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Ein gängiges Vorurteil gegenüber Lehrer:innen ist, dass sie besonders viel frei haben. Und zwar zwölf Wochen, also ganze drei Monate im Jahr. Bleiben nur noch 38 Wochen, in denen sie tatsächlich arbeiten müssen.
Davon können ich und Millionen andere Arbeitnehmer:innen nur träumen. Unter meinem vorletzten Text zur Arbeitsbelastung von Lehrer:innen hat eine Leserin geschrieben, dass sie die Ferienzeiten von Lehrer:innen immer wieder neidisch kommentiert habe.
Sie wollte von mir wissen, inwiefern bei den Arbeitszeiten, die Lehrkräfte laut einer Studie arbeiten, die Ferien mit einberechnet werden. Falls Lehrkräfte 41 Stunden in Schulwochen arbeiten und null Stunden in den 12 Schulwochen, fände sie das ziemlich privilegiert. Sie wollte also wissen, ob ihr Neid berechtigt ist – oder nicht.
Also habe ich mir die Studie für sie, für mich und alle anderen Neider da draußen nochmal genauer angeschaut.
Vorab: Es gibt wenig Daten dazu, wie viele Stunden Lehrkräfte tatsächlich arbeiten und wie sich die Arbeitszeit über das Jahr verteilt, weil es keine Arbeitszeiterfassung gibt. Umso mehr ist es notwendig, sich anzuschauen, wie es in der Praxis aussieht.
Praktisch, dass die Wissenschaftler:innen hinter der Göttinger Studie, die ich in meinem Text mehrfach zitiert habe, die Daten von 1.217 Lehrkräften in Berlin ausgewertet haben. Die Lehrer:innen haben über das Schuljahr 2023/24 ihre Arbeitszeiten dokumentiert, inklusive der Schulwochen, Wochenenden und Feier- und Ferientage. Auf Seite 121 der Studie gibt es eine Grafik, dort sieht man den Durchschnitt des Jahrsarbeitszeitverlaufs. Das heißt, wie viel die Lehrer:innen durchschnittlich in jeder Woche des Jahres gearbeitet haben.
Jahresverlauf der Arbeitszeiten pro Kalenderwoche in Vollzeitlehreräquivalenten (VZLÄ) | Ergebnisbericht “Arbeitszeit und Arbeitsbelastung von Lehrkräften an Berliner Schulen 2023/2024”
Die Grafik hat mir geholfen zu verstehen, wie sich die Arbeitszeit der Lehrkräfte über das Jahr verteilt. Laut der Grafik gibt es keine einzige Woche im Schuljahr 2023/24, in der die Lehrkräfte gar nicht gearbeitet haben. Man sieht aber auch, dass die Arbeitszeit in den grau hinterlegten Perioden, den Ferien, sehr viel niedriger ist. Wichtig dazu: Das ist der Durchschnitt. Sicherlich gibt es einige Lehrkräfte, die es schaffen, ihre Sommerferien weitgehend arbeitsfrei zu halten.
Die Wissenschaftler:innen stellen fest, dass am wenigsten in den Sommerferien gearbeitet wird. Mehr gearbeitet wird in den Herbstferien, der ersten Kalenderwoche des neuen Jahres, den Osterferien und in der ersten und letzten Sommerferienwoche.
Die Wissenschaftler:innen haben einmal den Durchschnitt für die Arbeitszeit für eine Schulzeitwoche berechnet, also Ferien und Feiertage herausgerechnet. Der liegt bei 47 Stunden und acht Minuten. Da ist aber noch nicht eingerechnet, dass Lehrer:innen auch an Feiertagen und in den Ferien arbeiten. Rechnet man die Zeit, die Lehrer:innen in den Ferien und an Feiertagen arbeiten, in die 38 Schulwochen mit ein, dann steigt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit einer Schulwoche auf 50 Stunden und 21 Minuten. Der Unterschied dieser beiden Zeiten (3 Stunden und 13 Minuten) ist also genau die Arbeit, die an Feiertagen und Ferien geleistet wird.
6,4 Prozent der Arbeitszeit der Lehrkräfte, die an der Studie teilgenommen haben, entfallen also auf die Ferien und Feiertage.
Eine weitere Grafik in der Studie zeigt: Lehrer:innen arbeiten sieben Tage die Woche. Samstags im Schnitt 2 Stunden und 38 Minuten, Sonntags im Schnitt eine Stunde und 40 Minuten. Pro Woche also am Wochenende etwas über vier Stunden. Das ist vielleicht nicht viel, aber bedeutet, dass es keinen Tag gibt, an dem Lehrkräfte wirklich frei haben.
Arbeitstage und Tätigkeiten in einer durchschnittlichen Schulwoche | Ergebnisbericht “Arbeitszeit und Arbeitsbelastung von Lehrkräften an Berliner Schulen 2023/2024”
Auch interessant: Je nach Schulform unterscheidet sich, in welchen Perioden besonders viel gearbeitet wird und in welchen Phasen es mehr Erholungszeit gibt. An Grundschulen geht es zum Beispiel direkt im September mit hohen Arbeitszeiten los, während der September für andere Schulformen relativ entspannt beginnt. Die Phase vor den Zwischenzeugnissen, also Januar und Februar, ist für alle ähnlich anstrengend, während die Phase vor den Abschlusszeugnissen im Sommer für Lehrkräfte an Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen etwas weniger arbeitsintensiv ausfallen. Über alle Schulformen hinweg ist besonders die Zeit von Ende Mai bis zur Vergabe der Abschlusszeugnisse besonders arbeitsintensiv. Es gilt allgemein: Vor den Ferien wird besonders viel geackert.
Für mich und die anderen Neider kann ich nach diesem Deep Dive in die Arbeitszeit der Lehrer:innen sagen, dass ich nicht neidisch bin. Auch wenn Lehrer:innen an Wochenenden, Feiertagen und Ferien theoretisch frei haben, so stimmt das praktisch nicht. Keinen Tag die Woche frei – auch wenn es nur eine oder zwei Stunden Arbeit sind – heißt, nie ganz raus aus dem Schulgeschehen zu sein. Und das ist mental ziemlich anstrengend.
Ich bin während der Recherche über ein Reel einer Lehrerin gestolpert. Das Reel heißt „4 Dinge über Sommerferien, die viele nicht wissen“. Die Lehrerin erklärt, dass Lehrkräfte die Sommerferien und die Pause bräuchten, um überhaupt weitermachen zu können. Sie sagt, wochenlange Tiefenentspannung sei nötig, um den Dauerstress zu verarbeiten, den man während der Schulzeit erlebe.
Was wir derzeit SEHEN
Ich habe letzte Woche gemeinsam mit der Krautreporter-Community den Film „Das fast normale Leben“ angeschaut. Inhaltlich empfehle ich ihn sehr. Gleichzeitig gibt es Kritik an dem Film, die mich zum Nachdenken gebracht hat. Der Regisseur Stefan Sick hat über mehrere Jahre Mädchen begleitet, die in einer Wohngruppe leben. Er hat sie und ihr Leben gefilmt, wenn sie weinen, wenn sie schreien, wenn sie verwundbar sind oder gerade besonders stark. Kritiker:innen argumentieren, dass diese Mädchen in einer vulnerablen Situation sind und den Dreh in ein paar Jahren bereuen könnten, auch wenn sie in dem Moment zugestimmt haben, gefilmt zu werden.
Ich möchte noch über den Film und den Inhalt schreiben, tue mich aber schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich habe weder in einer Wohngruppe gelebt noch bin ich Sozialarbeiterin, wie also kann ich diesen Film und den Entstehungsprozess bewerten? Was der Film macht, ist auf jeden Fall, den Blick auf eine Realität richten, die den meisten normalerweise verschlossen bleibt. Aber ist es das Wert, dass diese Mädchen dafür Teile ihrer Privatsphäre aufgegeben haben? Wenn du Input und Gedanken dazu hast, schreib mir gerne, du kannst einfach auf diese Mail antworten.
SO KANN ES AUCH GEHEN
Kindergarten-Kinder machen einen Podcast⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Ich fand es erst ein bisschen verrückt, als ich das gelesen habe: Kinder im Kindergarten, die einen Podcast machen?! Und es ist vielleicht auch verrückt, aber auch genau deswegen so cool. In diesem Beitrag des MDR wird das Projekt vorgestellt. Die Kitaleiterin Silvana Günther erzählt, dass sie ein sehr aktives Kinderparlament im Kindergarten haben. Die Kinder hätten so tolle Ideen, dass das Kollegium dachte, „eigentlich müssten wir das mal aufnehmen und der Welt zeigen, was für tolle Ideen Kinder haben“. Das Ergebnis kann man bei Spotify hören. Über 2.000 Hörer:innen hat „Zwerge auf großem Fuß“ wöchentlich.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer