Ich habe das Dauer-Gemecker über Schneematsch und Kälte satt. Und die schlechte Laune, die es mir macht. Dieses Jahr beschloss ich, mich in den Winter zu verlieben.
Zwischen uns flogen schon die ersten Funken, als ich abends durch das frisch verschneite Berlin-Friedrichshain nach Hause lief. Ein Paar spazierte über den Boxhagener Platz, minimal beleuchtet, als hätten sie alle Zeit der Welt. Ein kleiner Hund raste kreuz und quer über die Wiese, seine Begleitperson stand mit Thermosflasche am Rand und sah ihm zu. Da war er: der romantische, besinnliche Winter. Aber reicht das, um sich zu verlieben?
Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, habe ich die Krautreporter-Community nach Tipps gefragt, was sie am Winter mögen und wie sie ihn genießen. Da sind zum einen die Pragmatiker:innen: Vitamin D nehmen, sich einen Lichtwecker kaufen und echte Winterkleidung tragen. Und dann gibt es die Romantiker:innen. Nils schrieb:
„Mit einer Tasse Kakao/Tee in einem Sessel am Fenster sitzen, eine Decke über den Schultern, warmes Licht von der Leselampe, und in der Halbdämmerung dem Regen zuhören, wie er an das Fenster trommelt. Den kleinen Bächen zuschauen, wie sie von Dächern und über die Straße fließen. Darüber staunen, wie der Schnee die Landschaft verändert und in der Sonne glitzert.“
Ja, Gemütlichkeit. Kerzen. Schnee. Zuhause sein.
Aber was, wenn man den Winter immer noch hasst?
Für KR-Leser Günter ist der Winter „eine einzige Katastrophe“. Matthias sagt, er quäle sich „durch die kalten 9 Monate“ und hoffe, sie zu überstehen.
Meine KR-Kollegin Lea hat zumindest auf Einkuscheln gar keine Lust. Für sie ist der Winter zum Feiern da. „Im Sommer will man die Nächte draußen verbringen. Im Winter will man in dunklen, rauchigen Kellern zu dumpfen Bässen verschwinden.“
Für alle, die sich von Basskellern ebenso wenig angelockt fühlen wie von Wohlfühloasen und Kerzenlicht, folgt jetzt ein Wintermanifest für jeden Geschmack.
1. Hör auf zu meckern⬆ nach oben
KR-Mitglied Alex hat einen lösungsorientierten Vorschlag, sich mit dem Winter anzufreunden: „Nicht die ganze Zeit jammern und auf den Frühling warten, sondern was mit Zimt backen.“
Hier könnte dieser Text eigentlich enden. Aber bleiben wir kurz bei der Idee von Alex: Was können wir tun, um besser durch den Winter zu kommen? Denn vielleicht ist es ja wirklich – sorry – eine Frage des Mindsets.
Wir neigen dazu, uns auf das Unangenehme am Winter zu konzentrieren, anstatt es hinzunehmen und uns anzupassen, erzählt mir die Psychologin Kari Leibowitz in einem Videointerview. „Ein großer Teil unserer Erfahrung basiert nicht auf der objektiven Realität, sondern darauf, wie wir sie interpretieren und auf sie reagieren. Unsere Einstellung funktioniert wie eine mentale Abkürzung: Wir lenken unsere Aufmerksamkeit entweder auf das Positive oder das Negative.“
Leibowitz spricht von einem aktiven Perspektivwechsel, der unsere Assoziationen mit dem Winter verändert. „Stell dir vor, du kommst nach einem richtig kalten, nassen Wintertag in eine gemütliche Bar. Du könntest sagen: ‚Boah, draußen ist es echt widerlich.‘ Oder: ‚Wow, ist das hier gerade angenehm.‘ Wenn wir uns ständig erzählen, wie grau alles ist, sehen wir das Graue. Ich versuche, Menschen zu ermutigen, mit ihrer Sprache bewusst auf die Dinge hinzuweisen, die sie am Winter mögen.“
Leibowitz erforschte in Tromsø, einer Kleinstadt in Norwegen 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, ob ein positive winter mindset das Glück beeinflussen kann. Tatsächlich waren Menschen mit positiver Einstellung zufriedener und gesünder. Und: Je nördlicher die Studienteilnehmer:innen lebten, desto positiver war ihr Winter-Mindset.
Für Leibowitz hängt das auch mit der Kultur in Norwegen zusammen: „Als Psycholog:innen sagen wir: Das Mindset ist der Samen, die Kultur ist der Boden. Ein Samen kann in fruchtbarem Boden besser wachsen.“
Passend dazu schrieb mir ein KR-Mitglied aus Nordnorwegen. Sørens Expertenrat:
„Hier oben ordnet der Winter ein, wie klein und verletzlich wir Menschen in der Natur sind. Eine Zeit, um sich auf sich selbst zu besinnen.“ Und weiter: „Aktiv sein, rausgehen. Sich darauf einlassen, dass es jetzt dunkel und kalt ist und beobachten, wie die Natur sich verändert, die Tage wieder länger werden und die Sonne zurückkommt. Das wird hier vielerorts gefeiert.“
Leibowitz fragt sich, „wie viele Menschen sich wirklich durch den Winter bedrückt fühlen – und wie viele sich eigentlich nur dafür fertigmachen, dass sie gerade nicht so gesellig sind, nichts unternehmen wollen oder müde sind. Ich glaube, sobald man diesen inneren Kampf loslässt, geht es vielen schon besser.“
Zum Thema Meckern noch eine Erinnerung von KR-Leser Falk: „Wenn man nicht gerade in einer sozialen Extremsituation ist wie zum Beispiel Obdachlose, dann ist das eine ganz normale Jahreszeit.“
2. Gönn der Natur (und dir selbst) die Pause⬆ nach oben
Der Winter bietet die sehr angenehme Erlaubnis, mal langsamer zu machen. Achtung! Klingt nach Winter-Oase-Klischee. Es kann aber helfen, sich bewusst zu machen, dass die Pause sowohl für uns als auch die Natur notwendig ist.
Ein:e Leser:in weist darauf hin: „Der Winter ist für unsere Ökosysteme sehr wichtig. Die Wasservorräte im Boden füllen sich auf, Populationen werden begrenzt.“
Ein anderes Mitglied bemerkt: „Viele Pflanzen brauchen den Frost-Impuls, um im Frühjahr auszutreiben.“
Im Alltag haben sich die meisten von uns schon sehr von diesen natürlichen Rhythmen entkoppelt. Aber, wie ein KR-Mitglied schreibt: „Dass die Natur eine ‚Pause‘ macht, erinnert mich daran, auch Pausen zu machen.“
Biologisch betrachtet ist das eine ganz kluge Idee: „Licht und Dunkelheit beeinflussen unsere zirkadianen Rhythmen: Mehr Dunkelheit macht müder“, sagt Leibowitz. „Das Problem ist aber eher die Annahme, dass das nicht sein dürfte, und wir das ganze Jahr über gleich leistungsfähig sein müssten.“ Gerade in nördlichen Regionen wie Tromsø, wo die Sonne im Sommer 24 Stunden lang scheint und im Winter gar nicht erst aufgeht, meint sie, „kann man sich nicht vormachen, dass Jahreszeiten keinen Einfluss haben. Aber auch in Mitteleuropa ist der Unterschied enorm. Wir ignorieren ihn nur leichter, weil er schleichend kommt und wir mit künstlichem Licht und Wärme gegensteuern.“
Viele Leser:innen haben dies bereits erkannt, wie die Kommentare in meiner Umfrage zeigen. Sie reduzieren ihre Verpflichtungen im Winter und sind froh, nicht auf irgendwelche Treffen zu gehen, auf die man eigentlich keinen Bock hat, nur weil es verdammt nochmal Sommer ist. Sprich: Sie erlauben sich, faul zu sein!
Lotte schreibt: „Im Sommer fühl ich oft mehr Druck rausgehen zu ‚müssen‘… Im Winter fühlt es sich okay an, ein eher ruhiger Mensch zu sein.“ Adam findet: „Da es schneller dunkel wird, entschleunigt sich alles automatisch und man kann sich mit weniger FOMO [fear of missing out: die Angst, etwas zu verpassen] zu Hause einigeln und Zeit für sich nehmen.“
Also, ja, rausgehen, aber nur bis 16 Uhr! Danach kann man machen, was man will, ohne dafür verurteilt zu werden. Endlich!
3. Wieder zu unseren Vorfahren finden⬆ nach oben
Unsere Vorfahren wussten, dass wir im Winter langsamer machen sollten.
Die Autorin Katherine May (Wintering) erzählt dem Guardian: „Diese langen, dunklen Nächte waren für uns im Laufe der Geschichte kulturell immer sehr wichtig. Sie waren Zeiten des Geschichtenerzählens, des Zusammenkommens und der Intimität. Wir lasen, dachten nach, lösten Probleme und verlagerten unseren Fokus weg vom bloßen Weitermachen hin zum Erschaffen eines neuen Lebens. Der Geist braucht diese Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten und sich neu auszurichten.“
Anders gefragt: Was liegt bei dir innerlich rum? Jetzt ist der Moment, aufzuräumen.
Biologe Peter Spork erklärt der Zeit, dass Menschen in mittelalterlichen Agrargesellschaften im Sommer mit Tageslicht arbeiteten und im Winter von der Ernte lebten, häusliche Arbeiten machten und mehr schliefen. Wir brauchen im Winter mehr Schlaf, weil wir bei weniger Tageslicht nicht so aktiv sind und deswegen nachts seltener in den Tiefschlaf fallen.
Obwohl wir uns gerne von Skandinavien inspirieren lassen, erinnert Leibowitz daran, dass auch die eigene Kultur viel zu bieten hat: „Ich finde, die deutsche Kultur ist sehr gemütlich. Ihr habt viele deftige, wärmende Gerichte und tolle Weihnachtsmärkte. Man kann sich fragen: Was haben meine Eltern oder Großeltern getan, das den Winter in meiner Kindheit besonders gemacht hat? Wie kann ich daran heute wieder anknüpfen?“
4. Das tolle Wetter genießen und dich endlich lebendig fühlen⬆ nach oben
Ein KR-Mitglied schlägt vor, einfach mal das „Wetter draußen zu genießen, statt sich drinnen drüber aufzuregen.“
Johannes schreibt: „Wenn die Sonne im Winter scheint, dann scheint sie am schönsten.“ Ich würde ergänzen: Zu welcher Jahreszeit sieht man sonst so viele Sonnenauf- und -untergänge?
Auch Sport fühlt sich im Kalten intensiver an. Die Lungen brennen, alles kribbelt und man fühlt sich als kältetrotzendes Lebewesen irgendwie vital.
Denn wenn man sich drauf einlässt, macht die Kälte etwas besonderes mit uns. KR-Mitglied Alex schreibt: „Ich liebe, meinen Körper mehr zu spüren. Für mich fühlt er sich im Kalten lebendiger an.“ Alex’ Tipp dazu: Lasst Luft an euren Körper und vermeidet Klamotten aus Plastik.
Wenn es doch mal schneit, lässt ein KR-Mitglied „alles stehen und liegen“ und geht rodeln, als wäre er/sie „6 und nicht 26.“ Aber auch bei Schmuddelwetter kann man die Nase rausstrecken, und zwar in klare Luft, die einfach sauber schmeckt.
Das Winterklima macht uns zudem das Geschenk, unseren Lebensraum ein paar Monate ohne diverse pieksende Gefährten zu genießen. Endlich können wir schlafen, ohne X-mal aufzuwachen, um den nächtlichen Mückenkrieg zu führen. Außerdem: Keine Pollenallergien, keinen Sonnenbrand, keinen Hitzeausschlag, weniger Kreislaufprobleme. Endlich wieder leben!
5. Gott, befreie uns vom Schweiß⬆ nach oben
Eine KR-Leserin mag am Winter: „Endlich schwitzt mein Freund nicht so doll.“ Wo sie Recht hat…
Im Winter klebt niemand an U-Bahn-Sitzen oder Ledersofas fest, wir stinken weniger, man kann Sport machen, ohne komplett zu verrecken (siehe auch Punkt 4).
Mit eine:r Partner:in ist es wirklich angenehmer, in gewissen Situationen nicht gleich klitschnass zu werden und kuscheln zu können, ohne dass ein tropisches Mikroklima zwischen den Körpern entsteht. Und sich nicht ständig beim Bettlaken-Beziehen zu verrenken, jeden Tag die Haare waschen zu müssen oder auf dem Festival mit der Nase voller Staub keinen freien, feuchten Männerrücken ins Gesicht abzubekommen. Letzteres vor allem für die relevant, die, wie ich, größentechnisch suboptimal ausgestattet sind. Einfach herrlich!
Auch toll: Im Winter nimmt der kollektive Körperoptimierungsdruck spürbar ab. Wer sich selbst am liebsten dick einkleidet und gern in Riesen-Pullis verschwindet, kann der Wintermode einiges abgewinnen. Und Rasieren? Nie was von gehört.
6. Mehr Sex⬆ nach oben
Selbsterklärend (siehe auch Punkt 5: Schweiß). Nicht umsonst werden viele Babys im September geboren.
7. Weitere Überlebenstipps⬆ nach oben
Zuletzt eine Liste an weiteren, mehr oder weniger konventionellen Dingen, die KR-Leser:innen am Winter mögen oder die ihnen helfen, den Winter zu überstehen:
- Beim Freundinnentreffen zu dritt auf dem Sofa ein Nickerchen machen (Vera)
- Die Reste der Silvester-Feuerzangenbowle loswerden, indem man einen Grog macht: 1 TL Rohrzucker, 2 cl Rum, 180 ml kochendes Wasser (Judith)
- Mehr Bier (Alex)
- Die Austarierung der Körpertemperatur mit Zwiebelschalenklamottenprinzip umsetzen (Andreas)
- Auf Haushaltsgeräte Kulleraugen kleben, damit die mehr Charakter haben (Steffi)
- Vögel bestaunen, da man sie in kahlen Bäumen leichter sehen kann (Robert)
- Puzzeln (Anna)
- Popcorn im Kino kaufen, um Zuhause auf der Couch was zu gucken (Anonym)
- Advent und Weihnachten genießen, dann die Augen zukneifen und auf den Karneval warten (Anonym)
- Spazieren, spazieren, spazieren, tanzen, reden (Anonym)
- Regelmäßig Eiskunstlaufen (Anonym)
Und noch ein paar Tipps von Kari Leibowitz:
- Sich an Japan ein Beispiel nehmen und nur saisonales Essen essen (zum Beispiel: Kartoffel-Lauch-Suppe, Ofenkürbis mit Haselnüssen, Rotkohl mit Apfel)
- Das Deckenlicht ausmachen! Bei diesem Tipp geht es Leibowitz wie mir: Grelles Deckenlicht macht uns fertig. Wem es ähnlich geht, kann ein Experiment einleiten: ein Tag pro Woche, an dem im Büro das große Deckenlicht ausbleibt. Ein paar günstige Lampen aus dem Secondhandladen mitbringen, Kerzen aufstellen und ein paar Stunden lang schauen, wie sich das anfühlt. Vielleicht werden daraus irgendwann die „Big-Light-off-Fridays“.
- Das tun, wozu man im Sommer nicht kommt, beziehungsweise worauf man wenig Lust hat: Töpfern, einen Sprachkurs nehmen, schreiben. (Ein Punkt, bei dem Leibowitz und ich uns auch sofort einig waren: Schreiben ist bei schlechtem Wetter viel, viel geiler.)
Habe ich mich in den Winter verliebt? Ich würde sagen, wir sind noch in der Kennenlernphase. Aber auf weitere Dates lasse ich mich ein.
Ein großes Dankeschön an alle, die an meiner Umfrage teilgenommen und ihre Gedanken und Tipps zum Winter geteilt haben!
Redaktion: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Lea Schönborn, Bildredaktion: Gabriel Schaefer, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger