Darf's auch Deutschland sein?

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„Ich liebe dich“ zu sagen, ist gar nicht so einfach.

"Ikh liebe dikh?” Nein.

“Ith liebe dith?” Wieder falsch.

“Aaargh.” Jonelle rauft sich lachend die schwarzen Haare.

“Isch liebe disch.” Immer noch nicht.

“Egal”, sagt sie mit einem resignierenden Seufzer. “Ich lerne das dann, wenn ich Deutschland bin.” Da macht sie sich gar keine Sorgen.


Deutschlernen. Das hat oberste Priorität. Ohne Sprache geht gar nichts, da ist sich die Familie Kourie einig. Jonelle, ihre Schwester Liana, Vater, Mutter, alle vier, die an diesem Sonntag im Wohnzimmer ihrer kleinen Wohnung im Beiruter Vorort Dora zusammensitzen.

“Dann können wir weitersehen”, sagt Liana, die ältere der beiden Töchter. Sie und ihre Eltern waren am Vortag beim letzten Vorbereitungskurs vor der Abreise, in dem sie über Sitten und Bräuche ihres neuen Heimatlandes informiert wurden. “Warte ...”, sagt sie. “Mein ... Name ... ist ... Liana?” Sie lacht. Schwierig, aber machbar. Die beiden jungen Frauen sind motiviert.

“Es ist so komisch ...wir wissen nicht, was uns erwartet.” Das eine, temporäre Leben als Flüchtling ohne Status wird bald ein Ende haben. In wenigen Wochen geht es los, das wurde ihnen vor ein paar Tagen mitgeteilt. Dann werden die vier Kouries Beirut nach mehr als zwei Jahren verlassen und im Rahmen des humanitären Aufnahmeprogramms der Bundesregierung nach Deutschland reisen.

Ich bin die erste Deutsche, die sie je getroffen haben. Die Aufregung ist groß.

Jonelle Kourie im Garten der American University of Beirut

Foto: Victoria Schneider

“Wieviel kostet ein gutes Paar Jeans in Deutschland?”
“Was ist mit Fitnessstudios?”
“Welche ist die beste Stadt zum Studieren? Auch auf Englisch?”
“Ich glaube, ich will nach Berlin. Aber München klingt auch gut.”

Alles Fragen, die im Vorbereitungskurs unbeantwortet geblieben sind.

Da wurde nur über das Nötigste informiert: “Aldi, Lidl, Penny, Netto - das sind Supermärkte, nicht wahr?” Jonelles Mutter Wafa kramt einen Zettel hervor, auf dem sie die Namen der Discounter notiert hat, die für sie nichts als komische Buchstabenkombinationen sind. “Und 110 – Polizei!” In dem Integrationskurs haben sie neben den ersten Grundkenntnissen in Deutsch Allgemeines über die Geographie gelernt, das Wetter, die Sitten. “Im Norden ist das Wetter anders, wegen des Meeres”, sagt Liana. “Und im Süden kann's ganz viel schneien.” Die 24-Jährige guckt besorgt. “Wir müssen uns auf alles neu einstellen.”

“Die Sprache”, sagt Jonelles Vater dann, der bisher schweigend in seinem Lehnstuhl saß. “Die ist das einzige, was mich beunruhigt. Wir müssen Deutsch lernen, um überhaupt irgendetwas zu machen.”

Deutsch ist der Schlüssel zum neuen Leben.


Der Anruf, auf den alle gehofft hatten, kam im vergangenen Sommer. Eine Mitarbeiterin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen war am Apparat. “Wollt ihr umgesiedelt werden?” - eine rhetorische Frage.

Die Kouries gehören zu den 1.645 Syrern, die von den Vereinten Nationen im Libanon ausgewählt wurden, an einem humanitären Aufnahmeprogramm teilzunehmen. 2014 hatten sich 15 Nationen bereiterklärt, in Zusammenarbeit mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk jeweils eine bestimmte Anzahl syrischer Flüchtlinge aufzunehmen.

Jedes Land hat seine eigene Art und Weise, mit syrischen Flüchtlingen umzugehen / sie aufzunehmen. Deutschland und Schweden sind bisher die Nationen, die neben den Erstaufnahmestaaten Libanon, Türkei und Jordanien am meisten Zulauf bekommen. Die UN hat eine Liste veröffentlicht, in der man sehen kann, wie viele Flüchtlinge in welchen Ländern seit 2013 im Rahmen welches Programms aufgenommen wurden.
Deutschland hat verschiedene Aufnahmeprogramme, die getrennt voneinander laufen. Da sind zunächst die Aufnahmeprogramme der Bundesländer.Hinzu kommen auf nationaler Ebene das Resettlement- und das Humanitäre Aufnahmeprogramm (HAP), die jedoch nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Das HAP wurde 2013 von Deutschland initiiert, um den Aufnahmeprozess speziell für schutzbedürftige Syrer zu beschleunigen. Die Art der Aufenthaltsgenehmigung ist in beiden Programmen identisch - der Unterschied ist, dass es länger dauert, bis ein Resettlementantrag genehmigt ist. Mehr Details zu den deutschen Aufnahmeprogrammen findet man auf der Internetseite des Bundesinnenministeriums.
Mit all dem nichts zu tun hat die Gewährung von Asyl, das nur auf dem Boden des jeweiligen Landes beantragt werden kann.

Nach zwei Aufnahmerunden im Jahr 2013, als jeweils 5.000 Syrer akzeptiert wurden, beschloss die Bundesregierung im Juni 2014, weitere 10.000 Syrer aufzunehmen, die sich in den Anrainerstaaten Syriens - Libanon, Jordanien, Irak und Türkei - sowie in Ägypten und Libyen aufhalten. Deutschland ist damit das Land, das international weitaus die meisten Syrer in diesem Rahmen aufgenommen hat.

Die Aufnahmeanordnungen 1,2 und 3 kann man hier lesen.

“Die Deutschen hatten die Flexibilität und das Rechtssystem, syrische Flüchtlinge schneller als andere aufzunehmen”, sagt Audrey Bernard von dem Resettlementbüro der UNHCR in Beirut. Die Organisation nimmt jeden registrierten Flüchtling in eine Datenbank auf, in der Informationen über Schutzlosigkeit, Gesundheit, Familienverbindungen erfasst sind. Im Libanon ist diese Datenbank inzwischen 1,2 Millionen Namen lang.

Audrey Bernard und ihr Team screenen diese Profile täglich und bekommen dazu Vorschläge aus den Außenstellen und Gemeindezentren, in denen ihre Mitarbeiter Flüchtlingen begegnen. Diese Profile gleicht sie dann mit den Kriterien der Länder ab, die Plätze zugesagt haben.

Bewerben für Resettlement (Umsiedlung) kann man sich nicht. Das erklärt die UN sofort bei der Registrierung mit diesen Flyern.

Flugblatt UNHCR

Die Chancen auf einen Anruf, wie ihn die Kouries bekommen haben, stehen gefühlt ungefähr so wie die auf einen Lottogewinn. 40 Prozent der 1,2 Millionen registrierten Flüchtlinge passen in mindestens eine der Kategorien, um für ein humanitäres Aufnahmeprogramm in Frage zu kommen, sagt Audrey Bernard. „Es gibt also keinen Mangel an Fällen.“ Man kann sich auch nicht für die Umsiedlung bewerben. Überall in den Registrierungszentren hängen Hinweise, dass man informiert wird, sobald man für ein Programm ausgewählt wird. „Manchmal tauchen Fälle auch erst nach zwei oder drei Jahren in unserer Datenbank auf“, erklärt die UNHCR-Mitarbeiterin.

“Die Regierungen bestimmen selbst, wen sie aufnehmen wollen”, sagt Bernard. Deutschland habe drei Hauptkriterien: besonders schwere humanitäre Fälle - zum Beispiel Opfer von Folter, Frauen mit Kindern. Menschen, die bereits eine Verbindung zu Deutschland haben - in Form von Verwandten oder Ehegatten. Oder jene, die das Potenzial aufweisen, nach Ende des Konflikts dabei zu helfen, Syrien wieder aufzubauen. “Die, die in Deutschland das Wissen und die Fähigkeiten erlangen können, die sie im Libanon oder anderen Ländern nicht anwenden können”, sagt Bernard.

Mit mehr als 1,2 Millionen offiziell bei den UN registrierten Flüchtlingen trägt Libanon derzeit die mit Abstand größte Last des Krieges, der seit mehr als vier Jahren im Nachbarland tobt. Doch da das winzige Land kein Unterzeichner der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 ist, die Menschen auf der Flucht eine Rechtsgrundlage bietet, haben Flüchtlinge im Libanon keinen offiziellen Status.

Seit im Januar zur Eindämmung des nicht abreißenden Flüchtlingsstromes aus dem Nachbarland neue Bestimmungen in Kraft traten, hat sich die Situation für Syrer verschärft. Bestand vorher keine Visumspflicht, müssen auch registrierte Flüchtlinge seit neuestem ein Visum haben, um im Land zu bleiben. Sie dürfen nicht mehr ohne Bürgschaft eines Libanesen arbeiten und können jederzeit zurückgeschickt werden, wenn sie nicht in eine der neu erlassenen Visumskategorien fallen.

Um die neuen Bestimmungen geht es auch im ersten Teil der Serie.

Die neuen Kategorien sind: Tourist, Geschäftsmann oder Arbeiter, Immobilienbesitzer, Student, Transit, Medizinische Gründe, Termin in einer ausländischen Botschaft und jene Fälle, die einen Libanesen gefunden haben, der für sie bürgt.

Für viele ist dieser Erlass eine Zwickmühle – sie können nicht zurück, denn die Lage in Syrien wird nicht besser. Doch auch Weiterleben ist nun schwieriger. Viele, deren Bleibeerlaubnis jetzt abgelaufen ist, trauen sich nicht, zu den Behörden zu gehen, um sie zu verlängern. Manche trauen sich nicht einmal mehr auf die Straße. Aus Angst, aufgegriffen und zurückgeschickt zu werden.

Die Kouries kommen aus der nordsyrischen Stadt Al-Hasaka, die inzwischen geteilt ist. Die eine Hälfte wird von Präsident Baschar al-Assads Regimetruppen kontrolliert, die andere Hälfte von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG. Seit 2013 ringt auch ISIS um Einfluss in der Stadt, bewaffnete Gruppierungen liefern sich täglich blutige Gefechte. Die ganze Region ist zu einem der vielen Orte in Syrien geworden, in denen klar wird, wie komplex die Verhältnisse dieses eskalierenden Krieges sind.

“Ich hoffe, wir werden die einzigen Syrer sein in unserer neuen Stadt”, sagte Jonelle, als wir uns zum ersten Mal begegneten. Die 19-Jährige war aufgeregt und quirlig, als wir uns in einem Starbucks-Café in einem der vornehmen Viertel Beiruts zum ersten Mal begegneten, einen Becher ihres Lieblingsgetränks in der Hand, White Chocolate Mocha.

Beirut St. Georges Bay - das vornehme Ende der Stadt

Foto: Victoria Schneider

Kurz zuvor hatte sie erfahren, dass sie bald abfliegen werden. “Syrer erinnern mich an meine Vergangenheit„, sagte sie. “Und daran will ich nicht erinnert werden."


Al-Hasaka im Herbst 2012. Der Krieg war noch nicht in der Stadt angekommen, deren rund 180.000 Einwohner mehrheitlich Araber und Kurden sind, darunter auch viele assyrische Christen wie die Kouries. Sie haben noch zwei Söhne im Alter von 28 und 30 Jahren. Doch die Gewalt kam näher. “Es gab keinen Strom mehr, und dann begannen die Entführungen”, erinnert sich Jonelle. Sie war damals 17.

(c) mapz.com – Map Data: OpenStreetMap ODbL.

“Gangs begannen, Leute zu kidnappen”, sagt sie. Bald verging kein Tag, an dem nicht jemand entführt wurde.“ Maskierte brachen ständig in die Schulen ein und entführten Menschen – der Weg zur Schule wurde so gefährlich!” Als ihr Bruder fast gekidnappt wurde, reichte es.

Im Dezember reisten die Frauen der Familie nach Beirut, um ein paar Wochen in der Wohnung von Verwandten Energie zu tanken. Sie wussten damals nicht, dass sie ihr Haus nie wieder sehen werden.

“Kaum waren wir in Beirut angekommen, begannen die Bombardierungen in unserer Stadt." Granaten und Raketen und all das. Sie weiß gar nicht, wer wen bombardierte. “Glaub mir, ich habe einen Schutzengel”, sagt Jonelle.

Es folgten die acht schlimmsten Monate ihres Lebens. Ihr Vater und ältester Bruder waren noch in Syrien. “Das Internet brach zusammen, wir wussten nicht, was los ist. Stell dir vor, du rufst an, und keiner hebt ab! Wir fielen alle in eine tiefe Depression.” Ihre Schwester Liana war im letzten Semester ihres Wirtschaftsstudiums – sie verpasste die Abschlussprüfungen, die in Aleppo stattfanden. Der Weg zurück nach Syrien war ausgeschlossen.

Der älteste Bruder floh über die Türkei, wo er kurz hinter der Grenze gefasst wurde. Er schaffte es, freizukommen und machte sich über Land über Griechenland und Italien auf nach Schweden, wohin ihm der zweite Bruder folgte. Beide beantragten erfolgreich Asyl.

Dann kam Jonelles Vater nach Beirut. Er hatte versucht, seinen Betrieb in Al-Hasaka zu retten.

“Der Krieg hat alles gestoppt”, sagt Jonelle.


Im Libanon teilen sie sich nun die kleine Wohnung in Dora, einem versmogten, belebten Viertel im Norden Beiruts, in dem viele Migranten leben. Asiaten, Afrikaner. Syrer. Die Wohnung ist klein, aber mit dem Nötigsten ausgestattet. Sie gehört Verwandten, die in Europa leben, doch als Dauerlösung kommt sie nicht in Frage. Die Kouries leben von Erspartem, anfangs bekamen sie eine Essenskarte der UN.

Dora - ein versmogtes Viertel von Beirut

Foto: Victoria Schneider

Warum genau sie für die Umsiedlung ausgewählt wurden, wissen sie nicht. Zuerst wussten sie auch nicht, dass sie nach Deutschland kommen würden – sie hatten als Priorität Schweden angegeben. “Beim zweiten Interview fragten sie dann, ob es auch Deutschland sein darf”, sagt Jonelle. “Als ob es sich um Guantanamo handeln würde.”

Natürlich durfte es auch Deutschland sein! Ihre Mutter, immer mit Zigarette in der Hand, hat Tee gemacht, sie stellt einen Teller Marshmallows und Schokoladenküchlein auf den Wohnzimmertisch.

Es folgten weitere Interviews, medizinische Tests, biometrische Fingerabdrücke. “Sie stellten viele, viele, viele Fragen, drei Stunden lang. Alles wollten sie von uns wissen”, sagt Liana, die auf einem Holzstuhl sitzt. “Wer hat bombardiert, auf wessen Seite seid ihr?” Erst die ganze Familie zusammen, dann jeder einzeln. "Wie im Strafverhör.”


Das Auswahlverfahren für das humanitäre Aufnahmeprogramm ist komplex und umfassend. Penibel wird jedes Detail der vergangenen Jahre gecheckt. “Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen keine Straftäter sind oder Mitglieder terroristischer Vereinigungen”, sagt Thomas Langwald vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das das humanitäre Aufnahmeprogramm auf deutscher Seite koordiniert.

Hat der UNHCR das Screening der Flüchtlinge vor Ort abgeschlossen, gehen die Akten zum Sitz des BAMF nach Nürnberg. Dort werden die Akten geprüft und eventuelle Ungereimtheiten abgeklärt. „Wir prüfen, ob die Verwandtschaftsbeziehungen nachvollziehbar sind und ob die Angaben alle übereinstimmen. In manchen Fällen fragen wir bei den UN nach“, erklärt Langwald. Nach ein paar Wochen kommt das finale Okay.

“Der alles entscheidende Anruf”, erinnert sich Liana lächelnd, als könne sie es selbst nicht glauben.


In Deutschland werden die Kouries keine Flüchtlinge mehr sein. Was genau sie sein werden, wissen sie jedoch zu diesem Zeitpunkt auch nicht so genau.

Nur für Experten: Die genaue Bezeichnung regelt der §23 Abs. 2, Abs. 3 in Verbindung mit § 24 Aufenthaltsgesetz.

“Sie haben uns gesagt, dass wir in Deutschland keine Flüchtlinge mehr sind, sondern ... ich habe das Wort vergessen”, sagt Jonelle. “Wir sind irgendetwas, aber nicht Flüchtlinge. Irgendwas mit Resettlement.”

“Wir müssen uns auf jeden Fall nicht um Asyl bewerben”, sagt sie dann. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Asylsuchende müssen sich für den Asylantrag auf deutschem Boden befinden. Eine Bewerbung von Syrien, Libanon oder anderen Staaten aus, ist nicht möglich.

Was das genau bedeutet, wissen sie nicht. “Wir werden mehr Rechte haben, so, als wären wir Deutsche”, sagt Jonelle. Woraufhin ihr Vater fragt, ob sie dann auch wählen dürfen. “Hat das Programm eine deutsche Staatsbürgerschaft zur Folge?"

Seine Frau weiß mehr: “Unsere Aufenthaltserlaubnis gilt erstmal für zwei Jahre. Wenn der Krieg dann vorbei ist, dürfen wir wieder zurück – wir müssen aber nicht. Nach vier oder fünf Jahren können wir dann Deutsche werden.”

ِ”Wir gehen für zwei Wochen in das Camp, dann bekommen wir unseren Ausweis”, erzählt Liana. “Und dann werden wir irgendwohin kommen, wo wir dann bleiben und Deutsch lernen müssen.”

Ihnen wurde gesagt, dass sie ein Einkommen bekommen, bis sie Arbeit finden, ein paar hundert Euro im Monat, und eine Wohnung. Das beruhigt.

Ihnen wurde gesagt, dass sie nach Hannover oder Kassel fliegen, und dann für 14 Tage in das Camp gehen.

Ihnen wurde versprochen, dass sie dort alles weitere erfahren.

Das ist alles, was sie wissen.


Aufmacherbild: privat