Es könnte schnell gehen. Eine Handvoll US-Spezialkräfte fliegt im Morgengrauen in die Hauptstadt und übernimmt die Kontrolle über strategisch wichtige Gebäude: das Parlament, die Polizei, den Flughafen. Am nächsten Tag weht die amerikanische Flagge über Nuuk, der Hauptstadt von Grönland. Donald Trump stellt sich vor die Presse und kündigt an, er habe Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit eingenommen. Wenn die EU Sanktionen erwäge, werde er der Ukraine sämtliche Unterstützung entziehen.
Was heute noch ein ausgedachtes Beispiel ist, könnte bald Realität sein. Grönland ist die größte Insel der Welt. Die Insel, auf der nur 57.000 Einwohner:innen leben, ist in weiten Teilen von einer dicken Eisschicht bedeckt, die aufgrund der Klimakrise immer schneller abschmilzt. Das legt wertvolle Rohstoffe frei und öffnet neue Seewege, die für Handel und Verteidigung wichtig sind. Deshalb wollte Trump Grönland schon in seiner ersten Amtszeit unter US-Kontrolle stellen. Seit er erneut US-Präsident ist, verfolgt er einen Anschluss deutlich zielstrebiger. Mit dem Ziel, „Grönland zu einem Teil der USA zu machen“, ernannte er vor Kurzem einen Sondergesandten für das Gebiet. Die Äußerungen der US-Regierung über die Insel sind eindeutig:
„Wir brauchen Grönland, ganz klar“, sagte Trump dem Magazin The Atlantic. Und: „Wir sprechen über Erwerb, nicht über eine Pacht.“
Ein Militäreinsatz sei „immer eine Option“, sagte seine Sprecherin Karoline Leavitt.
Und, nochmal Trump: Wenn die USA mit Grönland keine Einigung „auf dem einfachen Weg“ erzielen, würden sie es „auf die harte Tour“ tun.
Es ist also klar, was die Trump-Regierung will. Aber warum? Die Begründung lautet stets ungefähr so: Die USA brauchen Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit, weil die Insel „von russischen und chinesischen Schiffen umzingelt“ sei. Die geopolitische Bedeutung der Insel ist nicht neu. Aber Grönland gehört zu Dänemark und damit auch zur Nato. Außerdem schlossen die USA und Dänemark schon während des Kalten Krieges ein Verteidigungsabkommen ab, das den USA bis heute weitreichende Rechte auf der Insel gibt. Sie dürfen in Grönland zum Beispiel Militärstützpunkte errichten und Truppen stationieren. Die dänische Regierung soll zuletzt signalisiert haben, auch einer größeren US-Militärpräsenz auf der Insel zuzustimmen.
Eigentlich bräuchten die USA Grönland also nicht in Besitz nehmen. Möglicherweise steckt hinter dem Wunsch der Anspruch der US-Regierung, die gesamte westliche Erdhalbkugel zu dominieren. Oder vielleicht will Trump die Insel aus Prinzip besitzen. Und vielleicht ist der Grund auch egal. Denn Trump hat gezeigt, dass man ihm besser glauben sollte, wenn er anderen Ländern droht. Deshalb lohnt es sich durchzuspielen, wie genau die USA Grönland bekommen könnten. Wenn man die Szenarien durchdenkt, fällt auf: Es ginge erstaunlich leicht.
Schritt 1: Die grönländische Unabhängigkeitsbewegung stärken⬆ nach oben
Grönland war bis 1953 eine Kolonie Dänemarks. Heute ist die Insel weitgehend autonom, Dänemark entscheidet aber weiterhin über die Außen- und Verteidigungspolitik. Das Verhältnis zwischen der Insel und der ehemaligen Kolonialmacht ist nicht einfach. Jahrzehntelang kam es zu Zwangsadoptionen, Umerziehungsexperimenten und Zwangssterilisierungen der indigenen Bevölkerung.
Heute gibt es eine starke Unabhängigkeitsbewegung in Grönland. Umfragen zufolge würden 56 Prozent der Bevölkerung eine Loslösung von Dänemark befürworten, 28 Prozent lehnen das ab. Die Unabhängigkeitsbewegung ist ein Einfallstor für Trumps Ziel, die Insel zu kontrollieren. Denn mit einem unabhängigen Grönland könnten die USA direkt Verträge oder Deals abschließen. Aktuell bräuchten solche Vorhaben immer die Zustimmung der dänischen Regierung in Kopenhagen.
Um unabhängig zu werden, müssten die Grönländer zunächst in einem Referendum abstimmen. Sollte die Unabhängigkeitsbewegung gewinnen, müssten Grönland und Dänemark einen Vertrag über die Loslösung aushandeln, der von beiden Parlamenten angenommen wird. Anschließend könnte Grönland mit den USA über einen Beitritt verhandeln.
Es verwundert also nicht, dass die USA die grönländische Unabhängigkeitsbewegung für sich nutzen wollen. Als US-Vizepräsident JD Vance die Insel im März besuchte, sagte er: „Die Menschen in Grönland werden ihr Selbstbestimmungsrecht erhalten.“ Das war ein klares Signal. Doch die USA gehen noch weiter.
Recherchen des Wall Street Journals zufolge soll der US-Geheimdienst die Anweisung erhalten haben, die Aktivitäten auf der Insel zu intensivieren und der dänische Nachrichtendienst PET warnte bereits, dass Grönland Ziel von Einflussnahme-Kampagnen sei. US-Agenten sollen demnach Menschen aufgesucht haben, die sich für Grönlands Unabhängigkeit einsetzen, und nach Skandalen gefragt haben, die einen Keil zwischen die Insel und Dänemark treiben. Dänemark wiederum hat sich im vergangenen Jahr wiederholt bei US-Diplomaten über die Versuche verdeckter Einflussnahme in Grönland beschwert.
Wie weit die USA in ihrer Einflussnahme gehen, ist noch offen. Aber erste Erfolge haben sie bereits: Am 8. Januar forderte der grönländische Oppositionsführer Pele Broberg, Grönland solle direkt mit den USA über einen Anschluss oder ähnliche Verträge verhandeln – und nicht mit Dänemark.
Schritt 2: Geld zahlen⬆ nach oben
Sollte ein Unabhängigkeitsreferendum erfolgreich sein und Grönland sich tatsächlich von Dänemark lösen, könnten die Bewohner:innen sich in einem nächsten Schritt den USA anschließen. Dabei gibt es aber ein Problem: Zwar will die Mehrheit in Grönland die Unabhängigkeit von Dänemark. Aber 85 Prozent der Bevölkerung sind gegen einen Anschluss an die USA.
Das lässt sich ändern, glaubt US-Präsident Trump. Die US-Regierung überlegt aktuell, Einmalzahlungen an die Einwohner:innen Grönlands zu schicken, um sie von einer Abspaltung von Dänemark und einem Anschluss an die USA zu überzeugen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters denkt die Regierung in Washington über Zahlungen zwischen 10.000 und 100.000 US-Dollar pro Person nach. Die US-Regierung bestätigte, dass Trump und seine Berater:innen prüften, „wie ein potenzieller Kauf aussehen würde“.
Eine solche Zahlung (oder sollte man sagen: Bestechung?) wäre sehr effizient. Da in Grönland nur etwa 57.000 Menschen wohnen, müssten die USA weniger als sechs Milliarden US-Dollar bezahlen. Ein niedriger Preis für eine große und wichtige Insel. Für die einzelne Person in Grönland wiederum sind 100.000 US-Dollar wahrscheinlich viel Geld. Und vielleicht ein Grund, zumindest darüber nachzudenken.
Sollte die Bevölkerung Grönlands nach einer Abspaltung unabhängig bleiben wollen, gibt es weitere Optionen für Trump, die Insel zu kontrollieren. Seit Monaten sollen US-Beamte einen sogenannten Compact of Free Association (COFA) vorbereiten. Das ist ein Abkommen, bei dem Grönland unabhängig bleibt, aber den USA die Hoheit über die eigene Sicherheitspolitik übertragen würde. Die wiederum würde Hilfsgelder an die Insel zahlen, die Sicherheit Grönlands garantieren und zollfreien Zugang zum US-Markt ermöglichen. Ähnliche Abkommen haben die USA bereits mit Mikronesien und den Marshallinseln.
Schritt 3: Einen Deal mit Europa machen⬆ nach oben
„Es reicht!“ So kommentierte die dänische Premierministerin Mette Frederiksen die aktuellen Pläne der US-Regierung. „Grönland steht nicht zum Verkauf.“ Die Regierung in Kopenhagen will verhindern, dass die USA sich Grönland holen, egal ob militärisch oder mit einem Kauf. Das gilt auch für die Europäische Union.
Am 6. Januar erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gemeinsam mit seinen Amtskolleg:innen aus Dänemark, Frankreich, Italien, Polen, Spanien und Großbritannien: „Dänemark und Grönland – und nur sie allein – entscheiden über Angelegenheiten, die Dänemark und Grönland betreffen.“
Das sind klare Worte, doch stellt sich die Frage: Würden ihnen im Ernstfall auch Taten folgen? Die USA haben nämlich die Mittel, Europa unter Druck zu setzen und zu einem „Deal“ zu zwingen. Dafür müsste sie nur ihre Rolle im Russland-Ukraine-Krieg klug nutzen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert immer wieder, dass ein mögliches Friedensabkommen mit Putin durch langfristige Sicherheitsgarantien der USA abgesichert werden muss. Das kann bedeuten, dass die USA zusagen, die Ukraine im Falle eines erneuten Angriffs zu verteidigen.
Bislang weigern sich die USA, solche Garantien zu geben. Doch es gibt ein mögliches Szenario, in dem die Schicksale von Grönland und der Ukraine miteinander verbunden werden könnten. In diesem Szenario würden die EU und die USA einen Pakt schließen: Die Ukraine erhält langfristige Sicherheitsgarantien der USA, die wiederum freie Hand in Grönland bekommt.
Schritt 4: Grönland annektieren⬆ nach oben
Eine US-Annexion Grönlands ist wohl die letzte Option. Schließlich ist Dänemark ein Nato-Staat, so wie die USA. Die Nato basiert auf dem Vertrauen, dass sich die Mitgliedsländer gegenseitig helfen, wenn ein Land angegriffen wird. Doch was würde passieren, wenn ein Nato-Land ein anderes Nato-Land angreift? Bis zu Trumps zweiter Amtszeit war das eine völlig unvorstellbare Situation. Jetzt ist es eine reale Möglichkeit, die vermutlich das Ende der Nato bedeuten würde.
Wie weit würde Europa gehen, um Grönland zu verteidigen? Würden Dänemark, Frankreich, Italien, Polen, Spanien und Großbritannien, die am 6. Januar das gemeinsame Statement veröffentlichten, einen Krieg mit den USA riskieren? Stephen Miller, Trumps stellvertretender Stabschef, glaubt das nicht. Er sagte dem Sender CNN, dass „niemand wegen der Zukunft Grönlands militärisch gegen die USA kämpfen wird.“
Fakt ist: Eine Annexion Grönlands durch einen Militäreinsatz wäre ohne große Schwierigkeiten möglich. Es wäre laut dem Sicherheitsexperten Ulrik Pram Gad wohl „der kürzeste Krieg der Geschichte“.
Grönland und Dänemark verfügen kaum über Verteidigungsmöglichkeiten. Sollte Trump wirklich amerikanische Truppen mobilisieren oder Spezialeinheiten nach Grönland fliegen, könnten die USA wohl die Kontrolle über die Hauptstadt Nuuk in kürzester Zeit übernehmen. Anschließend könnte Trump ein manipuliertes Referendum unter der Bevölkerung abhalten, das den „Beitritt“ zu den USA bestätigen würde. Es wäre quasi dasselbe Vorgehen, mit dem Wladimir Putin die Krim annektierte.
So weit wird es wahrscheinlich nicht kommen. Auch ohne einen Militäreinsatz können die USA mit Druck, Geld und Geheimdienstoperationen viel erreichen. Dänemark, Grönland und die EU versuchen aktuell, mit Trump zu verhandeln. Sie wollen wohl eine neue Nato-Mission in Grönland vorschlagen, um die Sicherheit der Insel und des Nato-Gebiets zu garantieren. Gleichzeitig soll Dänemark den USA einen exklusiveren Zugang zu den Rohstoffen Grönlands angeboten haben. Doch das wird Trump kaum reichen.
In einem Interview mit der New York Times erklärte Trump, er wisse, dass die USA bereits ein Verteidigungsabkommen mit Dänemark haben, dass ihm die Stationierung weiterer Truppen ermögliche. Als der Journalist David Sanger ihn daraufhin fragte, warum ihm das nicht reicht, antwortete Trump, es gehe ihm darum, die Insel zu besitzen. Das sei „psychologisch notwendig, um erfolgreich zu sein.“
Und wer so denkt, mit dem lässt sich nur schwer verhandeln.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert