Neun Fakten zum Thema Fleisch

Neun Fakten zum Thema Fleisch

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1. Warum sollte mich das interessieren?

Man könnte meinen, die Fleisch-Frage sei ein Luxusproblem, um das wir uns kümmern sollten, wenn dringendere Fragen in der Welt geklärt sind. Das ist verständlich. Nur geht die Vorstellung leider an der Realität vorbei. Denn das System, das den weitaus größten Teil unserer Schinken und Steaks produziert, ist so zerstörerisch, dass diese Frage eine noch größere berührt: unser eigenes Überleben. Klingt dramatisch? Stimmt. Aber es reicht, sich die Fakten anzuschauen, um zu sehen, dass das nicht übertrieben ist. Klimawandel, Umweltschäden und multiresistente Keime sind Dinge, die uns sehr persönlich betreffen. Wenn wir über Fleischkonsum sprechen, geht es also nicht einfach um die Frage, ob es nett ist, Tiere zu essen oder nicht. Es geht um uns.

Genau diese Tatsache geht aber oft verloren, weil die Debatte darüber, wie unser Fleisch produziert wird und was das für Folgen für unsere Gesundheit, Klima, Umwelt und Gewissen hat, oft sehr emotional und unsachlich geführt wird. Da wird mit halbgaren Fakten um sich geworfen, die der Härte des Problems seine Glaubwürdigkeit nehmen. Wahlweise heißt es, alle Fleischproduzenten seien Tierquäler und Rinder würden das Klima zerstören, oder Vegetarier und Veganer seien weltfremde Idealisten. Umso wichtiger ist es, Erdung in dieses Gespräch zu bringen. Sich anzusehen, welche Kritikpunkte stimmen - und wie man das Problem lösen könnte.

2. Sind Kühe schlecht für das Klima?

Im Jahr 2006 veröffentlichte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eine aufsehenerregende Studie „Livestocks Long Shadow“. Darin stand eine Zahl: 18 Prozent. So hoch ist laut der FAO der Anteil der Treibhausgase, die aus der Viehzucht stammen. Was bedeutet, dass die Produktion unserer Würste, Steaks und Schnitzel mehr Emissionen verursacht als der gesamte globale Transportverkehr. Sie entstehen, wenn Futtermittel angebaut und transportiert werden, wenn Tiere das Futter verdauen und wenn man sie - lebendig oder zerlegt und verarbeitet - durch die Welt fährt.

Mehr als ein Drittel der Emissionen in dieser Rechnung ist Methan. Das ist ein brennbares, geruchsloses Gas, das pro Molekül gerechnet den Treibhauseffekt 23mal mehr anheizt als Kohlendioxid (CO2). Es steigt in der Atmosphäre auf und bildet eine Schicht, unter der sich Wärme staut. Besonders Kühe sind in dieser Hinsicht berüchtigt: Eine Kuh produziert im Jahr so viele Emissionen wie ein Auto. Spätestens seit dem FAO-Bericht ist also klar, wie stark die Viehzucht sich auf den menschengemachten Klimawandel auswirkt. Und der bedroht auf sehr reale Weise unsere Ernährungssicherheit. Wenn der Globus wärmer wird, trocknen manche Regionen aus, während andere überflutet werden. Es verändert Regenfälle (was die Wasserressourcen verknappt) und hindert Pflanzen, die höhere Temperaturen nicht vertragen, am Wachsen.

Weiterlesen: Die FAO-Studie „Livestock's Long Shadow“

Das Rülpsen der Rinder - ein spannend geschriebener Bericht des Spiegel über den größten Rinderzüchter der Welt.

Einen guten Überblick über weitere Umweltschäden als Folge der Massentierhaltung (aus der das meiste Fleisch stammt, das wir kaufen können) hat die SZ zusammengestellt.

3. Ist Tierhaltung oft eine Sauerei?

Angeblich gibt es in Deutschland ja keine Massentierhaltung. Das hat zumindest Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbandes, vor zwei Jahren auf der Grünen Woche gesagt. Man kann natürlich auch von „intensiver Tierhaltung“ reden. Egal, wie man es nennt, es geht immer darum, dass sehr viele Tiere (oft zehntausende) in einem technisierten Umfeld (z.B. automatisierte Fütterung oder Ställen mit Spaltenböden, die das Ausmisten unnötig machen) auf engem Raum gehalten werden. Das sind in Deutschland jährlich rund 778 Millionen Tiere pro Jahr (Fische ausgenommen). Aus Großbetrieben wie diesen stammt der größte Teil des Fleischs (und der Milch und der Eier), das wir im Supermarkt kaufen können. Das ist sehr effizient und der Grund dafür, dass Fleisch hierzulande extrem günstig ist (vegetarische Burger kosten meistens mehr als die aus Hackfleisch). Was das für die Tiere bedeutet:

• Wenig Platz - die Tiere drängen sich auf engstem Raum. Sie sind deswegen stärker gestresst, weil sie ihr natürliches Sozialverhalten nicht ausleben können.

• Kranke Tiere - Krankheiten in Massenställen breiten sich leichter aus, die Tiere sind außerdem anfälliger, weil sie möglichst schnell wachsen sollen. Dafür lässt man z. B. in Putenställen das Licht ununterbrochen brennen, züchtet Rassen, die mehr Fleisch ansetzen und gibt ihnen Futter, das sie schneller Gewicht zulegen lässt. Außerdem verletzen sich die Tiere gegenseitig.

• Mehr Medikamente - Nutztiere in Deutschland bekommen viel mehr Antibiotika als Menschen. Das ist hochgefährlich, weil so resistente Keime entstehen, die wir zusammen mit Schnitzeln und Steaks kaufen. Fasst man das rohe Fleisch an, verteilt man die Keime danach überall. Aber auch Vegetarier sind betroffen, weil die Keime sich auch über Gülle verbreiten (mit der Landwirte Äcker düngen)

Weiterlesen: So geht es Tieren in der Massentierhaltung - ein Überblick nach Arten von der Albert-Schweizer-Stiftung. Die Stiftung ist in ihrer Haltung nicht neutral - immerhin ist es eine Tierrechtsorganisation. Die Fakten in dieser Zusammenfassung sind jedoch angenehm nüchtern gehalten.

Wie gefährlich sind Antibiotika in der Tierhaltung für Menschen? Eine Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung

4. Bio-Fleisch - sicher teurer, aber auch sicher besser?

Ja, Biotieren geht es generell wohl etwas besser als ihren Kollegen. Zumindest müssen ihre Halter strengere Kriterien erfüllen als konventionelle Tierwirte. Die Tiere bekommen also beispielsweise mehr Platz, weniger Medikamente, anderes Futter. Aber bio ist nicht gleich bio. Die Kriterien für das Biosiegel der EU etwa sind viel weniger anspruchsvoll als die des Bioverbandes Demeter. Auch in der Bio-Landwirtschaft gibt es Massentierhaltung. Und spätestens bei der Schlachtung hört die Sonderbehandlung für Bio-Tiere sowieso auf. Sie landen in den gleichen Höfen unterm Messer wie ihre konventionell aufgezogenen Kollegen. Wenn man an Tierwohl Interesse hat, ist ein Biosiegel also nicht unbedingt das wichtigste Kriterium. Am besten besucht man einen Hof und schaut sich selbst an, wie die Tiere gehalten werden.

Weiterlesen: Mast-Betriebe im Vergleich - zwei Hühnerleben. Ein spannender Bericht des Spiegel, der einen Öko-Hühnerhof und einen konventionellen Betrieb vergleicht. Fazit: „Klasse und Masse müssen sich nicht ausschließen.“

Am Ende ist es schon egal - wie Bio-Tiere unters Messer kommen. Egal, wie gut ein Tier während seines Lebens behandelt wurde: Sein Tod durch Schlachtung ist ein entscheidender Moment, in dem viel schiefgehen kann. Für Krautreporter habe ich mir angesehen, ob Bio-Tiere bei der Schlachtung besser behandelt werden. Die kurze Antwort: Nicht wirklich.

Welches Siegel hilft den Tieren? Es gibt eine verwirrende Zahl an Bio-Siegeln. Die ZEIT hat sich angesehen, was dahintersteckt.

5. Das Fleisch-Paradox: Deutsche Landwirte produzieren mehr Fleisch als je - die Deutschen essen aber weniger

Egal, wie stark die Kritik an den Fleischproduzenten mittlerweile ist: Den Trend zu Massenställen bremst das kaum. Überall in Deutschland geben Unternehmen auf, die im Wettbewerb nicht mithalten können, denn die Preise für Fleisch und tierische Produkte sind niedrig. Gleichzeitig wird immer mehr Fleisch produziert - in immer größeren Betrieben (vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen). Besonders die Masse an Hühnerfleisch ging in den letzten Jahren durch die Decke: Zwischen 1994 und 2014 sank die Zahl der Masthühner-Betriebe von fast 70.000 auf 4.500. Im gleichen Zeitraum stieg die Produktion von Hühnerfleisch von 342.000 auf 972.000 Tonnen. Das heißt also: Immer größere Betriebe erzeugen immer mehr Fleisch. Im europäischen Vergleich schlachten wir außerdem mehr Schweine als alle anderen und fast die meisten Rinder - nur Frankreich schlachtet mehr.

Weiterlesen: Wie sich Deutschland zum größten Fleischexporteur der Welt entwickelt. Ein Bericht der Süddeutschen Zeitung.

Fleischdumping in Afrika: Billigimporte aus der EU zerstören die lokalen Märkte.

6. Die Mär vom unersättlichen Verbraucher

Diese wachsenden Fleischmassen gibt es nicht, weil die Deutschen mehr Würste und Chicken Wings essen. Tatsächlich hat der Fleischappetit der Menschen hierzulande ein Plateau erreicht. Wir essen genau so viel bzw. sogar etwas weniger Fleisch als noch 1991 (pro Kopf und Jahr ca. 60 Kilo - weltweit sind wir damit auf Platz 21. Der Fleischkonsum sinkt mit steigender Bildung und steigendem Einkommen). Hinter der Expansion der deutschen Fleischwirtschaft steckt also nicht nur, wie gerne behauptet wird, der unstillbare Appetit der hiesigen Konsumenten und ihr „preisbewusstes Einkaufsverhalten“, sondern die wirtschaftlichen Interessen der Produzenten. Deutschland exportiert sehr viel Fleisch - zurzeit 4,14 Millionen Tonnen im Jahr, also etwa die Hälfte - und importiert Billig-Soja aus Brasilien (auf das die EU keine Importzölle erhebt). Investitionen in die Gesundheit und das Wohl von Tieren belohnt der Markt nicht. Man könnte auch sagen: Er bestraft sie, weil ein Huhn aus artgerechter Haltung, das zudem noch Futter aus der EU frisst, immer sehr viel teurer sein wird, als sein Kollege aus dem Riesenstall.

7. Vegetarier werden - eine Pseudo-Lösung?

Früher galten Vegetarier als Spinner, heute setzen selbst Restaurants in abgelegenen Gegenden Fleischloses auf die Karte. Denn immer mehr Deutsche sehen die Fleischindustrie kritisch und verzichten deshalb auf ihr Wurstbrot. An der Tatsache der Fleischexporte ändert das nichts. Aber das Argument „So lange die Chinesen unsere Schweine essen dürfen, mach ich das auch,“ ist zu kurz gedacht. Zumal was wir essen (oder nicht) hierzulande durchaus eine Wirkung hat. Was man daran sehen kann, dass McDonalds versucht hat, einen Bio-Burger einzuführen, dass Ikea vegetarische Köttbullar anbietet und dass sogar Discounter Fleischersatz im Angebot haben. Wenn Riesenkonzerne solche Schritte gehen, reagieren sie damit sehr konkret auf einen Bewusstseinswandel.

Die Sache hat aber einen Haken: Zum einen haben stark verarbeitete Fleischersatzprodukte, wie sie in immer mehr Supermarkt-Regalen auftauchen, ihre eigenen Nachteile: Aus Sojabohnen Pseudo-Entenfleisch zu machen, verschlingt viel Energie und schmeckt nur mit vielen Zusatzstoffen. Zum anderen essen die meisten Vegetarier zwar kein Fleisch, legen sich aber weiterhin Käse aufs Brot und braten Eier zum Frühstück. Dabei nehmen sie in Kauf, dass auch für sie Tiere in Massenställen gehalten und am Fließband getötet werden. Denn Legehennen und Milchkühe werden in Deutschland nicht besser behandelt als Schlachttiere. Und nur die weiblichen Tiere werden gebraucht, da sie Milch geben und Eier legen. Millionen männliche Kälber und Milliarden Küken kommen also jedes Jahr unters Messer bzw. in den Schredder.

Weiterlesen: Peer Schader schreibt hier über den Versuch von McDonald's, Bio-Burger einzuführen. Und ich beschreibe in diesem Text den Sinn und Unsinn von Fleischersatzprodukten.

Copyright: Foto: Impossiblefoods.com

8. Glaubenskriege sind kontraproduktiv

Ist die einzige Lösung der Fleisch-Frage also der totale Verzicht auf alles Tierische - müssten wir eigentlich allesamt Veganer werden? Sicher wäre das aus Verbrauchersicht die konsequenteste Reaktion. Effizient wäre das ebenfalls. Um nur das Beispiel Klima zu nehmen: Zwar entstehen auch beim Anbau vom Pflanzen Treibhausgase. Aber wenn wir Pflanzen anbauen, sie an Tiere verfüttern und anschließend ihr Fleisch, ihre Milch und ihre Eier essen, entstehen dabei mehr Treibhausgase, als wenn wir einfach gleich die Pflanzen verzehren.

Die Logik des Verzichts ist attraktiv - auch, weil sie einfach ist. Genau hier ist aber auch ihr großer Haken. Denn sie fördert ein Schwarz-Weiß-Denken, die zu förmlichen Glaubenskriegen führt zwischen denen, die ihr Steak verteidigen und denen, die es verurteilen. Genau diese Spaltung aber hindert uns daran, umfassende Lösungen zu finden. Sie fördert die Vorstellung, dass Konsumenten nur zwei Auswahlmöglichkeiten haben: totalen Verzicht oder totalen Konsum. Entweder, man ist Fleischesser, oder Vegetarier (bzw. Veganer). Dabei spricht überhaupt nichts gegen Zwischentöne. Im Gegenteil: Realistischerweise würden mehr Menschen einer Lösung zustimmen, die ihnen nicht den totalen Verzicht abverlangt. Wenn alle nur halb so viel Fleisch essen würden, wäre dies, als wäre die Hälfte Vegetarier. Genau dieses Bewusstsein scheint sich allmählich durchzusetzen. Es gibt Namen dafür: Flexitarier. Werktagsvegetarier. Vegan before 6:00.

Eine andere Möglichkeit wäre es, einfach mal das Fleisch zu essen, das wir haben, statt es wegzuschmeißen. Denn ein großer Teil wird weggeworfen.

Copyright: Grafik: Heinrich-Böll-Stiftung CC BY-SA 3.0 DE

Weiterlesen: Religion spielt im säkularen Deutschland keine Rolle mehr? Stimmt nicht. Man sieht es daran, wie wir mit Essen umgehen. Warum, erkläre ich hier.

TED-Vortrag von Graham Hills: Warum ich ein Werktagsvegetarier bin.

Warum Fleischesser Vegetarier anfeinden. Psychologen erklären Vegetarierwitze.

9. Fleisch ist nur ein Teilproblem

Vielleicht ist es Ihnen beim Lesen dieses Texts etwas aufgefallen: Alle Probleme, die ich hier in Zusammenhang mit der Fleisch-Frage beschrieben habe, gelten für einen ganz bestimmten Bereich: den der Massenproduktion. Das ist ein wichtiger Punkt, denn alle ökologischen und viele tierethischen Bedenken lösen sich in Luft auf, wenn wir über kleine, nachhaltig bewirtschaftete Höfe reden. Von denen gibt es zwar nur noch wenige, aber es ist trotzdem wichtig, darauf hinzuweisen: Denn Kühe, Schweine und Hühner waren früher kein Umweltproblem. Sie waren Teil des sinnvollen Systems Bauernhof, indem die Tiere vor allem das fraßen, was Menschen nicht essen konnten (Gras und Abfälle) und dabei ständig biologischen Dünger (Exkremente) produzierten. Zu denen es bisher übrigens keine sinnvolle Alternative gibt: Vegane Landwirtschaft ist nur effizient, wenn sie Mineraldünger mit Phosphor verwendet, der jetzt schon enorme Umweltprobleme verursacht.

Aus ökologischer Sicht ist es also kein Problem, wenn wir Fleisch und Tierprodukte essen. Entscheidend sind die Menge und die Frage, wo sie herkommen. Das wiederum gilt übrigens genauso für pflanzliche Lebensmittel.

Weiterlesen: Der Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung bietet einen datengestützten Überblick über Tiere als Nahrungsmittel nach Bundesländern. Hier können Sie nachlesen, wie es um die Tierhaltung in jedem Bundesland steht.

In dem großartig recherchierten Buch „Das Omnivoren-Dilemma“ erklärt der amerikanische Journalist Michael Pollan das Problem, von dem die Fleisch-Frage nur ein Teil ist: Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum Essen - nicht nur Fleisch - so kompliziert wurde.

 

Illustrationen: Veronika Neubauer für Krautreporter; Das Aufmacher-Bild hat Martin Gommel herausgesucht (istock / Elena_Danileiko)