In letzter Zeit habe ich ziemlich viele Stimmen von Frauen gehört, die keine Kinder wollen. Sie posten Reels auf Instagram, schreiben Bücher und Artikel. Ich habe auch schon ein paar Texte dazu beigetragen. Allerdings ist mir vor Kurzem aufgefallen, dass ich eine Kleinigkeit übersehen habe: die Männer.
Das ist merkwürdig, weil Männer beim Thema Kinderkriegen, nun ja, nicht unbeteiligt sind. Warum also spielen sie in der Debatte keine Rolle? Zumal es in fast allen europäischen Ländern mehr kinderlose Männer als Frauen gibt. Es ist dennoch leicht, die Männer bei diesem Thema zu vergessen. Denn Männer ohne Kinderwunsch sagen darüber in der Öffentlichkeit vor allem: nichts.
Ein Grund liegt darin, dass Männern in dieser Frage mehr Freiheit zugestanden wird. Und sie diese Freiheit deshalb weniger verteidigen müssen. Gleichzeitig hat fast die ganze Welt ein Problem, wie dieser Artikel zeigt: Die Geburtenraten sinken. Dennoch beschäftigt sich die Forschung zum Thema Kinderwunsch und Geburtenrückgang bisher überwiegend mit Frauen. Wenn Politiker:innen über sinkende Geburtenraten sprechen oder Medien darüber berichten, steht fast immer dieselbe Frage im Raum: Warum bekommen Frauen nicht mehr Kinder?
„Das Thema Kinderwunsch gilt gesellschaftlich noch immer als Frauenthema – und wird auch so behandelt“, schrieb mir die Sozialwissenschaftlerin Claudia Rahnfeld von der Dualen Hochschule Gera-Eisenach. Für eine 2023 erschienene Studie befragte sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Annkatrin Heuschkel mehr als 1.000 Frauen, die keinen Kinderwunsch hatten. Als sie die Ergebnisse veröffentlichten, bekamen diese ein enormes Medienecho, das bis heute anhält. Als die Forscherinnen 2025 eine Männerstudie zum gleichen Thema veröffentlichten, bekam diese vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit.
Selbst die Geburtenrate ist rechnerisch eine Frauenkennzahl: Sie misst, wie viele Kinder Frauen im gebärfähigen Alter im Durchschnitt zur Welt bringen. Männer kommen darin statistisch nicht vor, obwohl ohne sie kein Kind entsteht. Entsprechend wird Verantwortung dort gesucht, wo auch gemessen wird: bei den Frauen.
Zeit, das zu ändern. Um zu verstehen, wie es mit dem Kinderwunsch der Männer aussieht, habe ich zwei Befragungen herangezogen. Die erste ist eine Umfrage in der Krautreporter-Community. Schon vor drei Jahren habe ich unsere Leser:innen gefragt: „Hast du einen Kinderwunsch“? Rund 800 Menschen haben sich beteiligt, davon 138 Männer. Die Antworten und Begründungen habe ich für diesen Text neu ausgewertet. Die zweite ist dieStudie, die Claudia Rahnfeld und Annkatrin Heuschkel von der Hochschule Gera durchgeführt haben. Sie wollten beginnen, eine Forschungslücke zu schließen und haben rund 1.626 Männer aus vier Generationen mit Wohnort in Deutschland befragt. Etwa die Hälfte der befragten Männer hat Kinder. Ein Drittel wünscht sich Nachwuchs, jeder sechste will bewusst kinderlos bleiben und etwa jeder zehnte ist unentschlossen.
Männer sind natürlich keine einheitliche Gruppe, ebenso wenig wie Frauen. Die Daten, die ich für diesen Text verwendet habe, also die KR-Umfrage und die wissenschaftliche Studie, reichen nicht aus, um definitive Aussagen darüber zu treffen, was Männer übers Kinderkriegen denken. Aber sie liefern einen Anfang.
Die Gründe sind bei Männern und Frauen teils erstaunlich ähnlich. Und teilweise sehr unterschiedlich.
1. Freiheit bedeutet nicht für alle das gleiche⬆ nach oben
„Ich vermisse extrem meine Freiheit. Tun und lassen zu können, was ich will. (…) Diese Freiheit ist weg und zwar ohne dass ich gefragt wurde.“
Das schrieb mir KR-Leser Sebastian, 46 Jahre alt. Er hatte nie einen Kinderwunsch. Dann nahm seine Freundin Antibiotika und wurde trotz Pille schwanger. Ungeplant. Und er wurde Vater, obwohl er das nicht wollte. Heute hat er ein inniges Verhältnis zu seiner Tochter, sagt er. Und dennoch:
„Immer wieder kommen diese Gedanken: Was wäre, wenn? Wie könnte mein Leben jetzt aussehen ohne Kind?“
Dieser innere Konflikt zeigt ein Motiv, das bei Männern immer wieder auftaucht, wenn sie übers Kinderkriegen sprechen: Freiheit. Das ist ähnlich wie bei Frauen ohne Kinderwunsch. Aber diese Freiheit meint bei Männern und Frauen nicht genau dasselbe.
Für Männer zeigen die Daten, dass sie sich kaum Sorgen um ihre Karriere machen, wenn sie über Kinder nachdenken. In einer Auswertung der Studie heißt es sogar, dass bei weniger als zehn Prozent der bewusst kinderlosen Männer berufliche Nachteile eine zentrale Rolle spielen. Das passt zu einem bekannten Muster: Nach der Geburt eines Kindes behalten Männer ihre Wochenarbeitszeit häufiger bei, während Frauen einen größeren Teil der Betreuung übernehmen. Mit entsprechenden finanziellen und beruflichen Folgen. Männer erleben Elternschaft also viel seltener als Risiko für ihre Erwerbsbiografie.
Das Thema Freiheit ist bei ihnen viel stärker damit verbunden, wie sie ihr Leben führen möchten, mit Autonomie und Ungebundenheit. Sebastian schreibt: Bevor er seine Tochter bekam, dachte er „an Freiheit, Hobbys und das einfache Leben, das ich führen wollte, ohne große finanzielle oder gesundheitliche Verantwortung haben zu müssen.“ Diese Sehnsucht ist bis heute da, auch wenn die Beziehung zu seiner Tochter eine liebevolle ist.
Auch für gewollt kinderlose Frauen spielt Selbstbestimmung eine wichtige Rolle. Allerdings geht es Frauen nicht nur um Freiheit im Alltag, sondern sehr konkret um Absicherung, berufliche Teilhabe und Ungleichheit in der Carearbeit. Es gibt sehr konkrete Gründe für diese Sorgen: Laut Statistischem Bundesamt leisten Frauen rund 45 Prozent mehr unbezahlte Arbeit im Haushalt als Männer, rund die Hälfte davon sind klassische Hausarbeiten wie Kochen, Putzen und Wäsche waschen.
Wie Sara in meiner Umfrage schreibt:
„Es erscheint mir extrem herausfordernd, in einer klassischen heteronormativen Paarbeziehung eine wirklich gleichberechtigte Elternschaft zu führen. Selbst viele Paare in meinem Freund:innenkreis, die zuvor großen Wert auf Augenhöhe in der Beziehung gelegt haben, fallen in ungleiche Muster, sobald Kinder ins Leben kommen. Wenn ich ‚Vater‘ werden könnte, würde ich mir das gerne nochmal überlegen – die Mutterrolle erscheint mir aktuell zu unattraktiv.“
2. Für Männer ist die Partnerin bei der Entscheidung extrem wichtig⬆ nach oben
Wenn man sich in der Befragung von Rahnfeld und Heuschkel anschaut, wann Männer Väter werden, ergibt sich ein klares Bild: Die Entscheidung fällt fast immer in einer stabilen Paarbeziehung. Unter verheirateten Männern sind rund 85 Prozent Väter. Unter Singles ist es nur etwa jeder Zehnte. Je verbindlicher die Beziehung, desto wahrscheinlicher wird ein Mann Vater.
Überhaupt entsteht der Kinderwunsch bei vielen Männern erst dann, wenn sie eine passende Partnerin haben. Der Einfluss der Partnerin ist generationenübergreifend wichtiger als der von Eltern oder Freund:innen. Gesellschaftlichen Druck, Kinder zu bekommen, spüren Männer im Gegensatz zu Frauen aber kaum.
Ohne feste Beziehung bleibt der Kinderwunsch für Männer oft abstrakt. In einer Beziehung wird er manchmal unfreiwillig konkret. In der Geraer Studie heißt es, dass rund jeder fünfte der Befragten Vater wurde, obwohl er vorher keinen konkreten Kinderwunsch verspürte oder sogar eine ablehnende Haltung hatte. „Diese bemerkenswerte Quote an ‚Widerwillen-Vätern‘ bedeutet keineswegs, dass diese Männer ihre Kinder nicht wollten. Vielmehr kann man vermuten, dass in diesen Fällen zum Beispiel die Partnerin einen stärkeren Kinderwunsch hatte oder die Schwangerschaft ungeplant eintrat, und die Männer sich dann mit der Vaterrolle arrangierten.“
KR-Leser Wolfgang, 84 Jahre alt, hat das erlebt. Seine Erfahrung ist schon Jahrzehnte her. Wolfgang wollte damals mit dem Kinderkriegen noch warten. Seine Frau und er hatten sich bei der Verhütung darauf geeinigt, dass sie die Pille nehmen würde. Dann, sagt er, habe sie die Pille heimlich abgesetzt. Und wurde schwanger. „Es ist nachher nur das Gefühl geblieben, sie hat mich übergangen. (…) Ich war im Grunde lediglich der Samenspender. Da fühlte ich mich sehr abgewertet.“ Später adoptierten Wolfgang und seine Frau noch ein Kind und nahmen ein weiteres in Pflege. „Ich liebte alle drei Kinder über alles“, sagt Wolfgang. Aber er fühlt sich bis heute durch das Verhalten seiner Partnerin verletzt.
3. Echte Männer sind Väter? Nicht unbedingt⬆ nach oben
Männer spüren deutlich weniger sozialen Druck, Kinder zu bekommen als Frauen. Wer als Frau keine Kinder will, muss sich oft rechtfertigen. Männer mit demselben Wunsch nach Kinderlosigkeit bleiben größtenteils unbehelligt, zeigt die Befragung der Forscherinnen aus Gera: „Insgesamt fühlten sich vier von fünf Männern nicht durch ihr Umfeld gedrängt, Vater zu werden.“ Kinderkriegen gehört für viele Männer also nicht zwingend zur gesellschaftlichen Erwartung. Im Gegensatz dazu heißt es in der Frauenstudie von Rahnfeld und Heuschkel, viele Frauen müssten sich gegen die Erwartung verteidigen, „dass die Rolle der Frau und Mutter nicht mehr auf untrennbare Weise miteinander verbunden“ sei.
Allerdings: Mehr als die Hälfte der befragten Väter empfinden Vaterschaft dann doch als wichtigen Teil ihrer Männlichkeit. Bei kinderlosen Männern sind es nur rund 31 Prozent. Einen deutlichen Unterschied gibt es bei Vätern ohne Kinderwunsch: Über 94 Prozent von ihnen sagen, Vaterschaft sei für ihr männliches Selbstverständnis völlig unwichtig. Das passt übrigens wieder zu den Frauen: Diejenigen, die freiwillig kinderlos sind, fühlen sich laut Rahnfeld und Heuschkel nicht in ihrer Weiblichkeit und Identität als Frau beeinträchtigt.
4. Auch Männer spüren gesellschaftlichen Druck – aber anders⬆ nach oben
Männer spüren zwar nicht den gleichen Druck wie Frauen, Kinder zu bekommen. Aber wenn sie welche haben, spüren sie eine Erwartung, die Frauen so nicht äußern: Nämlich die, verlässlich versorgen zu müssen. Das zeigt sich auch in Zahlen. Zwar definieren neun von zehn der befragten Männer die Aufgabe eines guten Vaters so, dass er sich „etwa hälftig an Betreuung und Haushalt beteiligt.“ Doch gleichzeitig berichten zwei Drittel, gesellschaftlichen Druck zu spüren, „der Ernährerrolle gerecht zu werden.“
Rahnfeld und Heuschkel fassen es so zusammen:
„Männer jüngerer Generationen distanzieren sich zunehmend vom klassischen Ernährermodell, wünschen sich Partnerschaftlichkeit und Familiennähe. Gleichzeitig sehen sich viele Männer mit der gesellschaftlichen Erwartung konfrontiert, weiterhin als Hauptverdiener zu funktionieren, mitunter entgegen persönlicher Überzeugung.“
Viele möchten also als Väter präsent sein, aber spüren zugleich, dass Erwerbsarbeit Priorität bleiben soll. Die Studie beschreibt dieses Paradox mit einem Begriff, der sich inzwischen in der Forschung etabliert hat: „Die Forschung spricht von einem ‚halbierten Wandel‘: Die Norm verändert sich schneller als die Praxis.“
Mit anderen Worten: Das Leitbild ist modern. Aber danach zu leben, ist gar nicht so einfach.
Die Autorinnen schreiben, viele Männer würden gerne mehr Zeit mit den eigenen Kindern verbringen, aber strukturelle Hürden, wie fehlende Unterstützung in Betrieben, verhindern dies oft.
„Dass Anspruch und Wirklichkeit hier weit auseinanderklaffen, beschreiben die Forscherinnen mit dem Begriff des ‚halbierten Wandels‘. Während die Einstellung der Männer längst modern ist – neun von zehn befragten Vätern befürworten eine hälftige Teilung von Haushalt und Kinderbetreuung –, verhindern starre Strukturen in der Arbeitswelt oft die Umsetzung. Viele Männer spüren weiterhin den gesellschaftlichen Druck, die Rolle des Hauptverdieners auszufüllen. Das Ergebnis ist ein massiver Gender Care Gap: Die Verantwortung für die Familienarbeit bleibt ungleich verteilt, was wiederum erklärt, warum Frauen Elternschaft viel stärker als Risiko für ihre berufliche Freiheit wahrnehmen als Männer.“
5. Gefühle sind für Männer wichtig⬆ nach oben
Zum Schluss noch ein kurzer, aber wichtiger Punkt: Männer heute wünschen sich Kinder kaum noch, weil sie hoffen, im Alter versorgt zu werden. Die Studie macht klar: Die Zeiten, in denen Kinder als Altersvorsorge oder Stammhalter herhalten mussten, sind vorbei. Heute ist Vaterschaft für Männer ein echtes Herzensprojekt geworden. Die Mehrheit der Befragten in der Männerstudie erkennt Kinder als Quelle von Freude, Glück und Sinn an.
Das ist übrigens bei Frauen nicht anders. Nur gilt es da als normal. „Während emotionale Motive bei Frauen lange als selbstverständlich galten, werden sie bei Männern häufig als Ausdruck eines kulturellen Wandels von Männlichkeit interpretiert“, so Claudia Rahnfeld.
Gleichzeitig gilt: Nicht jeder Mann, der Vater wird, ist damit glücklich oder will nach dem ersten Kind noch weitere. „Ich liebe meine Tochter, und gleichzeitig vermisse ich das Leben, das ich ohne sie gelebt hätte“, schreibt Sebastian. „Nach vielen Jahren der Diskussion mit meiner Partnerin habe ich mich im Herbst für my body, my choice entschieden und eine Sterilisation durchführen lassen.“
Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer