Kollage aus einem um sich greifenden Waldbrand und einem Kellerregal mit einem Notvorrat an Dosen

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Politik und Macht

In der Katastrophe retten dich Nachbarn, nicht die Dosensuppe

Wer will schon alleine im Bunker überleben? Nur Nazis und Milliardäre. Viel besser: solidarisches Preppen.

In einem Dorf nahe dem See Müritz, auf einer großen Wiese mit unzähligen Zelten, spritzt Blut aus einer offenen Wunde. Es ist Kunstblut und das Körperteil aus Silikon. Hier üben Menschen, lebensbedrohliche Blutungen zu stoppen. Auf dem gleichen Gelände ragt ein Sendemast in die Luft, an dem sich Grundlagen der Funktechnik lernen lassen, für den Fall, dass das I-Phone mal keinen Empfang hat oder der Strom zum Laden fehlt. Andernorts boxen Leute in die Luft und probieren sich in Selbstverteidigung, im Workshop mit dem Namen „Eigenschutz und Alltagsbewaffnung“.

Es ist Sommer 2025 und auf dem „Kollapscamp“ in Nordbrandenburg bereiten sich knapp 800 Menschen auf Extremsituationen vor. Doch hier kriechen keine bärtigen Männer durch den Dreck. Es trainieren auch keine Rechtsextremen, die auf den „Tag X“ warten. Auf dem Gelände sieht man eher Regenbogen- als Tarnfarben. Denn das Camp ist organisiert von Menschen wie Gerriet Schwen, einer non-binären Person, die im Hambacher Forst Bäume besetzte und in Lützerath Bagger. Doch diese Zeit ist vorbei. „Wir wissen, wir können die Klimakatastrophe nicht mehr aufhalten, weil sie schon begonnen hat.“ Gerriets Leben als Klimaaktivist:in ist in eine neue Phase eingetreten: für mehr Solidarität im Kollaps. Deshalb hat Gerriet gemeinsam mit Verbündeten das fünftägige Camp in Brandenburg organisiert.

Der Begriff Kollaps steht nicht für den Tag X, den großen Zusammenbruch der Zivilisation, sondern für ein Leben, das immer stärker krisenanfällig wird. Wie real diese Krisen und Katastrophen längst geworden sind, hat der Stromausfall im Südwesten Berlins jüngst gezeigt, ebenso Corona oder das Hochwasser im Ahrtal 2021, bei dem mehr als 100 Menschen starben. Auf einmal erscheint es vernünftig, sich zusammenzuschließen und sich auf ebensolche Szenarien vorzubereiten. Auch wenn es zunächst skurril anmutet.

„Preppen hat ein massives Imageproblem“, sagt Gerriet. „Preppen, das machen Nazis und Egoisten. Aber wenn Krisen und Katastrophen zunehmen, wäre es bescheuert, wenn wir uns nicht darauf vorbereiten, nur weil das auch Nazis tun.“

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Vielleicht haben wir Krisenvorsorge zu lange falsch gedacht. Zu fest sitzen die Bilder im Kopf von Reichsbürgern, die Waffen horten oder von Superreichen aus dem Silicon Valley, die sich in Bunkeranlagen zurückziehen. Solidarisches Preppen steht diesem egoistischen Bunkerdenken diametral entgegen. Dabei geht es um mehr als Vorräte im Keller. Es geht um ein Gefühl der Gemeinschaft und eine Gesellschaft, die jetzt schon gerechter werden muss, damit sie besser gegen Krisen gerüstet ist.

Um herauszufinden, wie genau das aussehen kann, habe ich nicht nur mit Gerriet gesprochen, sondern auch mit einer erfahrenen THWlerin. Ich habe mir Studien angeschaut und die Krautreporter-Community gefragt, was sie aus Krisen und Katastrophen gelernt hat.

„Ich will gar nicht alleine in irgendeinem Bunker überleben“⬆ nach oben

Wäre Gerriets Leben „keine Aneinanderreihung von Ausnahmen“, die Person lebt die meiste Zeit des Jahres in einem kleinen Lkw und ist für Projekte unterwegs, hätte Gerriet einen größeren Lebensmittelvorrat. Inzwischen sind zumindest Nahrungsersatzpulver gelagert und ein Wasserfilter für 44.000 Liter vorhanden. Zum Vergleich: Das ist ungefähr so viel, wie in einen Swimmingpool passt.

Der Filter steht symbolisch dafür, wie sich Gerriet auf Katastrophen vorbereitet: solidarisch. Mit einem Filter dieser Größenordnung kann man nicht nur sich selbst mit sauberem Trinkwasser versorgen, sondern auch Menschen im direkten Umfeld, denn Preppen ist für Gerriet keine individuelle Frage. „Ich will gar nicht alleine in irgendeinem Bunker überleben. Wenn, dann will ich zusammen überleben, und dann will ich teilen können.“

Solidarisch wird das Preppen für Gerriet auch durch eine einfache Tatsache: Wer Wasser oder Lebensmittel hat, benötigt keine Hilfe und bindet keine Rettungskräfte. „Die eigene Vorbereitung bedeutet sogar, im Fall der Fälle selbst helfen zu können.“

Gerriet hat für die solidarische Krisenvorsorge fast das ganze Leben auf den Kopf gestellt. Am Institut für Meteorologie und Klimatologie der Universität Hannover arbeitete Gerriet zu den Chancen einer schonungslosen Klimakommunikation, zog daraus eine radikale Konsequenz und lehnte das angebotene Promotionsstipendium ab. Nun will Gerriet nach einer Beschäftigung als Aktivist:in am Staatstheater in Dresden einen Lkw-Führerschein und eine Amateurfunklizenz machen, um in den Katastrophenschutz zu gehen. Und dann steht im August die zweite Runde des Kollapscamps an.

Krisen werden immer präsenter, aber so richtig bereitet sich niemand darauf vor⬆ nach oben

Ein Einsatz, der Clarissa Peick besonders im Kopf geblieben ist, war bei den Starkregen-Ereignissen 2021 in ihrem Heimatkreis Heinsberg. Dort schützte sie unter anderem zusammen mit Feuerwehrkameraden das Stromhäuschen eines Krankenhauses. „Wir haben die ganze Nacht alles gegeben, damit kein Tropfen Wasser hereinläuft.“

Kaum jemand kennt sich so gut mit Katastrophen aus wie Clarissa. Die 31-Jährige ist schon seit 20 Jahren beim Technischen Hilfswerk (THW), also fast ihr ganzes Leben. Dort lernte sie, wie man mit großen Werkzeugen umgeht, ein Notstromaggregat startet oder Menschen aus Trümmern birgt und sie in eine Trage einbindet. Heute ist Clarissa die erste weibliche Landessprecherin des Verbands in Nordrhein-Westfalen.

Sie ist überzeugt, dass Deutschland ein starkes System im Katastrophenschutz hat. Doch sie sagt auch, Katastrophenschutz sei Vorsorge. Und da gebe es noch Bedarf, etwa für Übungen für die Verwaltung, Energieversorger oder Krankenhäuser – und nicht nur für Einsatzkräfte.

Das Bewusstsein für Krisen sei in der Gesellschaft inzwischen verankert, so der Eindruck von Clarissa. Ein Notfallrucksack aber noch lange nicht. Diese Wahrnehmung stützen auch Umfragen.

Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Hilfsorganisation Malteser zeigte sich, dass die gesellschaftliche Gefährdung in den vergangenen fünf Jahren nach Einschätzung der Befragten zugenommen hat. Auch das Bedürfnis, sich selbst schützen zu können, ist bei 38 Prozent der Befragten gestiegen. Dreiviertel finden Eigenvorsorge notwendig, um sich und andere in Krisen und Katastrophen zu schützen. Doch die Hälfte hat bisher noch keinerlei Vorsorge getroffen, auch wenn 27 Prozent das in Erwägung ziehen.

Gerriet machte diese Erfahrung auch: Trotz jahrelanger intensiver Beschäftigung mit Katastrophen dauerte es, bis bei Gerriet daraus Handeln wurde.

Zwar empfiehlt das BBK jedem Haushalt einen Notfallrucksack und ausreichend Lebensmittel- und Wasservorräte, doch nach offiziellen Daten des Forschungsprojekts PREP des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe haben nur etwa 45 Prozent der Deutschen ausreichend Vorräte für zehn Tage. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zu den Befragten, die auch ohne Strom kochen können, sinkt die Zahl nochmals deutlich: Nur ein Drittel der Vorsorgenden kann die Lebensmittel auch ohne Strom zubereiten. Nudeln im Schrank sind ja super, nur ohne Gaskocher wenig hilfreich.

Die meisten wollen helfen, vor allem den Menschen in ihrer Umgebung⬆ nach oben

Unsere Vorstellung von Katastrophen ist oft von apokalyptischen Filmen und Serien geprägt. Die Medienberichterstattung über „Prepper“, zum Beispiel in diesem Beitrag des NDR, fokussierte sich auf Rechtsextreme. Das alles verfestigte den Glauben: Im Katastrophenfall denkt jeder zuerst an sich selbst. Meldungen, die unmittelbar nach dem Stromausfall in Berlin vor Einbrüchen und Plünderungen warnen, bestärken das. In dieser Logik muss auch die Krisenvorsorge etwas Egoistisches sein.

Doch der Ernstfall beweist oft das Gegenteil. In einer Umfrage, die ich unter der Krautreporter-Community durchgeführt habe, berichtet ein KR-Mitglied: „Die geteilte Horrorvision ‚Du musst alles mit Waffengewalt verteidigen‘ stimmt einfach nicht.“ Im Gegenteil, KR-Leser Thoralf, der mehrere Hochwasser miterlebt hat, sagt: „In der Not zählt nur Menschlichkeit, nicht Geld oder Stellung.“

Matthias Max, Sicherheitsforscher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), sagte bei uns im Interview: „Im Katastrophenfall ist die Telefonnummer des Nachbarn wichtiger als die Dosensuppe im Keller.“ KR-Mitglied Tatjana hat nicht nur eine Telefonnummer, sondern direkt eine Whatsapp‑Gruppe für das Mehrfamilienhaus eingerichtet, in dem sie lebt. „So wussten schnell alle Bescheid, als es letztes Jahr bei uns gebrannt hat und als es in der Nähe eine Giftwarnung gab“, erzählt sie.

Auch KR-Mitglied Kristina bemüht sich um eine gute Beziehung zu ihren Nachbar:innen. Sie lebt seit einigen Jahren in einem eigenen Haus, umgeben von vielen älteren Menschen. „Wir machen seit Jahren den Winterdienst für die alten Leute und kaufen bei Bedarf auch ein“, erzählt sie in der Umfrage. Zu Beginn der Gaskrise lagerte Kristina vermehrt Brennholz ein, um im Ernstfall alte Nachbar:innen bei sich im Wohnzimmer unterbringen zu können. Soweit sei es zum Glück doch nicht gekommen.

„Wir haben eine riesige Hilfsbereitschaft, Fähigkeiten und Potenziale in der Gesellschaft. Das müssen wir in den Bevölkerungsschutz einbeziehen“, sagte Sicherheitsforscher Max damals. Das ist nicht nur seine Wahrnehmung, sondern auch das konkrete Anliegen eines Forschungsprojekts der Universität Wuppertal.

Je gerechter eine Gesellschaft ist, desto besser ist sie gegen Krisen und Katastrophen gerüstet⬆ nach oben

Dort, am Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit, entwickelten Tim Lukas und Bo Tackenberg eine interaktive Karte. Sie macht sichtbar, wie der soziale Zusammenhalt eines Stadtviertels und die Unterstützungsbereitschaft in Krisen und Katastrophen zusammenhängen.

An der Karte kann man viel ablesen: Ehrenamtsangebote wie Hausaufgabenbetreuung, Standorte von Krankenhäusern, Polizeiwachen, Feuerwehr oder Sirenen. Und wie sehr die lokale Bevölkerung bereit ist, im Krisenfall in ihrem Wohnviertel mitzuhelfen.

Um das herauszufinden, gab es eine Bevölkerungsumfrage in Wuppertal. Bei der wurde unter anderem abgefragt, wie sehr jemand in Krisen und Katastrophen Unterstützung erwartet oder bereit ist zu helfen. Es ging auch darum, wie sehr die Bewohner:innen mit dem Ort, an dem sie leben, verbunden sind oder wie hoch ihr Vertrauen in Organisationen ist.

Vereinfacht ausgedrückt ist das Ergebnis: Wenn Menschen ein großes Netz an Unterstützer:innen haben und wenn sie sich mit ihrem Wohngebiet verbunden fühlen, dann begünstigt das die Bereitschaft, in Krisen und Katastrophen zu helfen. Je häufiger Kontakte mit Nachbar:innen stattfinden, desto höher ist die Bereitschaft, andere zu unterstützen. Und je stärker Einzelne mit ihrem Wohnort verbunden sind, desto eher helfen sie anderen.

Krautreporter-Mitglied Susanne weiß, wie wichtig so eine Gemeinschaft auch ist, um eine Krise psychisch zu verarbeiten. Die Psychotherapeutin betreute Menschen im Ahrtal nach der Flutkatastrophe 2021 psychologisch und gründete dafür die Organisation „Sofortaktiv – Soforthilfe Psyche“. Ihre Beobachtung: „Diejenigen, die sich von Anfang an in ihren Wohnorten zusammengetan und diese gemeinsamen Treffen beibehalten haben, sind psychisch am besten durch die Katastrophe gekommen.“ Ihre Erfahrungen hat sie zusammen mit Daniela Lempertz in dem Buch „Die Katastrophe vor der Haustür“ aufgeschrieben.

Mit der Karte aus Wuppertal sollen Akteur:innen des Bevölkerungsschutzes in Krisen und Katastrophen besser einschätzen können, in welchen Stadtteilen Hilfe am nötigsten ist. Wenn es zum Beispiel darum geht, begrenzte Ressourcen im Einsatzfall besser zu organisieren. Ein Katastrophenschutz, der noch stärker lokal vernetzt ist, könnte auch besser einschätzen, wo besonders verletzliche Menschen leben oder wo es ehrenamtliche Hilfsangebote in der Nachbarschaft gibt, so schreiben es die Wissenschaftler.

Zudem argumentieren sie für einen Bevölkerungsschutz, der auch losgelöst von einem Katastrophenereignis gemeinwohlorientiert im Viertel mitwirkt, um gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen. Lebenswerte Stadtviertel sind also nicht nur schöner anzusehen, sondern tragen dazu bei, dass Menschen bereit sind, im Katastrophenfall anzupacken. Das erweitert das Verständnis, was Krisenvorsorge neben solidarischem Preppen und guter Nachbarschaft noch bedeuten kann: Stadtviertel so zu gestalten, dass Menschen sich begegnen und sich mit ihrem Wohnort verbunden fühlen.

Denn die zeigt Karte auch: Nicht überall herrschen die gleichen Bedingungen. In Vierteln mit hoher Bevölkerungsdichte und wenig sozialer Infrastruktur wie Bibliotheken, Gemeindezentren oder Parks erfahren Menschen weniger Unterstützung und Hilfe aus ihrem Umfeld. Das sind auch die Viertel, in denen Menschen nur eine niedrige Bereitschaft haben, in Krisen mitzuwirken. Wenn wir unsere Städte gerechter gestalten, sind wir also auch besser gegen Krisen gerüstet.

So ist auch die Haltung, die Clarissa in all ihren Jahren beim THW entwickelt hat, dass „die Gesellschaft nur dann funktioniert, wenn wir uns umeinander kümmern.“

Vielen Dank an alle KR-Mitglieder, die ihre Erfahrungen geteilt und an meiner Umfrage teilgenommen haben!


Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer; Audioversion: Iris Hochberger

In der Katastrophe retten dich Nachbarn, nicht die Dosensuppe

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