Eine meiner Patientinnen leidet unter starkem Übergewicht. Ihr Diabetes war trotz teurer Medikamente schlecht eingestellt. Im Juni 2019 entschied sie gemeinsam mit mir, ihre Ernährung auf vollwertigere, pflanzenbasierte Lebensmittel umzustellen.
Sie nahm die Herausforderung begeistert an und konnte große Erfolge erzielen. Sie aß mehr Obst und Gemüse, ließ Süßigkeiten, Kekse und Kuchen weg und nahm weniger Lebensmittel aus tierischen Quellen zu sich. Nach sechs Monaten hatte sie gut 8,5 Kilogramm abgenommen und ihr HbA1c-Wert (ihr durchschnittlicher Blutzuckerwert) sank von 11,5 auf 7,6 Prozent.
Das war ein so großer Erfolg, dass ich davon ausging, ihr HbA1c-Wert würde weiter sinken und sie könnte die Diabetes durch die Umstellung auf eine pflanzenbasierte Ernährung weiter zurückdrängen.
Um Zucker kursieren hartnäckige Mythen⬆ nach oben
Ihr nächster Termin, drei Monate später, im März 2020, musste wegen der Covid-19-Lockdowns ausfallen. Als ich sie im Mai 2021 wiedersah, hatte sie wieder etwas zugenommen, und ihr HbA1c-Wert war auf 10,4 Prozent gestiegen. Sie erklärte mir, ihr Diabetes-Arzt und ihr Diabetes-Berater hätten gesagt, dass sie mit ihrer pflanzenbasierten Ernährung zu viel „Zucker“ zu sich nehme.
Ihr wurde geraten, die Kohlenhydratzufuhr zu reduzieren, indem sie weniger Obst und stärkehaltiges Gemüse esse und stattdessen mehr Fisch und Hähnchenfleisch zu sich nehme. Zuckerfreie Süßigkeiten, Kuchen, Kekse und künstliche Süßstoffe wären hingegen erlaubt. Nach dieser widersprüchlichen medizinischen Empfehlung übernahm sie wieder die gängige Vorstellung: „Zucker“ sei grundsätzlich schlecht und müsse, besonders bei Diabetes, möglichst vermieden werden.
Ich bin Ärztin mit einer Zertifizierung in präventiver Medizin und leite die Klinik für Lebensstilmedizin Morehouse Healthcare in Atlanta. Dieses noch junge medizinische Fachgebiet hilft Patientinnen und Patienten, gesunde Verhaltensänderungen in ihrem Lebensstil zu verankern. Wer auf eine vollwertige, pflanzenbasierte Ernährung umstellt, nimmt in der Regel mehr Kohlenhydrate zu sich – und erlebt nicht selten, dass chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck sich verbessern. In meiner täglichen Praxis zeigt sich allerdings immer wieder: Rund um „Zucker“ und Kohlenhydrate kursieren hartnäckige Mythen – nicht nur unter Patientinnen und Patienten, sondern auch im medizinischen Umfeld.
Früchte vs. Zucker⬆ nach oben
Glukose ist der Treibstoff, der unseren Körper am Laufen hält. Und Glukose ist ganz einfach Zucker, den die Zellen in Energie umwandeln.
Das sind die drei Arten der Einfachzuckermoleküle, die in Stärke, Obst und Milch vorkommen. | Trinset/ iStock via Getty Images Plus
Glukose ist ein molekularer Baustein von Kohlenhydraten und damit neben Fetten und Proteinen einer von drei wesentlichen Makronährstoffen. Stärke besteht aus langen, verzweigten Glukoseketten.
Ketten aus miteinander verbundenen Einfachzuckermolekülen bilden Stärke und andere Kohlenhydrate. | Trinset/iStock via Getty Images Plus
Natürlich vorkommende Kohlenhydrate stecken in nährstoffreichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Nüssen und Samen.
Unsere Vorliebe für Süßes ist evolutionär bedingt, denn sie sorgt dafür, dass wir die Nährstoffe bekommen, die wir brauchen, um zu überleben. Wir brauchen täglich Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe, weil unser Körper sie nicht selbst herstellen kann. Für unsere Vorfahr:innen waren süße, reife und leckere Früchte die beste Quelle für diese Nährstoffe. Außerdem enthalten Früchte Phytonährstoffe und Antioxidantien. Das sind Substanzen, die nur Pflanzen herstellen können. Phytonährstoffe wie etwa antiallergene Ellagsäure in Erdbeeren gelten als krebshemmend und als förderlich für die Herzgesundheit.
Raffinierter Zucker dagegen ist hochverarbeitet und enthält gar keine Nährstoffe mehr außer Kalorien. Er ist eine konzentrierte Form von Kohlenhydraten. Die Lebensmittelindustrie produziert raffinierten Zucker in unterschiedlichen Varianten. Die geläufigste Form sind Saccharosekristalle, besser bekannt als Haushaltszucker, sowie Maissirup mit hohem Fruktoseanteil, der in zahlreichen verarbeiteten Produkten und gesüßten Getränken steckt.
Wer sein Verlangen nach Süßem regelmäßig mit Lebensmitteln stillt, die raffinierten Zucker enthalten und nicht mit nährstoffreichen Früchten, die der Grund für diese evolutionäre Vorliebe sind, der bekommt möglicherweise nicht alle Nährstoffe, die er oder sie braucht. Auf Dauer kann daraus ein Teufelskreis entstehen: Da der Körper nicht genug Nährstoffe bekommt, verlangt er nach mehr, und man isst mehr, als man braucht. Übergewicht und damit verbundene Gesundheitsprobleme sind die Folge. Frauen dagegen, die mehr Obst essen, haben ein geringeres Risiko für Übergewicht.
Ist Zucker wirklich Gift für die Zellen?⬆ nach oben
Raffinierter Zucker ist nicht direkt giftig für die Zellen, aber in Kombination mit Proteinen und Fetten in Lebensmitteln und im Blutkreislauf kann er toxische Substanzen wie die sogenannten Advanced Glycation Endproducts (AGEs) erzeugen. Ein hoher Blutzuckerspiegel kann dazu führen, dass sogenannte glykierte Low-Density-Lipoproteine entstehen. Erhöhte Konzentrationen dieser und anderer glukosebedingter toxischer Substanzen stehen mit einem erhöhten Risiko für eine Vielzahl chronischer Erkrankungen in Verbindung, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
Die Krankheit, die am meisten mit Zucker in Verbindung steht, ist Typ-2-Diabetes. Eine überraschend große Anzahl an Menschen, darunter Fachleute im Gesundheitswesen, glauben fälschlicherweise, dass Zucker Typ-2-Diabetes verursacht. Dieser Mythos führt dazu, dass geraten wird, den Blutzucker niedrig zu halten und „Kohlenhydrate zu zählen“. Der wahre Grund für Diabetes ist aber ein anderer: der fortschreitende Verlust der Funktion von Betazellen in der Bauchspeicheldrüse. Bis die Diagnose gestellt wird, können bereits 40 bis 60 Prozent dieser Zellen, die für die Insulinproduktion verantwortlich sind, verloren gegangen sein.
Insulin ist ein Hormon, das kontrolliert, wie viel Glukose sich im Blutkreislauf befindet, indem es die Glukoseproduktion in der Leber hemmt und stattdessen die Aufnahme von Glukose in Fett- und Muskelzellen fördert. Wenn nun Betazellen verloren gehen, bedeutet das, dass nicht genug Insulin produziert wird, was sich in dem hohen Blutzuckerspiegel niederschlägt, der typisch für Typ-2-Diabetes ist.
Betazellen verfügen nur über wenige Antioxidantien und sind daher anfällig für Angriffe von oxidierten freien Radikalen, die durch den Stoffwechsel entstehen und durch die Nahrung zugeführt werden, sowie durch AGEs. Antioxidantien aus Obst können diese Zellen schützen. Studien zeigen zudem, dass der Verzehr von ganzem Obst das Risiko für Typ-2-Diabetes senkt und dass die Menschen mit dem höchsten Obstkonsum das geringste Risiko aufweisen.
Eine „Zucker-Diät“ ist verschwendete Zeit⬆ nach oben
Menschen, die abnehmen und ihre Gesundheit verbessern wollen, fragen oft, ob sie eine „Zucker-Diät“ machen sollen. Meiner Meinung nach ist das verschwendete Zeit, weil es nicht möglich ist, Zucker komplett aus dem Körper zu verbannen. Ein Beispiel: Selbst wenn man nur im Backofen zubereitete Hähnchenbrust zu sich nehmen würde, würde die Leber das Protein daraus in Glukose umwandeln. Dieser Prozess heißt Glukoneogenese.
Eine kohlenhydratarme Ernährung führt vielleicht dazu, dass man Gewicht verliert, aber auf Kosten der Gesundheit. Diäten, bei denen man die Kohlenhydrate stark reduziert, stehen in Verdacht, zu Nährstoffmangel zu führen und generell das Sterberisiko zu erhöhen. Bei kohlenhydratarmen, ketogenen Ernährungsformen greift der Körper auf Muskelgewebe zurück und wandelt dessen Eiweiß in Glukose um. Zudem führt der Mangel an Ballaststoffen häufig zu Verstopfung.
Auf stark zuckerhaltig gesüßte Produkte zu verzichten, ist ein sinnvolles Ziel. Doch es sollte nicht als kurzfristige „Entgiftung“ verstanden werden, sondern als dauerhafte Veränderung des Lebensstils. Am sichersten gelingt ein solcher Verzicht, wenn man stattdessen mehr nährstoffreiches Obst und Gemüse isst. Wer raffinierten Zucker weglässt, stellt häufig fest, dass sich auch der Geschmackssinn verändert: Die natürliche Süße von Früchten wird intensiver wahrgenommen und ganz anders wertgeschätzt.
Dieser Artikel ist zuerst am 14. Januar 2026 auf Englisch bei The Conversation erschienen. Wir haben ihn mit Einverständnis der Autorin übersetzt. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen.
Übersetzung: Nina Roßmann, Redaktion: Alexander Krützfeldt, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer; Audioversion: Iris Hochberger
