Gewitter Wolken ausgeschnitten auf Papier Hintergrund in Farbe, In der Mitte ausgeschnittene Lehrkraft die etwas an eine Tafel schreibt

The New York Public Library/Jason Dent/Marjan Blan/Vitaly Gariev/Unspslash

Kinder und Bildung

Lehrkräfte müssen immer mehr leisten. Was ihnen helfen könnte

Mehr als 500 Lehrkräfte haben mir erzählt, was ihren Arbeitsalltag so schwierig macht. Sechs Punkte, die Politiker:innen und Schulleitungen anpacken müssen.

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Vor zwei Monaten hatte ich eine Mail im Postfach. Sie kam von Kevin, der in Karlsruhe an einer Grundschule unterrichtet. Als ich las, was er schrieb, dachte ich: So würde ich nicht leben wollen.

Kevin isst an manchen Tagen zum ersten Mal um halb vier am Nachmittag. Weil er davor nicht dazu kommt. Danach schläft er häufig auf dem Sofa ein. Wenn er ein paar Stunden später, dann ist es schon fünf oder sechs, aufwacht, setzt er sich an den Schreibtisch. Der nächste Tag muss vorbereitet werden.

Dann korrigiert Kevin Hefte, erstellt Materialien, schneidet und laminiert Arbeitsblätter, führt Listen, schreibt Mails an Eltern, plant Ausflüge, aktualisiert die Homepage und verwaltet die Tablets der Schüler. Bis 21 Uhr macht er das, dann geht er ins Bett. Um 4.30 Uhr klingelt sein Wecker, und er bereitet vor, was noch liegen geblieben ist. Zwei Stunden später steigt er in sein Auto und fährt 45 Minuten in die Schule. Sechs Stunden lang klärt er Konflikte, übernimmt spontan Vertretungsstunden, rennt Kindern und Eltern wegen fehlenden Materialien oder Hausaufgaben hinterher und unterrichtet. Danach fährt er nach Hause, isst, schläft, arbeitet und schläft.

Um 4.30 Uhr geht es von vorne los.

Kevin will hier nur mit Vornamen erscheinen, weil er befürchtet, dass man ihn dafür verurteilen wird, wie schwierig er es findet, Beruf und Privatleben zu trennen. Aber er ist kein Einzelfall.

545 Lehrkräfte haben mir in einer Krautreporter-Umfrage berichtet, wie belastend ihre Arbeit ist. Sie schreiben, dass sich die Belastung in den vergangenen Jahren erhöht habe. Die Lehrkräfte, die an der Umfrage teilgenommen haben, bemühen sich um das Wohlergehen der Kinder. Ihre Antworten belegen aber auch, dass sie an ihren eigenen Ansprüchen und denen der Eltern und der Gesellschaft verzweifeln.

Lehrkräfte haben im Vergleich zu anderen Berufsgruppen hohe Anteile an Burnout, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Eine Studie der Uni Göttingen von 2025 hat herausgefunden, dass Lehrkräfte im Durchschnitt mehr arbeiten als vorgesehen, teilweise mehr als 48 Stunden pro Woche. Weniger als die Hälfte der über 2.000 Lehrkräfte, die an dieser Studie teilgenommen haben, würden ihren Beruf sicher wieder ergreifen. In der Krautreporter-Umfrage sagt jede dritte Person, dass sie ihren Job mit dem Wissen von heute nicht noch einmal wählen würde.

Bis 2035 werden knapp 50.000 Lehrkräfte in Deutschland fehlen, so steht es in einer Veröffentlichung der Kultusministerkonferenz. Deswegen ist es wichtig zu verstehen, was Lehrkräfte so belastet. Warum sie, wie manche von ihnen mir schreiben, den Job für „lebensverkürzend“ halten.

Ich habe anhand der Krautreporter-Umfrage und weiterer Studien die sechs größten Belastungsfaktoren identifiziert. Und gesammelt, was sich laut der Lehrkräfte und der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft ändern müsste, damit der Beruf wieder attraktiver werden würde.

1. Lehrkräfte müssen mehr Aufgaben erfüllen und arbeiten deswegen auch mehr

Lehrkraft im Jahr 2025 zu sein, heißt nicht nur zu unterrichten, sondern auch IT-Fachkraft, Bürokaufkraft und Sozialarbeiter:in zu sein. Das heißt, dass die Lehrkräfte einerseits mehr Aufgaben in derselben Zeit verrichten, sie aber auch tatsächlich mehr Stunden arbeiten, wie es zum Beispiel die Göttinger Studie bestätigt. Viele Lehrkräfte, die die Krautreporter-Umfrage ausgefüllt haben, haben eine Entwicklung miterlebt.

Die meisten Lehrkräfte haben sich für den Beruf entschieden, weil sie mit Kindern arbeiten oder gerne unterrichten wollten. Aber dafür bleibt immer weniger Zeit, berichten sie in meiner Umfrage. Studien bestätigen das.

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Seit Jahren wachsen die „Nebenbaustellen“, wie es Anna-Lea in der Umfrage nennt. Sie ist Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule. Tim schreibt: „Lehrer:in, Sozialarbeiter:in, Ersatzelternteil, ITler:in … All das gehört mittlerweile ja leider zum Lehrer:innenjob dazu und frisst immer mehr unbezahlte zusätzliche Arbeitszeit und körperliche und psychische Gesundheit.“

In diesem Zitat vereinen sich mehrere Belastungsfaktoren, die ich in den nächsten Punkten genauer vorstellen werde: Lehrkräfte sind zunehmend psychisch belastet. Sie übernehmen immer mehr Aufgaben der sozialen Arbeit und fühlen sich als „Ersatzeltern“. Und sie müssen die Digitalisierung in der Schule umsetzen, ohne dass es einen genauen Fahrplan gibt. Außerdem müssen Lehrkräfte sich heute viel häufiger an Evaluationen beteiligen.

Eine Lehrkraft in der Krautreporter-Umfrage berichtet, dass sich auch die offizielle Stundenzahl für Lehrkräfte erhöht habe. Das stimmt für manche Bundesländer, aber nicht für alle. In jedem Bundesland gibt es unterschiedliche Pflichtstundenzahlen (an Grundschulen kann es bis zu 1,5 Pflichtstunden Unterschied geben, bei Oberschulen und Gymnasien bis zu vier).

In Brandenburg soll die Stundenzahl im Februar 2026 zum Beispiel um eine Stunde erhöht werden – wegen Personalmangel. Wird sie erhöht, müssen die Lehrkräfte wieder so viel wie Lehrkräfte in Berlin arbeiten: 28 Unterrichtsstunden an Grundschulen, 26 an Oberschulen und Gymnasien.

Was auf jeden Fall stimmt: Die Stundenzahl beschreibt nur die Unterrichtsstunden. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Aufgaben hinzugekommen, die nicht direkt die Unterrichtsstunden betreffen. So wird es in einem Paper im Auftrag der Telekom-Stiftung beschrieben. Eine Untersuchung von Göttinger Wissenschaftler:innen unter Berliner Lehrkräften aus dem Schuljahr 2023/24 hat ergeben, dass sie durchschnittlich 50 Stunden und 21 Minuten arbeiten. Offiziell müssen Lehrkräfte 41 Stunden die Woche arbeiten.

Mehr als sechs Stunden pro Woche verbringen Lehrkräfte laut der Göttinger Studie mit Aufgaben, die wenig mit Unterricht zu tun haben. In dieser Zeit gewöhnen sie sich an die Arbeit mit Tablets und anderen digitalen Geräten, kümmern sich um Anträge für Kinder mit Förderbedarf oder stimmen sich mit anderen Professionen im Schulkontext ab. Außerdem müssen sie detailliert dokumentieren, ob ihre Schüler:innen bestimmte Lernziele, etwa das Einmaleins, bereits beherrschen oder noch nicht.

Das war früher anders: Der Anteil unterrichtsbezogener Tätigkeiten ist in allen Schulformen geringer geworden.

Nichtsdestotrotz hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) – das Beratungsgremium der Kultusministerkonferenz – im Januar 2023 vorgeschlagen, die Pflichtstundenzahl zu erhöhen und den Anteil von Lehrkräften in Teilzeit zu senken. Dabei nennen viele Lehrkräfte in der Krautreporter-Umfrage Teilzeitarbeit als eine Art letzten Ausweg aus der Überbelastung. Fast die Hälfte aller Lehrkräfte in Deutschland arbeiten bereits in Teilzeit.

Was könnte man ändern?

  • Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, dass Lehrkräfte entlastet werden – durch mehr Anrechnungsstunden und eine kürzere Wochenarbeitszeit (wir erinnern uns, aktuell müssen Lehrkräfte 41 Stunden arbeiten).
  • Positiv erwähnt wird in der Krautreporter-Umfrage sowie in diesem Paper ein Arbeitszeitmodell, das 2003 in Hamburg eingeführt wurde. Kurz gesagt werden in diesem Modell die Pflichtstunden individuell berechnet, je nach Fächern und weiteren Aufgaben der Lehrkraft.
  • Die GEW schlägt eine Arbeitszeiterfassung vor – etwas, das im Lehrer:innenberuf in Deutschland bisher kaum vorgesehen ist. Auch in meiner Umfrage wurde dieser Wunsch mehrfach geäußert. Eine Lehrkraft schreibt, sie wünsche sich „definierte Homeoffice-Zeiten für Vorbereitung, Nachbereitung und Korrekturen sowie eine Zeiterfassung, die auch Konferenzen und Teambesprechungen umfasst.“
  • Lehrkräfte haben in der Krautreporter-Umfrage immer wieder gefordert, bestimmte Aufgaben auszulagern: IT-Spezialist:innen, um die Schulwebsite zu erstellen und digitale Geräte zu betreuen. Außerdem Sozialarbeiter:innen für die soziale Arbeit, Psycholog:innen, für die psychologische Betreuung der Schüler:innen und Verwaltungsmitarbeiter:innen für administrative und organisatorische Aufgaben.

2. Was es bedeutet, wenn die Arbeit nie vorbei ist

Lehrkräfte berichten in der Krautreporter-Umfrage von dem Gefühl, nie fertig zu sein, regelmäßig an Abenden und an Wochenenden zu arbeiten und sich nicht genug von der Arbeit in der Schule abgrenzen zu können. Annina unterrichtet seit über fünf Jahren an einer Gemeinschafts- bzw. Gesamtschule. Sie berichtet: „Zu viel Kopfkino, ständig am Feierabend und am Wochenende. Alles dreht sich irgendwie um die Schule: Wie plane ich meine Freizeit, damit ich alles schaffe?“ Gymnasiallehrerin Saskia schreibt, dass der Beruf „den ganzen Alltag“ einnehme. Sie unterbreche die Vor- und Nachbereitung nur für Essen, Schlaf und etwas Familienzeit. Eine Realschullehrkraft schreibt, sie habe immer das Gefühl, „nicht genug zu machen“.

Viele Lehrkräfte haben über Whatsapp ständig Kontakt mit den Eltern oder in späteren Jahren mit den Kindern selbst. Mehrere Lehrkräfte berichten, dass etwa die Organisation von Klassenfahrten sehr viel Zeit koste. Man müsse endlos telefonieren, planen und dem Geld hinterherrennen. Ständig erreichbar zu sein, ist eine große Belastung.

Studien haben immer wieder „hohe emotionale Anforderungen“ bei Lehrkräften als Gesundheitsrisiko identifiziert, so etwa diese Studie. Dazu passt, dass eine Lehrkraft einer Hauptschule in der Umfrage erklärt, sie habe sich nicht vorstellen können, wie „emotional anstrengend dieser Job auf Dauer ist.“

Eine Grundschullehrkraft schreibt, der Job koste „viele Nerven“, die man für die eigenen Kinder nicht mehr übrig habe. Sie schreibt auch, die Bedingungen hätten sich über die Jahre verschlechtert.

Laut einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung leideten mehr als die Hälfte der Lehrkräfte häufig oder sehr häufig unter körperlicher Erschöpfung und Müdigkeit, ein Drittel unter Schlafstörungen. 84 Prozent sehen sich selbst als stark belastet. Drei Viertel arbeiten regelmäßig am Wochenende, die meisten können sich in der Freizeit kaum erholen. In dieser Studie mit Berliner Lehrkräften stimmen 78 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass sie durch digitale Medien und Techniken auch während der freien Zeit ständig in Kontakt mit ihrer Arbeit seien. Grundschullehrkräfte sind im Vergleich zu Lehrkräften anderer Schulformen besonders belastet. Wir erinnern uns an Kevin, den Lehrer, der manchmal spätnachmittags das erste Mal dazu kommt, etwas zu essen. An berufsbildenden Schulen finden sich laut verschiedener Studien die niedrigsten Belastungswerte.

Was könnte man ändern?

  • Eine Gymnasiallehrerin, die seit über 20 Jahren im Beruf ist, fordert „verbindliche Maßnahmen zum Gesundheitsschutz: gute Vertretungssysteme, echte Pausen sowie Supervision oder Coaching als Standard.“ Außerdem wünscht sie sich eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Privatleben und Schule, etwa durch verlässliche Arbeitszeitmodelle, weniger Erwartung, ständig erreichbar zu sein und eine im Schulgebäude integrierte Kinderbetreuung.
  • Eine Gymnasiallehrkraft wünscht sich einen Arbeitsplatz mit Büro und Computer auf dem Schulgelände, „so dass man auch mal Feierabend hat“, wenn man nach Hause kommt.
  • Gymnasiallehrerin Vera wünscht sich einen „Fundus an Vertretungslehrkräften, die notfalls einspringen können.“

3. Die Superdiversität der Kinder fordert Lehrkräfte immer mehr heraus

Den Schulen fehlen Ressourcen auf allen Ebenen. Geld, Platz, Lehrkräfte. Gleichzeitig gibt es viele Kinder mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Darüber habe ich in den vergangenen Monaten immer wieder geschrieben. zum Beispiel hier. Die Kinder werden immer superdiverser, wie der Bildungssoziologe Aladin El-Mafaalani schreibt. Das heißt: Kinder unterscheiden sich in ihren Hintergründen und Ressourcen immer stärker voneinander. Das gilt auch für Kinder mit Migrationshintergrund, deren Zahl unter Grundschulkindern in Deutschland im Durchschnitt bei fast 50 Prozent und in westdeutschen Großstädten bei über 60 Prozent liegt.

Viele der Lehrkräfte in der Krautreporter-Umfrage sprechen von zu großen Klassen. Tatsächlich ist die Schüler:innenzahl pro Klasse in den vergangenen Jahrzehnten nicht gewachsen. Das Gefühl, dass die Klassen zu groß sind, könnte damit zu erklären sein, dass jedes der durchschnittlich 21 Kinder in einer Grundschulklasse sehr unterschiedliche Bedürfnisse hat – und das mehr als noch vor zwanzig Jahren. An manchen Schulen sind auch fehlende Deutschkenntnisse ein großes Thema.

Als Risikofaktoren für Stress identifiziert diese Studie die Klassengröße und das Unterrichten in Grundschulen. Eine weitere Studie hat herausgefunden, dass aber tatsächlich gar nicht so sehr die Klassengröße entscheidend ist, sondern vielmehr die Anzahl der unterschiedlichen Lerngruppen, auf die sich Lehrkräfte einstellen müssen. Auch eine kleine Klasse mit 15 Kindern kann sehr herausfordernd sein, wenn das eine Kind kaum Deutsch spricht, das andere fließend, das eine autistisch ist und das andere ADHS hat.

So beschreibt es Reiner, Lehrer an einem Gymnasium: „Das ist das Schwerste: Schüler:innen nicht helfen zu können. Du weißt, was gebraucht wird, aber die Ressourcen sind nicht da. Vor allem wenn es hauptsächlich an Sprachproblemen und mangelnder Unterstützung aus dem Elternhaus liegt. Wenn du alles tust, was du kannst, landest du im Burnout.“ Grundschullehrerin Kaddy erklärt: „Viel zu viele Kinder in einer Klasse, viel zu wenig Lehrer. Viele Kinder haben so krasse Defizite in nahezu allen Bereichen und die Schule soll es auffangen, was absolut unrealistisch ist. Das führt zu Frustration auf allen Seiten. Der Alltag ist hart und anstrengend, auch körperlich.“

Mehrheitlich befürworten Lehrkräfte Inklusion, sie kritisieren aber die Umsetzung. In der Bosch-Studie von 2024 haben 71 Prozent der befragten Lehrkräfte angegeben, dass ihre Schule trotz aller Bemühungen einigen Schüler:innen aktuell „nicht die adäquate Unterstützung beim Lernen bietet, die sie benötigen.“

Was könnte man ändern?

  • In der Psychotherapie und Sozialarbeit gehört Supervision selbstverständlich dazu. Dort wird regelmäßig über belastende Fälle gesprochen, um Verantwortung zu teilen und Einzelne zu entlasten. Unter Lehrkräften ist das dagegen kaum verbreitet. Warum eigentlich?
  • Eine Gymnasiallehrkraft wünscht sich in der Krautreporter-Umfrage „deutlich kleinere Klassen und realistische Deputate, damit Beziehung, individuelle Förderung und gute Vorbereitung überhaupt möglich sind.“ Mit Deputat ist die Zahl der Pflichtstunden gemeint, die eine Lehrkraft pro Woche unterrichten muss.
  • Mehr Fachkräfte, die Expertise für Kinder mit Förderbedarf oder mit geringen Deutschkenntnissen haben, wären dringend nötig. In der Krautreporter-Umfrage werden mehrfach multiprofessionelle Teams gefordert.

4. Ersatzelternteil zu sein, ist anstrengend

In dem Buch „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ legen die drei Soziologen Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Klaus Peter Strohmeier dar, weshalb Schulen heute eine andere Aufgabe erfüllen müssen als früher. Sie schreiben, dass Schulen heute mehr Lebensort als nur Lernort sind. Sie schreiben sogar, dass Schulen teilweise Familien ersetzen müssten.

Das bedeutet natürlich mehr Arbeit für die Lehrkräfte, die diese neue Anforderung zusätzlich zu einem ohnehin vollen Alltag bewältigen müssen, ohne dass man sie dafür entlastet oder gezielt darauf vorbereitet. Wenn man gezwungen ist, elterliche Aufgaben zu übernehmen, wird das normalerweise bezahlt, zum Beispiel als Babysitter:in.

Lehrkräfte bekommen aber kein Extra-Geld, wenn sie mehr Beziehungsarbeit leisten. Und sie sind hauptsächlich für die anstrengenden Aspekte von Fürsorge zuständig. Lehrkräfte müssen Regeln durchsetzen und den Kindern gleichzeitig vieles beibringen: Schwimmen, Radfahren, Lesen, Schreiben, den Umgang mit Konflikten. Gleichzeitig fehlt auch hier wieder die Zeit: Weniger als 40 Prozent der Lehrkräfte in der Umfrage der Bosch-Stiftung sagen, dass sie im Unterricht genügend Zeit für pädagogische Beziehungsarbeit mit ihren Schüler:innen hätten.

Was könnte man ändern?

  • Fachkräfte einstellen, für die Beziehungsarbeit im Fokus steht. Außerdem Lehrkräfte in der Ausbildung besser auf den sozialpädagogischen Anteil ihrer Arbeit vorbereiten.
  • Grundschullehrerin Andrea fordert: „Ein Schulpsychologe und Schulsozialarbeiter pro Schule statt gar keiner bzw. eine:r pro Bezirk.“

5. Digitalisierung und mehr Evaluation sind gut, aber wer kümmert sich darum?

In der Umfrage sagen viele Lehrkräfte, dass ihre administrativen, organisatorischen und bürokratischen Aufgaben mehr geworden sind. Werner, Lehrkraft an einer Sonderschule, schreibt: „In den letzten 25 Jahren habe ich einen unglaublich hohen Zuwachs an Bürokratie und Regeln erlebt.“

Lehrkräfte erfassen und aktualisieren Schüler:innendaten, melden Zahlen an Schulträger, Länder und die Kultusministerkonferenz, organisieren Prüfungen und Vergleichsarbeiten, verwalten Lehrmittel, rechnen Klassenfahrten ab, betreuen digitale Plattformen, stellen Förderanträge und setzen Vorgaben zu Datenschutz, Kinderschutz und anderen Bereichen um.

Dass viele den Eindruck haben, diese Aufgaben seien mehr geworden, lässt sich unter anderem so erklären: Schulen entwickeln Unterricht und Organisation heute stärker datenbasiert und systematisch. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Gleichzeitig wächst der Aufwand, weil Lehrkräfte mehr Daten erheben und pflegen müssen. Besonders spürbar wird das bei Förderanträgen: Wer viele Kinder mit Förderbedarf unterrichtet, verbringt auch mehr Zeit mit Formularen. Dazu kommt die Betreuung digitaler Plattformen, ein vergleichsweise neues Aufgabenfeld, das zusätzlich bindet.

Der Digitalisierung stehen Lehrkräfte generell positiv gegenüber und erhoffen sich davon eigentlich Entlastung, wie diese Studie beschreibt. Tatsächlich haben aber nur drei Prozent das Gefühl, dass die Belastung durch die Digitalisierung abgenommen hat. 51 Prozent nehmen eine Zunahme wahr, 27 Prozent sogar eine starke. Mehrere Studien nennen sogenannten digitalen Stress, der häufig entsteht, wenn es nicht genügend IT-Support an einer Schule gibt.

Was könnte man ändern?

  • In der Göttinger Studie wird klar: Unklare Erwartungen an die Digitalisierung führen zu Unsicherheit und Überforderung. Eine klare Strategie auf Schul-, Landes- und Bundesebene würde hier deutlich entlasten.

6. Lehrkräfte sollen im besten Fall alle gesellschaftlichen Probleme lösen

Viele Lehrkräfte fühlen sich von Politik, Eltern und manchmal auch der Schulleitung nicht gesehen. Es entsteht das Gefühl, dass Engagement selbstverständlich erwartet, aber selten anerkannt wird. Verschiedene Studien sehen die „fehlende externe Anerkennung“ als beste Erklärung für die hohe Anzahl von Burnout-Symptomen unter Lehrkräften. Das mag auf den ersten Blick irritieren, weil Lehrkräfte in Deutschland relativ gut verdienen und gut abgesichert sind. Es gebe aber eine schlechte Balance zwischen dem, was man reinsteckt und dem, was man im Austausch an gesellschaftlicher Anerkennung bekommt.

Gleichzeitig haben Lehrkräfte oft hohe Ansprüche an sich selbst. Viele Lehrkräfte wollen das Beste für die Kinder, aber sie können es einfach nicht leisten. Diese Lücke zwischen Anspruch und Realität ist eine weitere ständige Frustrationsquelle. Lea schreibt: „Was ich noch lernen muss, ist, mich freizumachen davon zu denken, ich müsste ständig allen gerecht werden! Alle haben Erwartungen – die Kinder, die Eltern, die Kolleg:innen, Schulleitung, unsere Gesellschaft und ich selbst.“ Sie ist seit ein paar Jahren Grundschullehrerin.

Anna-Lea schreibt, dass die Schüler:innen für sie niemals ein Grund wären, den Job aufzugeben: „Aber die Tatsache, dass ich ständig gegen das System arbeiten muss (im Sinne von alles auffangen, was strukturell vernachlässigt wird) und das Gefühl, dass ich meinen eigenen Erwartungen nur gerecht werden kann, indem ich weit über ein gesundes Pensum hinaus arbeite, lassen mich einen Jobwechsel trotz nahender Verbeamtung auf Lebenszeit und der damit einhergehenden Sicherheit absolut in Betracht ziehen.“ Sie unterrichtet an einer Gemeinschaftsschule.

Was könnte man ändern?

  • Eine Gymniaallehrkraft, die seit mehr als 20 Jahren in ihrem Beruf tätig ist, wünscht sich: „Mehr gesellschaftliche Wertschätzung, weniger Lehrkraft-Bashing.“ Konkret meint sie damit: „Anerkennung, dass dieser Job emotional, inhaltlich und organisatorisch extrem anspruchsvoll ist und dass es gegenseitige Unterstützung braucht.“ Außerdem wünscht sie sich „klare Grenzen bei Angriffen von außen (Eltern, Öffentlichkeit, Social Media) und konsequenter Schutz durch Dienstherr und Behörden.“

Übrigens: Kevin, der unter der Woche kaum an etwas anderes als Schule denkt, ist trotzdem gerne Lehrer. Er schreibt, dass er zu den 78 Prozent gehört, die sehr erschöpft sind, aber auch zu den 75 Prozent, denen ihre Arbeit Spaß macht und die weitermachen wollen. Er bezieht sich dabei auf Zahlen des deutschen Schulbarometers der Bosch-Stiftung.

In meinem nächsten Text wird es deswegen darum gehen, warum die meisten Lehrkräfte weitermachen wollen – trotz allem.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer

Lehrkräfte müssen immer mehr leisten. Was ihnen helfen könnte

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