Familie bei einem Spaziergang

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Geschlecht und Gerechtigkeit

Warum es völlig normal ist, dass Kinder ein Elternteil bevorzugen

Eine Coachin und zwei Forscher:innen wissen, wie man trotzdem gleichberechtigte Elternschaft hinkriegt.

Für Henrike und Florian war schon vor der Geburt klar: Sie wollen das 50:50-Modell. Beide arbeiten Teilzeit und teilen sich die Carearbeit auf.

Dazu zählt auch, dass sie sich gegenseitig Ruhezeiten einräumen. Das sah allerdings lange so aus: Florian konnte ungestört ein Nickerchen machen, während Henrike und das Kind im Nebenzimmer spielten. Andersherum: keine Chance. „Während der Mama-Ruhezeit hat unser Sohn mich weggeschubst und sich auf den Weg zu Mama gemacht. Erst wenn meine Partnerin die Wohnung verlassen hat, war ich als Ansprechpartner akzeptiert“, schreibt er per Mail. Oft wollte Henrike aber gar nicht rausgehen, sondern sich einfach mal zuhause ausruhen. Möglich war dies nur, wenn sie die Wohnung verließ, um sich dann heimlich über die Terrasse ins Schlafzimmer zu schleichen.

„Dass die Mama-Fixierung so groß sein würde, damit hatten wir nicht gerechnet“, schreibt Florian.

Er ist damit nicht alleine. In einer nicht-repräsentativen Umfrage in der KR-Communiy, an der rund 90 Personen teilnahmen, antwortete die Mehrheit, dass ihre Kinder einen Elternteil als Bezugsperson bevorzugten. Bei den meisten war es die Mutter.

Meine Umfrage richtete sich an Eltern, die die Sorgearbeit für ihre Kinder zu etwa gleichen Teilen aufteilen wollen oder dies zumindest einmal vorgehabt hatten. Ich wollte wissen: Was hättet ihr gerne gewusst, bevor ihr euch für dieses Erziehungsmodell entschieden habt?

Die Antworten zeigen, dass es nicht leicht ist, Elternschaft jenseits der traditionellen Rollenbilder zu definieren. Wenn das Kind von einem Elternteil partout nicht ins Bett gebracht werden will, ist das schmerzhaft für den abgewiesenen Elternteil. Und wenn das Kind immer zur Mama rennt, fühlt sich die stärker verantwortlich und übernimmt dadurch auch mehr Aufgaben.

Die Bevorzugung ist also eine große Hürde für gleichberechtigte Elternschaft. Aber es gibt noch mehr. Ein paar Mütter schreiben: Der Mental Load bleibt regelmäßig an ihnen hängen. Und ein Vater beschreibt per Mail, wie seine Partnerin kritisiert, wie er sich ums Kind kümmert und er sich an den Rand gedrängt fühlt.

Wie schafft man es da raus? Um das herauszufinden, habe ich mit zwei Bindungsforscher:innen und einer Equal-Care-Coachin gesprochen.

Das sagt die Bindungstheorie: Es geht nicht nur um die Mutter⬆ nach oben

Kinder bevorzugen sehr oft eine Person. Das muss etwas mit Bindung zu tun haben – oder etwa nicht?

Davon haben wohl die meisten Eltern schon mal gehört: Bindung first. Egal an wen. „Ideal, wenn man es gleichberechtigt hinbekommt“, schreibt Dagmar in meiner Umfrage.

Überall ist die Rede von der „bindungsorientierten Erziehung“, gute Bindung wird auch als „Urvertrauen“ bezeichnet und fange schon in der Schwangerschaft an, liest man, oder dass Stillen die Bindung fördere. Der Eindruck, der entsteht, ist: Für die Bindung ist vor allem die Mutter verantwortlich. Nur: Wo bleibt da die Gleichberechtigung?

Bei der Suche nach Antworten stoße ich auf die Arbeit des Bindungsforscher Or Dagan und seiner Kolleg:innen. „Mothers aren’t the whole story“, schreiben sie und bestätigen meinen Verdacht: Die Bindungstheorie war in den vergangenen Jahrzehnten ebenso auf die Mutter fixiert wie viele Kinder. Als Grund nennen die Forschenden das in der westlichen Kultur vorherrschende Bild, dass die Mutter die wichtigste Person für das Kind sei. Diese Schieflage sei aber auch dadurch zustande gekommen, dass die Mütter für die Forschung verfügbarer waren: Viele von ihnen waren tagsüber zuhause und konnten bei den Tests der Forscher mitmachen, während die Väter arbeiteten.

„Nur weil ein Kind die Mutter bevorzugt, heißt das nicht, dass der Vater nicht ebenfalls eine Bindungsperson für das Kind ist“, sagt Or Dagan im Videotelefonat. Er lehrt und forscht an der Long Island University, New York, und arbeitet als Therapeut und Elterncoach. In New York ist es neun Uhr morgens und er kommt wenige Minuten zu spät zu unserem Gespräch, weil er gerade noch seine Tochter zur Schule gebracht hat. „Es gibt mehrere Studien, die zeigen: Kinder entwickeln zu Müttern und Vätern ähnlich oft eine sichere Bindung.“

Jetzt bin ich verwirrt: Bindung ist nicht gleich Bevorzugung? „Nein“, sagt Or Dagan und gibt mir einen kurzen Crash-Kurs in Bindungstheorie:

„Bindung entsteht in Situationen, in denen das Kind verletzt, gestresst oder emotional überfordert ist: Wer ist da in dieser Situation und wer kann mich beruhigen? Wie reagieren Mama oder Papa? Reagieren sie überhaupt? Sind sie zugewandt? Oder können sie sich gerade nicht richtig kümmern, weil sie zum Beispiel mit Depressionen oder anderen Problemen kämpfen?“

Kinder, die die Erfahrung machen: In der Regel ist diese Bezugsperson für mich da und kann mich effektiv beruhigen, entwickeln eine sichere Bindung zu ihr und profitieren davon auch im späteren Leben. Denn eine sichere Bindung gilt als förderlich für die mentale Gesundheit und kann beeinflussen, wie wir uns in späteren Beziehungen verhalten. Or Dagan ist aber auch der folgende Punkt wichtig: „Es reicht, wenn man die meiste Zeit zugewandt ist. Man kann nicht immer prompt reagieren. Eltern setzen sich da oft viel zu sehr unter Druck. Das liegt auch daran, wie Bindungstheorie auf Social Media dargestellt wird. Hier wird oft der Eindruck vermittelt: Ich muss meinem Kind absolut jeden Wunsch erfüllen.“

Etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Kinder entwickeln eine solche sichere Bindung.

Or Dagan und seine Kolleg:innen wollten also wissen: Wie wirkt sich Bindung zu beiden Eltern auf die emotionale und kognitive Entwicklung von Kindern aus? Sie fanden heraus: Kinder, die zu Mutter und Vater eine sichere Bindung aufbauten, waren psychisch gesünder und hatten eine bessere Sprachkompetenz als Kinder, die nur zu einem Elternteil eine sichere Bindung oder zu beiden eine unsichere Bindung hatten. Kinder profitieren also davon, wenn sie sichere Bindungsbeziehungen zu mehreren Personen aufbauen.

Wie kann es sein, dass der Vater für die Bindung genauso wichtig ist, aber Kinder trotzdem meistens die Mutter bevorzugen? Darauf hat Dagan keine Antwort. Er nennt aber eine Studie der Uni Wuppertal, die genau das belegt. Die dort untersuchten 10 bis 19 Monate alten Kinder bevorzugten ihre Mütter, suchten also stärker ihre Nähe als die des Vaters. Allerdings gibt er zu bedenken: „Kleine Kinder verbringen meist mehr Zeit mit ihren Müttern. Sind sie älter, bevorzugen sie vielleicht das andere Elternteil.“

Die Väter in dieser Studie arbeiteten meist Vollzeit, ihre Frauen waren zu Hause oder arbeiten nur wenige Stunden pro Woche. Auch die Daten, die Or Dagan für seine Forschung sammelte, stammen zu großen Teilen aus den 1980ern und 90ern, als die meisten Väter Vollzeit arbeiteten. Da war nichts mit 50:50.

Biologie, Bindung oder Sozialisation?⬆ nach oben

Ich versuche mein Glück erneut, diesmal bei der bekannten deutschen Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll. Genauer gesagt, ich schreibe ihr eine ziemlich verzweifelte Mail: „Ich würde das so gern verstehen, aber ich komme einfach nicht weiter.“

Nur wenige Minuten, nachdem ich die Mail abgeschickt habe, ruft sie zurück: „Es stimmt schon, was Sie schreiben“, legt sie gleich los. „Kinder entwickeln zu Vätern und Müttern ähnlich oft eine sichere Bindung. Trotzdem bevorzugen Kinder meistens die Mutter. Warum das so ist? Darauf hat die Forschung keine sichere Antwort.“

Trotzdem hat sie ein paar Ideen, was dahinterstecken könnte. Ich müsse aber wissen: „Man unterscheidet zwischen Bindungsmustern, also ob ein Kind eine sichere oder unsichere Bindung zu seinen Elternteilen aufbaut, und Bindungsverhalten“, erklärt sie.

Bindungsverhalten sei biologisch bedingt. Wenn Kinder geboren werden, ließen sie sich etwa auch von der Krankenschwester trösten, sie seien schlicht aufs Überleben gepolt. Erst nach drei bis sechs Monaten zeigten sich beim Kind auch Bindungsmuster, also das spezifische Verhalten, das ein Kind aufgrund seiner Erfahrungen in einer Stresssituation gegenüber einem bestimmten Elternteil zeige.

„Und dass ein Kind die Mutter bevorzugt: Es kann schon sein, dass das ein biologisches Bindungsverhalten ist.“ Um das Bindungsverhalten von Kindern zu testen, arbeiten Forschende mit dem sogenannten Fremde-Situationen-Test: Wie reagiert das kleine Kind, wenn eine fremde Person den Raum betritt? Später soll die Bindungsperson des Kindes den Raum verlassen und es wird geschaut, wie das Kind reagiert. „Wenn wir als fremde Person eine junge Studentin nehmen, sind die Kinder noch relativ entspannt“, sagt Becker-Stoll. „Aber wenn das ein bärtiger Student mit tiefer Stimme ist, rennen die schon los zu ihrer Bindungsperson, wenn der nur in der Tür steht.“

Vielleicht ist diese Fixierung auf die Mutter wirklich ein biologischer Urinstinkt, meint Becker-Stoll. Schließlich fressen manche Primaten-Väter die Jungtiere anderer Väter, um ihren eigenen Genpool zu maximieren.

Kinder seien biologisch darauf ausgerichtet, in Gefahrensituationen eine Person zu bevorzugen. „Meistens ist das die Mutter, wie die Studie der Uni Wuppertal zeigt. Aber wir sprechen hier von Kleinkindern, die in der Regel mehr Zeit mit ihren Müttern verbringen und mehr Körperkontakt mit ihnen haben. Daher sollte man solche Studien nicht überbewerten“, findet die Forscherin. Trotzdem könne dieses Wissen um die biologischen Grundlagen Eltern helfen, nicht zu viel von sich oder ihrem Kind zu verlangen oder falsche Erwartungen zu hegen.

Und sie sagt auch: Das Verhalten der Kinder kann sich in den ersten Lebensjahren ändern. Manche Kinder seien je nach Temperament, Tagesform und Erfahrung mehr oder weniger offen dafür, sich an weitere Personen zu binden. Wichtig sei dabei, wie sensibel Väter oder nicht-biologische Eltern mit ihren Kindern umgehen. Und auch unsere Sozialisation spielt mit Sicherheit eine Rolle: „Dass so wenig Väter Elternzeit nehmen, hat nun wirklich keinen biologischen Grund“, sagt Becker-Stoll.

Putzen statt Kuscheln? Das könnt ihr tun, wenn euer Kind ein Elternteil bevorzugt⬆ nach oben

Soweit die Forschung. Jetzt will ich verstehen, wie gleichberechtigte Elternschaft in der Praxis funktionieren kann. Dafür spreche ich per Videochat mit Hanna Drechsler. Sie ist systemische Coachin und berät Eltern, die sich die Carearbeit fair aufteilen wollen. Ihre drei Kinder erziehen sie und ihr Partner 50:50. Ich will von ihr wissen: Was können Paare wie Florian und seine Frau tun, wenn sich ein Ungleichgewicht eingespielt hat, weil das Kind immer an einem Elternteil hängt?

Florians Lösung sieht so aus: „Da mein Kind mamafixiert war, habe ich mehr im Haushalt übernommen, etwa Einkaufen, Küche und Kochen.“ So wie ihm geht es tatsächlich mehreren Männern, die sich bei mir gemeldet haben. Mama=Trost und Kuscheln, Papa=Küche+Haushalt. Gibt es da keine bessere Lösung?

„Dass ein Kind einen Elternteil ablehnt, passiert auch in einer 50:50-Beziehung“, sagt Hanna. Das erlebt sie gerade selbst. Nachdem sie ihr jüngstes Kind abgestillt hatte, war ihr Mann nachts und fürs Ins-Bett-Bringen zuständig. Das klappte so gut, dass das Kind jetzt Hanna nicht mehr akzeptiert. „Ich darf meine Tochter nachts nicht einmal mehr rumtragen“, sagt sie.

Hat sich einmal so ein Ungleichgewicht eingespielt, sei es nicht einfach, das wieder loszuwerden. Das Wichtigste sei eine klare Haltung. „Das spürt das Kind. Man muss ihm klar kommunizieren: Jetzt ist der andere Elternteil dran und der macht das super.“

Die Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll rät außerdem: Nicht mit der Einschlafbegleitung anfangen. „Beim Schlafengehen ist das Bindungssystem des Kindes maximal erregt.“ Stattdessen solle man gut vorbauen: „Der Papa muss möglichst viele positive Spiel-Interaktionen mit dem Kind haben und dann vielleicht erstmal das Mittagsschläfchen mit dem Kind machen. Das Kind muss lernen, der Papa macht das jetzt. Man muss es also geschickt einfädeln, dann klappt es auch, dass die Mutter abends wieder Volleyball spielen oder ihre Freundin treffen kann.“

Macht Stillen einen Unterschied?⬆ nach oben

Viele Paare befürchten, dass ein Kind besonders stark an dem Elternteil hängt, der stillt. Hanna Drechsler sieht das entspannt. „Man kann auf so viele unterschiedliche Arten eine Bindung aufbauen: wickeln, tragen, gerade auch nachts.“ Und manchmal sei es eben so, dass man in der Babyphase mit einer gewissen Ungleichverteilung leben müsse. „Das ist auch bald wieder vorbei. Ich würde mir da auf keinen Fall Stress machen, im Sinne von: Wer stillt, hat keine Chance mehr auf 50:50, das ist Quatsch.“

KR-Leserin Anna und ihr Mann erziehen ihre Kinder 50:50. Sie hat beide Kinder gestillt. Sie schreibt:

„Es sind beides absolute Papa-Kinder (…) Es ist nicht so, dass ich sie nicht ins Bett bringen oder trösten könnte. Aber wenn Papa da ist, ist er die erste Wahl. Das ist manchmal sehr hart für mich.“

Trotzdem sind beide mit ihrem gleichberechtigten Modell sehr glücklich. „Ich bin sehr froh und auch ein bisschen stolz darauf, dass wir ein so gleichberechtigtes Familienmodell leben“, schreibt sie.

Emotionale Arbeit – warum Mütter verfügbarer sind⬆ nach oben

50:50 bedeutet nicht nur, dass die Mutter auch mal abends weggehen kann. Es ist nicht viel gewonnen, wenn sie anschließend bis nachts um zwei wach liegt und darüber nachdenkt, ob sie alle Zutaten für den Kuchen fürs Kitafest hat. Oder wie sie am besten mit den Wutanfällen des Kleinkindes umgehen soll. Denn solche Aufgaben bleiben oft an den Müttern hängen. Von Mental Load haben die meisten schon gehört. Es gibt aber auch den Emotional Load: sich über Erziehungsfragen informieren oder Geschwisterstreits schlichten zum Beispiel.

„Meistens sind es die Mütter, die sich erstmal zehn Podcasts reinziehen, wenn die Wutanfälle des Kindes überhandnehmen. Sie fühlen sich verantwortlich, das ist ihre Prägung“, sagt Hanna Drechsler. Sie empfiehlt: Lieber das Thema auf eine gemeinsame Aufgabenliste setzen. „Carearbeit ist eine Arbeit wie jede andere auch. Und die muss eben auch organisiert werden.“

Im Gegensatz zu den meisten anderen Arbeiten bleibt Carearbeit oft unsichtbar. „Daher empfehle ich Listen“, sagt Hanna Drechsler. „Und darauf kommen eben nicht nur offensichtliche Aufgaben wie Wäsche waschen und Kindergeburtstage planen, sondern auch: Wer ist wann dafür zuständig, Geschwisterstreits zu schlichten? Wer informiert sich, wie man mit schwierigen Phasen umgeht?“

Nicht reingrätschen, machen lassen⬆ nach oben

Aber was, wenn ein Elternteil gar keine Chance mehr hat, die emotionalen Aufgaben zu übernehmen? Weil das Kind sich nur vom anderen Elternteil trösten lässt? Und kann es sein, dass der eine Elternteil, weil er oder sie es immer macht, auch einfach besser darin wird?

Florian schreibt:

„In Situationen, in denen ich überfordert war, hat meine Frau mir oft geholfen. Was erstmal gut und sinnvoll ist, aber auch dazu geführt hat, das ich wichtige Erfahrungen nicht selbst sammeln konnte und mich weniger ausprobieren konnte.“

Ein anderer Vater beschreibt sogar, wie er es seiner Partnerin nicht recht machen konnte. Oft gefiel ihr nicht, wie er sich um das gemeinsame Kind kümmerte, es fütterte, ins Bett brachte oder anzog. „Das passiert tatsächlich ganz oft“, sagt Hanna Drechsler. „Für Männer ist das natürlich ein fieser Trigger: Sie werden als die Doofen hingestellt, die nichts hinkriegen.“ Sie sollten sich dann aber bewusst machen, dass ihre Partnerinnen das nicht absichtlich täten. Sie seien so geprägt. „Equal Care ist eben nicht nur Organisation, man muss sich auch mit seiner patriarchalen Prägung auseinandersetzen“, sagt sie.

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Mütter müssten lernen loszulassen, ihre Partner einfach machen zu lassen, am besten alleine. „Die Strumpfhose ist falsch rum angezogen oder das Outfit passt überhaupt nicht zusammen? Egal!“

Die eigene patriarchale Prägung hinterfragen – für Frauen bedeutet das auch: Anerkennen, dass sie damit auch eine Machtposition aufgeben, die sie in anderen Bereichen oft nicht haben. „Es schmerzt, wenn das Kind plötzlich den Vater bevorzugt. Immer die Nummer eins zu sein, kann zwar belastend sein, aber bedingungslos gewollt zu werden, fühlt sich auch toll an! Das sollte auch dem Vater zustehen.“

Männer wiederum müssten sich damit auseinandersetzen, dass sie meist weniger gut gelernt haben, mit ihren Gefühlen umzugehen und sich für den Emotional Load zuständig zu fühlen. „Natürlich tut es weh, sich das einzugestehen. Aber genau da müssen beide durch, und zwar als Team“, sagt Hanna.

Die Zeit der Väter kommt⬆ nach oben

„Was für die Entwicklung von Kindern wirklich toxisch ist, ist, wenn die Eltern sich in der Wolle haben“, sagt Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll. „Man ist so gestresst mit kleinen Kindern. Aber Stress ist Gift für die Bindung. Daher ist das Beste, was Sie tun können, wenn mal wieder alles hochkocht: Nehmen Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin in den Arm und sagen ihm oder ihr: Schatz, du machst das toll.“

Auf keinen Fall sollten also Eltern miteinander in Konkurrenz gehen, sondern sich gegenseitig unterstützen. „Wenn das Baby am Anfang nur bei der Mama schlafen will, dann soll der Papa sie entlasten, ihr einen Tee bringen oder Kopfhörer und den Laptop, damit sie ihre Lieblingsserie im Bett gucken kann.“

Also doch Putzen statt Kuscheln für die Väter? „Die Zeit der Väter kommt“, sagt Becker-Stoll. „Ab etwa eineinhalb, wenn die Kinder rausgehen, sich bewegen, Neues erleben wollen.“ So war es im Übrigen auch bei Florian: Ab etwa drei oder vier Jahren wurde es besser, schreibt er. Heute ist sein Sohn sieben und seine Frau muss sich schon lange nicht mehr durch den Garten zurück ins Haus schleichen.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Iris Hochberger

Warum es völlig normal ist, dass Kinder ein Elternteil bevorzugen

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