Wenn mich jemand um drei Uhr morgens wecken und von mir verlangen würde, die Mitternachtsformel auswendig aufzusagen, hätten wir ein Problem. Wenn die Person mich aber fragen würde, welche Lehrkraft ich niemals vergessen habe, müsste ich keine Sekunde überlegen: mein Deutschlehrer. Nennen wir ihn Herr Donau.
Ich wurde 2001 eingeschult. Vier Jahre später waren die Empfehlungen der Lehrkräfte verpflichtend, die darüber entschieden, auf welche Schule man ging: Hauptschule, Realschule oder Gymnasium. Ich war zwar keine schlechte Schülerin, aber weil Polnisch meine erste Muttersprache war, besuchte ich den Deutsch-Förderkurs. Ich weiß noch, wie stolz ich auf meine Geschichten und Aufsätze war. Meine Deutschlehrerin fand sie nicht so gut. Meine Empfehlung war dann: Realschule. Puh, wenigstens nicht die Hauptschule, dachte ich mir.
In der Realschule traf ich auf Herrn Donau. In seinem Unterricht sollten wir in der siebten Klasse einen Brief an eine Freundin schreiben und sie darin davon überzeugen, nicht mehr von zu Hause wegzulaufen. Ich sollte meinen Text vorlesen. Als ich fertig war, hat Herr Donau geklatscht. GEKLATSCHT! Ich konnte es kaum glauben, denn ich war doch gar nicht gut in Deutsch. 20 Jahre später sitze ich in der Redaktion von Krautreporter und denke immer noch daran.
Es war eine vergleichsweise kleine Geste, aber sie hat mich für immer geprägt. Denn sie gab mir damals das Gefühl: Jemand glaubt an mich. Ein Erwachsener sieht, dass ich etwas kann. Ähnlich erging es über 250 KR-Leser:innen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben. Fünf ihrer Geschichten habe ich aufgeschrieben.
Ich habe Herrn Donau in der zehnten Klasse für den Moment im Deutschunterricht gedankt. Ich war überzeugt, dass dieser Moment mich zu einer guten Schülerin gemacht hat. Herr Donau aber sagte nur: „Das war nicht mein Verdienst, sondern deiner.“
Johannes: Eine Pizza für Herrn R.⬆ nach oben
Vielleicht habe ich meinen Schulabschluss nur wegen dieser einen Pizzaauslieferung geschafft.
Ich bin in einem schwierigen Elternhaus aufgewachsen. Als ich mit 18 Jahren von zu Hause auszog, gaben mir meine Eltern kein Geld. Ich musste mich mit mehreren Gastrojobs über Wasser halten. Nach der Schule hatte ich also Schichten in einem italienischen Restaurant, in einer Bar und bei einem Pizzalieferdienst. Morgens verschlief ich oft und fehlte im Unterricht. Als das irgendwann überhandnahm, flatterte eine Pizzabestellung von meinem Lehrer im Deutsch-Leistungskurs ein. Ich schämte mich, weil ich seinen Unterricht die ganze Woche verpasst hatte. Aber ich war der einzige Fahrer an dem Abend, also musste ich hin. Als ich vor seiner Tür stand, tat Herr R. überrascht.
„Ich freue mich, dass es dir schon besser geht“, sagte er zu mir. Meine Freunde hatten sich für mich immer Ausreden ausgedacht, um mich im Unterricht zu entschuldigen. Am nächsten Morgen würden wir eine neue Lektüre anfangen, fuhr er fort. Ein sozialkritisches Theaterstück. „Ich hoffe, du musst nicht zu lange arbeiten. Der Kurs würde sehr von deiner Interpretation profitieren“, sagte er.
Herr R. hatte noch nie zuvor etwas von dem Lieferdienst bestellt. Mir war klar, dass er damit das Gespräch mit mir suchte: ohne Vorwurf, ohne Drohungen. Auch in dieser Nacht kam ich erst spät von der Arbeit nach Hause, aber am nächsten Morgen saß ich bei ihm im Unterricht. Ich fühlte mich zum ersten Mal in meiner schwierigen Situation von jemandem gesehen und durch seine Worte sehr wertgeschätzt. Von da an war ich wieder häufiger im Unterricht, wenn auch mit müden Augen. Mein Abitur habe ich damals mit einer 3,3 bestanden. Heute bin ich 42 Jahre alt und arbeite als Pressesprecher.
Eva: Mehr als nur Unterricht⬆ nach oben
Ich saß in der dritten oder vierten Etage meiner Schule auf einem Tisch am offenen Fenster. Zu diesem Zeitpunkt war ich seit Monaten akut suizidgefährdet. Ich spielte mit dem Gedanken: Was passiert, wenn ich jetzt hier rausspringe? Dann wäre der ganze Kampf überwunden. Nicht gewonnen, aber endlich vorbei. Meine Lehrerin aus dem Schulchor kam in den Raum und stellte sich neben mich. Sie nahm mich bei der Hand und sagte zu mir: „Komm, ich bringe dich zu einem Arzt.“ Ich war da in der zehnten Klasse.
Ich kannte sie seit der sechsten Klasse. Wir sprachen oft auf dem Flur oder während der Chorproben miteinander. Ich erlebte seit der sechsten Klasse viel Mobbing. Es war einfach nur hart. Nichts war schön. Ich hatte zu der Zeit keine wirklichen Freunde.
Meine Eltern haben überhaupt nicht gemerkt, dass es mir nicht gut ging. Meine Lehrerin war eine der wenigen Personen, die einfach zu mir kam und mich fragte: „Was ist denn los bei dir?“ Als sie damals am Fenster meine Hand nahm, hat sie mir buchstäblich das Leben gerettet. Sie fuhr mit mir zu ihrer Hausärztin. Danach fuhr sie mich nach Hause und sprach mit meinen Eltern. Sie sagte, dass ich Hilfe brauche und dass es so nicht weitergehen könne. Das war das erste Mal, dass meine Eltern verstanden, dass das keine Phase ist, sondern dass etwas ernsthaft schiefläuft.
Zwei oder drei Tage später wurde ich ins Krankenhaus auf eine geschlossene Station gebracht. Eine Woche später kam ich für drei Monate in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Jetzt, wo ich selbst als Lehrerin arbeite, merke ich, wie krass das war, was meine Lehrerin über so lange Zeit geleistet hat.
Frank: Frau N., die Revolutionäre⬆ nach oben
Sie war damals die Erste, die sich während des Unterrichts auf ihren Schreibtisch setzte. Anfang der 1970er Jahre war das quasi revolutionär, die anderen saßen auf ihren Stühlen hinter den Schreibtischen. Sie war meine Französischlehrerin von der siebten bis zur neunten Klasse, ihre erste feste Stelle am Gymnasium.
Für sie ging es nicht nur um die Vermittlung des Lehrstoffs, sondern eben auch darum, eine motivierende Lernatmosphäre zu schaffen. Damit war sie anders als die meisten anderen Lehrer. Sie gab uns das Gefühl, dass wir ein Team sind und ein gemeinsames Ziel haben. Frau N. war diejenige, die uns helfen wollte, dieses Ziel zu erreichen. Das war für mich komplett neu.
Ihre Ansprache vermittelte uns, dass sie uns zu 100 Prozent ernst nahm. Andere Lehrer hätten uns kritisiert oder sich sogar über uns lustig gemacht. Wenn wir etwas sagten, dachte sie ernsthaft darüber nach. Bei meiner Arbeit musste ich immer wieder an Frau N. denken. Ich hatte bis zu meinem Ruhestand Personalverantwortung für 60 Leute. Und ich hatte bei meiner Arbeit immer diesen Teamgedanken, den Frau N. in mir gepflanzt hat: flache Hierarchien, Vertrauensvorsprünge und nur dann steuern, wenn es tatsächlich zu Konflikten kommt.
Bei einem Klassentreffen 40 Jahre später begegnete ich ihr noch einmal. Sie fragte nach meinem Namen. Daraufhin holte sie ein kleines Büchlein heraus, ihr Tagebuch von 1972. Dann blickte sie mich an und sagte: „Das lief ja damals erst mal nicht so gut.“ Mit Frau N. bin ich besser geworden.
Kristina: Flucht ins Lesezimmer⬆ nach oben
Während ich in der Küche stand, begann eine Gruppe, hinter meinem Rücken zu flüstern. Wir waren bei unserem Englischlehrer, Herrn G., zu Hause. Sie machten sich darüber lustig, dass ich gleich „explodieren“ würde. Ich wollte nur weg, wusste aber nicht, wie und wohin.
Seit der zehnten Klasse war ich Ziel dieser Gruppe. Sie haben mich beleidigt und mein Aussehen kommentiert, vor allem der selbsternannte „Klassenclown“ tat das. Ich war sehr introvertiert und oft geistesabwesend. Das wirkte wohl merkwürdig. Und ich bin groß und kräftig, habe damals viel Sport gemacht. Gegen körperliche Übergriffe hätte ich mich wesentlich besser wehren können als gegen diese Sticheleien.
Bei dem Kurstreffen in der zwölften Klasse, als ich dort in der Küche stand, nahm Herr G. mich mit nach draußen. Er hatte im Garten einen Schuppen als Lesezimmer eingerichtet. Er suchte mir die englische Version von „Nebel von Avalon“ heraus, das ich bereits auf Deutsch gelesen hatte. Dieses Buch habe ich heute noch, wie alle anderen Bücher, die er mir im Laufe der Jahre geschenkt hat.
Wir haben uns seitdem immer viel über englische Bücher ausgetauscht. Ich fing an, selbst Geschichten zu schreiben, die ich ihm zum Lesen gab und sonst niemandem zeigte. Es interessierte sich auch niemand dafür. Aber Herr G. interessierte sich für mich als Person. Das hat mir das Gefühl gegeben: Jemand sieht mich. Und dass es nicht völlig egal ist, ob ich da bin oder nicht.
Letzten Herbst war 35-jähriges Klassentreffen und ich bin nicht hingegangen. Ich hatte gedacht, ich hätte das alles einigermaßen verarbeitet, aber es war doch noch zu präsent. Aber meinem Englischlehrer habe ich 17 Jahre nach dem Abitur einen Brief geschrieben und ihm gedankt.
Laura: Scheiß auf den Lehrplan⬆ nach oben
Herr L. kam mit Bart und dickem Bauch von der oberen Führungsebene bei Siemens zu uns. Ursprünglich hatte er Mathe, Politik und katholische Religion studiert, ging dann aber erstmal in die freie Wirtschaft. Mit 50 Jahren wurde er mein Politiklehrer in der Oberstufe. Er hat mit uns Bewerbungen geschrieben und uns erklärt, warum man Steuererklärungen abgeben muss. Sein Politikunterricht war anschaulich, weil wir über aktuelle Themen gesprochen haben.
Wenn etwas Spannendes im Wahlkampf passiert ist, dann haben wir diskutiert. Er war ein sehr ernsthafter Mensch, der schon einmal außerhalb der Schule gearbeitet hatte und nicht aus der Theorie erzählte, sondern wusste, wie die Welt da draußen funktioniert. Und das alles war in den Unterrichtsstoff eingebettet, glaube ich. Jedenfalls kamen wir alle vernünftig durchs Abi.
Herr L. war auch streng und hat viel verlangt. Wenn man durch Gelaber seine mündliche Teilnahme vortäuschen wollte, hat er das nicht durchgehen lassen. Er war kein Lehrer der viele Witze gemacht hat, aber er war nett. Er leitete die Foto-AG an unserer Schule und spielte und sang in Musicals mit.
Ich hatte viele tolle Lehrer, aber wenn ich darüber nachdenke, wer mich am meisten geprägt hat, fällt mir sofort Herr L. ein. Eigentlich musste er kein Geld mehr verdienen. Sein Hobby war Seifenkisten sammeln, er hätte einfach den ganzen Tag mit denen durch die Gegend fahren können. Aber er hatte Lust, freiwillig zehn Jahre damit zu verbringen, Wissen an junge Menschen weiterzugeben.
Vielen Dank an alle KR-Mitglieder, die ihre Erfahrungen geteilt und an meiner Umfrage teilgenommen haben!
Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer