KR-Mitglied Ilona fragt: „Welche europäischen Initiativen gibt es, unabhängig von den amerikanischen Unternehmen Google, Paypal, Microsoft etc. zu werden?“
„Zieh ihr die Kleidung aus“, schreibt jemand in Grok und lädt ein Foto eines jungen Mädchens hoch. Grok, der KI-Chatbot auf Elon Musks Plattform X (früher Twitter), wurde im vergangenen Dezember zum Werkzeug, um sexualisierte Bilder von Frauen und Kindern zu generieren.
Am 26. Januar 2026 leitete die Europäische Kommission eine Untersuchung zu Grok ein. Sie prüft, ob X seine EU-Pflichten zur Risikobewertung und -minderung des KI-Systems einhält und sendet damit das Signal an große Tech-Plattformen: Ihr steht nicht außerhalb europäischer Aufsicht.
Gerade jetzt, wo viele der größten amerikanischen Tech-Chefs der Trump-Regierung nahestehen, wird der Ruf nach Unabhängigkeit von amerikanischen Tech-Konzernen lauter. In einem Interview erklärt mir Cristina Caffarra, Vorsitzende der von der Industrie angestoßenen politischen Initiative Eurostack, diese Abhängigkeit mit klaren Worten: „Europa ist eine digitale Kolonie der USA.“
Die Infrastruktur, die unser digitales Leben ermöglicht – Rechenzentren, Hardware, Software – liegt laut Caffarra „fast vollständig in amerikanischer Hand“. Sie spricht vor allem von Google, Microsoft und Amazon (AWS).
Das birgt Risiken. „Sollte die Trump-Regierung Europa zu Dingen zwingen wollen, die es nicht möchte, könnte sie die amerikanischen Plattformen instrumentalisieren, die letztlich der US-Gerichtsbarkeit unterliegen.“ Dabei müssten sie uns den Zugang nicht komplett abschalten. „Es reicht, den Service einfach zu verschlechtern oder bestimmte Funktionen für Europäer:innen einzuschränken.“
Der zweite Aspekt ist Sicherheit: „Kritische Daten liegen in nicht-europäischen Händen“, warnt Caffarra. „Nehmen wir ein Beispiel: Um selbstfahrende Autos zu trainieren, werden riesige Datensätze gebraucht. Jedes Schlagloch in Berlin, jedes Kopfsteinpflaster in Paris wird erfasst. Diese Daten sind verteidigungsrelevant“, sagt Caffarra.
Ganz machtlos ist die EU aber nicht: Sie hat einige Mittel in der Hand, um große Tech-Konzerne in die Pflicht zu nehmen.
Big Tech unter EU-Aufsicht⬆ nach oben
Mit dem Digital Services Act (DSA) und dem Digital Markets Act (DMA) hat die EU zwei ambitionierte Gesetze geschaffen, die seit 2024 große Techkonzerne regulieren und Nutzer:innen schützen sollen.
Der DMA zielt auf sogenannte Gatekeeper. Das sind Plattformen, die ganze digitale Märkte dominieren, etwa Alphabet (Google, Youtube), Amazon, Meta (Facebook, Instagram, Whatsapp), Apple, Microsoft oder Bytedance (Tiktok). Sie dürfen ihre Marktmacht nicht missbrauchen, müssen Wettbewerb zulassen und dürfen Nutzer:innen-Daten nicht etwa ungefragt für Werbungszwecke tracken. Bei Verstößen drohen Geldstrafen von bis zu zehn Prozent des weltweiten Umsatzes, bei Wiederholung sogar 20 Prozent.
Der DSA (auf dessen Grundlage die EU gegen Grok vorgeht) konzentriert sich auf den Schutz der Nutzer:innen und verpflichtet Plattformen zu transparenten Algorithmen, klar gekennzeichneter Werbung und einem besseren Schutz von Minderjährigen. Auch hier drohen hohe Geldstrafen.
Der Kampf um die Durchsetzung⬆ nach oben
Klingt erstmal gut. Doch die Durchsetzung hinkt hinterher. Zwar hat die EU-Kommission Verfahren eingeleitet und hohe Strafen verhängt, etwa 500 Millionen Euro gegen Apple und 200 Millionen gegen Meta wegen DMA-Verstößen. Das heißt aber nicht, dass diese Strafen in voller Höhe wirksam werden. Big-Tech-Firmen ziehen häufig vor Gericht, verzögern Zahlungen und versuchen, die Strafen zu senken. Oft mit Erfolg. Bis Verfahren abgeschlossen sind, vergehen Jahre, und ob sowie in welcher Höhe tatsächlich gezahlt wird, bleibt lange offen.
Zudem hängt die Durchsetzung stark von den Mitgliedstaaten ab. Länder wie Spanien, Polen oder Portugal haben noch immer keine richtig ausgestatteten Digitalaufsichtsbehörden. Die Kommission brachte sie deshalb vor den Europäischen Gerichtshof, weil sie den DSA nicht vollständig umgesetzt hatten.
Was tatsächlich hilft, hat man laut dem Center for Future Generations (ein unabhängiger „Think-and-Do-Tank“) 2024 in Rumänien gesehen: öffentlicher Druck. Nach Manipulationsvorwürfen bei der dortigen Wahl musste Tiktok auf Druck der EU-Kommission seine Schutzmaßnahmen ausweiten, etwa durch besser gekennzeichnete politische Inhalte. Der DSA funktioniert also, wenn jemand hinschaut. Wenn nicht, geht alles weiter wie gehabt.
Regulierung reicht nicht⬆ nach oben
Für Caffarra läuft der große Regulierungsaufwand ins Leere. „Wer nur an der Marktmacht der Monopolisten kratzt, baut keine europäische Industrie auf“, sagt sie. Entscheidend für die Unabhängigkeit sei Wachstum im europäischen Tech-Sektor.
Fragmentierte Strukturen verhindern den Erfolg der europäischen Tech-Industrie: „Wir haben 27 Mitgliedsstaaten, 27 Märkte, unterschiedliche Sprachen, Steuersysteme und Rechtslagen. Für Start-ups ist es extrem schwer, europaweit zu wachsen.“
Hinzu komme, dass europäisches Kapital trotz hoher Sparraten oft in amerikanische Unternehmen fließe. Dabei sei Europa keineswegs chancenlos, findet Caffarra: „Wir haben das Talent, die Kompetenz, das Geld. Wir müssen nur daran glauben und handeln.“
Und noch etwas sei wichtig, so Caffarra. In Europa gäbe es viele spezialisierte Anbieter. Für Unternehmen und Verwaltungen sei es aber oft unattraktiv, zahlreiche Einzellösungen zu kombinieren. Europäische Unternehmen müssten sich zusammenschließen, um integrierte Angebote zu entwickeln.
Die Initiative dafür müsse vor allem aus der Industrie kommen, betont Caffarra. Gleichzeitig müsse auch die Nachfrage mitziehen und die Politik Anreize schaffen – etwa durch verbindliche Vorgaben für Schulen, Krankenhäuser oder Verwaltungen, europäische Technologien einzusetzen.
Bis zum Jahr 2000 entwickelten sich die Produktivitätszuwächse in Europa und den USA ähnlich, danach stieg die Produktivität in den USA deutlich schneller, weil die USA vor allem im Tech-Sektor deutlich mehr investieren. Caffarra weist darauf hin, dass diese Investitionen weit über den Tech-Sektor hinaus auf die gesamte Wirtschaft wirken.
Europäische Unabhängigkeit im Alltag⬆ nach oben
Auch wir können mitentscheiden, sowohl auf politischer wie auf individueller Ebene.
Seit 2024 stellt die Landesverwaltung Schleswig-Holsteins auf Open-Source-Technologien um, um sich digital unabhängiger von den USA zu machen. Sie wechselt etwa von Microsoft zum freien Office-Paket Libre Office und von Sharepoint zur Kollaborationsplattform Nextcloud und sparte dabei allein 2025 angeblich 15 Millionen Euro an Lizenzgebühren.
Auch privat lässt sich etwas bewegen. Initiativen wie European Alternatives ermutigen dazu, auf europäische Technologien umzusteigen. Auf der Website der „Digital Independence Day“ gibt es etwa „Wechselrezepte“, die dabei helfen, etwa einmal im Monat einen Anbieter zu wechseln, weg vom US-Monopol und hin zu europäischen Alternativen. Zum Beispiel:
Offene Alternativen stoßen im Alltag jedoch häufig noch auf Hürden. Solange sie als kompliziert oder wenig intuitiv gelten, wechseln zu wenige Verbraucher:innen. Hier kann Politik ansetzen, solche Angebote attraktiver zu machen.
Auch Caffarra betont, dass dieses Zusammenspiel wichtig ist: „Es ist wichtig, dass Bürger:innen Handlungsfähigkeit spüren und Europa stärker machen wollen. Aber letztendlich braucht es echte wirtschaftliche Macht. Unternehmen müssen zu europäischen Lieferanten wechseln und ihnen durch langfristige Verträge Investitionen ermöglichen.“
Redaktion: Nina Rossmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer; Audioversion: Iris Hochberger