Venezuela ist nur der Anfang. Zumindest, wenn man US-Präsident Donald Trump glaubt.
Kürzlich drohte Donald Trump in nur 37 Minuten mit Angriffen auf Kolumbien, Kuba, Grönland, Iran, Mexiko und erneut auf Venezuela. Er saß gerade im Regierungsflieger Air Force One, kurz nach dem US-Angriff auf Venezuela. Vor Journalist:innen lobte er sich selbst und sprach darüber, wen die USA noch angreifen könnten.
Kuba stehe „kurz vor dem Fall“, sagte der US-Präsident. Kolumbien wiederum werde von einem „kranken Mann“ regiert, der es liebe, „Kokain zu produzieren und es in die Vereinigten Staaten zu verkaufen.“ Auf die Frage einer Journalistin, ob es einen Militäreinsatz gegen Kolumbien geben werde, antwortete Trump: „Das klingt für mich gut.“
Zugleich verbreitete das Weiße Haus im Netz Bilder, die Trumps Macht nach dem Regierungssturz in Caracas bejubeln. „Keine Spielchen“ steht über einem Schwarz-Weiß-Bild und „FAFO“, die Abkürzung für „Fuck around and find out“. Das heißt so viel wie: „Wer dummes Zeug macht, bekommt die Konsequenzen zu spüren.“
https://x.com/WhiteHouse/status/2007543726521155938?s=20
Man mag das Gerede über Kuba, Kolumbien oder Grönland als Triumphgeheul eines berauschten Machthabers abtun. Warum sollte es schließlich Sinn ergeben, die ganze Welt gegen sich aufzubringen und sich in die Angelegenheiten anderer Länder einzumischen, obwohl die Mehrheit der eigenen Bevölkerung dagegen ist? Aber ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Wenn Autokraten Militäreinsätze, Konflikte oder Säuberungskampagnen androhen, sollte man sie ernst nehmen. Das gilt auch für Trump. Seine Drohungen mögen lächerlich, größenwahnsinnig oder weltfremd wirken. Aber wir sollten mit weiteren Angriffen der USA rechnen. Dafür sprechen drei Gründe.
Erstens: Trump will die Welt neu ordnen
Der Machtanspruch der USA unter Trump lässt sich in vier Worten zusammenfassen: „Das ist UNSERE Hemisphäre“, also Erdhalbkugel. Das schrieb das US-Außenministerium auf der Plattform X nach dem Angriff auf Venezuela. US-Außenminister Marco Rubio erklärte: „Dies ist die westliche Hemisphäre. Hier leben wir – und wir werden nicht zulassen, dass die westliche Hemisphäre zu einer Operationsbasis für Feinde, Konkurrenten und Rivalen der Vereinigten Staaten wird.“ Trump sprach von einer „Donroe-Doktrin“.
Das ist eine Anspielung auf die sogenannte Monroe-Doktrin, die US-Präsident James Monroe 1823 begründete. Diese außenpolitische Leitlinie besagte, dass sich europäische Länder nicht in die Angelegenheiten auf den amerikanischen Kontinenten einmischen sollten. Lateinamerika sei das Einflussgebiet der Amerikaner. Dahinter steckt die Idee, die Welt in Einflusszonen aufzuteilen. Das heißt, ein mächtiger Staat übt wirtschaftliche, militärische und politische Kontrolle über andere Länder in seiner Region aus, ohne offiziell an der Regierung beteiligt zu sein.
Nach diesem Prinzip teilten die Sowjetunion und die USA die Welt während des Kalten Krieges untereinander auf. Die USA sahen Lateinamerika als ihre Einflusszone und unterstützten zahlreiche Staatsstreiche und Militärdiktaturen auf dem Kontinent. Das Ziel war es, linke und progressive Regierungen durch loyale, autoritäre Regime zu ersetzen, die im US-Interesse handeln sollten.
Zu diesem Prinzip wollen die USA zurück. Das steht in der Nationalen Sicherheitsstrategie, die im Dezember 2025 veröffentlicht wurde. In dem Dokument beschreibt die US-Regierung Lateinamerika als Ursache für viele der vermeintlich größten Probleme der USA: Migration, Drogenhandel, Kriminalität, Chinas wachsender Einfluss auf der Welt. In diesen Bereichen soll Lateinamerika deshalb ab sofort im US-Interesse handeln. Entweder durch Anreize zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit und ideologische Verbundenheit zur US-Regierung. Oder durch wirtschaftlichen und militärischen Druck.
Die USA wollen also allein bestimmen, was auf der westlichen Welthalbkugel geschieht. Es geht Trump nicht darum, die Länder der Region selbst zu regieren. Sondern darum, dass niemand anderes es tut, der wirtschaftlich, ideologisch oder geopolitisch nicht im US-Interesse handelt. Deshalb sind weitere Militäreinsätze in Ländern Lateinamerikas wahrscheinlich. Die USA schaffen bereits die notwendige Infrastruktur dafür.
Im Dezember schloss die US-Regierung Militärabkommen mit Paraguay, Ecuador, Peru und Trinidad und Tobago. Zu den Vereinbarungen gehören die Stationierung von US-Luftstreitkräften in Ecuador, der Einsatz von US-Truppen gegen „Drogenterroristen“ in Paraguay, die Nutzung von Infrastruktur in Trinidad und Tobago und die Erlaubnis für US-Personal, bewaffnete Operationen in Peru durchzuführen. „Wenn die USA eine größere Offensive starten wollen (…), würden sie Operationsstandorte in der gesamten Region benötigen“, sagt die Militarexpertin Jennifer Kavanagh im Guardian. Genau das bereitet die Trump-Regierung durch solche Abkommen vor.
Zweitens: Die USA wollen Rohstoffketten kontrollieren
Am Tag nach der Entführung von Nicolás Maduro postete Katie Miller, Ehefrau des Trump-Vertrauten Stephen Miller, eine Grönlandkarte in US-Farben. Dazu schrieb sie: „BALD“. Auch Donald Trump bekräftigte: „Wir brauchen Grönland aus Gründen der Nationalen Sicherheit.“
https://x.com/KatieMiller/status/2007541679293944266?s=20
Seit seinem Amtsantritt fantasiert der US-Präsident davon, die Insel unter US-Kontrolle zu stellen. Erstens, weil die USA die strategisch wichtige Meerenge zwischen Grönland, Island und Großbritannien kontrollieren wollen. Zweitens, weil es im Silicon Valley eine mächtige (und ja, sehr seltsame) Bewegung gibt, die den demokratischen Nationalstaat überwinden möchte, um autonome Krypto-Staaten zu schaffen – zuerst in Grönland. Drittens, weil Trump Grönlands Rohstoffe für die US-Wirtschaft ausbeuten will.
In Grönland lagern bedeutende Vorkommen sogenannter seltener Erden. Das sind chemische Materialien, die für moderne Technologien unverzichtbar sind und zum Beispiel in Windrädern, Elektroautos und Smartphones verbaut sind. Laut der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes sind in Grönland 25 der 34 kritischen Rohstoffe in industriell bedeutsamen Mengen nachgewiesen, die von der EU als wichtig für Industrie und ökologischen Wandel eingestuft wurden.
Aktuell ist China, erklärter Hauptfeind der USA, Weltmarktführer bei der Gewinnung seltener Erden. Die USA versuchen unter Trump aufzuholen. Deshalb wollen sie Grönland kontrollieren. In der Nationalen Sicherheitsstrategie von Dezember 2025 heißt es: „Wir müssen unseren eigenen unabhängigen und zuverlässigen Zugang zu den Gütern wieder sichern, die wir zur Verteidigung und zur Erhaltung unserer Lebensweise benötigen. Dazu muss der Zugang der USA zu kritischen Mineralien und Materialien erweitert werden.“ Diese Erweiterung dürfte in vielen Fällen nur mit militärischem Druck umzusetzen sein.
Rohstoffe sind aber nicht nur in Grönland von Bedeutung, sondern auch in Lateinamerika. „Wir werden eine riesige Menge an Reichtum aus dem Boden holen“, erklärte Donald Trump nach der Entführung von Nicolás Maduro. Er fantasierte davon, dass der Regierungssturz US-Unternehmen die Tür zum Eldorado der venezolanischen Ölproduktion öffnen wird.
300 Milliarden Barrel Erdöl lagern in den Böden Venezuelas, die größten Vorkommen der Welt. Auf den ersten Blick wirkt der Sturz Maduros also wirtschaftlich sinnvoll. An der US-Golfküste stehen zahlreiche Raffinerien, die auf die Verarbeitung von Schweröl spezialisiert sind, wie es in Venezuela vorkommt. Die USA brauchen solche Ölvarianten als Ergänzung für ihr eigenes dünnflüssiges Fracking-Öl. Und um unabhängiger von Kanada zu werden, das Trump ebenfalls gern unter US-Kontrolle stellen will.
Doch US-Ölkonzerne sind sehr viel skeptischer als ihr Präsident. Denn die Infrastruktur der Ölindustrie in Venezuela ist marode, die Reparatur würde Milliarden kosten und Jahre dauern. In einem Land, das politisch so instabil ist, wären zwei- oder dreistellige Milliardeninvestitionen ein Risiko, das kaum ein Konzern eingehen will. Außerdem ist der Ölpreis aktuell niedrig, große Investitionen dürften sich auch aufgrund der Energiewende nur selten lohnen.
Solche Einwände prallen an Trump und seinen Leuten ab. Denn es geht der Regierung weniger darum, Venezuelas Ölindustrie mit US-Unternehmen nachhaltig aufzubauen. Sondern darum, dass die Ölreserven des Landes nicht zu Feinden fließen. China ist aktuell der wichtigste Abnehmer von venezolanischem Öl, Kuba hängt von venezolanischen Öllieferungen ab. Das heißt, die USA wollen nicht immer selbst sämtliche Ressourcen ausbeuten, aber auf jeden Fall den Zugang zu ihnen kontrollieren. Wenn nötig, mit militärischen Mitteln.
Drittens: Trump braucht die Eskalation
Ein Bild aus Mar-a-Lago erklärt vielleicht am besten, warum die US-Regierung weitere Kriege braucht. Während Trump und seine Vertrauten, Außenminister Marco Rubio, CIA-Direktor John Ratcliffe, Kriegsminister Pete Hegseth, auf Laptops die Entführung von Nicolás Maduro verfolgen, ist im Hintergrund ein großer Bildschirm zu sehen, auf dem die Plattform X geöffnet ist. Offenbar suchte einer der Anwesenden nach aktuellen Posts zu Venezuela, während die Militäroperation lief. Das Bild illustriert, dass die Entführung von Nicolás Maduro vor allem ein ideologischer Stimmungsmacher ist, der die MAGA-Anhängerschaft bei Laune halten und hinter Präsident Trump versammeln soll.
https://x.com/evanhill/status/2007540917365080220
Es ist ein bekanntes Muster, dass faschistische Regime nach innenpolitischen Misserfolgen die Expansion oder Eskalation im Ausland suchen. So lässt sich auch der Regierungssturz in Caracas deuten. Seit seiner Amtsübernahme am 20. Januar 2025 befindet sich Trump im Eskalationsmodus. Er lässt Migrant:innen verfolgen und prahlt damit, die Nationalgarde in demokratisch regierten Städten einzusetzen. Er hat zahlreiche Institutionen mit Anhänger:innen besetzt, Universitäten und Kultureinrichtungen eingeschüchtert und die Strafverfolgung seiner politischen Gegner begonnen. Trotzdem läuft es innenpolitisch nicht gut.
Vor den Zwischenwahlen im Herbst 2026 wenden sich seine Wähler:innen von ihm ab, die Wirtschaft floriert nicht wie versprochen. Zudem bringen die Enthüllungen rund um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein Trump seit Monaten in Erklärungsnot. In solchen Situationen versuchen Faschisten, die eigene Anhängerschaft durch weitere Eskalation wieder in Rage zu versetzen und hinter sich zu versammeln.
Wie genau das funktioniert, habe ich in diesem Text beschrieben. Die Kurzversion lautet so: Faschismus tendiert von Natur aus zur Eskalation, um seine Anhängerschaft in Bewegung zu halten. Er muss permanent Krisen schaffen, die er für sich nutzen kann. Bei Trumps Eskalation in Venezuela hat das bislang hervorragend funktioniert: Trump hat endlich einen Sieg vorzuweisen, was auch daran liegt, dass die Operation aus amerikanischer Sicht hervorragend geklappt hat. Die mediale Aufmerksamkeit liegt nun nicht mehr auf den Epstein-Dokumenten oder steigenden Lebenshaltungskosten, sondern auf seinen Drohungen gegen andere Länder, seiner Selbstinszenierung und dem spektakulären Militäreinsatz. Die MAGA-Anhängerschaft versammelt sich hinter ihm, seine Gegner:innen reden sich in Rage und machen sich so wiederum zum Ziel von Trumps Leuten.
Trump braucht diese Dynamik. Feindbilder und Eskalation sind der Sauerstoff des Trumpismus. Jetzt, wo er an der Macht ist, muss er sie nicht nur im Inneren suchen, sondern auch in externen Feinden. Deshalb braucht er weiterhin begrenzte militärische Eskalationen außerhalb der USA. Besonders gegen progressive oder links regierte Länder wie Kolumbien, Mexiko, Kuba oder Nicaragua.
Wirtschaftlich mögen sie nicht immer bedeutend sein. Aber in der Logik des Faschismus braucht es die Eskalation gegen sie. Trump muss hetzen, provozieren, zuschlagen, sich selbst feiern und dann das nächste Ziel suchen. Aus einer Erweiterung seines selbsterklärten Mottos „Fuck around and find out“ lässt sich die Herrschaftslogik seiner ganzen Amtszeit ableiten. Es ist die I-Need-To-Fuck-Around-And-You-Find-Out-Logik des Faschismus: Ich muss mich mit jemandem anlegen und ihr werdet die Konsequenzen spüren.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer; Audioversion: Iris Hochberger