Endstation einer Flucht

Endstation einer Flucht

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Die Koffer waren gepackt, die Zimmer geräumt, zum letzten Mal gecheckt, alles da, die 20 Kilogramm Gepäck pro Person, die aus Beirut mit nach Deutschland durften. Es konnte losgehen. Es war der 15. Mai, 6.30 Uhr morgens. Das Grenzdurchgangslager Friedland erwachte zum Leben, als sich 150 Syrer abfahrtbereit machten.

Mal wieder ein Tag der Abreise, doch diesmal nicht in ein Durchgangslager oder an ein temporäres Ziel, sondern an die Orte, an denen die deutsche Bundesregierung sie in die Gesellschaft eingliedern will. In den Tagen zuvor haben die Kontingentflüchtlinge erfahren, wohin sie der Königsteiner Schlüssel, wonach die Flüchtlinge auf die Bundesländer verteilt werden, geworfen hat.

Die Busse kamen, luden die Menschen ein und verschwanden auf ihre Missionen in alle Teile Deutschlands. Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg. Nur der Bus nach Bayern, der kam und kam nicht.

Um zehn Uhr saßen noch fünf Familien auf ihren Koffern vor den leeren Flügeln des Grenzdurchgangslagers. Auch die Familie Kourie. “Wir warten seit zwei Stunden. Keiner weiß, was los ist”, schrieb mir die jüngere Tochter Jonelle per Whatsapp, die Helfer im Lager wüssten auch nicht, wo der Bus sei, der die Familien in den Süden bringen sollte. Bernau am Chiemsee war ihnen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als neuer Heimatort mitgeteilt worden. Auf den Bildern sah das bezaubernd aus, die Berge, der See, die Schlösser. Fremd. Aber ziemlich hübsch.

Blick vom Chiemsee auf Bernau und die Alpen

Image caption: Blick vom Chiemsee auf Bernau und die Alpen

Copyright: Foto: Victoria Schneider

Die Kouries kommen ursprünglich aus der syrischen Stadt Al-Hasaka, die im Norden des Bürgerkriegslandes liegt. Vor zweieinhalb Jahren reisten die Mutter, die beiden Töchter und einer von zwei Söhnen nach Beirut. In Al-Hasaka hatten Entführungen immer mehr zugenommen, verschiedene kriminelle Gruppierungen rangelten um Einfluss. Kurze Zeit später gingen die Bombardierungen los, die Familie kehrte nie wieder zurück. Sie registrierten sich bei den Vereinten Nationen als Flüchtlinge - inzwischen war auch Vater Joseph aufgrund der sich verschlechternden Lage in Syrien in den Libanon gekommen - und wurden 2014 ausgewählt, am Resettlementprogramm der deutschen Bundesregierung teilzunehmen. Sie sagten „Ja“.

Die Odyssee der Familie Kourie: Von Syrien über den Libanon nach Friedland und Bernau am Chiemsee.

Image caption: Die Odyssee der Familie Kourie: Von Syrien über den Libanon nach Friedland und Bernau am Chiemsee.

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Das Programm wird im Ausland vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge betreut. Auch in Friedland war die Behörde zuständig. Doch mit dem Verlassen der Menschen des Grenzdurchgangslagers endet auch die Verantwortung des Bundesamts. Alles Weitere ist Ländersache. 



10.30 Uhr, Friedland: Der Bus kommt. Die Kouries starten in ihre neue Heimat. Aufatmen.


Über den Abend, der folgte, die Ankunft der Syrer in Bernau, können Johannes und Narda Feitl sich auch zwei Monate später noch stundenlang aufregen. “Oiso des war wirklich a Albtraum wia de do kema san”, sagt Johannes, ein quirliger Mann von 49 Jahren, der immer ein Lausbubengrinsen im Gesicht hat und seinen bayerischen Dialekt geradezu zelebriert. "Des ham de do vo da Regierung aba mittlaweile a eigseng”. Was war passiert?

Johannes Feitl ist Vorsitzender der Bernauer Flüchtlingshilfe und der Mann, ohne den seit Beginn dieses Jahres in Bernau am Chiemsee wahrscheinlich nichts gehen würde, wenn es um Zuwanderer geht. Im Februar wurde das erste Asylbewerberheim der Gemeinde eröffnet, und Johannes zum Vorstand des neuen Vereins bestimmt, den sich der Bürgermeister wünschte. Auf einer Bürgerversammlung im Dezember, die einberufen wurde, als sicher war, dass Bernau ab 2015 Flüchtlinge bekommt, hat die Gemeinde beschlossen, einen Helferkreis zu gründen, um die Neuankömmlinge zu unterstützen. Inzwischen hat Bernau mehr als 50 neue Mitbürger: 32 Asylbewerber und 23 Kontingentflüchtlinge.

Das ehemalige Rathaus ist jetzt das Asylbewerberheim Bernaus.

Image caption: Das ehemalige Rathaus ist jetzt das Asylbewerberheim Bernaus.

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Inzwischen haben sich die Wogen geglättet. Die Kontingentflüchtlinge haben ihre Aufenthaltsgenehmigung, haben Konten, auf die sie jeden Monat ihre Grundsicherung überwiesen bekommen, sie haben einen Ansprechpartner im Jobcenter und gehen jeden Tag zum Integrationskurs im Nachbardorf Prien. Dort lernen sie Deutsch im Schnellverfahren.

Entspannen können Johannes Feitl und seine Frau Narda trotzdem nicht. Vor zwei Wochen wurde das Asylbewerberheim Hals über Kopf evakuiert, weil der Brandschutz nicht gewährleistet war, und bald kommen die neuen Kontingentflüchtlinge, für die es keinen Platz mehr zu geben scheint. “Unser Leben dreht sich nur noch darum”, sagt Narda.

Johannes und Narda Feitl

Image caption: Johannes und Narda Feitl

Copyright: Foto: Victoria Schneider

Die beiden sitzen auf der Terrasse ihres hübschen Bauernhauses, es ist ein heißer Tag im Juli, und morgen wollen sie endlich einmal wieder wegfahren. Zum ersten Mal seit Beginn des Wahnsinns, der mit der Flüchtlingshilfe in ihr Leben eingekehrt ist. Zwei Tage mit den Kindern in die Berge, sich erholen vom Trubel der vergangenen Monate.

“Wohlverdient”, sagt Jonelle Kourie, die auch vorbeigekommen ist. Die 19-Jährige kommt oft herüber aus dem Haus der Kontingentflüchtlinge, das man hinter dem blühenden Garten und den Apfelbäumen sehen kann. Zusammen mit ihrer Schwester ist sie die einzige Syrerin, die Englisch spricht – womit sie schnell zur Vermittlerin zwischen den Flüchtlingen und der bayerischen Umwelt geworden ist. Sie ist Johannes und Narda schnell ans Herz gewachsen. Gleich am Tag der Ankunft.

Zwei ferne Welten treffen aufeinander

Um 18.30 Uhr an diesem Tag bekam ich eine Nachricht von Jonelle: “We are in trouble.” Da sei eine Frau, die für sie zuständig ist, die wolle, dass sie irgendetwas unterschreiben, was sie nicht verstehen. Sonst dürfen sie nicht ins Haus, whatsappt mir Jonelle. Die Ankunft in Bernau am Chiemsee. Ein großes Haus, eine Verwaltungsleiterin, die die Schlüssel hat und kein Englisch spricht, 23 erschöpfte Syrer, die bis auf die beiden Kourie-Schwestern kein Englisch sprechen und sich weigern, das Dokument zu unterschreiben, das sie nicht verstehen, sowie eine Handvoll ehrenamtliche Helfer von der Bernauer Flüchtlingshilfe, die versuchen, die Situation zu bewältigen. Chaos. Anspannung. Emotionen.

Es ging um eine Abtretungserklärung, die die Verwaltungsleiterin unterzeichnet haben wollte. „Die besagt im Grunde nur, dass die Leute Miete zahlen müssen, sobald sie eine Arbeitsstelle gefunden haben“, erklärt Narda. Eine Formalität. Doch hier trafen zwei ferne Welten aufeinander.

Die Verwaltungsleiterin zog mit dem Bus weiter ins nächste Dorf, um dort die restlichen Flüchtlinge einzuquartieren. Die drei neuen Bernauer Familien blieben derweil mit ihren Koffern auf der Straße sitzen. „Die wollten sogar zurück nach Friedland fahren“, erinnert sich Narda. Johannes rief den Bürgermeister an, der kurze Zeit später auftauchte und die Ankömmlinge erstmal zum Abendessen ins Wirtshaus einlud. Die Gemüter kühlten sich ab.

Schließlich kam auch die Verwaltungsleiterin zurück (21.30 Uhr), die Abtretungserklärungen waren inzwischen verstanden und unterschrieben, die Türen geöffnet. Um kurz nach Mitternacht waren alle dann im Bett.

Die Ankunft der ersten Kontingentflüchtlinge erfolgte parallel zu einem Trend, der der ganzen Republik immer mehr zu schaffen macht. Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge an, die meisten auf illegalem Weg. Mehr als 25.000 Asylbewerber sind inzwischen in Bayern. Allein im ersten Halbjahr 2015 kamen rund 20.000 neue Menschen an, aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Nigeria, der Ukraine und anderen Ländern, in denen das Leben nicht einfach ist.

Jeden Tag kommen neue Menschen an

Johannes Feitl ist nicht nur der Mann für Bernau am Chiemsee, sondern durch sein Engagement zum Ansprechpartner in Flüchtlingsangelegenheiten für die Region geworden. Er erzählt von Wochenenden, an denen das Telefon klingelte und die Polizei mitteilte, dass sie zwei Senegalesen aufgegabelt habe - ob er nicht eine Bleibe habe. Da krache gerade richtig was in Bayern, sagt Johannes. Jeden Tag kommen neue Menschen an, „allein bei uns im Landkreis 200 jeden Tag“. Neulich seien plötzlich 25 Flüchtlinge auf der Autobahn zwischen Bernau und Prien aufgetaucht. „Die hat der Schlepper da einfach abgesetzt und gesagt: Geht drei Kilometer an der Straße entlang, dann kommt ihr in den nächsten Ort.“

In Oberbayern erwartet man bis Ende des Jahres 7.000 Neuankömmlinge, sagt Esther Aderholz von der Regierung Oberbayern. Kontingentsflüchtlinge sind zahlentechnisch weitaus die kleinste Gruppe - und eigentlich auch die leichteste. Dennoch gibt die Regierungsrätin zu, dass an jenem Mittwochabend einiges schief gelaufen ist. Sie klärt auf. „Da kamen ein paar Punkte zusammen, die äußerst schwierig waren.“

Es war das erste Kontingent, das Oberbayern zugewiesen wurde, und das, obwohl sie eigentlich darum gebeten hatten, erst den nächsten Schwung von Syrern aufzunehmen. „Die Unterkunft war noch gar nicht fertig, und in der Regel sprechen die Verwaltungsleiter auch Englisch.“ Hinzu kam, dass es der Tag vor einem Feiertag war, die Autobahnen waren voller Staus (daher die Verspätung). Sie seien davon ausgegangen, dass die Flüchtlinge in Friedland mit Essen versorgt werden würden (was nicht der Fall war), die Läden hatten am nächsten Tag geschlossen (Johannes Feitl lieh jeder Person 100 Euro, um sich bis zum Erhalt des ersten Arbeitslosengeldes über Wasser zu halten.) Mangelnde Absprache mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge?

„Wir wurden da ziemlich überrollt.“ Mit der Ankunft des zweiten Kontingents sei das besser gelaufen, erklärt die Regierungsrätin. Inzwischen sei sie zu einem runden Tisch nach Bernau gefahren, wo sie auch mit Herrn Feitl zusammengesessen habe. „Wir wissen jetzt auch besser, wer was koordiniert und wer wofür zuständig ist.“

Zerbrechliches Konstrukt

Das ist kompliziert: Kontingentflüchtlinge wie die Kouries werden zunächst vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge betreut, dann werden sie auf die Länder verteilt, in diesem Fall Bayern, und vom Landesbeauftragten, der die Übersicht über die Unterkunftslage hat, dann an die unterschiedlichen Regierungsbezirke, in dem Fall Oberbayern. Die Regierung Oberbayern ist dann für die Übergangswohnheime zuständig, das heißt für Ausstattung, Hausmeister, Verwaltungsleiter. Der Rest, Behördengänge, Integrationskurs, alles was das Soziale betrifft, geht über die lokalen Migrationsberatungsstellen. In Bernau macht das die Diakonie. Da gibt es eine Frau mit einer 20-Stunden-Stelle.

Ohne Menschen wie Johannes Feitl und Helferkreise würde das gebrechliche Konstrukt zusammenbrechen. “Die sind wirklich sehr, sehr wichtig." Ohne diese Menschen gäbe es keine Integration, sagt Aderholz.

Deutschnachhilfe, offizielle Briefe beantworten, Telefonanrufe - die Menschen von der Bernauer Flüchtlingshilfe sind allzeitbereit. Sie haben Kinderbetten gespendet, Fahrräder, zwei Fernseher für das Gemeinschaftswohnzimmer, das bis auf einen langen Tisch und acht Holzstühle nackt ist, und in dem es auch keinen Fernsehanschluss gibt. „Wir sind am Puls, wir haben mit den Menschen Kontakt, jeden Tag”, beschreibt Johannes Feitl es selbst. Das sei alles etwas unglücklich gelaufen an diesem ersten Abend. “Aber da müssen wir alle an einem Strang ziehen."

Neben Kinderbetten und TV-Geräten wurden auch Fahrräder gespendet.

Image caption: Neben Kinderbetten und TV-Geräten wurden auch Fahrräder gespendet.

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Zu den Ungereimtheiten gesellte sich bald die Unterkunft - die Übergangsunterkunft. Doch die Familien beharrten darauf, dass ihnen eine eigene Wohnung zugesagt worden war. Ein weiteres von einer Reihe von Missverständnissen. „Das hat uns wahnsinnig viel Ärger bereitet“, sagt Aderholz. „Es war eigentlich immer klar, dass die in Übergangsunterkünfte kommen und sich dann selbstständig etwas suchen.“ Sie könne den Unmut verstehen, die Enttäuschung, die auf die falsche Versprechung folgte. Viel sei schief gegangen, doch es werde dran gearbeitet.


Für die ersten Ankömmlinge war die Ankunft in Bernau schwierig. Nach mehr als zwei Jahren in der Schwebe sollte für die Kouries am Chiemsee die Reise ans unbekannte Ziel enden. Im Libanon war alles einfacher, Kultur und Sprache waren noch bekannt, die syrische Heimat näher. „Wir konnten machen, was wir wollten, fanden schnell Freunde, wir konnten arbeiten, wir waren irgendwie frei“, erinnert sich Liana Kurie. Libanon war noch ein bisschen wie daheim.

In Friedland war dann das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge da. Es war zwar alles fremd, die Häuser sahen anders aus, die Wiesen, die Sprache, die Produkte im Supermarkt, und überhaupt: das Essen. Aber der Ablauf im Grenzdurchgangslager, wo es für jeden Tag einen Plan gab und schließlich die Weiterreise stand, verhinderte den freien Fall.

Der kam dann in Bernau.

“Jetzt ist es auf einmal so real”, sagte Jonelle in der Zeit nach der Ankunft. Syrien ist so weit weg. Und in Deutschland ist alles anders.

Blitzsaubere Straße, penibel gepflegte Vorgärten

Bernau am Chiemsee ist für den normalen Besucher ein Erholungsort wie aus dem Bilderbuch. Tief in Bayern gelegen, im Hintergrund die Alpen, ein paar Radminuten vom Chiemsee entfernt. Ein Ort, wo die Menschen in einem fröhlich beschwingt klingenden oberbayrischen Dialekt sprechen und die Kellner im Wirtshaus in Trachten bedienen. Wo die Straßen blitzsauber sind und die Vorgärten penibel gepflegt. Es gibt einen Edeka, eine Volksbank, eine Bäckerei mit Eistheke, einen Optiker, ein Café, ein paar Wirtshäuser, eine Kurklinik und ein Asylbewerberheim. In der Mitte des Dorfes steht auf einem Hügel die Kirche, darum herum der Friedhof. Schräg gegenüber liegt das Haus, in dem die Kouries leben.

Wieder nur Übergangsbleibe und keine neue Heimat.

Image caption: Wieder nur Übergangsbleibe und keine neue Heimat.

Copyright: Foto: Victoria Schneider

“Wir müssen hier raus”, sagt Jonelle. Nach einem Nachmittag am Chiemsee stellt die 19-Jährige ihr von der Flüchtlingshilfe gespendetes Fahrrad neben dem Haus ab. Aus der Küche im Erdgeschoss riecht es nach Fisch. Es ist heiß, Jonelle trägt Shorts und ein bauchfreies Top. Sie zeigt das Haus.

Im Untergeschoss wohnen zwei Familien, in zwei Zimmern. Sie schlafen auf Metallbetten und teilen sich Bad, Küche und Aufenthaltsraum. Im ersten Stock sei das Ganze etwas wohnlicher, sagt sie und geht die Treppen hinauf. Im Flur steht ein Stapel abgepackter Metallklappbetten. Für die neuen Flüchtlinge, die bald ankommen, 23 sind jetzt da, 35 sollen noch kommen.

Jetzt wird das Dachgeschoss für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge vorbereitet.

Image caption: Jetzt wird das Dachgeschoss für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge vorbereitet.

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Es ist wie in einem Hotel, mit Gängen, von denen aus mit Nummern versehene Zimmer abgehen. Auch die Einrichtung ist hotelartig: Zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle, ein kleiner Kühlschrank, ein Bad. Am Ende des Ganges ist die Küche, gegenüber das Wohnzimmer, das Jonelle nur „Konferenzzimmer“ nennt. „Es ist besser als Friedland“, sagt Jonelle, “aber hier können wir nicht bleiben.” Sie können nicht ankommen. Für ein Zuhause fehlen die eigenen vier Wände, die Privatsphäre. Am nächsten Tag haben sie den ersten Besichtigungstermin, den ihnen Narda vermittelt hat.

Auf der Terrasse findet auch der Deutschnachhilfeunterricht statt

Image caption: Auf der Terrasse findet auch der Deutschnachhilfeunterricht statt

Copyright: Foto: Victoria Schneider

Auf der Terrasse sitzen im Sonnenschein der Rest der Kouries, eine weitere syrische Familie, die sich den Gang mit ihnen teilt, und zwei deutsche Frauen. Mit Händen, Füßen und viel Lachen versuchen sie, sich ohne Sprache durch das auf Deutsch verfasste Übungsheft zu arbeiten. Die beiden Frauen sind vom Helferkreis und haben den Flüchtlingen ihre Hilfe beim Deutschlernen angeboten. Wafa Kourie hat selbstgemachte Börek aufgetischt, mit Oliven oder Schafskäse gefüllte Teigtaschen, die mit Kreuzkümmel bestreut werden. Dazu gibt es schwarzen Tee. Die kleine Runde vergnügt sich, und das ohne gemeinsame Sprache.

Deutsch ist nach wie vor das Wichtigste für die Syrer. Die Kouries verbringen jeden Nachmittag über den Deutschheften. Zum einen, weil es nichts anderes zu tun gibt, aber zum andern, weil es ohne nicht geht. Ohne Deutsch keine Integration. Vor allem nicht in einem kleinen Ort wie Bernau.

Auch Joseph Kourie lernt eifrig

Image caption: Auch Joseph Kourie lernt eifrig

Copyright: Foto: Victoria Schneider

Integration ist nicht einfach in einem 7.000-Seelendorf - für beide Seiten. Gerade für Jonelle und Liana, 19 und 25 Jahre alt, ist der Ort, der in Deutschland als Kurort bekannt ist, kein einfacher Ort, um Gleichaltrige kennenzulernen. Doch mit Feitls haben sie Nachbarn, die ihnen die Hand reichen. Und auf der anderen Seite des Hauses lebt das Ehepaar Margit und Charlie Philipp. Für die Senioren ist die Anwesenheit der Syrer eine Bereicherung für die Gemeinde.


Es ist Samstagmorgen. Wafa und Joseph Kourie haben die Nachbarn zum syrischen Frühstück eingeladen. Die beiden Urbayern kommen mit selbstgemachtem Holunderblütensirup. Wafa serviert den Rest der Böreks, drei verschiedene Sorten Oliven, Fladenbrot, Olivenöl und Zatar - eine arabische Gewürzmischung - und süßen syrischen Hirsegrießbrei.

Charlie und Margit Philipp

Image caption: Charlie und Margit Philipp

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“Nicht so viel, nicht so viel”, Margit zögert, als Wafa ihr eine große Portion Grießbrei aufschlägt. “Wir essen den mit salzigem weißen Käse”, sagt Jonelle und schiebt Margit einen Teller Käse hinüber. Die ist sich nicht sicher. Grießbrei und Käse, sie schaut auf. "Das habe ich noch nie gegessen.” Und Oliven zum Frühstück? Olivenöl? Und Thymian? Sie probiert. Und lächelt. “Lecker.” Noch ein Löffel. Und ein kleines Stückchen Brot. “Unglaublich”, sagt sie und schüttelt schmunzelnd den Kopf. “Sowas würde uns nie einfallen”.

Margit spricht gar kein Englisch, genau wie Wafa. Doch über das Essen und die Gastfreundlichkeit der Gäste finden sie eine Ebene, auf der sie sich verstehen. Die Syrer haben eine Kultur ins bayerische Bernau gebracht, die bisher ganz fremd war. ”Aber das ist so schön, dass die Syrer da sind. Endlich hört man um's Haus wieder Kinder lachen. Jetzt rührt sich wieder was bei uns im Nachbarhaus”, sagt Margit, deren selbstgemachter Holundersirup zu Jonelles Lieblingsgetränk geworden ist. Man lernt voneinander.

Frühstück bei den Kouries.

Image caption: Frühstück bei den Kouries.

Copyright: Foto: Victoria Schneider

Sie lerne den bayerischen Akzent, sagt Jonelle kichernd. “ZwanziG lernen wir, nicht zwanziCH”. Und „Grüß Gott“ und „Servus“ als Begrüßung.

Wie die Jungfrau zum Kind sei er an die Kouries gekommen, sagt Charlie, ein lustiger 65-Jähriger, auf dessen rechter Hemdseite der Kopf von Che Guevara gedruckt ist. Ein Pazifist sei er, sagt er. "Jetzt waren die plötzlich da, da können wir die doch nicht einfach so im Regen stehen lassen.” Margit nickt. Es gebe schon auch andere Stimmen im Dorf, die fragen dann mit kritischem Blick: “Wie geht’s denn mit euren neuen Nachbarn? Aber wir haben das schon unter Kontrolle”, sagt Charlie. “Dinge wie Asylbewerberheim anzünden oder Gewalt gibt's in Bernau nicht.” Bernau sei zu friedlich.

Inzwischen hat sich das Leben eingespielt: Jeden Tag um 8.03 Uhr fährt der Zug nach Prien. Von 8.15 bis 12.15 Uhr gehen die Familien in den Deutschkurs. Um 13 Uhr sind sie wieder zu Hause „Viel zu tun gibt's nicht in Bernau“, sagt Liana. Also lernen sie Deutsch. Und hoffen darauf, dass sie bald eine eigene Wohnung finden. Damit das Leben wieder richtig losgehen kann.