KR-Mitglied S. fragt: „Warum reden Städte darüber, ob Patienten den Rettungswagen selbst bezahlen sollen?“
Ob in Essen, Paderborn oder Brandenburg – Städte und Landkreise diskutieren darüber, ob Patient:innen an den Kosten von sogenannten Fehlfahrten oder Leerfahrten beteiligt werden sollten. Dabei rückt ein Rettungswagen aus, aber ist das Team dann da, stellt sich heraus, dass das medizinisch gar nicht nötig gewesen wäre. Weil es der Person gar nicht so schlecht geht oder sie gar nicht mehr am Ort ist. Der Rettungswagen fährt also leer zurück.
Etwa jeder fünfte bis sechste Einsatz soll eine Leerfahrt sein. Und dadurch entstehen Kosten in Millionenhöhe. Ich habe Krautreporter-Mitglieder gefragt, die im Gesundheitswesen arbeiten, was sie denken, warum es so viele Leerfahrten gibt.
Viele rufen aus Unsicherheit den Rettungsdienst⬆ nach oben
Die meisten geben an, dass vielen Patient:innen medizinisches Wissen fehlt. Wann ist der Kopfschmerz normal, wann nicht? Wer googelt, wofür Kopfschmerzen stehen könnten, liest, dass er wahlweise zu wenig getrunken hat, einen Hirntumor oder einen Schlaganfall haben könnte. Wer also Suchtreffer von harmlosen bis lebensbedrohlichen Ursachen erhält, will vielleicht lieber sichergehen und ruft vorsichtshalber den Rettungsdienst. „Angst und Unsicherheit“ vermuten die Teilnehmenden der oben genannten Umfrage auch als zweithäufigsten Grund für die vielen Fehlfahrten.
Was die Teilnehmer:innen in der Umfrage beschreiben, entspricht aktuellen Studienergebnissen. Befragungsdaten des Robert Koch-Instituts zeigen, dass die Gesundheitskompetenz allgemein sinkt. Heißt, die Menschen sind unter anderem schlechter darin geworden zu deuten, ab wann sie sich wegen ihrer Symptome sorgen sollten und was sie selbst dagegen tun können. Und sie sind zunehmend überfordert mit dem Gesundheitssystem, wissen nicht, an wen sie sich wenden können und wo sie Hilfe bekommen können. Ein Grund mehr, weshalb der Rettungsdienst gerufen wird. Der hilft schließlich immer.
Auch die Krautreporter-Mitglieder, die im Gesundheitswesen arbeiten, spüren die Lücken im Wissen über die eigene Gesundheit und das Gesundheitswesen. Viele, die sich auf die Umfrage hin gemeldet haben, erlebten in ihrer Arbeit selbst schon mal unnötige Rettungseinsätze.
Veronique arbietet im Krankenhaus und schreibt:
„Junge, gesunde, mobile Leute mit sozialem Netz, die wegen Schnittwunden an den Händen den Rettungswagen rufen. Teilweise waren das Wunden, die nicht mal genäht werden mussten. Kopfschmerzen, aber noch keine Schmerzmittel ausprobiert. Irgendwelche x-beliebigen Schmerzen, aber man habe keine Schmerzmittel zuhause. Man habe einen Termin zur Untersuchung im Krankenhaus, aber das Taxi ist zu teuer, oder es war keins verfügbar.“
Stefan arbeitet bei der Feuerwehr und schreibt: „Gemeldeter Herzstillstand. War nur der Versuch, schnell und vor allem kostenlos ins Krankenhaus zukommen.“
Ein anderer, der im Krankenhaus arbeitet, berichtet:
„Beim Bäcker abgeholt, wegen Menstruationsbeschwerden, die im Krankenhaus mit einer Ibuprofen und nach einer Stunde verschwunden waren. Patientin verließ danach das Krankenhaus.“
Vonni arbeitet im Krankenhaus und schreibt:
„Stärkste Rückenschmerzen seit Tagen, der Patient ist aber nicht zum Hausarzt gegangen, kommt stattdessen Mittwochabend in die Notaufnahme mit dem Rettungswagen.“
Jonas arbeitet beim Rettungsdienst und beschreibt ein paar Fälle:
„Patient, männlich, 18 Jahre alt, vom Passivkiffen high. Habe ich vor Ort gelassen. Patientin, weiblich, 37 Jahre alt, oberflächlicher Schnitt am Finger, habe ich vor Ort gelassen. Allgemein heißt es: Mit Ihnen geht es ja in der Notaufnahme schneller, oder: Habe keinen Hausarzt.“
Die schlechte medizinische Versorgung in manchen Gebieten, die langen Wartezeiten auf einen Arzttermin – auch das kann dazu führen, dass Patient:innen eher den Rettungsdienst rufen. Damit geht es schneller, das ist wahr. Das Problem, das sich daraus ergibt, ist nur: Leer- oder Fehlfahrten übernehmen die Krankenkassen nicht. Denn sie müssen laut bisheriger Regelungen nur Kosten übernehmen, die durch die Versorgung der Versicherten entstehen.
Also müssen die Kommunen diese Einsätze bezahlen. Laut dem WDR können dann zweistellige Millionenbeträge zusammenkommen.
Und nicht nur das Geld ist ein Problem. Fährt der Rettungsdienst zu einem medizinisch unnötigen Einsatz, fehlt er vielleicht bei einem echten Notfall.
Der Lösungsansatz der Kommunen war also, dass Patient:innen dann zahlen. Vorher zu überprüfen, ob der Einsatz wirklich nötig ist, ist kaum möglich und kostet Zeit, die im Zweifel fehlt. Wenn Patient:innen allerdings an Kosten für Rettungsfahrten beteiligt werden, könnten manche vielleicht aus Sorge davor den Notruf nicht mehr wählen. Und aus einem bisher solidarischen Gesundheitssystem, das für alle da ist, die es rufen (ob sie es sich leisten können oder nicht) wird eines, in dem Menschen abwägen müssen und ihre Gesundheit riskieren.
Dass das keine gute Lösung ist, haben viele Kommunen schließlich erkannt. Darum hat die Stadt Essen zum Beispiel ihren Vorschlag zurückgenommen, rund 267 Euro pro Leerfahrten zu verlangen. Aktuell hat auch noch keine andere Stadt beschlossen, von Patient:innen Geld für Leerfahrten zu fordern.
Vermutlich sind Leerfahrten und die Tatsache, dass sie zunehmen also nur ein weiteres Symptom eines Gesundheitssystems, das unter wirtschaftlichem Druck steht. Es ist auch eine Folge der sinkenden Gesundheitskompetenz und von langen Wartezeiten auf Arzttermine, vor allem bei Fachärzt:innen.
Wenn Leerfahrten abnehmen sollen, muss das Gesundheitswesen mehr dafür tun, dass Menschen schnell und einfach ihren eigenen Gesundheitszustand besser einschätzen können. Ein Anfang ist gemacht: Auf der Website des Patientenservices 116117 findet man nicht nur Unterstützung bei der Arztterminsuche, sondern auch ein Patienten-Navi, das am Ende eine passende Anlaufstelle im Gesundheitswesen empfiehlt. Das Problem scheint aber zu sein: Das hat sich noch nicht richtig rumgesprochen.
Redaktion: Silke Jäger, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer