Gruppe von fröhlichen Menschen im Vordergrund, schulisch anmutendes Gebäude im Hintergrund auf gelben Kästchenpapier

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Kinder und Bildung

500 Lehrer:innen haben mir erzählt, warum sie sich das antun

Und warum sie ihren Beruf sogar lieben, obwohl er sie zur Belastungsgrenze bringt.

Wenn eine gute Freundin über ihre Beziehung sprechen würde wie viele Lehrkräfte über ihren Beruf, würde ich sagen: Lauf und zwar so weit du kannst!

Zwei von drei Lehrkräften würden sich laut einer Krautreporter-Umfrage, an der sich über 500 Lehrkräfte beteiligt haben, trotzdem nochmal für ihren Beruf entscheiden. Und das obwohl sie von hohen Belastungen berichten. Laut einer Umfrage der Bosch-Stiftung mit über 1.000 Lehrer:innen sind über 79 Prozent sehr erschöpft.

Was macht diesen Beruf „trotz all seiner Anstrengungen und Belastungen“, wie es eine Lehrerin schreibt, so schön? In den 545 Antworten meiner Umfrage stecken sechs Gründe, warum viele mit dem Wissen von heute nochmal Lehrer:in werden würden.

Grund 1: Die Kinder und Jugendlichen⬆ nach oben

Die Antwort ist eigentlich banal. Der Grund, warum die meisten ihren Job gerne machen, sind die Kinder. Also diejenigen, um die es bei ihrer Arbeit grundsätzlich geht beziehungsweise gehen sollte. In der Krautreporter-Umfrage werden vor allem die Bedingungen des Jobs als belastend beschrieben, nicht aber die Schüler:innen.

Martina, 44 Jahre alt, unterrichtet an einem Gymnasium. Sie schreibt auf die Frage, was ihr hilft, ihren Job weiterzumachen: „Die Schülerinnen und Schüler. Sonst eigentlich nichts.“

Grundschullehrerin Doro, 45 Jahre alt, antwortet auf dieselbe Frage: „Kleine Menschen mit großen Augen und Herzen, die dir Bonbons schenken. Oder dir mal spontan um den Hals (äh, Bauch) fallen. Tränenrotze, die mit Taschentüchern und Caring getrocknet werden können. Ein Lächeln. Die großen Fragen der Welt und des Lebens unkonventionell beantwortet bekommen.“

Gleich mehrere Lehrkräfte betonen, dass die Kinder es verdienen, dass man ihnen guten Unterricht bietet und dass man Zeit und Energie in sie investiert. In diesem Job bekommt man sehr direktes Feedback, das kann belastend sein, wenn die Kinder im Unterricht entweder schlafen oder so laut sind, dass man weinen möchte. Es kann aber auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit bestärken. Sandra schreibt, dass das wertschätzende und positive Feedback ihrer Schüler:innen in nunmehr zehn Jahren als Lehrerin hilft, ihren Job weiterhin gern zu machen.

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Sabrina unterrichtet seit über zehn Jahren an einer Realschule. Sie meint: „Wenn ich im Unterricht bin mit den Schüler:innen und sehen kann, wie sich meine Begeisterung auf sie überträgt oder wie sie beginnen, sich Fragen zu stellen über Dinge, über die sie vorher noch nie nachgedacht haben, dann ist das unglaublich schön.“

Gymnasiallehrerin Andrea schreibt, dass der „Aaaaah-Moment“ der Grund sei, warum sie Lehrerin geworden sei. Also der Moment, wenn sie hört, dass ein Kind etwas verstanden hat. Sie sagt, sie liebe ihn nach wie vor.

Die Empfindungen dieser Lehrkräfte haben auch ein wissenschaftliches Fundament. Laut des Schulbarometers der Bosch-Stiftung von 2024 sind soziale Beziehungen Schutzfaktoren für ein besseres Wohlbefinden von Lehrkräften, und das sind auch gute Beziehungen zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen. Wenn es aber Konflikte und Gewalt unter Schüler:innen gibt, wirkt sich das negativ auf das Wohlbefinden von Lehrkräften aus, so legt es die Studie nahe.

Grund 2: Der Idealismus⬆ nach oben

Nachdem ich die 545 Antworten meiner Umfrage gelesen habe, kommt es mir so vor, als wären die meisten Lehrkräfte große Idealist:innen. Als würden sie, so pathetisch es klingt, die Kinder, vielleicht sogar die Welt retten wollen.

Manche drücken es sehr hochtrabend aus, wie diese Grundschullehrkraft:

„Schule ist ein Biotop, in dem ich die Demokratie stärken und zur Völkerverständigung beitragen und zum Frieden auf der Welt beitragen kann.“

Andere formulieren es bodenständiger, wie Siggi aus Thüringen, der sowohl Lehrer als auch Fachleiter ist: „Es ist alles in allem ein Knochenjob, aber für Idealist:innen wie mich der beste Job der Welt.“ Eine Berufsschullehrkraft schreibt, sie glaube immer noch an die transformative Kraft von Bildung.

Yvonne ist Förderschullehrerin. Sie schreibt: „Es ist weiterhin mein Traumjob. Mit katastrophalen Rahmenbedingungen, aber die Arbeit mit und für Kinder erfüllt mich weiterhin, und mein Einsatz ist heute wichtiger denn je.“

Genau aus diesem Grund (Idealismus) nehmen Lehrkräfte Zustände hin, die, wie es eine weitere Lehrkraft beschreibt, in der freien Wirtschaft nicht denkbar wären. Ein solcher Idealismus, der einen Arbeitsbedingungen ertragen lässt, die man sonst nicht ertragen könnte, ist nicht nur Lehrkräften zu eigen. Es ist ein Idealismus, der in vielen sozialen Berufen zu finden ist. Er ist der Grund, warum Sozialarbeiter:innen oder Psycholog:innen in der Drogen-, Jugend- oder Obdachlosenhilfe arbeiten, auch wenn die Arbeitsbedingungen grenzwertig sind.

Grund 3: „Man bleibt jung“⬆ nach oben

Ein Satz, den so nur Leute über 40 sagen würden. Genauso wie: „Es ist immer Leben in der Bude.“ Beides hat der 45-jährige Stephan geschrieben, Gymnasiallehrer und stellvertretender Schulleiter, um klarzumachen, dass er jeden Tag von den Kindern etwas über das Leben lernen würde und „weniger andersrum“.

Wenn Lehrer:innen sich dafür begeistern können, immer wieder Neues zu lernen, dann ist ihr Job, wie Stephan schreibt, ein „wahrer Traumberuf“. Julika erklärt, ihr Job als Gesamtschullehrerin werde niemals langweilig, sie müsse ständig an sich selbst arbeiten und ihr Wissen und ihre Fähigkeiten erweitern. Schlicht und einfach gilt: Kinder halten jung.

„Die Flammen zu wecken und zu erhalten und täglich von den Kids selbst neue Impulse zu bekommen, ist einfach klasse.“ Das schreibt eine Gymnasiallehrerin, die seit über 30 Jahren in ihrem Beruf arbeitet. Eine Lehrkraft an einer Berufsschule schreibt, dass sie tolle Diskussionen und wertvollen Austausch mit ihren Schüler:innen habe. Und eine Lehrkraft an einer Gemeinschaftsschule schreibt, dass sie neue Dinge wie die Nutzung von KI oder anderen Tools mitunter gemeinsam mit den Schüler:innen lernen würde. Sabrina sagt, sie sei täglich dankbar dafür, wie Schüler:innen und Kolleg:innen ihren Horizont erweitern würden.

Grund 4: Das Kollegium⬆ nach oben

Selbst ich als Star-Journalistin (haha) habe manchmal Tage, an denen ich unmotiviert bin oder keinen Sinn sehe in dem, was ich tue. Was mir immer hilft: ein kurzes Meeting mit meinen Kolleg:innen. Schon habe ich meinen Drive zurück. So scheint es auch vielen Lehrkräften zu gehen.

Förderschullehrerin Yvonne schreibt: „Außerdem helfen (gleichgesinnte) Kolleg:innen enorm, wenn wir uns gegenseitig rückmelden, was toll läuft. Rückmeldung und Reflexion ist so wichtig und gewinnbringend für mich.“

Eine Gesamtschullehrkraft schreibt, dass ein „nettes, hilfsbereites, stabiles und engagiertes Kollegium“ helfe sowie die Arbeit im Team. Außerdem Supervision. Felix ist seit weniger als fünf Jahren Lehrer. Er sagt, ihm helfe der Kontakt zu Kolleg:innen, „um sich aufzuregen, auszutauschen und über die süßen Seiten des Jobs zu reden.“ Auch die Bedeutung einer Schulleitung, die einem den Rücken freihält, wird mehrmals erwähnt. Kein Wunder also, dass das Schulbarometer der Bosch-Stiftung auch herausgefunden hat, dass eine unterstützende Zusammenarbeit mit dem Kollegium ein Schutzfaktor für die ziemlich gestressten Lehrkräfte sein kann.

Grund 5: Der Veränderungswille⬆ nach oben

Wir kennen es alle: Sich über die Deutsche Bahn oder das Schulsystem zu beschweren, verbindet. Was aber noch viel mehr verbindet, ist, Missstände gemeinsam zu beheben. Um die Deutsche Bahn kümmern sich andere (hoffentlich). Beim Lesen der Umfrage ist mir aber aufgefallen, dass einige Lehrkräfte berichten, dass sie daran beteiligt seien, ihre Schule umzugestalten und weiterzuentwickeln. Andere betonen, dass ihnen ihr Engagement bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft oder bei Teachers for Future helfe. Unzufriedenheit in etwas Produktives umzusetzen, ist meistens eine gute Idee, aber auch leichter empfohlen als selbst gemacht.

Denn das Schulsystem wird in der Umfrage häufig als starr, alt, hierarchisch, träge, bürokratisch oder wahlweise auch als „unfroh“ bezeichnet. Aber auch in diesem System gibt es Spielraum für eigene Prioritäten. Manche Lehrkräfte setzen die Prioritäten selbstbewusst anders als erwartet, lassen bestimmte Dinge aus und kümmern sich um das, was sie für wichtig halten. Julia berichtet zum Beispiel, dass sie auch mal eine Leistungsüberprüfung weniger schreiben lasse, als eigentlich vorgegeben. Sie melde sich auch manchmal krank, um das Pensum zu schaffen.

Grund 6: Auch das: Sicherheit, Ferien, Beamtentum⬆ nach oben

Im Flur einer befreundeten Lehrerfamilie hing früher eine Postkarte: „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei.“ Das stimmt so natürlich nicht, aber der Job bringt tatsächlich strukturelle Vorteile mit sich. Und die sorgen auch dafür, dass viele Lehrkräfte nicht auf ihren Job verzichten wollen. Welche das sind? Die große Jobsicherheit, die Aussicht auf eine sehr gute Rente, die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten, die weiteren Vorteile des Beamtentums und, nun ja, die viel zitierten Ferien.

Es ist nicht so, wie es sich Nicht-Lehrkräfte gerne vorstellen: der Lehrerbauch wird nicht zwölf Wochen im Jahr auf Malle gebräunt. Aber auch wenn Lehrkräfte in den Ferien häufig korrigieren, Unterricht vorbereiten oder sonstige Arbeit verrichten müssen, so haben sie doch mehr frei als die meisten anderen Arbeitnehmer:innen. All das sind Faktoren, die die sinkende Anziehungskraft des Berufs gerade noch ausgleichen.


Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

500 Lehrer:innen haben mir erzählt, warum sie sich das antun

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