gefällt. Ich möchte sagen: „Du hast eine sehr coole Jacke.“ Überwiegend gelingt mir das auch. Aber es sind Momente wie diese, in denen ich weiß, dass ich wieder gescheitert bin.

Wenn ich mit meinen Söhnen, sechs und neun, abends an der Kasse stehe, um den Einkauf zu machen, wünsche ich mir, so zu sein wie meine Kinder: dass Sex etwas ist, auf das sie noch keine Regung verschwenden. Sie wissen zwar, dass es das gibt – Attraktivität –, aber nicht, dass viele das später schon mit Liebe gleichsetzen werden. Ihre Liebe ist noch rein und ungefiltert. Während all das, bei einem erwachsenen Mann, schon zum Doppelspaltexperiment moderner Männlichkeit führt: Solange man uns beobachtet, sagen wir Dinge, die alle hören wollen. Aber wenn keiner hinsieht, nicht mehr.

Oft frage ich mich, was Männer aktiv unterdrücken⬆ nach oben

Viele Männer sagen, ihre Frauen müssten gerecht bezahlt werden, Stichwort Haushaltseinkommen, aber bei der Hannah aus der HR, die immer so forsch auftritt, ist man sich plötzlich nicht mehr so sicher. Sie behaupten, dass Frauen einen besseren Zugang zu den Kindern haben, deshalb sollten sie die einfach immer ins Bett bringen. Dass Care-Arbeit zwar Arbeit ist, aber im Ernst: Hab doch mal einen Zehn-Stunden-Tag als leitender Angestellter. Da will auch immer jemand was!

Wenn ich andere Männer sehe, wie sie ihre Einkäufe vom Band räumen, frage ich mich oft, was sie gerade denken. Was sie aktiv unterdrücken, gegenüber der jungen Kassiererin, die sagt: „24,50, bitte.“ Würde mich jemand fragen, findest du sie heiß, diese Kassiererin, würde ich sagen: Nein, ich bin verheiratet und Vater zweier Kinder! Wenn ich eine Anfangzwanzigjährige daten würde, wäre doch klar, dass ich mit Frauen auf Augenhöhe nicht umgehen kann. Okay, vielleicht finde ich sie heiß. Man soll nicht einfach so Frauen im Supermarkt objektifizieren. Oder bin ich da unentspannt?

Wenn ich mich dabei ertappe, wie ich bei Instagram die 21-jährige Model-Influencerin anschaue, die ihre Bikinis auf Capri trägt, und ich frage mich, was ich eigentlich da mache. Und wenn ich mir selbst schon nicht ganz vertraue, wie soll ich dann euch vertrauen, ihr lieben, guten Männern in den sozialen Medien von Instagram bis Linkedin die ihr es gerade so eilig habt mit euren Beteuerungen, bei der Collien-Fernandes-Sache auf der richtigen Seite zu stehen?

Ich möchte, dass meine Söhne niemandem später Angst machen⬆ nach oben

Männer sind sehr gut darin, die Schuld bei anderen zu suchen. Ich kenne das von Zuhause. Wenn es einen Streit mit Mädchen gibt, sagt mein Sohn, dass Lia zickig ist und den Streit begonnen hat. Ich sehe oft, wie Eltern auf Spielplätzen bewusst oder unbewusst eine Komplizenschaft zu ihren Söhnen eingehen. Dieses schweigende Einverständnis, dass der eigene Stamm, der eigene Sohn, im Zweifel doch recht hat. Dass er eben einfach ein wilder, Kerl ist, wenn er die Lia vom Klettergerüst drängt. Ja, er holt sich halt, was er will. Das sagt keiner laut, aber es schwingt mit, wenn sie die Schultern zucken und sagen „Ist doch nichts passiert.“ Und ich sehe Väter, die sofort in den Verteidigungsmodus gehen, wenn ihre Tochter weint, die sofort Lösungen anbieten, aber unfähig erscheinen, sie einfach nur zu trösten und ihr zuzuhören.

Am Spielplatz treffe ich heute noch Männer, mit denen ich in der Schule war. Ich erinnere mich an ihre Worte: „Du bist schwach wie Mädchen, und mit Mädchen kann man nicht befreundet sein.“ Da käme es immer zu Sex. Heute weiß ich, dass das dummes Zeug war, wenn ich neben diesen Vätern auf dem Spielplatz stehe und sie ihren Nachwuchs delegieren. „Wir erziehen unsere Mädchen so, dass sie stark werden“, sagen sie dann, aber die kleine Emma steht so verloren in Kleid und Lackschuhen auf dem Klettergerüst, als wüsste sie jetzt auch nicht. Was werden die Väter sagen, wenn Emma 17 ist und ausgehen möchte?

Viele Männer sagen auch, sie würden am liebsten mehr Zeit mit dem Kind haben, das wäre alles so super, und dann nehmen sie, wenn überhaupt, nur minimal Elternzeit. Ich glaube nicht, dass sie einfach nur vollkommen gerne arbeiten. Ich glaube, der Vätercoach Carsten Vonnoh hatte recht, als er mir neulich sagte: „Männer handeln oft angstinduziert.“ Wir gehen zu dem zurück, was uns Sicherheit gibt. Den Job kennen wir. Tradierte Rollenbilder: Gab es auch Zuhause.

Für meine Söhne, neun und sechs, habe ich mir wenig vorgenommen. Ich möchte gerne, dass sie niemandem später Angst machen, sie keinen bedrohen, wie Männer mich bedroht haben. Dass sie lieb sind und verständnisvoll und gerecht werden, weil man lieb und verständnisvoll und gerecht, finde ich, einfach viel weiterkommt in dieser Welt, die oft das Gegenteil predigt. Ich erzähle ihnen, was ich richtig finde: dass Rassismus Gift ist. Dass Sexismus dumm ist. Wir sprechen oft über Gefühle. Dass ich auch Angst habe. Wenn der beste Freund meines ältesten Sohnes ein „Sigma“, ein „einsamer Wolf“ sein möchte, auf dem Schulhof. Dann sage ich meinem Sohn, dass Wölfe schöne Tiere sind. Aber einsame Wölfe sind oft einfach Tiere, die gerade keinen Platz in einem Rudel haben.

Manchmal sagt mein Sohn, dass sich die Mädchen ja immer so schick anziehen. „Vielleicht müssen sie das ja“, sage ich. „Warum?“

Ich bin heute sehr froh darüber, dass ich mehr Mädchen- als Jungsfreunde hatte. Sie haben mir immer gezeigt, dass es Alternativen zu dieser vorherrschenden Form der Männlichkeit gibt. Ich bin froh, dass ich sie nicht erst heute lernen muss. Denn: Je älter meine Kinder werden, desto mehr Einfluss werden Peer-Gruppen, Medien und das Umfeld haben. Die einsamen Wölfe vom Schulhof. Ich kann und werde das nicht alles fernhalten. Ich kann nicht verhindern, dass meine Söhne ein Verhalten entwickeln, das ich mir nie gewünscht habe. Aber ich kann Alternativen anbieten. Ich kann sagen, wie ich darüber denke und wo ich selbst große Fehler gemacht habe.

Ich kann sagen: Meine erste Freundin, die meine sehr große Liebe war, habe ich zurückgelassen. Damals, als ich ins Studium ging. Ich fand sie besitzergreifend, emotional und unreif und verletzt. Dann habe ich meine alten E-Mails von 2005 gefunden und gemerkt, wie wahnsinnig emotional unreif und verletzt ich selbst gewesen bin.

„Papa, ich glaube, ich bin verliebt“⬆ nach oben

Kinder lernen für sich selbst, was sie in der Interaktion mit Erwachsenen erfahren. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir Väter stärker für Frauen einstehen. Aber dafür reichen keine Parolen, dafür müssen wir ernsthaft an unseren blinden Flecken arbeiten. Und das wird sicher viel Arbeit jetzt, wenn man das nie vorher getan hat oder immer gut unterdrückt hat. Aber ich weiß, es lohnt sich.

Mein jüngster Sohn verdrückt manchmal eine Träne, wenn ein Tier stirbt auf der Leinwand, und sagt dann: „Warum weinst du eigentlich nie, Papa?“ Und ich sage in die Dunkelheit des Kinosaals: „Wieso, ich weine doch.“ Und er: „Ich hab dich nie weinen hören, ich weiß nicht mal, wie das klingt.“

Ich möchte, dass meine Söhne wissen: Männer weinen, sind schwach, sehr schwach sogar. Und das ist alles gut und völlig okay so. Man sollte über alles reden.

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Neulich standen wir im Freizeitpark Schlange. Ein 13-jähriges Mädchen stand vor uns.

„Ich mag sie“, sagte mein sechsjähriger Sohn, nachdem er lange Zeit versucht hatte, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie fand ihn irgendwie süß, er fühlte sich einen Meter größer. Am Ende zeigte er ihr seinen Arm, auf dem ich ihm meine Telefonnummer geschrieben habe, falls er verloren geht. „Das ist die Nummer von meinem Papa“, sagte er ihr stolz. „Vielleicht kann ich dir ja mal schreiben? Darf ich deine Nummer haben?“

Meinem Sohn war es so wichtig, diese Nummer nicht zu verlieren, dass er sogar vor der Wildwasserbahn einen Zettel brauchte, um sie – falls das Wasser sie verwischte – noch mal abzuschreiben. Auf dem Klettergerüst ließ er zwei kleine Mädchen vor, hielt Abstand für sie, damit alle reinkamen. Ich fühlte mich sehr stolz und sagte, wie gut er das macht.

Er wendete das Handgelenk hin und her und meinte: „Papa, ich glaube, ich bin verliebt.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Merk dir das Gefühl.“ Du kannst es nicht besitzen, nicht festhalten, nicht für immer haben, aber auch nie wirklich verlieren.


Redaktion: Theresa Bäuerlein Fotoredaktion: Gabriel Schäfer

Solange man uns beobachtet, sagen wir Dinge, die alle hören wollen

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