Nathan auf Reisen - Die Jagd nach dem tödlichen Virus

Nathan auf Reisen - Die Jagd nach dem tödlichen Virus

Tom Clynes
Verfasst von
am, etwa % Minuten Lesedauer

Diese Reportage erscheint als Kooperation von Weeklys und Krautreporter. In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir im Rahmen dieser Zusammenarbeit für unsere Mitglieder eine Weeklys-Reportage. Auch Nicht-Mitglieder können einen Teil davon lesen:


Als die Sonne sehr weit oben am Himmel steht, kommt Brice Bidja aus dem dichten Wald, der das Dorf Mesock im Südosten von Kamerun umgibt. Eine Flinte Kaliber zwölf in der einen, den schlaffen Körper einer Blaumaulmeerkatze in der anderen Hand. Der kleine Affe mit dem charakteristischen weißen Schnurrbart wippt auf und ab. Für gewöhnlich kommt Brice allein zurück von der Jagd. An diesem Morgen begleiten ihn einige Fremde auf dem Rückweg zu seiner Lehmhütte – Dokumentarfilmer, ein paar Helfer und Wissenschaftler. Darunter der amerikanische Virologe Nathan Wolfe.

Wolfe wartet draußen, während sich die anderen nacheinander ducken, um durch den niedrigen Hauseingang ins Innere der Lehmhütte zu gelangen. Das Gesicht von Bidjas Frau, Sandrine, ist im rötlichen Schimmer des Feuers zu erkennen. Dahinter ihre zwei Kinder. Bidja legt die Meerkatze auf einen Palmwedel und holt ein Stück Filterpapier heraus, das er von Wolfes Organisation Global Viral bekommen hat. Sandrine hockt auf dem Boden. Sie trennt dem toten Affen mit einer Machete die Arme, hält sie über das Papier, vorsichtig, bemüht, das heruntertropfende Blut in fünf aufgedruckten Kreisen landen zu lassen. Als die Kreise tiefrot sind, steckt Brice Bidja die Blutprobe in einen wiederverschließbaren Plastikbeutel mit Kieselgel und reicht ihn einem Mitarbeiter Wolfes.

Die Forscher wollen wissen, ob das Äffchen, das weniger später eine Mahlzeit für Bidja und seine Familie werden wird, ein gefährliches Virus in sich trägt. Ein Virus, das sich auf Menschen übertragen und die nächste tödliche Pandemie auslösen könnte.

Sandrine schiebt das Affenbein in die Flammen. Es riecht nach verbrannten Haaren und verbrannter Haut. Sie holt es wieder aus dem Feuer und bearbeitet es mit der Machete. Die Kameras rücken näher. Sie dokumentieren den Weg der Klinge durch Beine, Schwanz und Nacken.

Am Eingang plaudert Brice mit Nathan Wolfe. Sein Französisch durchmischt sich mit den Geräuschen splitternder Knochen. Sandrine öffnet jetzt den Brustkorb des Affen mit scharfen Hieben ihrer Machete. Jeder Schlag hinterlässt einen feinen Sprühnebel aus Blut. Einer Zuschauerin wird es zu viel. Sie stürzt nach draußen und zieht panisch eine Flasche mit antibiotischem Gel aus ihrem Rucksack. „Oh, gut, du hast Händedesinfektionsmittel mitgebracht“, sagt Wolfe grinsend. „Das wird dich schützen, ganz sicher.“

Sandrine nimmt ein kleineres Messer, um den Affenkörper bis auf die Eingeweide für den Verzehr vorzubereiten. Als sie bemerkt, wie die Kinder unruhig werden, greift sie in den Brustkorb, schneidet Herz und Leber heraus und wirft ihnen die labberigen Organe hin. Die Kinder rollen sie zwischen ihren Händen wie Knete.

Nathan Wolfe, 44, breit gebaut, mit kurzem, krausem Haar und Dreitagebart, ein Vorreiter in Regenstiefeln, ist Teil einer ambitionierten Bewegung, die den Umgang der Welt mit der Virenbekämpfung ändern will. Vom schieren Eindämmen eines Ausbruchs hin zu Präventivschlägen gegen aufkommende Viren.

„Wenn man sich beispielweise Aids, Pocken oder Ebola anschaut, oder jedes andere dieser wirklich üblen Viren, die sich im vergangenen Jahrhundert entwickelt haben“, sagt Wolfe, „dann ist ein Großteil dieser Erreger von Tieren auf uns Menschen übergesprungen. Was wir jetzt versuchen, ist weit flussaufwärts zu schwimmen und das nächste HI-Virus einzufangen, bevor es zu einer tödlichen Pandemie kommen kann.“

Um das zu erreichen, hat Wolfe das letzte Jahrzehnt hauptsächlich an der Seite von Jägern wie Bidja verbracht. Hat Blut von ihnen und ihrer Beute gesammelt.

Es ist kein Zufall, dass er sich dafür die Wildnis des südöstlichen Kamerun ausgesucht hat, einem der anspruchsvollsten Lebensräume der Welt. Hier, so vermuten Wissenschaftler, ist einst ein Schimpansen-Virus zu HIV mutiert und gelangte in das Blut eines Jägers. Nachdem das Virus seinen ersten, ahnungslosen Wirt befallen hatte, schwärmte es aus, in mehr als 60 Millionen Körper weltweit.

Wolfe zieht mit seinem Projekt Global Viral durch die Welt. Subventionen erlauben dem Projekt Forschungen an weiteren tropischen Hotspots, die eine Geschichte sich tödlich vermehrender Viren haben, darunter Vogelgrippe und SARS. Wolfe will eine weltweite Infrastruktur, die Wissenschaftler mit einem dauerhaften Strom von neuem Blut aus überwachten Populationen versorgt, darunter solche wie die Busch-Jäger in Afrika, Geflügelfarmer in Südostasien oder Verkäufer der schwimmenden Märkte in China, wo lebendige Wildtiere als Nahrungsmittel verkauft werden.


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Aufmacherbild: Tom Clynes: Ein Affe, der im Südosten Kameruns in einem Dorf gefangen wurde.