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Hi!
Ich versuche gerade als Rechtshänderin so viel wie möglich mit Links zu machen. Und das fühlt sich an, als wäre die Welt unbenutzbar geworden.
Fürs Zähneputzen brauche ich doppelt so viel Zeit wie sonst. Beim Haustüraufschließen fühle ich mich wie eine Betrunkene, die nachts um halb drei versucht, in ihr Bett zu kommen. Wenn der Schlüssel endlich im Schloss steckt, drehe ich ihn immer erst mal falsch herum.
Nichts geht automatisch⬆ nach oben
Niemand tut sich das freiwillig an, auch ich nicht. Die Sehnen in meinem rechten Unterarm zwingen mich dazu. Sie sind überlastet, weil ich fast jeden Tag die gleichen Bewegungen mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand mache: über die Mausoberfläche nach vorne und hinten fahren, nur unterbrochen von doppeltem Klicken.
Nun habe ich einen Mausarm, auf medizinisch: Repetitive Strain Injuries-Syndrom, RSI-Syndrom. Am Anfang habe ich es ignoriert und gedacht, dann verschwindet es von selbst wieder, aber inzwischen tut es ziemlich weh und ich muss mich drum kümmern.
Mein RSI-Syndrom macht mir bewusst, was meine rechte Hand jeden Tag leistet: volle Teetassen zum Mund führen, Gemüse schnippeln, Tisch abwischen und natürlich viel zu oft die Maus bedienen. Den Hund anleinen, Schuhe binden, schwere Einkaufstaschen tragen, Knöpfe zumachen, Haare kämmen. Der Alltag besteht aus unzähligen wiederkehrenden Bewegungen, die mir normalerweise gar nicht auffallen. Mein Körper erledigt sie automatisch, der Kopf ist dabei überflüssig. Aber jetzt tut es immer weh und nichts geht automatisch.
Keine Zeit mehr fürs Grübeln⬆ nach oben
Ich bin ziemlich frustriert darüber, wie schwer mir die alltäglichen Kleinigkeiten fallen. Seitdem sich der Kopf dabei einmischt, ist alles sehr kompliziert geworden. Mit Links geht hier gar nichts, alles erfordert Konzentration. Dadurch werde ich nicht nur langsamer, mein Alltag strengt mich auch viel mehr an und ich habe weniger Kapazitäten für Extras. Aber darin steckt auch etwas Gutes.
So habe ich weniger Zeit zum Grübeln, seitdem ich gezwungen bin, über die richtige Drehung von Zahnbürste und Schlüssel nachzudenken. Was ich vor zwei Tagen der unfreundlichen Frau an der Supermarktkasse besser hätte antworten sollen oder welche aufmunternden Worte ich gestern vergaß, meiner traurigen Freundin zu sagen, spielt keine Rolle mehr. Es ist ja sowieso vorbei. Ich falle jetzt einfach abends todmüde aufs Sofa. Später als sonst, denn das Essenkochen dauert ja doppelt so lang.
Diese neue Sperrigkeit des Alltäglichen sorgt dafür, dass ich mehr wertschätzen kann, was mein Körper normalerweise im Alleingang so leistet. Ein RSI-Syndrom kann auf eine seltsame Art zufriedener machen.
EURE ANTWORTEN
Astrid hat gefragt: Was tust du, das eigentlich lieb gemeint ist, aber manche verärgert?
Marie hat geantwortet:
Ich stoße Verwandte und gute Bekannte öfters mit direkten, unverblümten Bemerkungen vor den Kopf, da ich der Meinung bin, dass Authentizität ein grundlegendes Merkmal enger Beziehungen sein sollte und ein Zeichen des Vertrauens ist. Leider nehmen einige Leute diese Authentizität als unhöflich wahr.
TEXT DER WOCHE⬆ nach oben
Unsere Reporterin Lena Högemann hat tief recherchiert, um einem Trend nachzugehen: Immer mehr Frauen entscheiden sich, ihr Kind ohne Hilfe zu gebären. Warum?
FALKS BLICK AUF DIE WELT⬆ nach oben