Portrait im Garten der Protagonisten.

PhilippSipos

Gute Nachrichten

Diese fünf Freunde leben echte Inklusion

In einer WG in Würzburg leben drei Menschen mit Behinderung und zwei Menschen ohne zusammen. Weil sie Freunde sind und herausfinden wollen, wie Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben aussehen kann.

Oftmals kann jemand wie Fabian nicht entscheiden, mit wem er zusammen wohnen will. Nico und Christian auch nicht. Hier in der Würzburger WG, in der es an diesem Samstagmorgen nach Kaffee riecht, Nico frühstückt, Fabian Mittag isst und Christian schon satt ist, Anni und Lukas noch in ihren Zimmern sind, ist es anders als üblich.

Was Menschen ihnen zutrauen, ihnen ermöglichen, ihnen erlauben, darin unterscheiden sich Fabian, Nico und Christian von ihren beiden Mitbewohner:innen Anni und Lukas. Sie unterscheiden sich darin wegen der Anzahl ihrer Chromosomen. Anni und Lukas haben 46, Fabian, Nico und Christian 47 und damit eines mehr. Genauer, das 21. Chromosom. Die Diagnose: Trisomie 21. Die Folge: oftmals ein Leben zwischen Bevormundung und Fremdbestimmung.

Werden Menschen mit Down-Syndrom erwachsen und müssen oder wollen sie das Elternhaus verlassen, ziehen die meisten von ihnen in Wohngruppen und wohnen dort mit anderen Menschen mit Down-Syndrom und Betreuer:innen zusammen. Oder aber sie ziehen in inklusive WGs, für die sich Menschen ohne Behinderung bewerben, die dann die Bewohner:innen mit Behinderung betreuen und im Alltag unterstützen. Hilfe gegen weniger Miete.

Hier in der WG in Würzburg, in dem dreistöckigen Haus mit dem verwilderten Garten, wollten sie einen anderen Weg finden. Fünf Freunde unter einem Dach, die sich freiwillig zusammen getan haben. „Ein Leuchtturmprojekt“, nennt es Fabians Vater Wolfgang Trosbach. Es ist zumindest ein Versuch auszuloten und sich zu fragen, inwieweit die Gesellschaft Menschen mit Behinderung zutraut, ihr eigenes Leben zu gestalten. Im Zweifel auch mit Fehlern und falschen Entscheidungen, mit zu wenig Sport oder zu viel ungesundem Essen. Und es ist ein Versuch, Inklusion zu leben und zwar so, dass die fünf Freunde Freunde bleiben können und nicht zu Betreuern oder Betreuten werden.

Die Brüder Lukas (links) und Fabian (Mitte) und Nico waren erst Freunde, bevor sie Mitbewohner wurden.

Die Brüder Lukas (links) und Fabian (Mitte) und Nico waren erst Freunde, bevor sie Mitbewohner wurden. | © Philipp Sipos

Zuerst war da die Freundschaft zwischen Fabian, seinem Bruder Lukas und Nico. Die Brüder kennen Nico schon seit ihrer Kindheit. Zusammen gingen sie auf eine inklusive Schule. Später lernten sie Christian kennen und bald kam Anni, Fabians und Lukas’ Cousine, zur Gruppe dazu. Sie wuchsen zusammen auf, verbrachten gemeinsam ihre Freizeit, wurden älter, machten die Schule fertig, dachten ans Ausziehen, an die Optionen, die Fabian, Nico und Christian da hätten und dachten, es müsse doch auch anders gehen. Sie würden eine inklusive WG gründen. Eine, die auf Freundschaft basiert.

Vor sieben Jahren wagten sie es, suchten ein Haus mit genügend Platz und fanden das mit dem verwilderten Garten und der Terrasse unter Weinreben, in der Nähe von Fabians und Lukas’ Eltern. Hier wohnen sie nun, drei junge Männer mit Down-Syndrom: Fabian, Christian und Nico – und zwei Menschen ohne Behinderung: Anni und Lukas. Alle sind heute um die 30 Jahre alt. Alle tragen sie die Haare kurz.

Drei Menschen mit Behinderung in einer WG seien optimal, findet Wolfgang Trosbach, Fabians und Lukas’ Vater. Weil Fabian, Nico und Christian nun mal Hilfe brauchen, sie deshalb für ein paar Stunden eine Wohnassistenz bekommen und man diese Stunden zusammenlegen kann und am Ende fast immer eine Unterstützung da ist.

Anni und Christian in ihren Zimmern.

Anni und Christian in ihren Zimmern | © Philipp Sipos

Hier sitzt jetzt also Nico, der frühstückt und sich eine Kaisersemmel mit Wurst belegt. Während Anni Kaffee kocht, Christian schon fertig gegessen hat und Lukas noch wach wird. Fabian gabelt Nudeln mit Tomatensauce aus einer Schüssel und will erklären, wie das mit der inklusiven WG genau aussieht. „Wir müssen viel üben, um für uns herauszufinden, was das bedeutet und was nicht“, sagt er. „Die Schilder helfen“, sagt er und nickt zur Tür.

An der Holztür kleben Symbole und kleine Bildchen. Eine Glühbirne ist durchgestrichen, auf einem Bild ist eine Heizung, darauf steht „aus“, auf einem anderen ist eine Tür und dabei steht „zu“. Daneben hängen Listen mit WG-Regeln. Darauf etwa die Regel, dass man immer klopfen muss, wenn man in ein Zimmer gehen will, und kommt keine Antwort, darf man nicht reingehen.

Die Regeln gelten nicht nur für Nico, Christian und Fabian. Sie gelten auch für Lukas und Anni. Etwa, dass man persönlich miteinander spricht, wenn man sich gestört fühlt und nicht einfach aus einem Zimmer eine Whatsapp mit „Mach die Musik leiser“ schreibt.

Regeln seien für Fabian, Nico und Christian schwierig, hat Fabians Vater am frühen Samstagmorgen erklärt. Nicht, weil sie es böse meinten. „Viele mit Downsyndrom leben sehr im Moment“, meint Fabians Mutter. Sie würden manchmal nicht daran denken, was die Konsequenzen seien.

„Wie sagt man das, wie wir mit Handicap fühlen?“, fragt Fabian jetzt und schaut von seiner Schüssel auf.

„Er will sagen, dass wir manchmal mehr oder stärker fühlen als andere“, sagt Christian. Nico nickt und da fällt ihm ein, sagt er, dass doch mal ein Kamerateam hier war und Anni da erzählte, sie würde emotionale Unterstützung leisten. „Da wollte ich dich fragen: Was meinst du damit?“ Anni lacht und sagt: „Naja, es kommt vor, dass du dich in Dinge reinsteigerst und dann fällt es dir schwer, dich selbst zu beruhigen und wenn ich dich in den Arm nehme, fällt dir das leichter.“ Nico nickt wieder.

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Anni und Lukas sagen, alles, was sie in der WG an Unterstützung leisten, tun sie freiwillig. Im Unterschied zu anderen inklusiven WGs zahlen sie hier genauso viel Miete wie ihre drei Freunde. Während in anderen Modellen diejenigen Mitbewohner ohne Behinderung oft weniger Miete zahlen und sich dafür verpflichten, sich um die Mitbewohner mit Behinderung zu kümmern.

Als alle fertig gegessen haben, beugt sich Nico über seinen Schreibblock am großen Holztisch im Wohnzimmer. „Ich schreibe immer die Einkaufsliste“, sagt er. Für zwei Abendessen und ein Frühstück überlegen sie, was sie essen wollen, diskutieren ob Gnocchi oder Spätzle besser sind, einigen sich auf Käsespätzle und dann schreibt Nico in feinen akkuraten Buchstaben los: Vier Packungen Spätzle, veganer Reibekäse, Röstzwiebeln.

Als er fertig ist, legt er den Einkaufszettel weg und zieht einen grünen Schnellhefter unter einem Stapel hervor. Darin der WG-Plan für die drei.

Fabian, Christian und Lukas (von links) beraten zusammen mit Anni und Nico, was eingekauft werden muss.

Fabian, Christian und Lukas (von links) beraten zusammen mit Anni und Nico, was eingekauft werden muss. | © Philipp Sipos

„Ich mache den Plan, wer einkauft und wer kocht und wer den Küchendienst macht“, sagt Nico. „Und alle halten sich daran.“

„Manchmal nicht, manchmal schon und manchmal streiten wir, aber nicht viel“, sagt Fabian.

„Wer Dienst hat, hat Dienst, aber Fabian arbeitet dann spontan“, sagt Nico.

„Ich kann nicht viel planen, das macht mich wahnsinnig“, sagt Fabian.

„Du machst mich wahnsinnig“, sagt Nico und alle lachen.

Vor dem Einzug, vor der Gründung der inklusiven WG war da natürlich auch eine Angst. Fabian, Nico und Christian waren noch recht jung, rund 23 Jahre alt, als sie auszogen. Das ist in Deutschland zwar das Durchschnittsalter für den Auszug aus dem Elternhaus, ist es aber nicht für Menschen mit Behinderung. Das sagen zumindest Fabians Eltern. Zahlen oder Erhebungen dazu, wann Menschen mit Behinderung ausziehen, gibt es nicht. Und dann gab es so viele Fragen: Was braucht es, damit drei Menschen mit Behinderung und zwei ohne gut zusammen leben können? Damit die zwei ohne Trisomie 21 weiterhin einfach Freunde sein können und keine Betreuer:innen werden? Damit die drei Menschen mit Behinderung auch wirklich selbstbestimmt leben können?

In Wohnheimen stellen sich solche Fragen nicht. Dort sind Betreuer:innen, die Menschen mit Behinderung im Alltag helfen, rund um die Uhr. Dafür geben die Menschen mit Behinderung dort aber oft einen großen Teil ihrer Selbstständigkeit auf, beziehen oftmals Doppelzimmer und leben nach dem Rhythmus der Einrichtung. Wo viele Menschen aufeinandertreffen, die Hilfe benötigen, wird es schwer, die Hilfe an jeden einzelnen anzupassen.

In der Würzburger WG haben sie eine andere Antwort auf die Frage nach der Hilfe gefunden: die Wohnassistenz. Fast immer ist jemand da, morgens unter der Woche, damit Fabian, Nico und Christian pünktlich wach werden und frühstücken. Damit sich Nico und Christian auf zur Arbeit in die Werkstätten machen, während Fabian meist noch etwas Zeit zuhause hat, bevor er sich dann auf den Weg ins Theater macht, wo er gerade mehrmals die Woche auf der Bühne steht. Abends kommt dann wieder jemand, damit die drei waschen, einkaufen oder kochen. Und alle zwei Wochenenden, wenn WG-Wochenende ist. Dann bleiben alle in der WG, statt zu ihren Familien nach Hause zu fahren. Sie kochen zusammen, kickern im Keller oder gehen zum Capoeira. Heute ist so ein Samstag an einem WG-Wochenende und darum ist Lorena als Wohnassistentin da, sie hilft beim Einkaufen und Kochen.

Auf dem Plan steht, dass Nico dran ist mit Einkaufen. Er nimmt seinen Rucksack, die Einkaufsliste und stapft gemeinsam mit Lorena los. Den Weg zum Rewe würde er sicher alleine schaffen, das Einkaufen auch, es würde nur etwas länger dauern. Kleinere Einkäufe erledigt er auch alleine, wenn er etwa nur Brot oder Wurst braucht. Nur, das mit dem Zahlen könne ein Problem sein, sagt Lorena. Weil Nico, Fabian und Christian Geld nicht so recht erfassen können. Treffen sie dann auf Menschen, die es mit ihnen nicht so gut meinen, könne das ausgenutzt werden.

Während Nico gemeinsam mit Lorena durch den Rewe irrt und die Spätzle ohne Ei sucht, malt Christian in seinem Zimmer und spielt Fabian in seinem Zimmer auf der XBox Assassin’s Creed. Über seinem Fernseher hängt ein Zettel, in DIN A4.

Ein Vertrag, sagt er. Wenn er jemandem das Essen wegisst, so hat er es aufgeschrieben, muss er zwei Tage lang seinen XBox Controller abgeben. Es ist nicht so, als würde er nicht wissen, dass er das nicht darf, sagt er. Doch wenn er etwas im Kühlschrank sieht, worauf er Lust hat, denke er nicht daran, wie sich die Person später fühlt, wenn das Essen weg ist. Darum der Vertrag, der ihn daran erinnern soll, dass sich andere dann ärgern.

Natürlich, es werde auch mal gestritten, sagt Fabian, das gehöre halt dazu. Aber wenn, dann reden sie von Angesicht zu Angesicht und auf Augenhöhe. Dann klären sie das und danach ist auch alles wieder fein. Das mache die WG für ihn zu einem Zuhause. Klappt es also, die inklusive WG? Und mehr noch: Ist das Zusammenleben schön?

„Wir sind eine Familie geworden“, sagt Fabian.

„Jeder kann hier sein, wie er ist“, sagt Nico.

„Und meine Freunde werden hier selbstständig, Christian hat heute zum ersten Mal Kaffee gekocht und gemerkt, er kann das“, sagt Fabian.

Christian steht nun in der Küche und schält eine Zwiebel. Vorhin am Esstisch, als Nico den Plan vorstellte, hatte Fabian so dahingesagt: „Christian hat Probleme beim Abwaschen.“ Und Nico sagte prompt: „Nein, der braucht nur mehr Unterstützung.“ Fabian nickte, genau das wollte er sagen und wiederholt: „Christian braucht beim Abwasch Unterstützung.“

Ein wichtiger Unterschied, finden sie. Hat jemand ein Problem, heißt es implizit, man müsse etwas lösen. Also sei mit dem Menschen etwas falsch. Sagt man aber, dass jemand Unterstützung braucht, steckt darin der Appell an das Umfeld. Nicht der Mensch ist das Problem, sondern wie die Welt geschaffen ist. Vielleicht, weil es zu viele Hürden gibt im Alltag, mit der Sprache, weil es zu wenige Räume gibt, in denen man sich weiterentwickeln und lernen kann. „Wir helfen uns hier, alle gegenseitig und gemeinsam“, sagt Fabian.

Vier Jahre noch läuft ihr Mietvertrag für das große Haus. Dann müssen sie vermutlich ein neues suchen. Spätestens dann stellt sich die Frage, ob sie weiter zusammen wohnen wollen. Ein Gedanke, der an diesem Samstag aber noch fern ist.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: xx

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