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Neulich bin ich morgens an meiner alten Schule vorbeigefahren, es war genau 7.55 Uhr. Woher ich das weiß? Es hat gerade zur ersten Stunde geklingelt, und die letzten Schüler:innen sind noch schnell ins Gebäude gerast. Dass das Schulleben von einer Glocke in Blöcke zerteilt wird, kenne ich noch aus meiner eigenen Schulzeit. Meine Eltern kennen das auch aus ihrer Schulzeit. Und nach der Recherche für die heutige Ausgabe weiß ich: meine Großeltern auch.
In unserer Newsletter-Serie „War halt schon immer so“ schauen wir uns an, woher die Regeln für unser Schulsystem eigentlich kommen und stimmen mit euch darüber ab, ob sie heute noch sinnvoll sind. Vor einer Woche hat Lea euch gefragt, ob das zwei- bzw. dreigliedrige Schulsystem bleiben kann – oder ob man es abschaffen sollte. Genau 90 Prozent von euch fanden: Kann weg. Mal schauen, ob die Abstimmung heute genauso deutlich wird.
Eine bleierne Schwere lastet auf der ganzen Klasse⬆ nach oben
Zurück also zur Schulglocke und willkommen im Jahr 1911. Am 22. August schrieb der preußische Kultusminister August von Trott in einem Erlass:
„Ich bestimme, dass an allen höheren Lehranstalten die Dauer der Unterrichtsstunde allgemein auf 45 Minuten festzusetzen ist.“
Zuvor gab es tatsächlich vor allem 60-Minuten-Blöcke. Der Unterricht fand vormittags von 8 bis 11 Uhr und nachmittags von 14 bis 16 Uhr statt. Und dazwischen? Tja, da lag ziemlich viel Zeit. Die Kinder gingen nach Hause, einige brachten ihren Vätern das Mittagessen zur Arbeit und gingen später zurück zur Schule. Das gefiel einer relativ neuen Wissenschaft gar nicht: der experimentellen Psychologie. Forschende führten schon Ende des 19. Jahrhunderts sogenannte Ermüdungsmessungen an Schulkindern durch und stellten fest, dass 60 Minuten doch schon arg müde machten. Außerdem seien die Nachmittagsstunden durch das Einsetzen der Verdauung nach dem Mittagessen geradezu unbrauchbar. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hieß es, eine bleierne Schwere laste dann oft auf der ganzen Klasse.
Es brauchte also kleinere Häppchen, in der Schule, nicht beim Essen. August von Trott hörte auf die Wissenschaft und veränderte das Schulsystem grundlegend. Durch die sogenannten Kurzstunden (also 45 Minuten) konnte der Unterricht nun vollständig am Vormittag stattfinden.
Man kann ja nicht immer auf die Wissenschaft hören⬆ nach oben
Aber es waren auch damals schon nicht alle Fans von seiner 45-Minuten-Idee, zum Beispiel das „Lexikon der Pädagogik“, ein monumentales Nachschlagewerk, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts als der Goldstandard für pädagogisches Wissen im deutschsprachigen (insbesondere katholischen) Raum galt. Dort wurde die Taktung in den Jahren nach der Einführung stark kritisiert: „Da außerdem die Pausen gekürzt sind, werden die Lehrer systematisch zu militärischer Pünktlichkeit, wenn nicht zu übertriebener Hast angetrieben, die jede Behaglichkeit verbannt und die Nerven schädigt. Sie entspricht zu sehr dem ruhelosen Geiste unseres Zeitalters, um als Symbol pädagogischer Weisheit und Vollkommenheit gelten zu dürfen.“
Gekürzte Pausen? Das entsprach nun so gar nicht den damaligen Erkenntnissen der experimentellen Psychologie. Die Forschenden forderten eigentlich: Je weiter der Schultag voranschreite, desto länger sollten die Pausen sein. Aber man kann schließlich nicht immer auf die Wissenschaft hören. Das galt wohl damals schon.
Gegen Ende der Weimarer Republik sollte der Unterricht wieder auf 50 Minuten pro Stunde umgestellt werden, aber die Lehrkräfte liefen Sturm und verwiesen auf die Überlastung und Gesundheitsrisiken: „Nach einem fünfstündigen 50-Minutenunterricht ist es einfach ausgeschlossen, von jungen Leuten, die in der Entwicklungszeit stehen oder sie eben überwunden haben, irgendwelche geistige Anstrengung zu verlangen.“ Klar: Die fünf Minuten mehr pro Unterrichtsstunde hätten die Gehirne der Kinder vollkommen aus der Fassung gebracht. Kurz nach Hitlers Machtübernahme stellte die preußische Schulverwaltung dann klar, dass es bei dem 45-Minuten-Takt bleibt. Und diesen Rhythmus kennen heute noch viele, viele Schulen. Und nicht nur die.
Heute wird immer noch in 45-Minuten-Abschnitten gedacht⬆ nach oben
Heute dürfen die Schulen zwar weitgehend selbst entscheiden, in welchem Takt sie unterrichten, die Schulbücher und Lehrpläne basieren aber immer noch auf der Idee von 1911. Schulleitungen berechnen mit den 45-Minuten-Einheiten, wie viele Stellen sie zur Verfügung haben. 60 Minuten, also eine normale Zeitstunde, sind in der Schulverwaltung immer noch 1 1/3 Stunden. Teilweise sind sogar die örtlichen Busbetriebe darauf ausgerichtet, dass die Schulstunden 45 Minuten dauern. Wenn dann eine von mehreren Schulen in einem Ort umdenkt, kann das Chaos auslösen. Oder zumindest dazu führen, dass Kinder deutlich länger auf ihren Bus warten müssen.
Nachdem ich an meiner alten Schule vorbeigefahren bin, wollte ich wissen, wie sie heute den Unterricht taktet. Denn schon als ich dort zwischen Gebäude 1, Gebäude 2 und dem dazwischenliegenden Penny-Markt (inoffiziell: Gebäude 3) hin- und hergependelt bin, war der Tag in revolutionäre 60-Minuten-Blöcke eingeteilt.
Unterricht-Pause-Unterricht-Pause: Ist das noch sinnvoll?⬆ nach oben
Und tatsächlich: Auf der Webseite meines alten Gymnasiums steht: „Als die Länge der Schulstunde vor etwa 100 Jahren auf 45 Minuten festgelegt wurde, lagen mit Sicherheit andere Rahmenbedingungen vor und die Ansprüche an die Gestaltung einer Unterrichtsstunde waren nicht diejenigen, die heute gelten. […] 45 Minuten sind oft zu wenig, um die wünschenswerten methodischen Elemente einer Schulstunde angemessen einzusetzen. Manches kann nicht in der notwendigen Tiefe durchgeführt werden oder bleibt in 45 Minuten ganz auf der Strecke.“ Deshalb gibt es heute 90-Minuten-Einheiten. Die Autor:innen des „Lexikon der Pädagogik“ von 1914 hätten applaudiert.
Einige Schulen gehen heute aber noch einen Schritt weiter. Da geht es nicht mehr um die Frage, ob die Unterrichtsstunde 45, 55, 60 oder 90 Minuten dauern sollte. Sondern um die Frage, ob es sie überhaupt noch geben sollte. Es wird nicht mehr an der Dauer von Unterricht gerüttelt, sondern an dem Unterricht selbst. Wer sagt denn, dass Lernen am besten funktioniert, wenn man sich 45 (oder 60 oder 90) Minuten lang mit 30 anderen Schüler:innen und mit dem gleichen Thema beschäftigt? An manchen Schulen lernen die Schüler:innen deshalb selbstständig, im eigenen Tempo, ohne langwierigen Frontalunterricht, mit kurzen Input-Stunden der Lehrkräfte, in Baumhäusern und Lernateliers. (Hier habe ich darüber berichtet.)
Deshalb ist meine Frage heute auch nicht, wie lang Unterrichtsstunden dauern sollten. Sondern:
Abstimmung⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Sollte der Schulalltag weiterhin in Blöcke „Unterricht-Pause-Unterricht-Pause“ eingeteilt sein – oder kann dieses Konstrukt weg?
Redaktion: Lea Schönborn, Fotoredaktion: Gabriel Schaefer, Schlussredaktion: Susan Mücke.