Friedrich Merz wäre mein größter Fan: Ich arbeite, seit ich 14 Jahre alt bin. Erst neben der Schule, dann neben der Uni. Seitdem habe ich Zeitungen ausgetragen, Eis verkauft, Babys betreut, Glühwein ausgeschenkt, Pflanzenproben transportiert, Medizin verpackt, Datenbanken gepflegt und Interviews transkribiert.
Heute bin ich Journalistin und arbeite häufig mehr als 40 Stunden pro Woche und regelmäßig am Wochenende. Wenn ich mir dafür den Montag oder Dienstag freinehme, habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich denke dann immer, auch in meiner Freizeit sollte ich was Produktives machen: endlich Spanisch lernen, das Sachbuch lesen, das seit Monaten auf meinem Nachttisch liegt oder eine eigene Bäckerei mit dem vor sich hin faulenden Sauerteig eröffnen.
Das Problem ist: Ich will Merz gar nicht gefallen. Vor fünf Jahren hat mich das krank gemacht. Erst dann habe ich begriffen, dass ich nicht immer produktiv sein kann. Seitdem faul(enz)e manchmal ich und nicht der Sauerteig. Ich habe dabei aber immer noch ein schlechtes Gewissen.
Weil ich es nicht noch einmal so weit kommen lassen will, habe ich unsere Community und eine Psychologin gefragt, wie man das schafft: nichts tun ohne Gewissensbisse. Ich möchte Friedrich Merz nicht mehr gefallen. Mit diesen vier Schritten werde ich zu seinem größten Feind.
Schritt 1: Warte nicht, bis du krank bist⬆ nach oben
Vor fünf Jahren war ich noch weit entfernt davon, Merz’ größter Feind zu sein. Ich saß im Sessel gegenüber meiner Psychotherapeutin. Sie sagte mir, mein Körper zwinge mich gerade dazu, eine Pause einzulegen. Erschöpfungsdepression nennt sich das.
Ich habe in der Therapie gelernt, meinen Selbstwert nicht mehr nur von meinem Job abhängig zu machen. Vielleicht ist das eine Berufskrankheit im Journalismus, vielleicht steckt es mir als Arbeiterkind in den Knochen. Nach drei Jahren Therapie habe ich verstanden: Die Menschen finden mich nicht toll, weil ich so viel leiste (außer mein Bundeskanzler vielleicht).
KR-Mitglied Diana ging es ähnlich: „Viele Jahre, insbesondere nachdem ich Mutter geworden bin, konnte ich überhaupt nicht faul sein oder entspannen. Ständig gingen mir Dinge durch den Kopf, die noch zu erledigen sind oder an die ich denken musste. Irgendwann bin ich dadurch krank geworden (Herzrhythmusstörungen) und habe dadurch angefangen, umzudenken.“
Ähnlich wie Diana und ich haben viele in der Umfrage erst nach einem Burnout und einer Therapie verstanden, dass sie nicht immer produktiv sein müssen. Vielleicht genügt für andere ja auch dieser Text, um das zu verstehen.
Katrin Klingsieck ist Psychologin und forscht an der Universität Paderborn zu Prokrastination, das heißt dem pathologischen Aufschieben von Aufgaben. Sie sagt: Selbstfürsorge, Selbstachtsamkeit und Selbstliebe kann man lernen.Viele in der Umfrage berichten, sie hätten das auch erst dank einer Therapie gelernt. „Man muss an der Haltung zu sich selbst arbeiten“, sagt die Psychologin. Na toll. Noch mehr Arbeit. Manche Leser:innen, die sich an der Umfrage beteiligt haben, verkaufen es sich so: Individuelle Entspannung schützt sie vor Burnout und führt dazu, dass sie seltener krank sind. Individuelle Entspannung hat also einen gesellschaftlichen Nutzen. Das müsste Merz doch eigentlich gefallen.
Schritt 2: Trickse dein Gehirn aus: Faul sein ist eigentlich produktiv⬆ nach oben
Ich weiß über mich, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nicht produktiv bin. Also muss ich mir das Faulsein anders verkaufen. Auch vielen der fast 200 Menschen, die in der Krautreporter-Umfrage ihre Erfahrungen geteilt haben, geht es so. Auch sie glauben, sie müssten immer produktiv sein. Nur gibt es dabei ein Problem.
Das hat KR-Mitglied Sebastian erkannt: „Für mich lag im Kern die Erkenntnis, dass produktive Zeit nur durch unproduktive möglich ist.“ Wenn Sebastian also faul ist, bedeutet das für ihn nicht unbedingt, dass er weniger leistet: „Ich nehme mir die Zeit, die Voraussetzungen zu schaffen, um zu einer anderen Zeit produktiv sein zu können, indem ich meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele den Ausgleich gewähre, der benötigt wird.“
Ich kenne das: Wenn ich eine Schreibblockade habe, dann fallen mir die besten Ideen unter der Dusche oder beim Kreuzworträtseln ein. Und nicht, wenn ich verbissen auf den Bildschirm starre. Ich weiß also, dass ich eine Pause machen sollte. Warum fällt es mir trotzdem so schwer?
Vielleicht, weil Merz’ Stimme und der protestantische Arbeitsethos in mir immer noch so laut sind. Umzulernen braucht Zeit. Dabei ist es sogar wissenschaftlich bewiesen: Faul sein hat psychologisch gesehen viele positive Effekte, sagt Katrin Klingsieck. „Wenn es kein Vermeidungsverhalten ist, dann kann es uns helfen, unsere Ressourcen aufzufüllen, uns auszuruhen, ähnlich wie mit der Langeweile, die ist ja auch nicht nur negativ.“
Schritt 3: Mach dir einen Termin zum Faulsein⬆ nach oben
Faulsein fühlt sich für mich immer noch am besten an, wenn ich schon halb im Burnout stecke. Wenn man immer erst etwas geleistet haben muss, um sich auszuruhen, dann wäre es am besten, wenn man sich das Faulsein verordnet, sagt die Psychologin. Dazu rät auch die KR-Community den Faulanfängern.
Wenn jeder Arzt- und Arbeitstermin in unseren Kalendern steht, wieso dann nicht auch ein Faultermin? Baue dir ein Faul-Fenster im Alltag ein. In dieser Zeit ist nichts anderes erlaubt. Das klingt irgendwie anstrengend. Aber wir bleiben eben Opfer unserer Sozialisierung.
Man kann sich auch mal zum Faul sein verabreden. Gemeinsam faul sein, ist einfacher. Einige schreiben in der Umfrage zum Faul sein gehört für sie auch, Kaffee trinken zu gehen und quatschen dazu. Eine andere Strategie, die helfen kann, ist aus psychologischer Sicht die Belohnung fürs Faulsein. „Dann sage ich mir: Mensch, super, jetzt war ich faul, das habe ich mir vorgenommen, jetzt gebe ich mir dafür einen Punkt und dann darf ich ein Eis essen gehen“, sagt Klingsieck. Ein Leckerli fürs Faulsein – das gefällt mir.
Schritt 4: Ja, Faul sein ist Arbeit⬆ nach oben
Wie bei allem im Leben, muss man für das, worin man gut sein will, üben. Davon ist auch die Psychologin überzeugt. Auch KR-Mitglied Jackie weiß das. „Faul sein muss aktiv geübt werden“, schreibt Jackie. „Ab und zu zwinge ich mich dazu, zum Beispiel auf der Couch liegen zu bleiben, wenn der Partner gerade abspült. Ich muss ihm dann einfach mal nicht helfen.“ Danke für die Inspiration, Jackie.
Und vielleicht müssen wir statt über Arbeit und unsere Leistungen mehr darüber sprechen, wie gut wir heute nichts getan haben. Statt zu erzählen, welchen Text wir heute geschrieben haben, welches Dach wir gebaut haben oder wie weit wir heute gejoggt sind, erzählen wir, wie krass der Mittagsschlaf heute war oder wie toll wir auf dem Sofa rumgelegen haben.
Ich fange an. Ich habe heute um 18 Uhr einen Faul-Termin und dann werde ich: rein gar nichts tun.
Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Iris Hochberger