Wie die meisten Menschen habe ich die vergangenen Tage einige Zeit damit verbracht zu verstehen, was genau in Venezuela passiert ist – und wieso.
Die meisten Gründe, die Trump für die Entführung Maduros genannt hat, ergeben bei näherer Betrachtung wenig Sinn. Viele Kommentator:innen sind sich deshalb einig, dass es ihm um zwei Sachen zu gehen scheint: Imperialismus und Öl.
Über die Rolle von globaler Dominanz und Rohstofflieferketten hat mein Kollege Benjamin Hindrichs einen klugen Text geschrieben. Was ich aber erstaunlich fand: Wie wenig Trump über Öl in Venezuela zu verstehen scheint – oder vielleicht auch verstehen will. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass er in der Pressekonferenz nach Maduros Gefangennahme über zwanzig Mal das Wort „Öl“ verwendet hat. Mich erinnert die Situation an Trumps Zölle: Ihn scheint nicht zu interessieren, was andere sagen, wie die Welt funktioniert.
Aber auch, wenn Trump die Fakten aus politischen Gründen erstmal ignoriert: Sie werden beeinflussen, wie die USA sich mittelfristig in Venezuela verhalten wird.
1. Venezuela hat gar nicht so große Ölreserven, wie alle denken
Momentan lässt sich überall lesen, Venezuela hätte die größten Ölreserven der Welt: 300 Milliarden Barrel Erdöl. Ein Barrel sind 159 Liter. Wenn man sich die Daten der US-amerikanischen Energy Information Administration anschaut, fällt allerdings etwas Interessantes auf: Die Ölreserven scheinen sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht zu haben.
Das liegt nicht daran, dass auf einmal Milliarden Barrel an neuen Ölreserven gefunden worden sind. Sondern daran, dass die venezolanischen Regierungen unter Hugo Chavez und Nicolás Maduro Mitte der Nullerjahre ihre Ölreserven neu klassifiziert haben. Ein Großteil des Öls, das im Orinoco-Gürtel in Venezuela liegt, galt vorher als nicht zu ökonomisch vertretbaren Preisen abbaubar. Denn dieses Öl ist besonders zähflüssig und hat außerdem einen hohen Schwefelgehalt. Das macht es schwieriger zu fördern. Maduro und Chavez entschieden damals, dass ein Teil der Erdölreserven doch zu vertretbaren Preisen abbaubar wäre.
Statistiker:innen wissen: Daten aus korrupten Diktaturen kann man oft nicht trauen. Beide Diktatoren sind für das Missmanagement berüchtigt, unter dem die verstaatlichte Ölindustrie unter ihnen zu leiden hatte. Die Menge des tatsächlich geförderten Öls sank unter Chavez und Maduro erheblich.
Der Analyst der Eurasia-Gruppe Gregory Brew erklärt im Odd Lots Podcast zu den Reserven: „Zu sagen, dass Venezuela über 300 Milliarden Barrel Öl verfügt, die man sofort aus dem Boden holen könnte, ist einfach nicht richtig.“ Auch deshalb stieg der Ölpreis als Reaktion auf Maduros Entführung nicht.
Das liegt auch an einer zweiten Entwicklung, die Trump anscheinend ignorieren wollte:
2. Investitionen lohnen sich bei den niedrigen Ölpreisen gerade kaum
Vielleicht erinnerst du dich noch, wie die Preise für Öl 2020, zu Beginn der Pandemie, für eine Weile ins Negative rutschten. Vor sechs Jahren wurden plötzlich Ölabnehmer:innen bezahlt.
Das war zwar nur eine kurze Episode in der jahrhundertelangen Geschichte der Erdölförderung, aber trotzdem sind Ölpreise heute im historischen Vergleich niedrig. Das verdeutlicht diese Grafik von Paul Krugman, bei der die Preise inflationsbereinigt sind.
Die Gründe dafür sind komplex, aber es gehören auch langfristige Trends dazu, wie das rasante Wachstum von erneuerbaren Energien und die Entwicklung von Fracking, die die USA zum größten Öl-Produzenten der Welt gemacht haben.
Eine Folge davon: Öl-Unternehmen überlegen sich besonders gut, wo sie Geld investieren, um Öl zu fördern. Deshalb sind schon lange nicht mehr alle Ölreserven im Boden für die Unternehmen förderungswürdig. Vor ein paar Jahrzehnten, als es noch die Angst gab, wir hätten bald alle Ölreserven der Welt aufgebraucht (Peak Oil), mag das anders gewesen sein. Heute treibt Ölkonzerne eine andere Sorge um: wann die Nachfrage nach Öl zu sinken beginnen wird.
Deshalb überlegen sich Unternehmen jede Investition gerade zwei Mal. Das gilt selbst in Staaten, deren rechtliche und politische Lage sie langfristig einschätzen können. Umso mehr aber in einem Staat wie Venezuela, in dem Investitionen von Milliarden US-Dollar in die Infrastruktur über Jahre nötig wären. Denn wer weiß gerade schon, wie sich die politische und rechtliche Lage des Landes entwickeln wird.
Die US-amerikanischen Journalisten Ezra Klein und Jonathan Blitzer sehen in einem Podcast in Trumps Schachzug, der Entführung von Maduro, deshalb eine Strategie aus den 1980er Jahren. Sie sagen, statt auf Öl zu setzen, täten die USA gut daran, sich am Rennen um erneuerbare Energien zu beteiligen. Das ist immerhin die am schnellsten wachsende Energiequelle der Welt.
3. Trumps Rohstoffinteressen entsprechen nicht denen von Ölunternehmen
All das wissen Firmen wie Chevron und ExxonMobil natürlich viel besser als ich.
Trump verkündete zwar bei seiner Pressekonferenz: „Wir werden unsere sehr großen US-amerikanischen Ölkonzerne, die größten weltweit, dazu bringen, Milliarden von Dollar zu investieren, die stark beschädigte Infrastruktur zu reparieren und damit Geld für das Land zu verdienen.“
Gesprochen hatte er mit diesen Unternehmen aber anscheinend vorab nicht darüber. Wie der Economist berichtet, wusste Chevron vorab nichts von der geplanten Operation – immerhin die einzige amerikanische Ölfirma, die momentan in Venezuela tätig ist. Auf Trumps Pläne reagierten die Ölfirmen dann auch öffentlich sehr zurückhaltend. Nicht nur, dass die Infrastruktur, um Öl zu fördern, in Venezuela in einem miserablen Zustand ist, viele der geschulten Arbeiter:innen sind längst aus dem Land geflohen. Damit es möglich wäre, die wieder auszubauen, bräuchte es laut Meinung von Analysten einen Regimewechsel. Selbst wenn man die Moral beiseitelässt, reicht ein Blick auf Vietnam, Irak, Afghanistan oder Libyen, um sich daran zu erinnern, wie häufig die USA damit in den vergangenen Jahrzehnten gescheitert sind.
Das gilt umso mehr unter einem Präsidenten und einer Administration wie der von Trump, dem der lange Atem für so ein Projekt zu fehlen scheint. Ein paar Tage nach der Intervention ist weiterhin unklar, wer das Land nun regiert: Trump, seine Minister oder die venezolanische Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez.
Wir wissen nicht, wie genau die Ölfirmen auf diesen in der Pressekonferenz vorgetragenen Auftrag Trumps reagiert haben. Was wir aber wissen: Trumps Ton hat sich geändert. Und das nur drei Tage nach der Entführung. Während er zuerst noch tönte, in Venezuela ließe sich großes Geld machen, bietet er nun Ölfirmen an, sie für ihre Investments in die venezolanische Ölindustrie zu entschädigen. Aufkommen müssten dafür dann die Steuerzahler:innen in den USA.
Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Gabriel Schäfer; Audioversion: Iris Hochberger