Kind im Nebel auf einer Landstraße, dahinter surealistisch eingefügte Wanduhr

Richard Stachmann/baona/Getty Images

Kinder und Bildung

Schulstart um 8 Uhr? Das sagen die Studien

Schulen dürfen eigentlich selbst entscheiden, wann der Unterricht beginnt. Die meisten starten trotzdem um 8 Uhr. Das hat Auswirkungen.

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Wilma fragt: „Schule um 8 Uhr morgens. Muss das sein? Ist das zeitgemäß?“

Ich kann mich zu gut an dieses Gefühl erinnern, als der Wecker um 6.30 Uhr klingelte und ich im Dunkeln im Bett lag, eingewickelt in die warme Bettdecke. Ein paar Minuten später saß ich am Frühstückstisch und schob Müsli in meinen Mund, studierte als Grundschulkind die Beschriftungen auf der Müslipackung und später die Zeitungen.

Die Uhrzeit des Schulbeginns habe ich nie hinterfragt. Das war halt so. Müdigkeit und Dunkelheit hin oder her, um 8 Uhr saßen ich und alle anderen im Klassenzimmer. Zumindest die Pünktlichen unter uns. Und jetzt, zehn Jahre später, läutet der Gong in Deutschland immer noch um die gleiche Zeit. Wobei, das stimmt nicht ganz: Manche Schulen haben sich gegen das Acht-Uhr-Regime entschieden, aber dazu gleich mehr.

Deutschland ist im europäischen Vergleich ziemlich früh dran. In Finnland und Dänemark, aber auch in Spanien und Portugal beginnt die Schule eher um 8.30 Uhr oder sogar erst um 9 Uhr.

Die Frage unserer Leserin Wilma ist Grund genug, die Uhrzeit des Schulbeginns nicht mehr unhinterfragt hinzunehmen, sondern sich anzuschauen, was dafür und was dagegen spricht.

Warum so viele an der Acht-Uhr-Regelung festhalten⬆ nach oben

Als Argumente gegen einen späteren Schulstart werden immer wieder die Arbeitszeiten der Eltern genannt: Die Eltern müssten ihre Kinder vor der Arbeit noch in der Schule vorbeibringen. Dieses Argument gilt aber spätestens ab der weiterführenden Schule nicht mehr, denn hier gehen die meisten Kinder hoffentlich selbstständig in die Schule.

Ein weiteres beliebtes Argument, besonders bei Politiker:innen: die Busfahrzeiten! Die müssten nämlich angepasst werden, wenn sich der Schulbeginn nach hinten verschieben würde. Und dann gibt es noch das Argument, dass man durch einen späteren Start auch später nach Hause kommen würde. Da wüsste ich selbst nicht, wofür mein Schülerinnen-Ich stimmen würde.

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Ich glaube aber, dass auch eine gewisse Haltung dazu beiträgt, dass am Schulbeginn um 8 Uhr festgehalten wird. Unter einem Text des MDR über einen späteren Schulstart kommentierte Harka2: „Schulbeginn um 9 Uhr und ab 12 Uhr Mittagsschlaf, nachmittags noch ein bissl spielen und fertig sind die Vollidioten.“ Die Person glaubt also, dass echte Macher um 8 Uhr in der Schule sitzen und Leute, die lieber länger schlafen würden, Versager sind. Die Neun-Uhr-Starter wären quasi die Lifestyle-Teilzeit-Arbeitenden unter den Schüler:innen.

Warum so viele Menschen für einen späteren Schulstart argumentieren⬆ nach oben

Die Debatte um einen späteren Schulstart ist in etwa so alt wie ich (30 Jahre). Seitdem gibt es neue Erkenntnisse aus der Schlafmedizin-Forschung und der Chronobiologie, also der Wissenschaft, die sich mit den zeitlichen Rhythmen von biologischen Prozessen in unseren Körpern beschäftigt.

Es ist nämlich so: Kinder und Jugendliche brauchen mehr Schlaf als Erwachsene. Grundschüler:innen im Schnitt zehn bis elf Stunden pro Nacht, Jugendliche immerhin noch neun Stunden. In einer Schweizer Studie wurden mehr als 5.000 Jugendliche befragt: Demnach schlafen sie an Schultagen im Schnitt 7,75 Stunden und an freien Tagen 9,5 Stunden. Bei Jugendlichen kommt noch hinzu, dass sich ihr Biorhythmus nach hinten verschiebt, sie werden tatsächlich später müde und demnach auch später wach.

Die Annahme ist: Schlafen Kinder und Jugendliche weniger als eigentlich nötig, geht es ihnen schlechter. Und darunter leidet auch ihre Leistung in der Schule. Es gibt eine große Anzahl Studien, die genau das untersucht haben.

Die Wissenschaftler:innen hinter dieser Studie aus den USA haben mehr als 9.000 Schüler:innen an neun Highschools über drei Jahre begleitet. Schüler:innen mit weniger als acht Stunden Schlaf zeigen der Studie zufolge mehr depressive Symptome, einen höheren Koffeinkonsum und ein erhöhtes Risiko, unkluge Entscheidungen im Umgang mit Drogen zu treffen. Außerdem sei die Anzahl von Autounfällen durch einen Schulstart um 8.55 Uhr statt 7.35 Uhr reduziert worden.

Diese Meta-Studie aus den USA hat 38 Studien verglichen und den Einfluss von einem späteren Schulstart auf Schüler:innen untersucht. Das Ergebnis: Bei einem späteren Start, bereits bei einer halben Stunde, schlafen Schüler:innen länger. Das führe zu einer besseren Anwesenheit, weniger Zuspätkommen, weniger Einschlafen im Unterricht und besseren Noten.

Diese Studie aus der Schweiz hat mehr als 5.000 Schüler:innen befragt, was sie von einem späteren Schulstart halten. 63 Prozent fänden einen späteren Start besser. Der Durchschnitt der von den Schüler:innen gewünschten Uhrzeiten für den Start der Schule ist 8.38 Uhr. Aktuell beginnt in der Schweiz an vielen Orten bereits um 7.30 Uhr die Schule. Besonders die Schüler:innen mit Schlaf- und Gesundheitsproblemen befürworteten einen späteren Start. Sie machten auch Vorschläge, wie man den späteren Start kompensieren könnte, zum Beispiel durch kürzere Pausen.

Schulen dürfen selbst entscheiden, wann der Unterricht beginnt⬆ nach oben

Tatsächlich können Schulen in Deutschland selbst entscheiden, wann sie starten. Das Kultusministerium ihres jeweiligen Bundeslandes gibt ihnen lediglich einen Zeitraum vor, der meist zwischen 7 und 9 Uhr liegt. Wenn eine Schule den Schulstart umstellen will, muss sie aber die Schulbehörde um Erlaubnis bitten.

Es braucht also Leute (Schulleitungen), die bereit sind, die Strukturen in ihrer Schule zu überdenken. Das ist natürlich anstrengend. Eine etwas niedrigschwelligere Möglichkeit wäre zum Beispiel, die Schüler:innen erst zu einer späteren Uhrzeit Prüfungen schreiben zu lassen.

Eine Schule in Leipzig hat 2021 einen früheren Schulstart für die fünften und sechsten Klassen eingeführt, nämlich um 7.50 Uhr, und einen späteren für alle anderen Jahrgänge um 8.45 Uhr.

Ein Gymnasium in Alsdorf in Nordrhein-Westfalen macht etwas beinah Revolutionäres: Die Jugendlichen dort können selbst entscheiden, wann sie starten. Manche starten schon um 8 Uhr ihren Schultag, andere erst um 9 Uhr. Das funktioniert, weil die Schule nach dem Konzept der Daltonpädagogik lehrt, bei der es viele Selbstlernphasen gibt. Das heißt, die Schüler:innen können selbst organisieren, wann sie was lernen.

Auslöser für die Einführung der Gleitzeit war eine Fortbildung im Jahr 2015, berichtet der Schulleiter Martin Wüller im Gespräch mit „Lautstark“, dem Mitgliedermagazin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Ein Erziehungswissenschaftler hatte das Konzept vorgestellt und gesagt, im Einklang mit dem Biorhythmus zu lernen, sei ein Merkmal „guter Schulen“. Da war Herr Wüller angefixt. Der Schulleiter beschreibt, die Schüler:innen seien nach der Einführung der Gleitzeit wie ausgewechselt gewesen.

Es gibt eine neue Studie aus der Schweiz, die die Erfahrungen des Alsdorfer Gymnasiums bestätigen. Wissenschaftler:innen der Universität Zürich und dem Universitäts-Kinderspital Zürich haben untersucht, wie sich die Möglichkeit, später in die Schule zu gehen, auf die Gesundheit und die schulischen Leistungen auswirkt. Die Jugendlichen zweier Oberstufen konnten an sich aussuchen, ob sie den Tag um 7.30 Uhr oder um 8.30 Uhr starten. 95 Prozent nutzten die Möglichkeit des späteren Schulstarts. Diese Jugendlichen schliefen im Schnitt 45 Minuten länger, berichteten weniger häufig von Einschlafproblemen und zeigten zudem bessere Lernleistungen in Englisch und Mathe.


Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer

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