Zwei Frauen Rücken an Rücken.

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Leben und Lieben

Interview: „Ich bin eine schlechte Freundin“ – warum so viele Frauen das glauben

Die beste Freundin ist ein Mythos aus dem 19. Jahrhundert. Die Historikerin Tiffany Watt Smith hat Freundschaften erforscht und stieß dabei auf ein Ideal, das bis heute für Schuldgefühle sorgt.

Im Original heißt Ihr Buch „Bad Friend“. Der deutsche Titel lautet „Gute Freundin, schlechte Freundin“. Warum überhaupt über schlechte Freundinnen schreiben – die will doch niemand haben, niemand will eine sein?

Tiffany Watt Smith: Ich kam auf die Idee, weil ich so viele Frauen in meinem Leben sagen hörte: Ich bin eine schlechte Freundin. Weil ich nicht genug da war. Weil ich etwas Falsches gesagt habe. Der Titel spielt außerdem auf „Bad Feminist“ von Roxane Gay an. Sie schrieb darin über den Wert, sich nicht auf ein moralisches Podest stellen zu lassen. Denn wer oben steht, kann gestürzt werden.

Sie selbst beschreiben, dass eine Freundschaft in Ihren Dreißigern „katastrophal“ endete.

Das war ein sehr schmerzhaftes Ende. Ich schloss daraus, dass ich jemand bin, der keine Freundschaften schließen und halten kann. Als Frau fühlte sich das wie ein grundlegendes Scheitern an. Mädchen lernen von klein auf, wie wichtig Freundinnen sind. Eine beste Freundin zu haben, am besten seit dem Sandkasten, gilt fast als Beweis für ein erfolgreiches Frauenleben. Als Feministin hat mich interessiert, woher dieses Ideal kommt und ob es sinnvoll ist. Dazu kam die Debatte über die Einsamkeitsepidemie und die viel diskutierten Vorschläge, dass Freundschaften Familie ersetzen sollen. Insbesondere für Frauen ist der Druck hoch, eine gute Freundin zu sein. Gleichzeitig ist völlig unklar, was das eigentlich bedeuten soll.

Also fingen Sie an, Freundschaften zu erforschen.

Genau. Die weibliche Freundschaft wird stark idealisiert, heute besonders in sozialen Medien. Sie gilt als innigste, konfliktfreie, bedingungslose Verbindung. Historisch war das nicht immer so. Von der Antike bis ins 17. Jahrhundert sinnieren männliche Philosophen über Seelenverwandschaft. Berühmt ist zum Beispiel der Aufsatz „Über die Freundschaft“ von Michel de Montaigne nach dem Tod seines Freundes Étienne de La Boétie. Frauen hielt man für emotional nicht reif genug, um solch tiefe Beziehungen zu führen. Das veränderte sich Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Vorstellung entstand, dass Frauen das sensiblere, empathischere Geschlecht seien. Zu dieser Zeit wurde eine enge Freundschaft zu einem Statussymbol für die bürgerliche Frau. Ein Beleg dafür, dass sie auch ihre vorbestimmten Rollen als Ehefrau und Mutter gut ausfüllen werde.

Es ging nicht darum, was Frauen voneinander wollten oder brauchten?

Nicht in erster Linie. Die Freundschaft war ein Statussymbol nach außen. Ja, ich bin emotional stabil, nehme die Gefühle anderer ernst, bin gewissenhaft, kurz: Ich bin eine gute Frau.

Daraus entwickelte sich die völlige Idealisierung der besten Freundin. Sie soll uneingeschränktes Verständnis zeigen, immer für einen da sein, niemals darf es Streit geben, und wenn doch, muss der sich von selbst in Luft auflösen. Das ist nicht realistisch. Daran scheitert jede, allein, weil das Leben dazwischenkommt.

Wie meinen Sie das?

Kinder können ihre besten Freunde tatsächlich an die erste Stelle setzen und tun das auch oft. Doch später ändert sich das. Berufe werden wichtiger, Partnerschaften, Kinder. Vielleicht lebt man mit der besten Freundin nicht mehr in derselben Stadt, führt nicht mehr dasselbe Leben, telefoniert nicht mehr jeden Tag, vielleicht nicht einmal jeden Monat. Daraus zu schließen, dass die Freundschaft am Ende ist, wäre falsch. Ich wünsche mir mehr Bewusstsein, dass es in jeder Beziehung auf und ab geht, und dass man nicht sofort von toxischen Freundinnen sprechen und den Kontakt abbrechen muss, nur weil man sich zwischendurch mal weniger nah ist.

Was ist, wenn man schon als Mädchen keine beste Freundin hat, sondern vielleicht zwei, drei ganz gute?

Dann reden sich die armen Kinder ein, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, ich sehe das bei meiner Tochter. Sie hofft darauf, bald „die eine“ zu finden, anstatt sich über die guten Freundschaften zu freuen, die sie hat. Das BFF-Ideal ist schädlich, sogar für die, die eine beste Freundin haben. Es schränkt ein, führt zu Besitzdenken und Eifersucht.

Warum trifft dieser Druck in Freundschaften besonders Frauen?

Nach Ansicht der Psychoanalytikerinnen Susie Orbach und Louise Eichenbaum liegt das daran, dass Frauen lernen, sich stark auf andere zu beziehen und eigene Bedürfnisse anzupassen, um gemocht zu werden. Bei Frauenfreundschaften kann das dazu führen, dass beide geradezu miteinander verschmelzen und sich kaum mehr als Individuen spüren. Zu der Zeit, in der Orbach und Eichenbaum dazu forschten, das waren die Siebziger- und Achtzigerjahre, erweiterten sich außerdem die Lebensentwürfe für Frauen. Plötzlich konnten sich Freundinnen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen wiederfinden. Die eine heiratet und zieht aufs Land, die andere versucht, als freischaffende Künstlerin am Theater Fuß zu fassen. Für Beziehungen, die einen hohen Anspruch an Einigkeit haben, ist das eine Belastungsprobe.

Ist das heute immer noch so?

Ja, die Forschung belegt, dass es eine große Herausforderung für Freundinnen sein kann, wenn die eine Mutter wird und die andere nicht. Auch ich habe das erlebt. Frauen müssen offenbar noch lernen, dass Nähe nicht Gleichheit voraussetzt.

Gehen Männer gelassener mit Unterschieden um?

Männer sind besser darin, in ihren Beziehungen Unterschiede und Konflikte auszuhalten, ja. Allerdings haben sie generell losere Freundschaften. Das wiederum ist auch ein Problem.

Wie erforscht man Freundschaften überhaupt als Historikerin?

Das war wirklich schwierig, besonders bei Frauen. Weil man von ihnen weniger weiß, es sind auch viel weniger private Schriftstücke wie Tagebücher oder Briefe überliefert. Ich habe daher Steuerunterlagen und Testamente ausgewertet. Im Paris des 14. Jahrhunderts gab es zum Beispiel Straßen, in denen nur Frauen lebten. Die meisten von ihnen waren sehr arm und verdienten ihr Geld im Textilgewerbe. In den Aufzeichnungen konnte ich sehen, wie sie sich gegenseitig Aufträge geben, als Erbinnen einsetzen, zusammen in einem Haus leben. Das waren offensichtlich bedeutsame Freundschaften, auch wenn niemand gefühlvolle Aufsätze darüber schrieb. Freundschaft muss nicht immer übermäßig intellektuell oder romantisch sein, sie ist auch kein Luxus oder eine Freizeitbeschäftigung.

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Das klingt sehr aktuell. Menschen heiraten immer seltener, bekommen immer weniger Kinder, die Kleinfamilie gilt nicht mehr als Zukunftsmodell. Können Freundschaften die Rolle der Familie übernehmen?

Das werden sie müssen. Forschungen aus den Niederlanden und Großbritannien zeigen, dass viele Menschen sich vorstellen können, mit Freunden alt zu werden. In der Praxis passiert es aber nur selten. Es fehlen rechtliche und gesellschaftliche Strukturen. Freundinnen haben keinen automatischen Anspruch auf Auskunft im Krankenhaus, sie dürfen auch nicht einfach die Wohnung der anderen betreten und finanzielle Dinge regeln. Wenn Freunde diese Rollen füreinander einnehmen wollen, müssen sie das vorausschauend und rechtssicher regeln. Das ist nicht einfach. Kaum jemand tut das.

Es braucht also politische Reformen?

Und ein neues Denken. Ich beschreibe eine Frau, die ihre krebskranke Freundin intensiv pflegte. Die vielen Krankenhausbesuche kosteten sie viel Zeit neben ihrer eigenen Familie und ihrem Vollzeitjob. Trotzdem wäre sie nie auf die Idee gekommen, ihren Chef zu fragen, ob sie etwas entlastet werden kann, weil ihre Freundin im Sterben liegt. Für eine Mutter hätte sie es getan. Für Freundinnen gilt Fürsorge noch immer als Privatangelegenheit. Für mich zeigt das Beispiel: Familienmitglieder zu pflegen, ist eine Art Verpflichtung, dafür erwartet man Verständnis. Bei Freunden gilt es als Privatvergnügen.

Manche empfinden es auch als Grenzüberschreitung, sich bei Freunden in gesundheitliche oder finanzielle Fragen einzumischen.

Das habe ich selbst erlebt. Eine ältere Nachbarin brauchte Unterstützung. Irgendwann wusste ich, welche Medikamente sie nahm und wo ihre Unterlagen lagen. Aber war ich ihre Freundin? Der Begriff bleibt unklar.

Im Deutschen wie auch im Englischen sind Freund beziehungsweise Freundin sehr vage Begriffe. Bräuchte es hier mehr Worte?

Als ich für mein Buch recherchiert habe, sammelte ich Worte aus anderen Sprachen für Freundschaft und in manchen gibt es da erstaunlich viele. Meist liegt dem Ganzen aber eine Hierarchie zugrunde. Deswegen schätze ich inzwischen die fehlende Klarheit des Begriffs. Es gibt keine Schablone, keine Vorschriften. Jede Freundschaft kann, darf und muss sich selbst definieren.

Wenn ich Ihr Buch in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Um bessere Freundschaften zu haben, müssen wir damit klarkommen, schlechtere Freundinnen zu sein und zu haben. Einverstanden?

Ja, das trifft es.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert

„Ich bin eine schlechte Freundin“ – warum so viele Frauen das glauben

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