Es sind Babybäuche und Naturaufnahmen auf Bildern und Videos, die in den sozialen Netzwerken unter dem Begriff „Alleingeburten“ zu finden sind. Viele Mütter zeigen ihre Babys. Und sie alle schwärmen von ihren Alleingeburten, von Geburten, bei denen absichtlich keine Hebamme und kein:e Ärzt:in dabei ist. Diese Frauen bieten anderen Frauen Onlinecoachings für Alleingeburten an. Eine andere Bezeichnung dafür ist freie Geburt, auf Englisch: Free Birth.
Über die englischsprachige Free Birth Society (FBS) hat die englische Zeitung The Guardian im November 2025 eine große Recherche veröffentlicht. Darin deckten die Journalistinnen auf, dass die Free Birth Society Millionenumsätze mit Coachings und Ausbildungen rund um Alleingeburten macht. Sie fanden auch Frauen, die bei einer Alleingeburt fast gestorben wären, deren Kinder von der Geburt Beeinträchtigungen davongetragen haben oder die ihre Kinder verloren haben. 48 solcher Fälle entdeckten die Journalistinnen. Die betroffenen Frauen erzählen im Podcast The Birth Keepers, der die Recherche des Guardian begleitet hat, ihre Geschichten.
Wie gefährlich sind Alleingeburten? Warum entscheiden sich Frauen bewusst dafür, ohne Hebamme oder Ärztin zu gebären? Dafür spreche ich Influencerinnen der deutschen Alleingeburtsszene, die dafür werben, sein Kind ohne medizinische Hilfe zur Welt zu bringen, und mit Expertinnen.
Geburt ist ein natürlicher Prozess⬆ nach oben
Was all diese Influencerinnen gemeinsam haben: Sie sind überzeugt, dass Frauen für die Geburt keine Hebamme oder Ärztin bzw. Arzt brauchen. Die Geburt sei ein natürlicher Prozess, sagen sie.
Dass die Geburt ein natürlicher Prozess ist, sei richtig, meistens sogar, sagt Hebamme Jana Friedrich. Friedrich hat 25 Jahre Berufserfahrung als Hebamme und viele Jahre in der Klinik Geburten betreut. „Geburten brauchen Intimität, Vertrauen und Ruhe“, sagt Friedrich. Dass Frauen sich lieber in die eigenen vier Wände zurückziehen, könne sie verstehen. Aber: „Wenn man das ganz allein macht, nimmt man sich das komplette Sicherheitsnetz weg“, sagt Friedrich. Das Problem: Eine Frau könne vorher nicht wissen, ob sie diejenige sein wird, bei der auf einmal Probleme auftreten. Viele Frauen würden spüren, wenn etwas nicht stimmt, sagt Friedrich, aber nicht alle. Das bedeute dann auch nicht, dass man zu wenig Körpergefühl habe. Manchmal gehe es schnell und eine Frau brauche medizinische Hilfe. Gleichzeitig müsse das Baby versorgt werden. Ihr Appell an alle Frauen: „Bitte keine Alleingeburt.“
Frauen sehen keinen Nutzen im medizinischen System⬆ nach oben
Auch Mandy Mangler, Chefärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe bei Vivantes in Berlin, sorgt sich um die Gesundheit der Mütter, wenn diese allein gebären. Thrombosen sowie die sogenannte hypertensive Schwangerschaftserkrankung, wie die Präeklampsie, sind gefährlich. Bei einer Präeklampsie besteht das Risiko, dass sich die Plazenta vorzeitig ablöst und das Kind zu früh zur Welt kommt. Und vor allem Blutungen nach der Geburt können schnell gefährlich werden. Die Frau könne das Bewusstsein verlieren und nicht mehr nach einem Notfallteam rufen können. Mandy Mangler nennt das Beispiel der australischen Health-Influencerin Stacey Hatfield, die nach einer Alleingeburt zuhause gestorben ist. „Sie ist zuhause verblutet“, sagt Mangler. „Das ist unnötig“, sagt sie. Außerdem bestehen auch Gefahren für das Kind. Ein großes Thema ist die Sauerstoffversorgung des Kindes während der Geburt. Das Baby wird während der Geburt über die Nabelschnur mit Sauerstoff versorgt, bis es geboren ist und selbständig atmet. Es kann, wenn auch selten, vorkommen, dass das Baby während der Geburt nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Geburtshelfer:innen befürchten, dass diese Unterversorgung zu Beeinträchtigungen oder zum Tod des Babys führt. „Die Evolution ist nicht perfekt, auch nicht, wenn es um Geburten geht“, sagt Ärztin Mangler.
Dass Frauen sich für eine Alleingeburt entscheiden, weil sie dem medizinischen Personal misstrauen, beschäftigt Mangler. „Für mich als Geburtshelferin ist das sehr schmerzhaft, wenn Frauen sich für eine Geburt ohne medizinische Hilfe entscheiden, weil das heißt, dass wir das Vertrauen dieser Person nicht haben“, sagt Mangler. Es müsse gelingen, auch diesen Frauen zu vermitteln, dass das medizinische System einen Nutzen hat.
Gebärende erleben Gewalt bei der Geburt⬆ nach oben
Ein Grund dafür, dass sich Frauen gegen die medizinische Geburtshilfe entscheiden, sind Gewalt in der Geburtshilfe, sowie die vielen medizinischen Eingriffe bei Klinikgeburten. Die sogenannten Interventionsraten bei Klinikgeburten sind sehr hoch. Ob Kaiserschnitt, Dammschnitt, Saugglockengeburt oder Wehentropf, in der medizinischen Geburtshilfe wird oft eingegriffen. Das ist auch in vielen Posts zu Alleingeburten präsent. Eine Studie hat gezeigt, dass 77 Prozent von mehr als 2.000 befragten Müttern eine gewaltvolle Erfahrung bei der Geburt gemacht haben. Studien wie diese zur Gewalt in der Geburtshilfe sind nicht repräsentativ. Aber Berichte von betroffenen Frauen zeigen, dass Frauen Gewalt bei der Geburt ihres Kindes erleben, vor allem im Krankenhaus – manchmal auch im Geburtshaus oder bei der Geburt mit der Hebamme zu Hause.
Laura, eine fünffache Mutter, die auf Instagram für ihre Alleingeburtskurse wirbt, hat einen Post mit dem Titel „Die brutale Wahrheit hinter konventionellen Geburtspraktiken“ veröffentlicht. Darin bezeichnet sie den Kristeller-Handgriff als Gewalt. Bei diesem Handgriff drückt die Hebamme oder Ärztin während der Wehe auf den Bauch der Frau. Das ist sehr schmerzhaft und kann zu inneren Verletzungen führen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lehnt den Eingriff ab, in Deutschland gehört er zu den medizinischen Routinen bei Klinikgeburten.
https://www.instagram.com/p/C8H-57ctt94/
Man könnte sagen: Die Zustände im Gesundheitssystem machen es den Influencerinnen ziemlich einfach, ihre „Lösung“ zu verkaufen: eine Alleingeburt.
Die Influencerinnen benennen in vielen Posts echte Probleme und Missstände in der klinischen Geburtshilfe. Wie soll eine Schwangere da erkennen, welche Posts wahre Fakten transportieren und welche persönliche Meinung?
Ich habe selbst Gewalt bei der Geburt meines ersten Kindes vor fast elf Jahren erlebt und ein Buch über Gewalt in der Geburtshilfe geschrieben. Ich verstehe sehr gut, wenn Frauen nicht noch einmal an einen Ort gehen wollen, an dem sie Gewalt erlebt haben. Auch ich habe für meine zweite Geburt bewusst eine andere Klinik gewählt, eine, von der ich wusste, dass dort natürliche Geburten möglich sind. Andere Frauen entscheiden sich nach traumatischen Geburten für das Geburtshaus oder eine Hausgeburtshebamme. Es gibt gute Gründe, sich gegen eine Geburt in der Klinik zu entscheiden – was nicht erklärt, warum sich so viele für eine Alleingeburt statt für andere Möglichkeiten entscheiden. Also warum wollen Frauen ganz allein gebären?
Warum wollen Frauen allein gebären?⬆ nach oben
Eine Antwort auf diese Frage ist nicht leicht. Frauen reden meistens ungern über ihre Alleingeburten, weil sie zu oft erleben, dass sie für ihre Entscheidung verurteilt oder angefeindet werden.
Jobina Schenk gibt in ihrem Buch „Die Wahrheit über Alleingeburten“ Hinweise auf die Beweggründe der Frauen. Schenk hat ihre Kinder allein geboren, ist also Befürworterin der Alleingeburt. Sie hat Medienberichte ausgewertet und Frauen nach Alleingeburten per Fragebogen befragt. Repräsentativ sind ihre Ergebnisse nicht. Insgesamt hat sie 1.460 Geburten erfasst, die ohne die Anwesenheit einer Hebamme oder Ärzt:in stattfanden. Sie hat stichprobenartig 125 Frauen nach ihren Gründen für die Alleingeburt befragt. Dreißig davon gaben an, schlechte Erfahrungen im Krankenhaus gemacht zu haben. Aber auch Frauen, die vorher außerklinisch, also im Geburtshaus oder zuhause mit einer Hebamme, geboren hatten, hatten negative Erfahrungen gemacht. Sie empfanden die Hebamme als „Störfaktor“ oder wollten nicht berührt werden.
In der Befragung von Jobina Schenk gaben Frauen auch an, dass bei ihnen in der Schwangerschaft Risiken festgestellt worden seien, die sie von der außerklinischen Geburt ausschließen. Denn nur gesunde Frauen ohne Vorerkrankungen und mit Einlingsgeburten dürfen in einem Geburtshaus oder mit einer Hebamme außerhalb der Klinik gebären. Statt dann in der Klinik zu gebären, scheint für etliche Frauen die Alleingeburt eine Alternative zu sein.
Die Schweizerin Larissa Werren spricht über ihre Alleingeburt vor drei Jahren und nennt diese „ihren persönlichen Weg“. Sie hat nicht in den sozialen Netzwerken von Alleingeburten gelesen. Werren besitzt kein Handy. Ursprünglich hatte sie eine Hausgeburtshebamme gesucht, erzählt sie im Videocall. Beim zweiten Treffen habe es sich nicht mehr richtig angefühlt, mit dieser Hebamme zu gebären. Werrens innere Stimme habe ihr gesagt, dass eine Alleingeburt der richtige Weg für sie und ihre Tochter sei. Sie habe sich viel mit Alleingeburten beschäftigt, Podcasts gehört und ein Buch gelesen. „Alleingeburt“ heißt es. Die Autorin: Sarah Schmid.
Sarah Schmid ist eine der Größen der deutschen Alleingeburtsszene. Sie betreibt einen Youtube-Kanal mit Videos aus ihrem Leben als Mutter und von ihren Alleingeburten. Ihr erstes Kind hat sie mit Hebamme zur Welt gebracht, die weiteren neun Kinder ohne medizinische Hilfe. Ihr meistgeklicktes Video ist das einer Alleingeburt im Wohnzimmer aus dem Jahr 2012. Es hat 8,8 Millionen Aufrufe.
Sarah Schmid ist studierte Medizinerin, hat aber nie als Ärztin gearbeitet. Auf ihrer Webseite kann man Online-Fragerunden mit ihr buchen. Zusammen mit Mia Gonzales Berducido hat sie die Alleingeburts-Akademie gegründet. Der Geburtsvorbereitungskurs kostet 770 Euro. Auch eine Ausbildung zur Alleingeburtsbegleiterin bieten die beiden Frauen an.
Schwangerschaft in Eigenregie⬆ nach oben
Viele Alleingeburtscoaches im Internet raten von den empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen ab. Die Free Birth Society spricht von einer wilden Schwangerschaft, Sarah Schmid nennt das „Schwangerschaft in Eigenregie“. Sie schreibt in ihrem Buch, dass der Ultraschall, der bei Vorsorgeuntersuchungen gemacht werde, „potentiell gefährdend“ sei. Ich habe Schmid um Auskunft gebeten, was sie Frauen in ihren Coachings zum Ultraschall rät, teilnehmen durfte ich an so einem Coaching nicht. Schmid schreibt per Mail: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“ Sie meint, dass Frauen individuell abwägen sollten, was für sie die richtige Vorsorge sei.
Mit einer gewissen Skepsis gegenüber Ultraschalluntersuchungen ist Schmid in der Welt der Alleingeburtscoaches nicht allein. In vielen Posts geben die Frauen an, dass Ultraschall schädlich und Vorsorgeuntersuchungen nicht nötig seien. Ärztin Mandy Mangler widerspricht: Mithilfe von Vorsorgeuntersuchungen könne man verstehen, ob die Geburt Risiken für Komplikationen hat. „Der Ultraschall schadet dem Kind nicht“, sagt Mangler. Die drei Vorsorgeuntersuchungen mit Ultraschall, die in der Schwangerschaft empfohlen sind und von der Krankenkasse bezahlt werden, seien evidenzbasiert. Das heißt: Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Untersuchungen sinnvoll sind.
Ein anderer Effekt der Vorsorgeuntersuchungen ist allerdings, dass viele Frauen verunsichert werden. Nur bei jeder fünften Schwangeren wird kein Befund zur Geburt gestellt. Das bedeutet: Beim Großteil der Frauen wird während der Schwangerschaft ein Risiko diagnostiziert, auch wenn sie nur zu alt oder zu jung sind oder der Arzt andere der 52 Risikofaktoren im Mutterpass ankreuzt. Eine Frau gilt also sehr schnell als sogenannte Risikoschwangere. Einige dieser Risiken sind allerdings ernst. Dazu gehört Bluthochdruck, der zur Präeklampsie führen kann, von der Chefärztin Mandy Mangler als eine der größten Gefahren bei einer Geburt sprach. Solche Risiken können ohne Vorsorgeuntersuchungen nicht erkannt werden.
Alleingeburten sogar mit Zwillingen⬆ nach oben
Weitere Faktoren, die eine Geburt risikoreicher machen, sind, wenn das Baby in Beckenendlage, also mit dem Po nach unten liegt, wenn die Frau vorher Kaiserschnitte hatte oder wenn es Zwillinge sind. Für die Vertreterinnen der Alleingeburt sind auch das keine Hindernisse. Im Podcast Gossip erzählt eine Frau beispielsweise, dass sie ihr Kind nach drei Kaiserschnitten allein zur Welt gebracht habe. Eine andere erzählt von ihrer glücklichen Alleingeburt aus Beckenendlage. Host des Podcasts ist Antonia Unger. Sie ist Alleingeburtscoach und schreibt über sich bei Instagram „Dienerin der Frau, nicht des Systems“. 37.700 Menschen folgen ihr. Wir haben Antonia Unger gefragt, ob sie tatsächlich in diesen Situationen eine Alleingeburt empfehlen würde. Sie schrieb, dass sie keine Kapazitäten habe, meine Fragen zu beantworten.
https://www.instagram.com/the_antonia_unger/?hl=de
Ein Video von Sarah Schmid auf Youtube: Die schwangere Schmid hängt auf einem Gymnastikball in ihrem Wohnzimmer. Ihr Mann kommt zu ihr, fragt, ob er ihr was Gutes tun kann. Sie antwortet: „Die Hasen müssen noch gefüttert werden.“ Im späteren Verlauf dieses Videos sehen wir, wie Sarah Schmid in Anwesenheit ihres Mannes erst ein Baby, dann ein zweites im Stehen, auf zwei Esszimmerstühle gestützt, zur Welt bringt. Das sechs Jahre alte Video hat 4,8 Millionen Aufrufe. Die Botschaft ist klar: Du kannst sogar Zwillinge allein zuhause zur Welt bringen.
Jana Friedrich und Mandy Mangler würden das nicht empfehlen. Bei Zwillingsgeburten gäbe es sehr unterschiedliche Konstellationen und damit auch mögliche Komplikationen. Selbst wenn beide Babys in der besten Position, der sogenannten Schädellage, liegen, müssen Geburtshelfer:innen die Geburt genau begleiten. „Wenn das erste Kind geboren ist, hat das zweite Baby auf einmal ganz viel Platz im Bauch“, erklärt Friedrich. Da müssen die Hebammen und Ärzt:innen aufpassen, dass sich das zweite Baby nicht quer läge. „Das zweite Baby benötigt nochmal eine besonders intensive Begleitung“, erklärt Friedrich.
„Wenn man Zwillinge allein zuhause bekommt, hat man ein hohes Risiko, dass einer dieser drei Menschen – die Mutter oder die Zwillinge – zu schwerem Schaden oder zu Tode kommen“, sagt Ärztin Mangler. Sie nennt eine Zwillingsgeburt allein und ohne medizinische Hilfe „ein Himmelfahrtskommando“.
Ich habe Sarah Schmid die Einschätzung der Ärztin Mangler geschickt. Sie schreibt: „Genau diese Angst, die im Wort ‚Himmelfahrtskommando‘ Ausdruck findet und die die heutige Geburtshilfe durchtränkt, ist ein Grund, warum Frauen sich auch bei sogenannten Risikogeburten für die Eigenregie entscheiden.“ Viele Frauen würden sich auch in Situationen, in denen die Angst der Geburtshelfer:innen besonders groß sei, zu einer „Geburt in Eigenregie“ entscheiden, „ohne unnötige Interventionen und mit der Unterstützung, die mir gut tut“, schreibt Schmid.
Es ist ein Narrativ, das vielen Frauen gefällt: Nur die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die einem guttut. Und die abzulehnen, die man nicht will. Auch, wenn man dafür ganz auf das Sicherheitsnetz verzichtet.
Komplikationen als „variation of normal“⬆ nach oben
Eine Frage, die ich mir bei der Recherche rund um die Alleingeburtsszene stelle, ist: Nehmen die Influencerinnen wohlwissentlich den möglichen Tod von Mutter oder Kind in Kauf? Die Recherche des Guardian legt das nahe. Etliche Mütter berichten in dem Podcast, dass ihnen vermittelt worden sei: Wenn du ins Krankenhau gehst, vertraust du deinem Körper nicht genug. Emilee Saldaya und Yolande Norris-Clark, Leiterinnen der Free Birth Society, sprechen in ihrem Podcast und in ihren Coachingsvideos sowie in Chatgruppen immer wieder von „variation of normal.“ Alles scheint eine „Variation von normal“ zu sein, selbst, wenn eine Frau während der Geburt mehrere Schlaganfälle erlitt – eine Folge der Präeklampsie – oder eine schwere Infektion entwickelte, wie der Guardian berichtet. Statt ins Krankenhaus zu fahren, bekamen sie gesagt:„You’ve got this, mama.“ Auf Deutsch: „Du schaffst das, Mama.“
Emilee Saldaya nennt sogar ein totes Baby „nicht unbedingt ein schlechtes Outcome“. Sie hat selbst ein Baby tot bei einer Alleingeburt zur Welt gebracht. Wo geboren wird, wird auch gestorben, scheint der Grundgedanke zu sein.
Ich habe mehrere erfolgreiche deutsche Alleingeburts-Influencerinnen gefragt, wie sie zu der Guardian-Recherche und der Haltung der Free Birth Society (FBS) stehen. Antonia Unger, die Frau, die in ihrem Podcast Frauen von Alleingeburten nach Kaiserschnitten schwärmen lässt, weist darauf hin, dass sie keinerlei Verbindung zur FBS hat.
Sarah Schmid distanziert sich insoweit, dass sie schreibt: „Krankenhäuser haben ihren Platz, wenn etwas nicht physiologisch läuft. Für diese Situationen ist es wertvoll, dass wir diese Strukturen leicht zugänglich haben.“ Mit mangelndem Vertrauen in den eigenen Körper, wie es die Free Birth Society vermittelt haben soll, habe ein Wechsel ins Krankenhaus ihrer Meinung nach nichts zu tun, sondern mit einer „realistischen Einschätzung der Situation“.
Auch in ihrem Fortbildungsangebot gäbe es ein komplettes Modul zu möglichen Komplikationen während der Geburt. „Das Wissen um diese Komplikationen ist Bestandteil unserer Schulung, damit die Frauen wissen, wie man vorbeugen, erkennen und richtig reagieren kann“, schreibt Schmid. Lebensgefährliche Blutungen kenne sie bei ihren Teilnehmerinnen nicht.
In ihrem Buch schreibt sie: „Es wird immer Fälle geben, die wir betrauern müssen.“ Selbst die beste Technik und Überwachung könnten das nicht verhindern. Dieser Ansatz findet sich auch in diversen Posts von anderen deutschen Alleingeburtscoaches.
„Ja, dein Baby kann sterben“, ist der Titel des Videos einer Onlinecoachin. In dem Video steht eine Frau in ihrem Garten und gießt Blumen, während sie beschreibt, dass eine Frau auch Hunderte Ärzte um sich scharen, Tausende Geräte und alles untersuchen lassen könnte, das Kind aber trotzdem sterben könnte.
https://www.instagram.com/reel/DQPPALQjHLL/
Hebamme Jana Friedrich sagt: „Eine Geburt hat immer auch eine Schicksalskomponente.“ Diese gäbe es auch in der Klinik. „Aber natürlich ist die Wahrscheinlichkeit signifikant geringer, dass Mutter oder Kind sterben, wenn Hilfe in der Nähe ist“, so Friedrich.
Larissa Werren, die ihr Kind bei einer Alleingeburt zur Welt brachte, ist bei der Vorbereitung für ihre Geburt auf den Podcast der FBS gestoßen. Einige Ansichten der FBS teilt sie, andere nicht. „Ich habe viel ‚Dagegen‘ gespürt – gegen das System, gegen die Medizin“, sagt sie. Für sie sei entscheidend gewesen, ihre Verantwortung nicht abzugeben, weder an eine medizinische Autorität noch an jemand anderen, auch nicht an die Leiterinnen der Free Birth Society. „Ich spürte, dass es nicht darum geht, gegen jemanden zu sein oder mich einer Bewegung anzuschließen, sondern auf mich und das Baby zu hören – genau das war das Schwierigste, was ich je getan hatte“, sagt sie. Werren sagt, dass sie ins Krankenhaus gewechselt wäre zur Geburt, wenn sich etwas nicht richtig angefühlt hätte. Das sei aber nicht der Fall gewesen. Für sie und ihre Tochter war die Alleingeburt der richtige Weg.
Sollten Alleingeburten verboten werden?⬆ nach oben
Sollten Alleingeburten in Deutschland also verboten werden? Zurzeit sind sie es nicht. In Österreich etwa gibt es für Gebärende eine Hinzuziehungspflicht für Hebammen. Wenn ein Baby bei einer Alleingeburt stirbt, kann die Mutter belangt werden. In Deutschland gibt es nicht überall Hausgeburtshebammen oder Geburtshäuser. Und nicht alle Frauen dürften dort überhaupt gebären. Wäre es also richtig, bestimmte Frauen in bestimmten Regionen zu einer Geburt in der Klinik zu zwingen? Hebamme Jana Friedrich sagt: Nein. „Ein Verbot würde Menschen noch mehr in den Graubereich treiben.“ Sie hätten dann vielleicht Angst, sich unter der Geburt doch Hilfe zu holen, wenn es nicht so läuft, wie erhofft. Friedrich fände eine große Aufklärungskampagne sinnvoller.
Ärztin Mandy Mangler sagt: „Wir sollten daran arbeiten, die Geburtshilfe im Krankenhaus zu verbessern und nicht, sie durch Alleingeburten abzuschaffen.“ Für ein Alleingeburtsverbot ist sie nicht, aber auch sie will so aufklären, dass sich niemand für eine Alleingeburt entscheidet.
Dafür braucht es Antworten auf die glücklich lächelnden Frauen in den sozialen Netzwerken, die für die Alleingeburt werben. Wahrscheinlich braucht es auch eine bessere Versorgung von Gebärenden im Krankenhaus, damit diese dort nach ihren Wünschen gebären können und keine Angst vor Gewalt oder ungewollten Eingriffen haben müssen. Vielleicht würde es Kliniken gut tun, sich zu überlegen, wie bei ihnen Geburten selbstbestimmt und frei stattfinden könnten – in Ruhe und mit möglichst wenigen Interventionen. Dann müsste man den Alleingeburtscoaches diese Begriffe nicht überlassen. Denn frei und selbstbestimmt gebären, das klingt doch gut.
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer