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© Bent Freiwald

Die Lehrer verstehen die Mädchen nicht

Lili und Maryse gegen das Schulsystem

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Lili sitzt auf dem Sessel im Wohnzimmer, ihre Knie an die Brust gezogen, ihr Magen pocht, der Kopf dröhnt. Heute Morgen, vor der Schule, war noch alles okay. Ihre Mama hockt vor ihr, streichelt Lilis Arm, sie sieht besorgt aus. Sie fragt Lili: „Was hast du? Was ist denn passiert?“ Aber Lili zuckt nur mit den Schultern. Ihre Mama fragt nach jeder einzelnen Schulstunde, erst als Lili vom Matheunterricht erzählt, hört sie auf nachzufragen – jetzt sieht sie noch besorgter aus als vorher.

Zwei Wochen später. Während die Kinder der Gemeinde zur Grundschule gehen, sitzt Maryse am Küchentisch, sie tippelt mit den Beinen. Sie möchte ihre Freundinnen wiedersehen, mit ihnen quatschen und spielen. Doch sie soll zu Hause bleiben, mit ihrer Schwester Lili, das hat Mama so entschieden. Mama schickt sie bald auf einen Bauernhof, zum Praktikum. Kaninchen, Katzen, Heu und viel Platz. Alles besser als Schule, denkt Mama, denkt Maryse. Zum ersten Mal bleiben die Schwestern für Wochen von der Schule fern – es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

Jan Heilig sagt heute über seine 18-jährige Tochter Lili: „Sie hatte schon früh eine Art Inselbegabung, konnte zeichnen wie eine Erwachsene.“ Er ist stolz auf sie.

Über seine andere Tochter Maryse (16) sagt er: „Wenn man mit 16 Jahren Abitur macht, kann man schon von einer Hochbegabung sprechen.“ Auch auf sie ist er stolz, natürlich.

Die beiden Schwestern sagen: „Das deutsche Schulsystem ist der Ursprung aller Probleme, alles Bösen.“

Sechs mal zieht die Familie um

Familie Heilig wohnt in einem Einfamilienhaus in Berlin-Köpenick. Es steht weit hinten auf dem Grundstück, hinter dem Haus ihrer Nachbarn. Vater Jan (46) steht am Ende der Auffahrt und winkt mir zu, ich übersehe ihn fast. Es ist das siebte Haus, in dem das Ehepaar mit seinen Töchtern wohnt, seit dreieinhalb Jahren mittlerweile, das ist fast ein neuer Rekord. Es ist aufgeräumt, geordnet, aber nicht so wie einer dieser sterilen Neubauten, in denen die Möbel perfekt aufeinander abgestimmt sind. Bunte Decken und Kissen verstreuen sich über die Sofas und Sessel, Laptops und Bücher liegen auf den Tischen, als würden sie nur eine kurze Pause machen. Im Bücherregal steht Dan Brown, Krimis, an den Wänden hängen selbstgebastelte Girlanden, kleine Eulen aus Pappe und ein Ast mit Ostereiern.

Vater Jan sitzt schon auf der Terrasse, Lili und Maryse passen gerade auf den kleinen Jungen einer Bekannten auf, dann kommen sie heraus:

„He is so cute, isn't he?“
„Yeah, he's amazing!“
Schließlich setzt sich auch ihre Mutter Celine (41) dazu:
„Alors, les filles, vous êtes prêtes? Où est le petit gars?“, fragt sie ihre Töchter.
„Il est dans la maison“, antwortet Lili.
„Ja, das ist unsere Familie“, sagt Jan.

Vater Jan, Maryse, Lili und Mutter Celine im heimischen Wohnzimmer

© Bent Freiwald

Lili hat rote, wellige Haare, markante Gesichtszüge und drahtige Arme, als habe sie jemand mit einem spitzen Bleistift in diese Szenerie gemalt. Zur Jeanshose trägt sie Jeansjacke. Als ich ihr zur Begrüßung die Hand gebe, erwidert sie den Druck kaum. Ich möchte nicht, dass sie sich unwohl fühlt, also löse ich den Handschlag schnell wieder. Etwas steif zieht sie ihren Arm zurück, doch die Bewegung wirkt routiniert, erlernt. Ein Handschlag gehört dazu, das weiß sie mittlerweile.

Maryse streckt mir währenddessen schon selbstbewusst ihre Hand entgegen, fest und kurz ist der Druck. Ihre kurzen, braunen Haare sind praktisch, ihre blaue Shorts und das weiß-blau gestreifte Oberteil erinnern mich an die Marine. Ich suche bei ihr vergebens nach den Klischees 16-jähriger Mädchen. Eines der weiß-roten T-Shirts mit Levis-Aufdruck, die zurzeit die deutschen Innenstädte überfluten, wird es in ihrem Kleiderschrank nicht geben.

Sie sprudelt direkt los: „Also, wir hatten ja schon mal jemanden hier, eine Studentin, die wollte auch wissen, wie ...“ Lili unterbricht sie: „Langsam, langsam. Du musst ihn doch nicht gleich überfallen.“

Nicht jedes Kind passt in unser Schulsystem

Lili und Maryse haben etwas gemeinsam: Sie sind beide nie so richtig in der Schule angekommen – aber aus ganz unterschiedlichen Gründen. Lili hätte in der Schule besser gefördert werden müssen, hätte Unterstützung gebraucht, weil sie Mitschüler und Lehrer nicht verstand, doch das blieb lange unerkannt. Maryse hätte in der Schule stärker gefordert werden müssen, hätte neue Herausforderungen gebraucht, weil sie sich meist langweilte, doch sie blieb stets unterfordert.

Heute haben beide ihren Weg gefunden. Aber es war ein langer Weg. Ein schmerzhafter. Und ein einsamer. Denn passende Hilfe von den Schulen wünschte die Familie sich vergeblich.

Wie geht unser Schulsystem mit Kindern um, die anders sind, besondere Interessen haben oder nicht das gleiche Lerntempo wie der Rest der Klasse? Wie wirkt es sich auf Kinder aus, wenn sie sich jahrelang nicht verstanden fühlen, auf Kinder wie Lili und Maryse?

„Schule macht mich krank, depressiv und antriebslos“, sagt Lili. „Nirgendwo habe ich so viel Zeit verschwendet wie in der Schule“, findet Maryse. „Wer nicht in dieses System passt, bekommt echte Probleme“, erklärt Celine. Spricht Familie Heilig über Schule, fällt ein Wort öfter als alle anderen: kämpfen. Sie erzählen von Kämpfen gegen Lehrer, Schulleiter und Behörden, und vom langen Kampf, bis sie endlich eine Diagnose in der Hand hielten.

Alles beginnt mit dem „Vorfall“

Viele Geschichten haben keinen konkreten Auslöser. Es habe sich einfach so entwickelt, heißt es dann. Anders ist es, wenn man Familie Heilig fragt, warum sie unser Schulsystem ablehnt. Dafür gibt es einen konkreten Grund, sie nennen ihn den „Vorfall“.

Der Vorfall ereignet sich in der Grundschulzeit von Lili und Maryse, in Grünheide, Brandenburg. Nach der Schule sitzt Lili aufgelöst zu Hause im Wohnzimmer-Sessel, ihre Mutter durchlöchert sie mit Fragen, bis sie endlich vom Matheunterricht erzählt.

Lili war zuvor zwei Wochen krank gewesen, den Unterrichtsstoff muss sie mit ihren Eltern nachholen. Weil sie aber schon vieles kann, lässt ihre Mutter sie ein paar Aufgaben überspringen, mit der Klassenlehrerin ist das so vereinbart. Davon weiß Lilis Mathelehrerin aber nichts. Als die es im Unterricht bemerkt, schreit sie Lili an, macht sie nieder, vor der ganzen Klasse: „Krank sein, das ist doch keine Ausrede! Die Hausaufgaben musst du trotzdem machen!“

Lili verliert ihre Konzentration und ist verwirrt, sie passt nicht mehr auf. Dass die Klasse ein neues Thema beginnt, bekommt sie gar nicht mit. Schon die erste Aufgabe versteht sie nicht. Und ihre Lehrerin legt nach: Die Aufgabe sei doch so leicht, das könne doch wirklich jeder in der Klasse lösen, oder?

Bei Lili kommt nur an: Du bist schlechter als alle anderen.

Natürlich hätte es Familie Heilig dabei belassen können, so etwas kommt vor, links rein, rechts raus. Vielleicht hätte das so manchen Kampf erspart, den sie im Laufe der Jahre führen. Aber die Mutter kann es nicht bei dem Vorfall belassen. „Das geht gar nicht“, sagt sie, „man darf doch in der Schule kein Kind fertigmachen.“ Sie stellt die Lehrerin zur Rede, aber die sagt, für sie sei die Konfrontation lediglich ein pädagogisches Mittel gewesen.

Lili und Maryse wechseln zum ersten Mal die Schule

Lili wird die Schule wechseln, das steht nun fest, zum ersten Mal, mit neun Jahren. Celine fragt ihre Tochter gar nicht erst, ob sie das möchte. Sie sagt schlicht: „Du gehst da nicht wieder hin!“ Celine ist Französin und wächst auch in Frankreich auf. Nach dem Abitur möchte sie Lehrerin werden und Deutsch unterrichten. Also geht sie nach Deutschland, macht Au Pair und lernt Jan kennen. Seinen sicheren Job als Stadtjugendpfleger gibt Jan später auf und gründet in Berlin eine Filmproduktionsfirma. Mit ihren Töchtern leben sie erst in Frankreich, zur Grundschule ziehen sie dann zurück nach Deutschland. Wenn Celine von damals erzählt, kommt sie richtig in Fahrt. Jahrelang hat sie ihre ganze Kraft in die Geschehnisse rund um Lili, Maryse und ihre Schulen gesteckt.

Die Schule zu wechseln, ist in Brandenburg nicht so einfach. Regelmäßig fährt Celine mit Lili und Maryse im Schlepptau zum Schulamt, die beiden Schwestern sehen, wie sehr sich ihre Mutter gegen die Behörden und die Schule auflehnt. Ganz langsam baut sich das Feindbild Schule in ihren Köpfen auf. Erst nach vier Wochen und nur wegen des Vorfalls darf Lili die Schule wechseln. Maryse fehlt ein solcher Vorfall. Also lassen sie sich von einer Kinderpsychologin bestätigen, dass sie Trennungsängste hat. Ein Schreiben reicht aus, das Schulamt lässt auch Maryse die Schule wechseln.

Schon der erste Schulwechsel schweißt die Schwestern zusammen.

© Bent Freiwald

Die beiden Schwestern verbringen in dieser Zeit zu Hause gemeinsam viel Zeit, sind kaum zu trennen, sie wachsen immer mehr zusammen. Sie haben zwar Freunde – Maryse mehr als Lili – aber diese empfinden sie meistens als nicht sonderlich interessant, sie haben schließlich sich. Heute halten sie oft Händchen, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Sie nennen sich „Schatz“ – egal, in welcher Sprache sie gerade sprechen.

„Was hat Lili bloß?“

Nur ein paar Wochen verbringen Lili und Maryse auf der nächsten Dorfschule, dann zieht die Familie nach Berlin-Friedrichshagen. Die Schwestern wechseln die Schule, erneut.

Lili ist eine ruhige Schülerin, fällt zunächst kaum auf. Sie ist eine Außenseiterin, die nicht aneckt. Doch in der dritten Klasse spricht Lilis Sportlehrerin Celine auf dem Schulflur an: „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass Lili autistisch sein könnte? Sie ist so ruhig, nimmt sich oft zurück und versteht keine Witze und keine Ironie.“ Mehrere IQ-Tests lässt die Familie machen, alle zeigen: Lili hat einen normalen IQ, eher über dem Durchschnitt. Celine blockt ab und lacht die Lehrerin aus. „Ich habe nur das Kind gesehen, das ich von zu Hause kannte. Ich konnte das damals nicht hören“, sagt Celine heute.

Nach der vierten Klasse wechselt Lili auf eine Privatschule. In der sechsten Klasse hat sie dann eine ungewöhnliche Bitte: Sie verlangt einen Tag in der Woche, in der niemand etwas von ihr will. Keine Hausaufgaben, kein Zimmer aufräumen – einfach nichts. So einen Tag bekommt sie. Aus Samstag oder Sonntag wird schnell das ganze Wochenende, bis sie in der siebten Klasse die Schulwoche nicht mehr komplett durchhält. Sie fällt ständig aus, ist aber nicht krank. Sie steht morgens auf, aber am Frühstückstisch fällt ihr Kopf geradewegs in ihre Müslischüssel. Jan versucht, Lili selbst zu unterrichten, erzählt ihr im Café die Geschichte von Karl dem Großen. „Das ging voll in die Hose. Lili hat sich dafür einfach nicht interessiert“, erinnert er sich.

Lili geht damals wie durch einen Traum durch alles hindurch. Sie kann nichts auf Kommando erledigen. Als würde man einen Schalter umlegen, aber da ist kein Strom. „Was hat sie bloß?“ Die Familie sucht nach einer Diagnose, besucht mehrere Psychiater. Doch Lili fällt bei den Untersuchungen nicht auf. Soziale Phobie, begründen die Ärzte ihr Verhalten. „Das ist es nicht, ich habe keine Angst vor Leuten“, widerspricht sie.

Maryse fühlt sich lange wie die Schlechteste

Maryse hingegen versteht das soziale Gefüge in der Schule schnell, hält sich unter dem Radar. Zu lernen fällt ihr außerordentlich leicht, nur Spaß hat sie dabei nicht, zumindest nicht in der Schule. Am meisten stört sie, dass sie sich nicht selbst aussuchen kann, was sie lernt. Ihre Bücher und Zeichnungen soll sie im Unterricht weglegen. Maryse frustriert das, in der Grundschule sagt sie ihrer Kunstlehrerin ins Gesicht, dass sie sie nicht mag. Wie man sich wehrt, schaut sie sich bei Celine ab: „Mamas Gehirnwäsche hat bestimmt dazu beigetragen, dass ich das, was in der Schule so passiert, nicht mehr hingenommen habe.“

Wenn Maryse spricht, überschlagen sich manchmal die Wörter. Als Kind poltert sie, wird oft nicht verstanden. Heute hat sie das besser im Griff, trotzdem unterbricht Lili sie gelegentlich. „Ruhig, langsamer“, sagt sie dann. „Wenn du Pausen machst, hören dir die Leute viel mehr zu.“ Maryse spricht so schnell wie sie denkt, und das nicht nur auf Deutsch. Schon seit der Grundschule unterhalten sich Lili und Maryse auf Englisch miteinander – lange bevor sie Englischunterricht hatten. Mit Celine sprechen beide auf Französisch, ihrer Muttersprache. Als begabt oder gar hochbegabt sieht Maryse sich trotzdem nie. Innerhalb der Familie fühlt sie sich stets wie die Schlechteste: „Papa hat Filme gemacht, Lili konnte schon immer zeichnen, Mama besonders gut Leute herausfordern. Und ich? Ich konnte vor allem besonders schlecht sprechen. Ich kam mir nicht so toll vor.“

Doch Maryses Auffassungsgabe fällt weiterhin auf, in der siebten Klasse lassen Celine und Jan auch ihren IQ testen. Und tatsächlich: Zum ersten Mal ist Maryse in einer Sache besser als Lili, da steht es schwarz auf weiß. Von nun an kann sie ihr eigenes Ding durchziehen. Sie findet ihren eigenen Zeichenstil, interessiert sich mehr für die Geschichten, die sie mit ihren Bildern erzählt, als für die kleinen Details. Sie malt am Computer, die technischen Kniffe bringt sie sich selbst bei. Maryse ist hochbegabt, ergibt der Test.

Bilder wie dieses malt Maryse am Computer.

© Maryse Heilig

In der Schule langweilt Maryse sich weiter, auch auf der Privatschule, auf die sie nach der sechsten Klasse wechselt. Also schickt Celine sie nach einem Jahr auf die nächste Schule, in eine Klasse für Kinder, die schneller lernen als andere. Celine fragt ihr Tochter gar nicht erst, sie meldet sie einfach an.

Nach der Diagnose: Erleichterung, aber kaum Fortschritt

Die achte Klasse verbringt Lili fast komplett zu Hause, meistens im Bett. Zur Schule zu gehen, ist für sie eine Qual. Erst ein privater Psychiater, den die Familie aus eigener Tasche bezahlt, stellt Lili eine Diagnose: Asperger-Syndrom, eine Spezialform des Autismus. Das bringt Erleichterung, zeigt aber auch: Über Autismus weiß die Familie kaum etwas.

Wieso jemand Autist ist, kann heute niemand mit Gewissheit erklären, und das Syndrom taucht in den verschiedensten Formen auf. Von 1.000 Menschen sind in Deutschland sechs autistisch, wegen des breiten Spektrums bleiben viele Fälle unerkannt. Menschen mit Asperger-Syndrom haben im Gegensatz zu anderen Autisten einen durchschnittlichen bis erhöhten IQ, nur ein paar wenige sind besonders begabt. Nach der Diagnose spricht Celine noch einmal mit Lilis ehemaliger Sportlehrerin, um ihr zu sagen, dass sie recht hatte. Zu Hause benutzen sie nun öfter ein Ironie-Fähnchen, das jeder hochhalten muss, der Ironie benutzt – damit Lili es auch versteht.

Nach ihrer Diagnose bekommt Lili offiziell einen Nachteilsausgleich. Das heißt theoretisch: Die Nachteile, die Lili im Gegensatz zu den anderen Schülern wegen ihres Syndroms hat, sollen durch bestimmte Maßnahmen ausgeglichen werden. Das heißt praktisch: Bei Lili ändert sich nichts. Von Förderlehrern wird sie kaum unterstützt. Es fehlt – wie an jeder Schule, auf der die Schwestern waren – das Personal. Und Lilis Therapien fruchten kaum: „Das Hauptziel war es immer nur, die Beschulbarkeit wiederherzustellen. Dabei war die Schule das Problem! Einen Alkoholiker möchte man ja auch nicht so lange wiederherstellen, bis er wieder Alkohol verträgt“, sagt Jan.

Zur neunten Klasse wechselt Lili mit 16 Jahren in ein spezielles Schulprogramm. „Produktives Lernen“ verspricht es, mit Bezug zur Arbeitswelt und vielen Praktika. Den Schulteil empfindet Lili immer noch als schrecklich, aber die Praktika gefallen ihr. Sie besucht die Junge Caritas, schnuppert in die Produktionsfirma ihrer Eltern rein und nimmt an einem Zeichenprojekt teil. Der Alltag dort fällt ihr schwer und sie sieht ein: Wenn sie irgendwann mal mit ihrer Zeichenbegabung Geld verdienen möchte, muss sie selbstständiger werden. Bis zum mittleren Bildungsabschluss hält Lili durch, bis zur zehnten Klasse, aber nur, um auf eine Fotodesignschule zu wechseln: „Dafür habe ich mich echt gequält.“

Maryse braucht das Abitur, sofort!

In ihrer neuen Klasse für Hochbegabte fühlt sich Maryse, mittlerweile 13 Jahre alt, ziemlich wohl, die Klassengemeinschaft hält zusammen. Den Schwestern macht es immer dort besonders viel Spaß, wo die Mitschüler aus vielen verschiedenen Nationen kommen. Für den Unterrichtsstoff interessiert sie sich aber auch dort nicht. Wenn sie mit der Schule fertig ist, möchte Maryse auf eine staatliche Universität für Gamedesign gehen, also bewirbt sie sich – mit 15 Jahren. Für die Aufnahmeprüfung entwickelt sie ein Computerspiel. Es geht um ein Huhn, das bei einem Bienenschwarm aufwächst, bis es bemerkt, dass es gar keine Biene ist, und schließlich depressiv wird. „To Bee or Not To Bee“, nennt sie das Spiel, es gibt ein Happy End. Die Zusage für die Uni hat sie damit sicher, unter einer Bedingung: Sie braucht das Abitur.

Also überlegt Familie Heilig gemeinsam, und stößt schließlich auf die Lösung: Abitur machen – sofort – ohne die Oberstufe zu besuchen. „Externenprüfung“ oder „Nichtschüler-Abitur“ nennt sich der Bildungsweg, den kaum jemand kennt und kaum jemand macht. Voraussetzung dafür ist, die zehnte Klasse bestanden zu haben. Das hat Maryse, was ihr fehlt, ist der gesamte Stoff der Oberstufe. Also klemmt sie sich hinter ihren Schreibtisch, jeden Tag, direkt nach dem Frühstück bis 18 Uhr und holt sämtlichen Stoff nach. Sie bringt sich alles selbst bei.

Die Wände ihres Kinderzimmers sind in dieser Phase vollgeklebt mit Post-its, Karteikarten und Tabellen. Auch heute hängen in ihrem Zimmer keine Fotos der letzten Party oder des vergangenen Urlaubs, der Entwurf für das Computerspiel füllt großflächig eine der Wände. Mit blauen Fäden sind die einzelnen Zeichnungen miteinander verbunden, alles hängt zusammen. Hier hängen Maryses Gedanken, visualisiert und auf Papier. Darunter, auf der Kommode, stehen Bücher für das Abitur neben animierten Kinderbüchern.

Die Lernwand in Maryses Zimmer, hier lernt sie ein halbes Jahr lang für ihre Abiturprüfung.

© Maryse Heilig

Nach einem halben Jahr Lernmarathon für das Abitur lässt Maryse sich prüfen, vier Mal mündlich und vier Mal schriftlich, von Lehrern, die sie zuvor noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen stehen noch aus, nur mündlich weiß sie schon bescheid: Französisch, Chemie, Biologie und Kunst – jeweils 14 oder 15 Punkte.

Erst quält Lili sich für die Fotoschule, dann in der Fotoschule

Mit dem mittleren Bildungsabschluss in der Tasche, erfüllt sich Lili ihren Wunsch und besucht eine Fotodesignschule. Am liebsten macht sie Porträtaufnahmen mit ihrer Kamera, in ihren Bildern tauchen Fantasy-Elemente auf. Mit den Leuten in der Schule kommt sie gut klar, die Lehrer sind nett. Doch wieder merkt sie, dass sie nicht in das System der Schule passt. Sie möchte einen Ansprechpartner, den sie fragen kann, wenn sie etwas lernen möchte oder nicht weiterweiß, doch sie bekommt wieder: Unterricht nach Plan. Erneut liegt sie nach der Schule mit Migräne im Bett. Ein Jahr lang rafft sie sich auf, dann bricht sie ab. Seitdem hat sie kein einziges Foto mehr gemacht.

Sie lernt eine erwachsene Autistin kennen, die ihr ein Szenario ausmalt: „Was wäre, wenn du heute in deinem eigenen, leeren Raum starten würdest? Was würdest du tun?“ Vor dieser Idee hat Lili zunächst Angst, mit 17 fühlt sie sich noch nicht bereit, doch die Familie findet eine Wohnung, in die sie probeweise einziehen kann, erst in den Osterferien, dann die ganzen Sommerferien.

Heute wohnt sie dort, alleine, 15 Autominuten vom Elternhaus entfernt, in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss eines Wohnblocks. Die Wohnung ist großzügig geschnitten, mit richtiger Küche und einer kleinen Terrasse, grüne Hecken rahmen ihren Mini-Garten ein. Die Möbel sind hell, auf einem kleinen Tisch liegt das Schreiben einer Behörde. Darum muss sie sich noch kümmern. In der Wohnung lernt sie, selbstständig die Wäsche aufzuhängen, für sich zu sorgen, zu kochen. „Sie konnte gerade mal ein Ei kochen, als sie ausgezogen ist“, erinnert sich Celine. „Und heute experimentiere ich richtig in der Küche“, unterbricht Lili, und legt ihr breites Lächeln auf, fast etwas ungläubig.

Selbstständig leben – die viel bessere Schule

Läuft alles nach Plan, lernt Maryse ab September, wie man Spiele am Computer designt. Ihr eigentliches Ziel ist das aber nicht. Sie spielt gar keine Spiele, sie ist keine Gamerin, das findet sie langweilig. Gamedesign soll nur ihr erstes Studium sein. Irgendwann möchte sie einmal für Dreamworks oder Disney Pixar Storyboards zeichnen und mit ihren Bildern Geschichten erzählen, auf der ganz großen Bühne. Die Uni ist für sie vor allem: ein Sprungbrett.

Lili kommt nun endlich in ruhigeres Fahrwasser. Sie macht vielleicht nicht viel, aber das ist genau die Geschwindigkeit, die sie gerade braucht. Und sie ist glücklich, denn mit ihrer Wohnung hat auch sie ein neues, aufregendes Projekt.

Wenn Lili und Maryse auf ihre Schulzeit zurückblicken, dominiert ein Gefühl: Erleichterung. „Nie wieder gehe ich in eine Schule“, sagt Lili, wieder blitzt ihr Lächeln auf und unterbricht das Kopfschütteln, das ihre Erzählungen sonst begleitet. „Niemand entscheidet jetzt noch für uns, was wir lernen und was nicht“, freut sich Maryse. Selbstständig leben, um irgendwann selbstständig zu arbeiten, das sei eh die viel bessere Schule, finden Lili und Maryse.


Redaktion: Esther Göbel. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Bildredaktion: Martin Gommel.