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Am 28. Oktober 2014 habe ich in der allerersten Krautreporter-Woche eine Mail mit diesen Worten begonnen: „Liebe Leser, wir starten heute einen neuen Service: die Krautreporter Morgenpost.“
Ich habe den Verteiler seitdem, grob gerechnet, 2.250 Mal angeschrieben.
Die Idee: Drei Themen pro Tag, immer montags bis freitags. Nachrichten so erklärt, dass man in der Kantine mitreden kann, wenn einen die Kollegen darauf ansprechen.
Nach elf Jahren ist das hier meine letzte Morgenpost an euch. Welch eine Ehre, dass ihr mich so in euer Leben gelassen habt.
Ich werde künftig für das Redaktionsnetzwerk Deutschland als US-Korrespondent arbeiten, ihr findet dann meine Gedanken und Berichte über die Vereinigten Staaten auf rnd.de und in einigen Dutzend Tageszeitungen und deren Webseiten. Auch einen Newsletter gibt es dort, den US-Radar, allerdings aktuell im Zwei-Wochen-Takt und immer zu Politik und Gesellschaft in den USA.
Hier übernimmt nach einer kleinen Weihnachtspause vom 5. Januar an meine geschätzte Kollegin Luzia Geier den täglichen Nachrichtenüberblick.
Heute gibt es von mir keine regulären – es ist Weihnachten, da braucht’s nun wirklich nicht das Update zum neuesten Regierungsstreit – stattdessen zum Abschied ein „Making Of Morgenpost“.
Was habe ich im bisher beglückendsten Job meines Lebens über Journalismus, Medien und unsere Gesellschaft gelernt?
1. Journalismus kann die Menschen entlasten
Mitten im KR-Aufbau hat mich Mitgründer Sebastian Esser 2014 gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen Nachrichten-Newsletter zu schreiben, der sich die Zeitverschiebung nach Deutschland zunutze macht. Ich könne doch am US-Nachmittag und -Abend recherchieren und texten und die deutschen Leser:innen würden jeden Morgen mit einem aktuellen Überblick aufstehen. Und nebenbei gezeigt bekommen, was es Neues auf der KR-Seite gibt. Ich fand die Idee gut und fragte: „Wie oft soll ich das denn machen?“ Sebastians Antwort: „Jeden Tag.“ Lol.
Mir war damit klar, dass ich auch bei Konzept und Planung viel mitgestalten wollte: Struktur und Ton sollten zu mir passen, weil ich dachte, nur dann auf Dauer täglich motiviert an die Arbeit gehen zu können. Ich bin froh, wie sehr das aufgegangen ist und kann solche Einflussnahme im Job nur empfehlen.
Eine Idee war es von Anfang an, subtil ein Anfang und ein Ende für den täglichen Nachrichtenkonsum zu vermitteln. Die Morgenpost sollte immer sagen: „Dein Leben ist stressig, aber hier ist ein kleiner Spickzettel für die News und nach zwei, drei Minuten Lektüre reicht’s auch bis morgen.“
Ich glaube bis heute, dass der endlose Nachrichtenstrom für unsere Branche ein Problem sein kann, weil er die Leute auch zum Abschalten drängt. Stattdessen sollte die Morgenpost eine Entlastung versprechen. Ich frage mich, warum wir in den Medien den Menschen solche Entlastungen mit unseren Produkten nicht häufiger anbieten.
2. Respekt für die Leser:innen kommt als Respekt für mich zurück
Auch zu Stimme und Ton des Newsletters hatten wir früh eine klare Idee. Die Morgenpost soll Nachrichten so erklären, wie ein guter Kumpel beim Glas Bier oder einem gemeinsamen Kaffee. So ein Kumpel schaut nicht herab oder baut mit Fremdwörtern und Fachsprache Distanz auf.
Praktisch hieß das zum Beispiel, nicht von der „Troika“ in Griechenland zu schreiben, sondern von „Vertretern der wichtigsten Kreditgeber des Landes“, weil mit dieser Formulierung weniger Leute aussteigen oder sich dumm vorkommen. Der „US-Kongress“ wurde oft zu „den US-Parlamentskammern Repräsentantenhaus und Senat – quasi unser Bundestag und Bundesrat“. Mir ist es ein Rätsel, warum Journalismus so oft zur Schau stellen möchte, über den Leser:innen zu stehen. Es erscheint mir elitär und eitel.
Nächste Regel: Neben den Links zu unserem eigenen Angebot sollen alle Newsletter-Elemente aus sich selbst heraus Nutzen stiften. Keine Clickbait-Rampen, die versuchen, mit pfiffigen Rätseln („Punkt sieben wird Dich zum Weinen bringen“) Klicks anzutreiben.Wer nur den Mail-Betreff liest, soll etwas verstanden haben. Wer nur die Überschrift eines Nachrichtenblocks liest, ebenfalls. Jeder Block erklärt das Thema grundsätzlich und einigermaßen erschöpfend. Wer möchte, kann mit den Links sein Verständnis vertiefen.
Für mich hatten diese Entscheidungen mit Respekt gegenüber den Leser:innen zu tun. Aus den allermeisten Rückmeldungen wissen wir, dass dieser Respekt auch zurückkam, pöbelnde Klagen über die Morgenpost gab es wirklich selten.
3. Auch was ich auslasse, ist Teil des Newsletters
Mich haben einige von euch gefragt, wie ich täglich die Themen aussuche. Für mich ist die Kernfrage: Was ist wichtig, damit ihr euch im Alltag ein bisschen besser vernetzt fühlt? Wie könnt ihr, pathetisch gesagt, befähigt werden, bessere Bürger:innen zu sein?
Für mich hieß das dann zum Beispiel, Parteiziele zu erklären und weniger auf persönliche Streitereien zwischen Politikern einzugehen. Ich wollte vermitteln, wie ihr eine Corona-Studie lesen könnt und ich wollte darauf hinweisen, dass manche zur Führerscheinstelle müssen, um ihren Papier-Führerschein umzutauschen. Eine Leitfrage war: Was brauchen die Leute, um im Alltag ein bisschen besser zurechtzukommen?
Für mich hieß das auch oft, Gewalt- und Skandalthemen auszulassen, weil ich zwar einen Mordfall in Italien für klickträchtig halte, er aber eben am Ende doch nichts mit dem Alltag der allermeisten von euch zu tun hat.
Außerdem habe ich manchmal formuliert, wenn ein Thema gerade erst aufkam, aber noch keine tiefe Analyse der Auswirkungen ermöglichte. Wenn es zu Dauerthemen wie Kriegen oder Corona gerade einmal nichts Neues gab – „Darauf blicken wir in den nächsten Tagen noch einmal“. Auch dazu wissen wir aus Rückmeldungen, dass viele solche offenen Abwägungen schätzen.
4. Wir schreien die Leute zu oft an
Verwandt mit dieser Abwägung war eine Erkenntnis, die sich nach einigen Monaten und Jahren immer mehr durchsetzte: Journalismus tut sehr oft so, als sei alles wichtig. Er schreit oft nach noch mehr Aufmerksamkeit.
Wenn aber inzwischen Erhebungen von der „Nachrichtenmüdigkeit“ schreiben (auch wir hatten einen Artikel und immer mehr Menschen erklären, dass ihnen alles zu viel wird, dann hat das zum einen möglicherweise mit der düsteren Weltlage zu tun – aber zum anderen eben auch auch mit der Atemlosigkeit und der Lautstärke-12-Standardeinstellung der Medien. Wir brüllen die Menschen sehr oft an, dass sie sich gefälligst um dieses und jenes Thema auch noch zu kümmern haben.
Ich glaube, es gibt ein Publikum für Ruhe. Es schafft Vertrauen, Themen auszulassen und zu erklären, warum man es tut.
5. Ich muss als Journalist nicht immer ausgebufft und ernst sein
Journalismus kommt von echten Menschen mit eigenen Interessen, Ansichten und Wertesystemen. Ich glaube nicht an das Ideal einer vollständig neutralen Berichterstattung, sondern nur daran, dass Medien ihren Kompass so transparent wie möglich darlegen können. Was „rechtsextrem“ ist, darf mit Belegen auch so benannt werden und muss sich nicht hinter der Formulierung „Kritiker halten das für rechts“ verstecken. Das Eintreten für liberale Demokratien ist ein nicht zu verhandelnder Grundwert – neutral gegenüber jenen zu sein, die freie Medien abschaffen wollen, halte ich für falsch.
Der Newsletter und KR insgesamt haben mir darüber hinaus auch gezeigt, dass es sich lohnen kann, ein bisschen persönlich aufzumachen. Immer wieder über meine Liebe zum ESC zu schreiben oder mir einen Text über die Freude beim Zumba zu erlauben, sorgt nicht dafür, dass die Menschen meine Absätze über die Klimakrise oder Trumps Weg zur Autokratie weniger ernst nehmen.
6. Ich darf so schreiben, dass die Leute weniger Angst haben
In den elf Newsletter-Jahren gab es zu zwei prägenden Großereignissen von Euch besonders häufig die gleiche Rückmeldung – und sie hat mich überrascht. Als es mit der Corona-Krise losging und als der Ukraine-Krieg 2022 begann, haben einige von euch uns mit dem Tenor geschrieben: „Mir wird das ehrlich gesagt im Altag zu viel, ich warte dann immer ab, wie ihr das erklärt.“
Mich hat das gewundert und gefreut. Ich hätte eher gedacht, dass wir als Sekundär-Medium für all jene funktionieren, die ohnehin 24/7 den Deutschlandfunk hören und bei Spiegel Online auf „Aktualisieren“ klicken. Diese Orientierungsfunktion und das darin steckende Vertrauen hatte ich unterschätzt.
Es war für mich dann gut, zu spüren, dass nicht nur harte Investigation oder pralles Entertainment Motive für Journalismus sein können, sondern dass es manchmal auch einfach wichtig ist, dafür zu sorgen, dass Menschen weniger Angst haben.
7. Journalismus kommt von Menschen – das darf man auch spüren
Spätestens zur zweiten Trump-Wahl vor einem Jahr haben einige von euch dann auch meine Verunsicherung bemerkt und sich aufmunternd bei mir gemeldet. Eure Wünsche, den Kopf steif zu halten und euer Dank für die journalistische Arbeit hat gutgetan.
Es kann zusammengehen, in solchen Momenten als Journalist die Fakten abzuwägen und am Ende doch zum Ergebnis zu kommen, dass man auch selbst mit einigen bangen Gefühlen auf die Zukunft blickt. Auch darin zeigt sich, dass Journalismus von Menschen stammt, die manchmal die Gefühle ihrer Leser:innen teilen.
8. Nie die Kolleg:innen unterschätzen
Elf Jahre Krautreporter waren auch elf Jahre mit der coolsten Redaktion meines Lebens. Es war sehr schön, dass ich bei einer Redaktionsklausur in Deutschland dabei sein konnte und beim Sitzen ums Lagerfeuer die flackernden Gesichter sehr, sehr mochte.
Ich glaube, am Anfang von der eigenen Karriere unterschätzt man, wie wichtig es ist, dass einen die Menschen nicht nerven, mit denen man täglich zu tun hat. Wenn man beim morgendlichen Blick auf die Absender im E-Mail-Posteingang nicht mit den Augen rollt, dann ist schon sehr viel gewonnen.
9. Fehler passieren, der Umgang damit ist wichtiger
Meine Güte, die vielen, vielen Fehler! Falsche Parteizuordnungen, verbeutelte Wochentage, Dutzende Tippfehler – seltsamerweise gab es Phasen, in denen mir mehr durchgegangen ist und andere Wochen, in denen sich das plötzlich beruhigte.
Einen deutlichen Sprung hat der Newsletter dann durch die beiden Korrektur-Leserinnen Ari und Johanna gemacht. Ich bin froh, dass niemand weiß, wie viel die beiden im Hintergrund bereits rausgesiebt haben.
Auch hier war aber die Erkenntnis bald klar: Fehler passieren leider und im Ärger darüber steckt auch das Gefühl, dass die Arbeit nicht egal ist. So häufig wie möglich einzuräumen, was falsch gelaufen ist, schafft auch Vertrauen.
10. Nachrichten lassen sich vielleicht automatisieren, Beziehungen nicht
Ein absoluter Höhepunkt der Newsletter-Zeit war es, einige von euch kennenzulernen – sogar New-York-Besuch einer Leser:innen-Familie gab’s einmal. Es war ein großes Privileg, diese Beziehungen zu spüren und sich auszutauschen über Haltungen, Ideen und Ziele.
Ich glaube, das flinke Zusammenfassen von Ansprachen, Wirtschaftsdaten und Sportereignissen könnten die KI-Maschinen womöglich bald in Teilen des Marktes übernehmen. Die Produktion von Content lässt sich eventuell automatisieren – für den Aufbau von vertrauensvollen und wertschätzenden Beziehungen in beide Richtungen braucht es auf absehbare Zeit weiter die Menschen.
11. Aus kleinen Ideen wird oft das wichtigste – die Abschiedsformel
Gedacht war sie eigentlich nur als kleines menschliches Element am Ende der Morgenpost – aber zu nichts habe ich mehr Rückmeldungen bekommen als zu meinen Abschiedsworten am Ende jedes Newsletters.
Ihr habt oft geschrieben, wie sehr euch diese letzten Worte am Herzen liegen, auch das hat mich sehr gefreut.
Deshalb hier die bisher absolut geheime Formel hinter der Abschiedsformel:
-
Sie soll sich nach Möglichkeit auf eine der Nachrichten beziehen.
-
Sie darf persönlich sein und mit mir zu tun haben.
-
Sie soll freundlich und optimistisch sein – Zynismus ist was für Langweiler.
-
Sie darf sich über niemanden lustig machen, auch nicht über Politiker – höchstens über mich selbst.
Heute habe ich an dieser Stelle aber nichts Launiges, sondern bin einfach ein bisschen wehmütig. Danke fürs Lesen.
Redaktion: Theresa Bäuerlein