Eine Menge Touristen genießen das Harbin International Ice and Snow Sculpture Festival

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Was wir von der kältesten Stadt der Welt lernen können

In Harbin im Nordosten Chinas fallen die Temperaturen regelmäßig unter minus 30 Grad. Ich bin dort aufgewachsen – ohne Zentralheizung.

In Harbin ist es im Winter so kalt, dass einem schon mal die Wimpern einfrieren. Trotzdem wachte ich morgens immer in einem warmen Bett auf – das aus Lehm bestand.

Harbin, der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, liegt im Nordosten Chinas. Im Winter fallen die Temperaturen hier regelmäßig unter minus 30 Grad Celsius. Im Januar sind es selbst an den wärmsten Tagen nicht mehr als minus zehn Grad. Mit aktuell rund sechs Millionen Einwohner:innen ist Harbin die wohl mit Abstand größte Stadt der Welt, in der eine solche Kälte herrscht.

Wie man es schafft, sich bei solchen Temperaturen warmzuhalten, ist etwas, über das ich schon mein ganzes Leben nachdenke. Bevor es elektrische Klimaanlagen und Zentralheizungen gab, überlebten die Menschen in dieser Region die harten Winter, indem sie ganz andere Methoden anwendeten als die Heizungen und Gasthermen, die man heute in europäischen Wohnungen findet.

Heute, wo ich zu Architektur und Bauingenieurwesen an einer britischen Universität forsche, fällt mir auf, wie viel wir in Großbritannien von diesen traditionellen Systemen lernen können. Die Energiekosten sind immer noch zu hoch. Millionen Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Wohnungen zu heizen. Gleichzeitig macht der Klimawandel die Winter voraussichtlich noch unbeständiger. Wir brauchen also effiziente, energiesparende Wege, um es warm zu haben, ohne dass wir ein ganzes Haus mit fossilen Brennstoffen beheizen müssen.

Die Methoden, mit denen ich aufgewachsen bin, liefern einige Antworten.

Ein Bett aus Lehm hält warm

Zu meinen frühesten Winter-Erinnerungen gehört es, auf einem „Kang“ aufzuwachen, einer beheizten Plattform aus Lehmziegeln, die als Bett diente und in Nordchina seit mindestens 2.000 Jahren genutzt wird. Das „Kang“ ist weniger Möbelstück als vielmehr Teil des Gebäudes selbst: eine dicke, beheizte Platte, die mit dem Herd in der Küche verbunden ist. Wenn der Herd zum Kochen verwendet wird, strömt heiße Luft durch Kanäle unter dem „Kang“ und erwärmt es dadurch.

Illustration eines traditionellen chinesischen „Kang“-Bettofens und seiner Funktionsweise.

Ein traditioneller chinesischer „Kang“-Bettofen | Google Gemini, CC BY-SA

Für ein Kind fühlte sich das „Kang“ magisch an: eine Oberfläche, die Wärme ausstrahlte und das die ganze Nacht lang. Als Erwachsener und Wissenschaftler ist mir nun bewusst, was für ein effizientes Stück Ingenieurskunst es ist.

Im Gegensatz zu einer Zentralheizung, die die gesamte Luft in jedem Raum aufheizt, wird beim „Kang“ nur die Oberfläche des Bettes beheizt. Der Raum selbst mag kalt sein, aber man wärmt sich, indem man mit warmen Decken auf der Oberfläche liegt oder sitzt. Ist das „Kang“ einmal warm, sorgen die vielen Hundert Kilogramm zusammengepresster Lehmmasse dafür, dass es die Wärme langsam über viele Stunden abgibt. Man braucht keine Heizkörper und keine Pumpen, es müssen nicht unnötigerweise leere Räume beheizt werden. Und da ein großer Teil der Wärme durch Feuer entstanden ist, das sowieso zum Kochen benötigt wurde, wird Brennstoff eingespart.

Die Pflege des „Kang“ war eine Aufgabe für die ganze Familie. Mein Vater, ein Lehrer für chinesische Literatur an einer weiterführenden Schule, kein Ingenieur, wurde zum „Kang“-Bau-Experten. Aufgabe meiner Mutter war es, sorgfältig die Kohle um das Feuer herum aufzuschichten, damit es nachts weiterbrannte. Rückblickend wird mir klar, wie viel Können und Arbeit dahintersteckte und wie sehr Familien einem System vertrauten, das eine gute Belüftung erforderte, um die Risiken durch das Kohlenmonoxid zu vermeiden.

Im Westen Chinas sitzt eine uigurische Familie auf ihrem „Kang“.  

Im Westen Chinas sitzt eine uigurische Familie auf ihrem „Kang“.   | TAO Images Limited / Alamy

Doch trotz seiner Nachteile brachte das „Kang“ etwas, das heutige Heizsysteme oft nur bedingt liefern können: langanhaltende Wärme mit sehr wenig Brennstoff.

Ähnliche Ansätze finden sich in ganz Ostasien

Um sich bei kaltem Wetter warmzuhalten, entwickelten sich in ganz Ostasien Ansätze, die nach ähnlichen Prinzipien funktionierten: Wärme nah am Körper halten und nur die Räume beheizen, die wichtig sind.

In Korea leitet das alte „Ondol“-System ebenfalls warme Luft unter dicken Böden hindurch und macht so den gesamten Boden zu einer beheizten Fläche. In Japan wurde der „Kotatsu“ entwickelt, ein niedriger Tisch, der mit einer schweren Decke bedeckt ist und unter dem sich ein kleiner Heizkörper befindet, sodass man sich die Beine wärmen kann. „Kotatsu“ sind etwas teuer, aber sie zählen zu den beliebtesten Gegenständen in japanischen Haushalten.

Zwei Frauen sitzen an einem japanischen „Kotatsu“, ein Wärmetisch mit dicker Decke und essen.

Ein japanischer „Kotatsu“. Im Iran und in Afghanistan gibt es etwas Ähnliches: den „Korsi“.  | amana images inc / Alamy

Auch die Kleidung spielt eine wichtige Rolle. Jeden Winter fertigte meine Mutter mir einen neuen dick gefütterten Mantel an und stopfte ihn mit frisch aufgelockerter Baumwolle. Das ist eine meiner schönsten Erinnerungen.

In Europa gab es ähnliche Ideen, aber sie sind in Vergessenheit geraten

In Europa gab es einst ähnliche Ansätze. Die Römer beheizten Gebäude, indem sie sogenannte „Hypokausten“ nutzten, bei denen ebenfalls heiße Luft unter den Böden zirkulierte. In mittelalterlichen Häusern hingen schwere Teppiche an den Wänden, um Zugluft zu reduzieren. Viele Kulturen nutzen weiche Kissen, beheizte Decken oder abgeschlossene Schlafbereiche, um die Wärme zu konservieren.

Durch die Verbreitung moderner Zentralheizungen im 20. Jahrhundert wurden diese Ansätze durch eine energieintensivere Lösung ersetzt. Nun werden ganze Gebäude auf eine einheitliche Temperatur gebracht, selbst dann, wenn nur eine Person zuhause ist. Solange Energie billig war, hat dieses Modell funktioniert, auch wenn die meisten europäischen Haushalte (vor allem die in Großbritannien) nach globalen Maßstäben schlecht isoliert sind.

Nun aber, da Energie wieder teuer geworden ist, können Millionen Europäer:innen ihre Wohnungen nicht mehr ausreichend warm halten. Neue Technologien wie Wärmepumpen und erneuerbare Energien schaffen Abhilfe, aber sie funktionieren dann am besten, wenn die Gebäude, die sie beheizen, bereits energieeffizient sind, sodass die Sollwerte fürs Heizen niedrig und die Sollwerte fürs Kühlen hoch sind.

Das macht deutlich, warum wir von den traditionellen Ansätzen zur Wohnraumerwärmung immer noch etwas lernen können. Das „Kang“ und ähnliche Systeme zeigen, dass behagliche Wärme nicht unbedingt bedeuten muss, mehr Energie zu verbrauchen. Man braucht nur intelligentere Konstruktionen.


Dieser Artikel ist zuerst am 30. Dezember 2025 auf Englisch bei The Conversation erschienen. Wir haben ihn mit Einverständnis der Autoren übersetzt und leicht aktualisiert. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen.

Übersetzung: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Iris Hochberger

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