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Hi!
Ich habe mir in meinem ganzen Leben noch keine Vorsätze fürs neue Jahr vorgenommen. Ich weiß sowieso, dass ich mich nicht dran halte. Und ich werde jetzt bestimmt nicht mit Vorsätzen anfangen. Für mich ist es zu spät, vielleicht haben spätere Generationen mehr Erfolg. Wobei – vielleicht tue ich es mit einem Monat Verspätung nun doch.
Weird? Ja, sonst würde ich einen Newsletter schreiben, der „Normal“ heißt, oder „Alles wie immer.“ Aber genug von mir. Reden wir lieber über meine Kollegin Katrin. Die nämlich hat für ihren eigenen Newsletter Heise Scheise eine derart symphatische und machbare Version für einen Neujahrsvorsatz aufgeschrieben, dass ich sie gefragt habe, ob wir ihn in diesen Newsletter übernehmen dürfen. Dürfen wir.
Hier ist er also. Viel Spaß beim Lesen!
Lass das erstmal auf dich wirken⬆ nach oben
Ich habe dieses Jahr keine Vorsätze. Wirklich nicht. Dieses Jahr will ich etwas anderes ausprobieren.Es ist so eine Art Jahresmotto. Und es ist ganz simpel. Dieses Jahr lautet es einfach nur: SETTLE.
Der Begriff ist leicht zu merken und erinnert mich alle paar Wochen daran, worauf ich mich fokussieren will: Ich möchte öfter in mich reinhören, gerade dann, wenn ich viel im Außen bin. Statt zu funktionieren will ich vielleicht erstmal was trinken, aufs Klo, was kochen, mich kurz hinsetzen oder in die Leere starren. Das klingt albern, aber vor allem im Sommer ist das durchaus ein Problem bei mir.
Als extrovertierter Mensch mit viel Energie fühle ich mich sehr wohl im Außen. Und manchmal vergesse ich mich dabei.
Also: Wenn jemand fragt „Willst du das?“ – dann möchte ich meinen Körper stärker in die Rechnung mit einbeziehen. Zwackt’s im Bauch? Ein Störgefühl im linken Zeh? Detective Katrin hält 2026 die Lupe drauf. Dabei liefert der Körper natürlich nur Rohdaten, keine Wahrheiten. Ich sammle Hinweise. Der Bauch hat eine Meinung, aber nicht automatisch das letzte Wort.
Den Körper in Entscheidungen und Handlungen einzubeziehen heißt auch: Die Antwort darf sich verzögern.
Eine Freundin erzählte mir kürzlich: „Als er mich gefragt hat, ob ich mit zu ihm kommen möchte, habe ich einfach gesagt: Warte, ich hör mal kurz in mich rein.“
Und das tat sie dann auch. In aller Seelenruhe schloss sie ihr Fahrrad ab, packte ihren Rucksack, erledigte dieses und jenes, während er tatenlos zusah. Sie horchte in sich hinein. Und hatte schließlich ihre Antwort. Sie ging mit. War gut!
Ich fand das unerhört.
Unerhört, weil sie sich etwas genommen hat, das wir selten einander zugestehen: Zeit zwischen Reiz und Reaktion. Ein Fenster aufmachen, bevor das Gespräch weitergeht. Aufstehen und sich wieder hinsetzen. Oder – noch verrückter – offen sagen, dass man es gerade noch nicht weiß.
Eine Entscheidung ist nicht immer ein klares Ja oder Nein. Manchmal ist sie ein „noch nicht“, ein „in kleiner Dosis“ oder ein „unter bestimmten Bedingungen“.
Wie oft hast du solche Sätze schon gehört?⬆ nach oben
- Ich brauche ein paar Minuten, um darüber nachzudenken. Ich melde mich gleich zurück.
- Lasst uns darüber eine Nacht schlafen.
- Ich habe dazu ein Störgefühl, das ich noch nicht benennen kann. Aber bis morgen habe ich eine Antwort.
- Ich gehe mal eine Runde und komme mit einer Entscheidung zurück.
Vermutlich nicht besonders oft. Und wenn doch, dann hast du es wahrscheinlich mit Menschen zu tun, die ihren Körper bereits gut mit einbeziehen.
In meinen 20ern dachte ich, dass Zögern unsicher wirkt. Sofortige Antworten wirken hingegen souverän. Dabei ist es oft genau andersherum: Wer sich Zeit nimmt, handelt stimmiger und übernimmt Verantwortung für die Situation.
Sich Zeit zu nehmen ist auch eine soziale Fähigkeit. Ich reguliere nicht nur mich, sondern lade mein Gegenüber ein, das Tempo kurz zu drosseln.
In Wahrheit ist dieses „Ich melde mich später“ oft ein Beziehungsangebot: Lass uns kurz aus dem Autopiloten aussteigen.
Ich könnte es 2026 also sogar noch auf die Spitze treiben und anderen aktiv Zeit anbieten: „Du kannst mir gern erst heute Nachmittag Bescheid geben.“
Oder dieser Satz hier, der ist so schön. Wie Musik in den Ohren:
„Lass das mal eine Weile auf dich wirken.“
Wollen wir den dieses Jahr in unseren Sprachgebrauch mit aufnehmen? Ich bin dafür.
EURE ANTWORTEN
Rebecca hat gefragt: „Bist du selbst arm aufgewachsen? Welche Handlungen von Menschen in deinem Umfeld haben dir geholfen?“
Martin hat geantwortet:
Nicht beschämende, punktgenaue, Großzügigkeit auf allen Ebenen.
Gesehen und wahrgenommen worden sein.
Fröhliche Freundlichkeit!
Dies alles und noch viel mehr hat geholfen.
Ein gut bezahlter Ferienjob und manchmal auch Klauen.
(Als ein fairer Dieb.).
TEXT DER WOCHE⬆ nach oben
Unsere Reporterin Toyah Höher stapft wie so viele von uns durch Schneematch und Kälte. Aber sie mag darüber nicht mehr Jammern. Stattdessen hat sie sich etwas Großes vorgenommen.
FALKS BLICK AUF DIE WELT⬆ nach oben
Credit: Falk Louis