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Ich habe mein Abitur in Baden-Württemberg gemacht. Für mein Studium bin ich nach Sachsen gezogen. Dort habe ich Freund:innen aus ganz Deutschland kennengelernt, zum Beispiel aus Niedersachsen, Berlin und Thüringen, wo sie wiederum ihr Abitur gemacht hatten. Ha! Geschenkt! Wir erinnern uns: Je nachdem, in welchem Bundesland wir zur Schule gingen, hieß es, das Abi sei leicht oder schwer gewesen. Das liegt daran, dass jedes Bundesland selbst für Bildung und somit auch für die Abiturprüfung verantwortlich ist – das alles dank des Bildungsföderalismus. Und der entstand nicht, wie ich dachte, erst nach der Nazizeit, sondern schon viel früher: als Deutschland noch ein Königreich war.
In unserer Newsletter-Serie „War halt schon immer so“ schauen wir uns an, woher die Regeln für unser Schulsystem eigentlich kommen und stimmen mit euch darüber ab, ob sie heute noch sinnvoll sind. Letztes Mal hat Bent euch gefragt, ob die Schulpflicht abgeschafft werden sollte. Die meisten von euch (230 von 309) meinten: Nein. Ich bin gespannt, wie eindeutig die Abstimmung diesmal ausfällt.
Es war einmal …⬆ nach oben
Dass Bildung dezentral organisiert wird, hat seinen Ursprung bereits im Römischen Reich (zu dem das heutige Deutschland zum Teil gehörte). Davor war Bildung immer Sache der Kirche. Schulen wurden häufig von Klöstern betrieben.
Mit der Reformation im 16. Jahrhundert begannen die Territorialfürsten, das Schulwesen selbst zu organisieren. Und weil meine Schulzeit lange genug zurückliegt, um das nachschlagen zu müssen, erkläre ich es hier auch einmal kurz: Territorialfürsten waren souveräne Herrscher, hatten also die höchste Macht über ein bestimmtes Gebiet, ein Territorium, im Heiligen Römischen Reich. Und die haben sich in ihren Gebieten selbst um die Bildung gekümmert.
Mit der Aufklärung und den Schulreformen 1763 in Preußen (wir erinnern uns an das Generallandschulreglement unter Friedrich II., das Bent in der letzten Ausgabe erklärt hat) wurde Bildung immer weiter verstaatlicht, aber blieb trotzdem Ländersache.
Bildung wurde professioneller⬆ nach oben
Im 19. Jahrhundert bestand „Deutschland“ (es war noch nicht das Land, wie wir es heute kennen) schließlich aus einem lockeren Zusammenschluss von 39 Einzelstaaten, aus Herzogtümern und Königreichen. Zum Beispiel dem Königreich Bayern, dem Königreich Preußen oder dem Königreich Sachsen. Die auch alle eigene Bildungssysteme hatten. Wie Lea bereits erklärt hat, war Wilhelm von Humboldt großer Bildungsrevolutionär. Er prägte das preußische System. Andere deutsche Staaten entwickelten eigene Varianten dieses Systems. Jedes Königreich kochte also mehr oder weniger sein eigenes Süppchen.
Während der Revolution von 1848/49, in der Bürger:innen, Studierende und Arbeiter:innen gegen die absolutistischen Fürsten und für die nationale Einheit kämpften, entstand auch die Idee eines deutschen Nationalstaates mit einem einheitlichen Bildungssystem. Diese Idee wurde im Frankfurter Parlament, der ersten gesamtdeutschen Nationalversammlung, diskutiert, scheiterte aber.
War 1848/49 das verfassungsgebende Gremium der Deutschen Revolution und das vorläufige Parlament des entstehenden Deutschen Reiches: das Frankfurter Parlament. | Getty Images
23 Jahre nach der Deutschen Revolution entstand mit der Deutschen Reichsgründung tatsächlich ein Nationalstaat: das Deutsche Kaiserreich unter preußischer Führung. Das Bildungswesen blieb aber Zuständigkeit der Länder und professionalisierte sich immer mehr: Lehrkräfte wurden ausgebildet (vorher unterrichteten Pfarrer oder selbsternannte Schulmeister), verbindliche Lehrpläne entwickelt und studieren durfte nur noch, wer Abitur hatte. Reichskanzler Otto von Bismarck versuchte vor allem, den Einfluss der katholischen Kirche in der preußischen Bildung zurückzudrängen. Preußische Lehrpläne wurden von den kleineren Ländern oft übernommen und Abiturabschlüsse gegenseitig anerkannt.
Auf einmal wird Bildung zentral gesteuert⬆ nach oben
Die Weimarer Republik behielt die föderale Struktur des Kaiserreichs weitgehend bei. Bildung blieb Ländersache. Auch wenn die Weimarer Verfassung 1919 erstmals Reichsvorgaben im Schulwesen verankerte (zum Beispiel Artikel 145 zur Schulpflicht oder Artikel 146 zum verpflichtenden Grundschulbesuch), an die sich die Länder halten sollten. Sie waren aber nur als Rahmen gedacht. Das änderte sich mit den Nazis.
Die NS-Diktatur zerstörte den Bildungsföderalismus mit der Gleichschaltung 1933. Alle Länderparlamente wurden aufgelöst, die Demokratie vollständig beseitigt und mit ihr auch die föderale Struktur. Das Schulwesen wurde zentralisiert und gleichgeschaltet. Das diente dazu, die NS-Ideologie in alle Köpfe zu bringen. Und das war nur mit einem einheitlichen, kontrollierten Schulsystem möglich. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung bekam die totale ideologische Kontrolle über die Bildung. Das bedeutete: NS-Lehrpläne, „Rassenkunde“ als Pflichtfach, einen verpflichtenden NS-Lehrerbund. Universitäten wurden gleichgeschaltet und die Jugend wurde parallel zur Schule in der Hitlerjugend erzogen.
Deutschland wird geteilt und damit auch die Bildung⬆ nach oben
Die Westalliierten (USA, Großbritannien, Frankreich) drangen im Frühjahr 1945 von Westen vor, die Sowjetunion von Osten. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland und wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Beim Thema Bildung gab es Streit, die westlichen Besatzungsmächte hatten unterschiedliche Vorstellungen. Die USA wollten ein demokratisches Einheitsschulsystem nach amerikanischem Vorbild. Großbritannien und Frankreich blieben konservativ und waren für ein mehrgliedriges System nach deutschem Vorbild vor der NS-Zeit.
Letztendlich entstand in Westdeutschland wieder eine föderale Struktur aus Bund und elf Ländern, die bewusst als Instrument gegen eine zentrale Machtkonzentration etabliert wurde. Und so wurde auch Bildung wieder dezentral in den Ländern verantwortet. Nur in der sowjetischen Besatzungszone blieb sie zentralisiert. Ab 1949 herrschte in der DDR ein zentralisiertes, sozialistisches Einheitsschulsystem unter Kontrolle der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED). Konzeptionell handelte es sich um eine einheitliche acht-, später zehnjährige Gemeinschaftsschule, in der der Klassenverband erhalten blieb, abgesehen von Schülern, die an Spezialschulen unterschiedlicher Richtungen oder für das Abitur an die Erweiterte Oberschule wechselten. Eine Trennung nach Schultypen gab es nicht, Lehrpläne und Schulbücher waren einheitlich.
Und nun?⬆ nach oben
Mit der Wiedervereinigung 1990 mussten die ostdeutschen Bundesländer das westdeutsche Schulsystem übernehmen. Es gab Anpassungsschwierigkeiten: Die Schulstruktur musste umgebaut werden, Unterrichtsmethoden wurden umgestellt und Fächer wie Staatsbürgerkunde gestrichen.
Ungefähr zehn Jahre später kam schon der berühmt-berüchtigte PISA-Schock. Der brachte die Diskussion um den Bildungsföderalismus wieder in Fahrt, plötzlich diskutierte ganz Deutschland über Bildung. Die Leistungsunterschiede unter den Bundesländern waren enorm. Diese Diskussion hält bis heute an. Während der Corona-Pandemie wurden die Unterschiede noch präsenter: Manche Länder hatten eine funktionierende digitale Infrastruktur, andere nicht. Schulschließungen wurden unkoordiniert entschieden. Die Gewerkschaft für Erziehung und Bildung (GEW) sieht beispielsweise den Bund in der Verantwortung, mehr zu übernehmen (vor allem finanziell). Deswegen möchte ich wissen: Ist der Bildungsföderalismus ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert oder immer noch sinnvoll? Was denkst du?
Abstimmung
Sollte Bildung weiterhin Ländersache bleiben?⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Redaktion: Lea Schönborn