Vor zwei Jahrhunderten erklärte US-Präsident James Monroe die westliche Hemisphäre zur Tabuzone für europäische Mächte. Was in Geschichtsbücher später als „Monroe-Doktrin“ einging, legte den Grundstein für eine neue Ära der US-Dominanz und ihrer „Polizeifunktion“ in der Region.
In den darauffolgenden Jahrzehnten fand fast ein Drittel der knapp 400 US-Interventionen weltweit in Lateinamerika statt. Die Vereinigten Staaten stürzten missliebige Regierungen oder wendeten Gewalt an, die später von internationalen Gerichten für illegal erklärt wurde.
2013 verkündete der damalige Außenminister Joe Kerry: „Die Ära der Monroe-Doktrin ist vorbei.“ Ein Signal, dass Lateinamerika künftig als Partner behandelt werden sollte, statt als Einflusssphäre.
Doch nun macht die Trump-Administration einen Rückzieher. Die im Dezember veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie hat die alte Doktrin formell wiederbelebt.
Das erklärt einige interventionistische Maßnahmen der US-Regierung in der Region in den vergangenen Monaten, von den tödlichen Bootsangriffen in der Karibik über den selektiven Einsatz von Sanktionen und Begnadigungen bis hin zum Angriff auf Caracas sowie die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und dessen Ehefrau Cilia Flores am 3. Januar.
Warum Lateinamerika so wichtig ist
In typisch überheblicher Manier verkündet das Strategiepapier eine „Trump-Konsequenz“ zur Monroe-Doktrin und erhebt die westliche Hemisphäre zur obersten internationalen Priorität der USA. Die Zeiten, in denen der Nahe Osten die amerikanische Außenpolitik dominierte, seien „zum Glück vorbei“, heißt es.
Das Dokument verbindet auch die Sicherheit und den Wohlstand der USA direkt mit der US-Dominanz in Lateinamerika. So zielt es beispielsweise darauf ab, China und anderen Mächten den Zugang zu strategisch wichtigen Ressourcen in der Region zu verwehren, darunter Militärbasen, Häfen, kritische Rohstoffe und Cyber-Kommunikationsnetzwerke.
Entscheidend ist, dass es die harte Rhetorik der Trump-Administration gegen vermeintliche Narko-Terroristen mit dem Großmachtkonflikt zwischen den USA und China verschmilzt. Eine robustere militärische Präsenz der USA und diplomatischer Druck seien notwendig, um lateinamerikanische Drogenkartelle zu bekämpfen und um Seewege, Häfen und kritische Infrastruktur vor chinesischem Einfluss zu schützen.
Wie die Strategie Trumps Handlungen erklärt
Schon seit Monaten bombardiert die Trump-Administration mutmaßliche Drogenboote in der Karibik und im östlichen Pazifik und tötet dabei Dutzende Menschen. Völkerrechtsexperten und Menschenrechtsbeauftragte sagen klar: Sowohl die Angriffe auf Boote als auch die Angriffe auf Caracas und die Festnahme Maduros verstießen gegen das Völkerrecht. Der US-Kongress hat keinen bewaffneten Konflikt in diesen Gewässern genehmigt. Dennoch wurden die Anschläge als notwendig dargestellt, um die USA vor „Narko-Terroristen“ zu schützen.
Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro wurde ebenfalls als „Narko-Diktator“ gebrandmarkt, obwohl Venezuela nur eine Nebenrolle beim Drogenschmuggel in die USA spielt. Nun wird er in New York wegen Drogenhandels und „Narko-Terrorismus“ vor Gericht angeklagt.
Am 2. Dezember sagte US-Präsident Donald Trump Reportern, dass jedes Land, von dem er glaubt, dass es Drogen herstellt oder in die USA transportiert, mit einem Militärschlag rechnen könne. Dazu gehören nicht nur Venezuela, sondern auch Mexiko und Kolumbien.
Am selben Tag begnadigte Trump ausgerechnet Juan Orlando Hernández, den ehemaligen Präsidenten von Honduras. Dieser war zu 45 Jahren Haft verurteilt worden, weil er beim Schmuggel von Hunderten Tonnen Kokain in die USA geholfen hatte.
Die neue Nationale Sicherheitsstrategie versucht, die Logik hinter diesen widersprüchlichen Aktionen zu erklären. Sie betont die „zentralen nationalen Interessen“ der USA und betont: „Die Außenpolitik von Präsident Trump […] basiert nicht auf einer traditionellen, politischen Ideologie. Sie wird vor allem davon motiviert, was für Amerika funktioniert – oder in zwei Worten: ‚America First‘.“
Nach dieser Logik wurde Hernández begnadigt, weil er weiterhin für die Interessen der USA nützlich sein kann. Als ehemaliger Präsident mit engen Verbindungen zur honduranischen Elite und den Sicherheitskräften ist er genau der loyale, extrem rechte Verbündete, den Trump braucht. In Honduras ist US-Militärpersonal stationiert und das Land kann dabei helfen, die Migrationsrouten in die USA zu kontrollieren.
Der Zeitpunkt ist verräterisch: Trump setzte Hernández nur wenige Tage vor den Wahlen in Honduras frei und stärkte damit die konservativen Netzwerke, die Hernández einst anführte, um Trumps bevorzugten Präsidentschaftskandidaten Nasry Asfura zu unterstützen.
In Trumps „America First“-Kalkül sendet die Begnadigung klare Signale. Gehorsame Partner werden belohnt. Und: Nicht Prinzipien, sondern Macht bestimmt die US-Politik in der Region.
Die Besessenheit von Venezuela
Die neue Sicherheitsstrategie erklärt insbesondere Trumps Fixierung auf Venezuela.
Venezuela verfügt über die weltgrößten nachgewiesenen Ölreserven und eine lange Küstenlinie in der Karibik – eine wichtige Seeroute für US-Waren, die durch den Panamakanal reisen.
Während der jahrelangen US-Sanktionen unterzeichnete Venezuela mehrere Energie- und Bergbauverträge mit China, aber auch mit Iran und Russland. Insbesondere für Peking ist Venezuela sowohl eine Energiequelle als auch ein Stützpunkt in der Hemisphäre.
Die Nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Administration macht deutlich, dass dies für die Vereinigten Staaten inakzeptabel ist. Obwohl Venezuela nirgendwo im Dokument namentlich erwähnt wird, deutet die Strategie darauf hin, dass China bei gleichgesinnten Führern in der Region Fuß gefasst hat: „Einiger ausländischer Einfluss wird angesichts der politischen Übereinstimmungen zwischen bestimmten lateinamerikanischen Regierungen und bestimmten ausländischen Akteuren nur schwer rückgängig zu machen sein.“
Laut der New York Times versuchte die Maduro-Regierung im Oktober eine dramatische geopolitische Kehrtwende: Sie soll den USA einen dominanten Anteil an ihren Öl- und Goldressourcen angeboten haben. Ein klarer Versuch, sich der Trump-Administration anzubiedern und die internationale Isolation Venezuelas zu beenden.
Nach der neuesten Militäroperation der USA in Venezuela und der Entführung Maduros ist die Vermutung vieler bestätigt worden, dass die Trump-Administration stattdessen einen Regierungswechsel anstrebt.
Die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado, die 2025 den Friedensnobelpreis gewann und diesen Trump widmete, warb bereits im Sommer bei US-Investoren für eine Zukunft nach Maduro und beschrieb eine „Gelegenheit im Wert von 1,7 Billionen US-Dollar“, Venezuelas Öl, Gas und Infrastruktur zu privatisieren. Nun bedankt sie sich bei Donald Trump für die Festnahme Maduros. Allerdings werden sie und andere, die sich um eine Intervention der USA bemüht haben, von der Trump-Administration außen vor gelassen. Am 3. Januar sagte Trump, dass Machado nach dem Sturz Maduros nicht das „Ansehen“ im Land habe, um zu regieren.
Für US-amerikanische und europäische Unternehmen ist die Botschaft klar: Ein Regierungswechsel könnte enorme Reichtümer freisetzen.
Die gespaltene Reaktion Lateinamerikas
Regionalorganisationen bleiben gespalten oder geschwächt und haben noch keine koordinierte Reaktion auf die Trump-Administration gefunden. Schon im November riefen auf einem regionalen Gipfeltreffen Staats- und Regierungschefs zu Frieden auf, verweigerten sich aber einer Verurteilung der US-Anschläge vor Lateinamerikas Küsten. Nach dem Anschlag in Caracas endete eine Krisensitzung der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) ohne Einigung.
Stattdessen müssen sich die Regierungen einzeln mit Trump auseinandersetzen. Einige hoffen, als Freunde behandelt zu werden. Andere fürchten, als „Narko-Staaten“ abgestempelt zu werden.
Zwei Jahrhunderte nach der Monroe-Doktrin betrachtet Washington die Hemisphäre immer noch als den eigenen Hinterhof, wo es „nach Belieben herumstromern“ kann und sich nach eigenem Ermessen einmischen darf.
Dieser Artikel ist zuerst am 10. Dezember 2025 auf Englisch bei The Conversation erschienen. Wir haben ihn mit Einverständnis der Autoren übersetzt und leicht aktualisiert. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen.
Übersetzung: Toyah Höher, Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert
