Wenn wir über das Immunsystem sprechen, benutzen wir häufig das Bild eines starken oder schwachen Immunsystems. Wir denken, sobald wir uns einen Infekt eingefangen haben, muss es versagt haben. Sonst wären wir ja nicht krank. Kranksein ist nach dieser Lesart ein Zeichen für ein schwaches Immunsystem.
Folglich denken viele, dass wir unser Immunsystem ganz bewusst stärken müssen. Über andere Organe denken wir das seltener. Oder hast du dich schon mal gefragt, wie du deine Galle unterstützen kannst?
Gleichzeitig trauen viele dem Immunsystem zu, auf magische Weise mit neuartigen oder gefährlichen Erregern klarzukommen und sind deshalb Impfungen gegenüber oft skeptisch.
Das widerspricht sich.
Auch unsere Sprache hält solche Widersprüche am Leben und nährt falsche Mythen über das Immunsystem. Krautreporter-Leser:innen haben mir geholfen, sieben gängige Mythen zu identifizieren.
Mythos 1: Mein Immunsystem ist entweder stark oder schwach⬆ nach oben
Meistens führt uns das Bild von einem starken oder schwachen Immunsystem in die Irre, denn es sorgt für Schwarz-Weiß-Denken, so als ob das Immunsystem entweder funktioniert oder kaputt ist. Die wahre Stärke des Immunsystems ist seine enorme Flexibilität. Es kann sich schnell an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Das muss es auch, denn seine Hauptaufgabe besteht darin, körpereigene von körperfremden Molekülen zu unterscheiden, schädliche Substanzen unschädlich zu machen und dafür zu sorgen, dass sie vom Körper wieder ausgeschieden werden können.
Wir sind umgeben von Molekülen und Kleinstlebewesen, die in der Lage sind, auf ganz unterschiedlichen Wegen in den Körper einzudringen, wie zum Beispiel Sauerstoff, nützliche Bakterien oder fiese Erreger: Stets gilt es zu sortieren, was sich da gerade Zugang verschafft. Das Immunsystem muss nicht nur schnell reagieren können, sondern gezielt.
Die schnelle Reaktion aktiviert Zellen, die gut darin sind zu töten, aber nicht so präzise arbeiten. Die gezielte Reaktion setzt etwas später ein und aktiviert Zellen, die effektiv eine ganz bestimmte Art Erreger töten können – und zwar nur diese eine. Diese spezialisierten Zellen bilden sich durch den Kontakt mit dem Erreger aus. Den Bauplan dafür hat unser Körper bereits parat. Wie das funktioniert, habe ich im Text Ist unser Immunsystem durch die Pandemie schwächer geworden? beschrieben.
Hier ein Bild der unterschiedlichen Zelltypen, aus denen unser Immunsystem besteht und die in einer ausgeklügelten Choreografie zusammenarbeiten, je nach Art des Eindringlings.
Deutsche Gesellschaft für Immunologie
Die wahre Stärke des Immunsystems zeigt sich darin, dass es schnell die Zellen nach vorne schickt, die genau den Erreger unschädlich machen können, der gerade versucht, die hintereinander geschalteten Verteidigungslinien zu überwinden. Die unterschiedlichen Zelltypen müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.
Diese Fähigkeit lässt sich besser durch Worte wie schnelles, kompetentes oder flexibles Immunsystem beschreiben als durch stark, denn sie drücken aus, dass sich das Immunsystem je nach Situation permanent neu austariert.
Mythos 2: Krank zu werden ist der Beweis dafür, dass mein Immunsystem nicht gut funktioniert⬆ nach oben
Am besten versteht man das Problem in diesem Satz anhand eines Beispiels: Angenommen, ein Erkältungsvirus, zum Beispiel ein Rhinovirus, gelangt in deine Nase. Dort wird es von Immunzellen der Nasenschleimhaut als Schädling erkannt. Schleimproduzierende Zellen reagieren und umschließen das Virus mit Schleim. So hindern sie es daran, sich zu vermehren und setzen es fest. Je nachdem, wie viele Rhinoviren in deine Nase gelangt sind und wie schnell sie von den lokalen Immunzellen erkannt wurden, entwickelt sich viel oder wenig Schleim. Du bekommst bei wenigen Viren eine leicht verstopfte Nase, oder du bekommst einen starken Schnupfen, wenn viele Schleimzellen viel Schleim produzieren mussten.
So gesehen ist der Schnupfen ein Zeichen dafür, dass dein Immunsystem wunderbar funktioniert. Er hat verhindert, dass das Virus noch mehr Schaden anrichtet, zum Beispiel in deiner Lunge. Außerdem wird dein Körper durch den Schnupfen die Viren wieder los: durch Naseputzen oder indem der Schleim durch den Nasen-Rachen-Raum in den Magen-Darm-Trakt gelangt und verdaut wird.
Die körperliche Reaktion auf einfache Infekte macht dich schlapp, du willst deinen Körper schonen. Wenn du dich ausruhst und nicht unter Leute gehst, hat das einen positiven Nebeneffekt: Du hilfst dabei mit, das Virus nicht weiter zu verbreiten. Dein Immunsystem sorgt somit indirekt dafür, dass nie alle Menschen gleichzeitig durch den gleichen Erreger krank werden können.
Mythos 3: Wer zu wenige Infekte hat, schwächt sein Immunsystem⬆ nach oben
Wie oben beschrieben, spezialisieren sich bestimmte Immunzellen erst durch den Kontakt mit einem Erreger. Sie heißen T-Zellen. Baupläne, die der Körper von Geburt an in sich trägt, sorgen dafür, dass diese T-Zellen bei Bedarf gebildet werden können.
So gesehen ist jede Abwehrreaktion, die nicht stattfindet, eine Energiesparmaßnahme. Ob du wenig oder viel Kontakt zu Erregern hast, nimmt keinen Einfluss auf die generelle Kompetenz des Immunsystems. Es beeinflusst aber, wie viele spezialisierte Zellen der Körper vorrätig hält. Das Prinzip kennt man aus der Wirtschaft: Es ist oft kostengünstiger, bestimmte Güter erst dann zu produzieren, wenn sie bestellt werden.
Um diese ausgeklügelte Abwehrchoreografie zu entwickeln und zu verfeinern, ist das kindliche Immunsystem auf Umweltreize angewiesen. Kinder müssen dafür aber nicht ständig krank werden, sie sollten jedoch mit vielen unterschiedlichen Erregern Kontakt haben dürfen – vor allem mit harmlosen. Schutzimpfungen helfen ihrem Immunsystem, spezialisierte Zellen gegen gefährliche Erreger zu bilden, wie zum Beispiel Diphtherie. Die grundsätzliche Fähigkeit des Immunsystems, unterschiedliche körperfremde Moleküle zu erkennen, zu markieren, unschädlich zu machen und abzutransportieren, ist jedoch angeboren.
Wenn sich ein Erreger genetisch verändert und dabei auch seine Oberflächenmoleküle ändert, braucht der Körper beim nächsten Kontakt mit diesem Erreger oft länger, um die spezialisierte Abwehr zu aktivieren. Darum kann sich der Erreger länger ungestört im Körper vermehren. Das passiert gerade bei der Grippe: Die aktuell kursierende Grippevariante ist ansteckender und verursacht nach Beobachtungen von Mediziner:innen stärkere Krankheitsverläufe.
Mythos 4: Ohne zusätzliche Vitamine und lebende Bakterien arbeitet das Immunsystem nicht richtig⬆ nach oben
Ohne Zweifel: Vitamine sind unverzichtbar und die Bakterien, die unsere Haut und Schleimhäute besiedeln, sind nützlich. Sie helfen dem Körper, seine Aufgaben zu bewältigen: Atmen, Verdauen, Bewegen, Zellen erneuern oder sogar Wachsen, Schadstoffe und Überflüssiges abtransportieren, Denken, Fühlen, Schlafen und was du sonst noch machst.
Die Natur stellt ausreichend Vitamine bereit, sodass wir davon ausgehen können, gut versorgt zu sein, wenn wir uns an wissenschaftliche Ernährungsempfehlungen halten, zum Beispiel von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.
Weil sich dieses Ideal nicht immer einhalten lässt, sind viele Menschen unsicher, ob sie einen Vitaminmangel haben könnten, der sich auf ihr Immunsystem auswirkt. Unzählige Studien haben untersucht, ob wir weniger oft Infekte haben, wenn wir zusätzlich Vitamin C nehmen (Spoiler: nein), Vitamin D nehmen (Spoiler: vielleicht ein bisschen), Zink nehmen (Spoiler: eher nicht).
Dabei stellte sich heraus: Menschen, die keine Symptome haben, profitieren gesundheitlich nicht von Nahrungsergänzungsmitteln. Menschen, die einen nachgewiesenen Mangel haben oder einen erhöhten Nährstoffbedarf, zum Beispiel in der Schwangerschaft, sollten sich an die empfohlenen Tageshöchstmengen halten.
Lebende Bakterien in Joghurtdrinks und Tinkturen sollen das Mikrobiom des Darmes gesund halten. Dieses Mikrobiom spielt eine wichtige Rolle im Orchester der Immunabwehr. Ein artenreiches Mikrobiom kann dem Körper bei der Neubildung von Immunzellen helfen. Dafür muss man aber keine teuren Nahrungsmittel kaufen, die mit lebenden Bakterien angereichert wurden. Fermentierte Lebensmittel, wie zum Beispiel Naturjoghurt und Sauerkraut, sowie ausreichend Ballaststoffe, wie Vollkornbrot, sind in der Regel der bessere und günstigere Weg, das Darmmikrobiom zu füttern.
Den größten Einfluss darauf, ob wir einen Infekt bekommen, hat aber die Anzahl und die Art der Erreger, denen wir ausgesetzt sind und wie lange wir auf sie treffen. Hier spielen viele Umweltfaktoren eine Rolle. Einige dieser Umweltfaktoren können wir durch unser Verhalten beeinflussen: Wir können saisonal, regional, vielfältig und pflanzenbasiert essen, uns genügend bewegen, am besten an der frischen Luft, genügend schlafen und aufpassen, dass Stress möglichst nicht chronisch wird. All das hilft dem Immunsystem bei seiner Arbeit.
Diese Art der Selbstfürsorge ist im Winter zweifellos schwerer umsetzbar. Dazu kommt, dass wir im Winter mehr Menschen in geschlossenen Räumen treffen und damit potenziell mehr Kontakt zu Erregern haben. Außerdem sind die Schleimhäute durch Heizungsluft und Kälte trockener und damit sind weniger Immunzellen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die erste Abwehrlinie hat es im Winter schwerer, während sie zugleich mehr gefordert ist.
Mythos 5: Kälte ist gut fürs Immunsystem⬆ nach oben
Eisbaden, kalt duschen, Kneipp-Güsse oder Kältekammern: Der gezielte Kälteschock ist in. Für den Körper ist es Stress. Das Herz schlägt schneller und Stresshormone wie zum Beispiel Adrenalin fluten den Körper. Auch wenn wir die Kälte im ersten Moment als sehr unangenehm empfinden, fühlen wir uns danach hellwach, warm und manchmal sogar euphorisch. Ein Gefühl, das wir in nassen, grauen, dunklen Wintermonaten meistens nicht so leicht bekommen können.
Die Idee: Mit Kälteschocks lässt sich der Körper abhärten und die anhaltende Kälte des Winters besser wegstecken. Wissenschaftlich nachgewiesen ist ein positiver Kältereizeffekt auf das Immunsystem nicht. Wir wissen nur aus Einzelfallberichten, dass Kältereize zu weniger Infekten führen sollen. Solche Berichte fluten das Internet und können zwar glaubhaft sein, aber ein Beweis für einen positiven Effekt sind sie nicht. Genauer erklärt wird das Problem mit den wissenschaftlichen Nachweisen beim Medizin-Faktenchecker Medizin transparent.
Plausibel ist die Idee des Kälteschockeffekts schon. Man kann davon ausgehen, dass die Flexibilität der körperlichen Reaktion auf unterschiedliche Umweltreize dadurch gefördert wird. Wenn sich die Blutgefäße plötzlich durch den Kältereiz zusammenziehen, der Herzschlag hochfährt und die Blutbahn mit körpereigenen Botenstoffen geflutet wird und die Durchblutung und Körpertemperatur steigt, trainiert das die Flexibilität der körperlichen Reaktion in vielerlei Hinsicht. Diesen Effekt kann übrigens auch Sport haben. Körperliches Training kann die Reiz-Reaktions-Fähigkeit steigern, auch die des Immunsystems.
Immunolog:innen beobachten, dass zu wenig Umweltreize im Winter das Immunsystem offenbar wegdösen lassen: Wer es sich dauernd auf dem Sofa bequem macht, nimmt auch das Immunsystem mit.
Mythos 6: Dem Immunsystem geht es am besten ohne Stress⬆ nach oben
Kurze Stressreize bewirken, dass sich der Körper auf eine Anstrengung einstellt, das fördert schnelle Reiz-Reaktions-Muster.
Stress wird zum Problem, wenn er chronisch wird. Die permanente psychische Alarmbereitschaft sorgt dafür, dass die Anpassung an neue Umweltreize weniger gut funktioniert. Wer dauerhaft gestresst ist, bewegt sich psychisch und körperlich in einem engeren Rahmen, weil viel Energie fürs permanente Stressmanagement verbraucht wird. So, wie dann kleinste Missstimmungen mit Kolleg:innen oder Freund:innen die psychische Balance zum Einstürzen bringen können, büßt auch das Immunsystem seine Fähigkeit leichter ein, schnell und präzise auf Eindringlinge zu antworten.
Die Psychoneuroimmunologin Eva Peters vom Uni-Klinikum Gießen-Marburg sagte auf einem Vortrag bei der Ärztekammer Nordrhein dazu: „Virusinfektionen können unter langanhaltendem Stress schlechter kontrolliert werden. Das Immunsystem kann durch eine starke Forderung im Rahmen des Infektes dann nicht flexibel reagieren.“
Es geht ihrer Ansicht nach aber nicht darum, jeglichen Stress zu vermeiden, sondern für Ausgleich zu sorgen. „Alles, was uns in einen Zustand der Selbstwirksamkeit zurückversetzt, trägt dazu bei, dass neuroendokrine und Immuninteraktionen wieder in eine Balance kommen“, sagt Peters.
Mythos 7: Es gibt keine Geschlechterunterschiede beim Immunsystem⬆ nach oben
Alle Immunzellen haben Rezeptoren für Geschlechtshormone, das heißt, sie können durch Östrogen und Testosteron beeinflusst werden. Die Immunantwort eines Mädchens auf einen Erreger fällt stärker aus als die eines Jungen. Östrogen scheint die Funktion des Immunsystems zu fördern.
Das zeigt sich auch in der Kindersterblichkeit. Sie ist bei Jungen höher. Außerdem sterben mehr Männer als Frauen an Infektionskrankheiten, sagt der Immunologe Marcus Altfeld vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf in einem Interview.
Dafür leiden mehr Frauen als Männer an Autoimmunerkrankungen. Sie entstehen, wenn Zellen des Immunsystems körpereigenes Gewebe angreifen. Für den weiblichen Körper ist es besonders wichtig, Infektionen schnell unter Kontrolle zu bekommen, damit im Fall einer Schwangerschaft das Ungeborene ein geringeres Risiko hat. Deshalb liegt bei Frauen die Schwelle niedriger, ab der das Immunsystem auf einen Eindringling reagiert.
Diese Unterschiede in der Immunantwort der Geschlechter hat man zuletzt bei der Corona-Pandemie beobachtet: Männer hatten häufiger schwere Covid-Verläufe, Frauen sind öfter von Long Covid betroffen.
Was diese Unterschiede für die Prävention und Behandlung von Infektions- und Autoimmunerkrankungen bedeuten, muss weiter erforscht werden. Im Moment unterscheiden sich die Empfehlungen für Männer, Frauen und trans Personen nicht. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Frauen eine geringere Impfstoffdosis benötigen könnten.
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert