Weibliche Person mit OP-Maske greift sich in die Haare im Vordergrund, Hintergund eine typische Bürosituation

Raj Rana/engin akyurt/Unsplash

Geld und Wirtschaft

500 Menschen haben uns gesagt, warum sie krank arbeiten

Sie wollen ihre Kolleg:innen nicht im Stich lassen, haben Angst vor ihrem Chef oder schaffen ihren Arbeitstag mit Schmerzmitteln.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) findet, dass die Deutschen sich zu oft krankmelden. „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“, fragte er bei einer Wahlkampfveranstaltung Mitte Januar in Bad Rappenau.

Im Jahr 2024 waren Arbeitnehmer:innen in Deutschland durchschnittlich 14,8 Tage krankgemeldet, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Eine der Ursachen für den hohen Krankenstand, vermutet Merz, seien telefonische Krankschreibungen, weil sie Krankmeldungen einfacher machten. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat angekündigt, die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung zu überprüfen.

Merz spricht von vielen Fehltagen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ständig viele Beschäftigte gleichzeitig krank sind. 1991 waren im Durchschnitt an einem normalen Arbeitstag 5,1 Prozent der Beschäftigten krankgemeldet, 2024 waren es 5,9 Prozent. An einem durchschnittlichen Tag fehlten also knapp sechs von 100 Beschäftigten.

Mehr zum Thema

Während der Kanzler zu viele Krankmeldungen kritisiert, zeigt sich gleichzeitig ein anderes Problem: Rund zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland arbeiten auch bei Krankheit, wie eine Auswertung des Deutschen Gewerkschaftsbundes ergab. Dieser Aspekt geht in der Debatte oft unter.

Wir wollten wissen: Warum gehen so viele krank arbeiten? Mehr als 500 Menschen haben uns geantwortet.

Hier haben wir ihre Stimmen gesammelt:

jenny schreibt

Wir sind eh immer knapp besetzt⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich bin Kita-Leiterin und habe meinen Kollegen gegenüber ein schlechtes Gewissen, wenn ich krank bin. Wir sind eh immer knapp besetzt und wenn es noch eine weniger ist, ist das wirklich ärgerlich. Krank gehe ich aber nur arbeiten, wenn ich erkältet bin oder einen Schnupfen habe. Eigentlich sollte ich ein gutes Vorbild sein und ich bin auch wirklich sehr selten krank. Aber es ist immer eine Plage.

Caroline schreibt

Im Pflegeheim mussten meine Kolleg:innen die Arbeit komplett auffangen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Wenn Projekte fertig werden müssen, Kunden auf Rückmeldungen warten, arbeite ich manchmal aus dem Homeoffice weiter, auch wenn ich mich krankgemeldet habe. Ich schaffe dann keine acht Stunden, aber 2 bis 3 Stunden sind dann machbar, um die wichtigsten Dinge abzuarbeiten. Damals habe ich in einem Pflegeheim gearbeitet, da hatte ich zum Teil ein stärkeres schlechtes Gewissen, wenn ich länger ausgefallen bin, weil meine Kolleg:innen die Arbeit komplett auffangen mussten.

Anonym schreibt

Krankschreibung ist zu aufwendig.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Birgit schreibt

Es fallen Termine aus, auf die Patient:innen lange gewartet haben⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich arbeite als Zahnärztin. Falle ich aus, müssen Termine verschoben werden. Termine, auf die Patient:innen teilweise lange gewartet haben oder sich sogar dafür freigenommen haben. Daher versuche ich, solange es vertretbar ist, immer noch arbeiten zu gehen.

anonym schreibt

Ich gehe krank arbeiten aus Verantwortungsgefühl und aus Angst, meinen Job zu verlieren wegen zu häufiger Krankheit.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

gila schreibt

Im Homeoffice ist es einfach⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Es ist so einfach, im Homeoffice sich eben doch an den Rechner zu setzen. Ich muss nicht den Weg ins Büro auf mich nehmen. Da kann ich doch zu Hause, wenn ich nicht völlig flachliege, etwas tun und meine Kolleg:innen unterstützen. 😇

hangzhi schreibt

Unfähigkeit, sich Ruhe zu gönnen⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich habe eine super unangenehme, aber offensichtlich internalisierte Idealvorstellung von Leistungsfähigkeit, hinzu kommen die Unfähigkeit, sich Ruhe zu gönnen, ständiges Gedankenkreisen um die Frage „bin ich denn krank genug?“ sowie teils auch ein schlechtes Gewissen Kolleg:innen gegenüber und im Sinne „dringender Projekte“.

Robert schreibt

Es wird von der Geschäftsführung geringschätzig kommentiert⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich habe Angst, mich krankzumelden weil das von der Geschäftsführung geringschätzig kommentiert wird. Aber auch Sorge, mein Team im Stich zu lassen. Ich arbeite im Rettungsdienst, es muss also immer jemand einspringen.

madita schreibt

Ich habe ein schlechtes Gewissen den Kollegen gegenüber und bekomme ein schlechtes Gewissen vom Chef, der auf einen einredet.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Friederike schreibt

Es ist mühsam, neue Termine zu finden⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Wenn ich Termine gemacht habe, bin ich oft froh, dass es geklappt hat. Die abzusagen, macht oft große Mühe. Für alle Beteiligten. Einen neuen Termin zu finden bei Terminsachen wie Beerdigungen ist schwierig! Deswegen gehe ich oft krank arbeiten. Nur wenn ich wirklich nicht kann, weil ich ansteckend bin oder weil ich gesundheitlich so hinfällig bin, dass ich es nicht schaffe, dann muss ich absagen.

Stefan schreibt

Als „guter ITler“ fühlt man sich auch krank verantwortlich oder hat einfach keine Vertretung. Und im Bett herumzuliegen, ist halt auch langweilig.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Anonym schreibt

Nicht ganz gesund zu arbeiten, ist weniger aufwändig⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Als Lehrerin muss ich den Unterricht für meine Schüler sowieso vorbereiten, die Kollegen dann instruieren, was sie machen müssen und es danach wieder verbessern und den nächsten Unterricht vorbereiten. Das ist wesentlich aufwändiger, als nicht ganz gesund arbeiten zu gehen, davon abgesehen ist es für alle Kollegen immer eine Zusatzbelastung, wenn ein Kollege krank ist und ausfällt. Das möchte ich vermeiden.

silke

Ich bin selbstständig. Wenn ich nicht arbeite, verdiene ich kein Geld.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Anonym schreibt

Ich schleppe mich zur Arbeit, um nicht jetzt schon in Armut zu leben⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Für viele ist „krank“ ein Synonym für eine Erkältung. Ich hingegen habe verschiedene chronische Krankheiten sowie gesundheitliche Belastungen und Einschränkungen. Bis zur Rente mit 67 muss ich noch zehn Jahre arbeiten, wenn und solange ich noch einigermaßen arbeitsfähig bin, schleppe ich mich zur Arbeit, um nicht jetzt schon in Armut zu leben. Die Grenze, ab wann ich mich krankmelden muss, ist für mich schwierig zu ziehen, zumal die Stressbelastung durch die Arbeit auch verschiedene Symptome hervorruft. Ich war im letzten Jahr insgesamt (also mit Unterbrechungen) etwa zwei Monate krankgeschrieben, möchte meinen Job nicht verlieren. Diesen Winter immer wiederkehrende Atemwegsinfekte, es ist zum Verzweifeln.

Anonym schreibt

Ich arbeite im eigenen kleinen Handwerksbetrieb und darf eigentlich nicht krank werden.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

franziska schreibt

Ich habe eine leitende Funktion⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich habe eine leitende Funktion. Was ich nicht abarbeite, bleibt liegen. Manchmal wird es schlimmer. Da überlege ich dreimal, ob ich wirklich zuhause bleiben kann.

Antje schreibt

Ich bin immer nervös vor den Gesprächen, in denen ich mich krankmelde.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich bin Altenpflegerin, eigentlich ist es gerade da nicht okay, krank arbeiten zu gehen, um ein Ansteckungsrisiko zu vermeiden. Wenn ich oder Kolleginnen krank zur Arbeit kommen, tragen wir eine Maske. Der Druck, der auf uns lastet, ist hoch, weil wir direkt ersetzt werden müssen und unsere Arbeit nicht liegen bleiben kann, wenn wir krank sind. Das ist Verantwortungsgefühl für die Kolleginnen und für die Bewohner:innen. Hinzu kommt, dass wir bei unseren Kolleginnen oder Chefinnen anrufen müssen, um uns krank zu melden. Ich bin immer sehr nervös vor diesen Gesprächen, fühle mich schlecht und versuche, so lange es geht abzuwägen, ob ich nicht doch noch kommen kann, anstatt mich krank zu melden.

elke schreibt

Ich bin Boomer und kenne das mein ganzes Arbeitsleben lang⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Das letzte Mal war mein Chef im Urlaub und außer mir keiner da, der einspringen konnte. Ich bin ein Boomer und kenne das mein ganzes Arbeitsleben lang, krank zu arbeiten. Das war einfach immer so, auch wenn die Kosten dafür immer sehr hoch waren. Aber nachdem ich jetzt auf der Zielgeraden zur Rente bin, mache ich das so gut wie gar nicht mehr, weil mir meine Gesundheit viel wichtiger ist als früher.

dorothee schreibt

Selbstüberschätzung⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich und meine Arbeit sind soooo wichtig! Manchmal ist es aber „wirklich wichtig“, nicht nur für mich, zum Beispiel wenn mein Fehlen den Terminplan von anderen negativ beeinflusst. Und dann habe ich ein verinnerlichtes Leistungsethos. Alles, wo ich mich mit Schmerzmitteln durchkämpfen kann, wird noch gemacht, solange es die Gesundheit anderer nicht gefährdet.

Anonym schreibt

Aus Loyalität der Firma gegenüber.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

marlene schreibt

In der Gastronomie ist die Personalsituation angespannt⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

In der Gastronomie ist es so angespannt mit Personal, dass man manchmal eher arbeiten geht, weil einem die Kollegen sonst leid tun. Das ist eigentlich Quatsch, man riskiert ja, dass es schlimmer wird und man dann noch länger ausfällt, als wenn man die Erkältung einfach zwei, drei Tage daheim auskuriert hätte. Und trotzdem passiert es oft.

Anonym schreibt

Ich finde es nicht schlimm, leicht angeschlagen zu arbeiten⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Weil ich es im Homeoffice kann. Ich rede aber hier auch von einer Erkältung oder abklingenden Grippe. Und die Motivation ist vorrangig der Schutz von Kollegen. Vor Corona wäre ich einfach krank zuhause geblieben. Ich finde das auch nicht schlimm, leicht angeschlagen zu arbeiten.

matthias schreibt

Weil die Arbeitslast nach der Rückkehr aus einem krankheitsbedingten Ausfall nur noch viel höher ist, weil zuviel liegen bleibt.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

chris schreibt

Druck vom Arbeitgeber⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Angst vor Kündigung, zu hohe Arbeitsbelastung, keine Vertreterregelung, subtiler Druck vom Arbeitgeber und Exempelstatuierung durch vermeintliche „Personalgespräche“, wenn man mehr als zehn Krankheitstage im Jahr hat.

marie schreibt

Ich arbeite Schichtdienst im Krankenhaus⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Ich arbeite im Schichtdienst im Krankenhaus, es herrscht chronischer Personalmangel und jemand anderes müsste übernehmen. Daher wird bei leichten Infekten, eine Ibuprofen-Schmerztablette eingeworfen, der Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt und weiter gearbeitet.

Hier kannst du dich selbst durch die mehr als 500 Antworten klicken.


Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

500 Menschen haben uns gesagt, warum sie krank arbeiten

0:00 0:00

Einfach unterwegs hören mit der KR-Audio-App