Irgendwas war komisch bei diesem Date. Wir gingen im Park spazieren, ich hatte mich schon auf die sommerliche Wärme gefreut und auf das Plaudern und sich Kennenlernen. Das einzige Problem: Wir waren nicht nur zu zweit.
Zwischen uns lief noch jemand Drittes mit: ein Fragenkatalog. Das Gespräch fühlte sich nicht so an, als würden wir es gemeinsam entwickeln. Ich hatte den Eindruck, er arbeitete Fragen ab. Das merkte ich an seiner Reaktion auf meine Antworten. Die kamen nämlich entweder gar nicht oder bündelten sich zu mitreißenden Kommentaren wie: „Okay.“ Dann ging er zur nächsten Frage über, die oft nichts mehr mit dem Thema der vorigen Frage zu tun hatte.
Auch komisch: Er stellte unerwartet schnell unerwartet persönliche Fragen.
Zu schnell für meinen Geschmack. Nein, ich wollte nicht nach einer Viertelstunde schon über meine Zukunftsträume sprechen. Ich versuchte abzulenken: „Was machst du so in deiner Freizeit?“ Erfolglos. Er stellte weiter seine Fragen. Das Date war dann kurz.
Später dachte ich: Es war, als hätte er vorab entschieden, wie wir Verbindung herstellen sollten. Ich kann nur vermuten, dass er das aus einem der zahlreichen Datingratgeber hatte, die es digital und analog gibt. Dadurch, dass er, so mein Eindruck, nicht wirklich zuhörte, stattdessen die nächste Frage im Kopf wog, ging uns etwas verloren.
Seitdem frage ich mich: Kann es sein, dass Ratgeber unser Leben nicht nur besser machen können, sondern auch schlechter? Um das herauszufinden, habe ich die KR-Community gefragt, wie sie zu Ratgebern steht. Und bin dahin gegangen, wo alle Ratgeberautor:innen landen wollen: in die Ratgeberabteilung einer großen Buchhandlung. Wie sich herausstellt, kann man die guten Ratgeber von den schlechten unterscheiden.
Schluss mit To-do, jetzt kommt Ta-daa!⬆ nach oben
Es gibt eine Fülle von Ratgebermedien: Bücher, Podcasts, Videos, Newsletter, Ratgeber in Form von sogenannten Guides, die bei Instagram als Story-Highlight gespeichert sind.
In der Buchhandlung stehen mehrere Regale mit der Aufschrift „Lebenshilfe/Ratgeber“ und ein freistehender Büchertisch bietet Platz für Titel wie „Die 13 Beziehungswölfe“, „Schluss mit To-do, jetzt kommt Ta-daa“ und „Wut tut gut“. Ich bin an diesem Vormittag nicht die einzige junge Frau vor dieser Buchwand. Ich hatte damit gerechnet, dass vor allem ältere Frauen zum Buch greifen. Dann sehe ich auf dem Tisch „Fatherless behavior for beginners: Sex, Lust, Empowerment“ von Marie Joan stehen.
Joan ist Influencerin. Mit ihrem Content entlarvt sie unter anderem Sätze, die Frauen und Mädchen kleinhalten, sexuelle Gewalt verherrlichen und teilt Ratschläge, die so klingen: „Zähle jeden Tag drei Dinge auf, für die du dankbar bist.“ Das haben vermutlich die meisten von uns schon mal gehört und dann ignoriert. Aber es hat Gehalt. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen einer dankbaren Haltung und Resilienz.
Joan hat bei Instagram 806.000 Follower:innen. Bei denen bewirbt sie ihr Buch als Ratgeber zum Thema Selbstbestimmung und Beziehungen, durchsetzt von ihren eigenen Erfahrungen. Sie unterfüttert ihre Ausführungen mit geprüften Studien. Das kann man eine solide Arbeit nennen.
Offen über diese Themen sprechen zu können, könnte unsere jungen Menschen vor Übergriffen schützen, weil niemand ihnen erzählen könnte, dass es ein Tabu sei, über ihre Erfahrungen zu sprechen. In diesem Fall macht ein Ratgeber möglicherweise nicht nur ein Leben besser. Ich schaue mich weiter um und merke schnell, dass Joan eher die Ausnahme ist.
Auf einer Buchstütze liegt „Der Weg des wahren Mannes“. Untertitel: „Ein Leitfaden für Meisterschaft in Beziehungen, Beruf und Sexualität“.
Öffne deinen Verstand und dein Körper ist nur noch Licht?⬆ nach oben
Meisterschaft – wow! Autor David Deida zeichnet ein starres Bild davon, wie ein Mann zu sein und über Frauen zu denken hat. Ein Mann soll seiner Vorstellung nach „auf unverfrorene Weise maskulin – zielstrebig, selbstsicher und unverfälscht“ sein. Dann wird es unverständlich: „Das Weibliche wirkt absolut erregend auf diesen Mann“, allerdings ist „das Feminine immer chaotisch und kompliziert“ aus der Sicht eines Mannes. Das müssten Männer einsehen, befindet Deida, oder ihre Partnerin sofort verlassen. Das helfe, rät er, „sich bis zu dem Punkt zu entwickeln, an dem sich der Verstand in das Fühlen öffnet und der Körper nur noch Licht ist.“
Nicht jede Person, die vor dem Ratgeberregal steht, verlässt die Abteilung am Ende mit vollen Händen. Eine Frau liest in einem Sessel in zwei Bücher hinein. Eines ist „Das Vagus-Nerv-Workbook“, ein weiterer Ratgeber verspricht die Anleitung zur Heilung von Traumata durch Vagus-Nerv-Arbeit. Beides legt sie nach einigem Blättern weg.
Die Szene steht für mich symptomatisch für die Welt der Ratgeber. Die Fülle an Angeboten verspricht Orientierung, aber produziert damit auch genau die Unsicherheit, von der sie lebt. Die Bildungsforscher Dieter Nittel und Reinhard Völzke schreiben in ihrem Buch „Jongleure der Wissensgesellschaft“, dass mit der Zahl der Erkenntnisse das Nichtwissen wachse und damit die Gefahr, sich nicht auszukennen. Nun verpackt nicht jeder Ratgeber wertvolles Wissen, aber sie können das Gefühl verstärken, dass wir überall Herausforderungen um uns haben, die es zu managen gilt. Sie verleiten zu Selbstoptimierung, die ein Prozess ist, der nie zum Abschluss kommt, wie die Soziologin Anja Röcke identifiziert hat.
Eine Frau, die ich auf Ende 50 schätze, geht mit ihrem Smartphone in der Hand auf eine Mitarbeiterin zu, zeigt ihr den Bildschirm und fragt: „Haben Sie das hier?“ Sie suche nach einer Empfehlung für ein Buch über das Grenzensetzen in Konfliktsituationen, um „ein bisschen was rauszuziehen, was man anwenden kann.“ Die Kundin verlässt die Abteilung mit „50 Sätze, die das Leben leichter machen“. Auf dem Cover prangt rot und an prägnanter Stelle ein Spiegel-Bestseller-Aufkleber.
Das sagt die KR-Community zu Ratgebern⬆ nach oben
Ich glaube nicht, dass wir Menschen für unsere zwischenmenschlichen Begegnungen ein Buch brauchen, das einen derart plakativen Titel trägt. Die KR-Community ist geteilter Meinung, wie ich bei meiner Umfrage herausgefunden habe. Gut 70 Menschen haben teilgenommen. Viele von ihnen nutzen verschiedene Formate, am häufigsten Video-Tutorials, Bücher, Blogs und Foreneinträge. Rat suchen die meisten in den Bereichen Körper und Gesundheit, Reparaturen, Handwerkliches, IT und Elternschaft.
Die meisten geben an, dass sie schon hilfreiche Ratgeber vor sich hatten. Besonders gut funktionieren Videos mit Anleitungen für Reparaturen. Caro schreibt: „Youtube-Videos haben mir viel über Handwerk im Haushalt (Spüle montieren zum Beispiel) beigebracht und mir gezeigt, wie ich meine Playstation aufschrauben und reinigen kann.“ Für eine anonyme Teilnehmer:in sind hilfreich: „Internetseiten/Youtube-Tutorials, die mir zum Beispiel erklärt haben, dass meine Zimmerpflanze zu viel Sonne hatte (-> umstellen) oder wie ich meine Rollschuhe pflegen sollte.“ Ebenso beliebt sind: Finanzratgeberseiten wie Finanztip, die Verbraucherzentrale und Öko-Test. Komplizierter wird es, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht.
Ein anonymes Mitglied schreibt: „Bücher zu Erziehungsthemen haben mir geholfen im Sinne, dass ich die Entwicklung von Kleinkindern besser verstehen konnte und dadurch im Umgang mit ihnen etwas gelassener bin. Ich habe dadurch meine Reaktion auf ‚anstrengendes‘ Verhalten angepasst.“ Manche berichten, zwar nicht die Tipps aus den Ratgebern umgesetzt zu haben, aber durch sie ihre innere Haltung verändert zu haben, was sie ebenfalls als hilfreich empfanden. Manche ziehen ab und an auch eine künstliche Intelligenz zu Rate.
Besonders schwierig: Ratgeber zum Thema Gesundheit⬆ nach oben
Ich habe die KR-Community auch gefragt: „Was war der schlechteste Ratgeber, den du je gelesen (oder gehört oder geguckt) hast? Und was hat dich daran so gestört?“ Ihre Antworten zeigen: Ratgeber können uns verunsichern, durch Falschaussagen in die Irre führen und unsere Zeit durch Plattitüden und Oberflächlichkeit verschwenden.
Heike schreibt: „Ich kann gar nicht einen speziellen rauspicken, aber beim Thema Gesundheit gibt es so viel Müll. Trotzdem ist es das Thema, nach dem ich am ehesten suche. Denn Gesundheit ist leider so individuell oft, dass man in unserem Gesundheitssystem keine ausreichenden Antworten bekommt und selbst recherchieren muss. Da stolpert man über wahnsinnig viel, teils gefährlichen, Unfug. Die schreiben den größten Mist, damit verzweifelte Menschen ihnen Geld geben.“
Lea warnt: „Gesundheitsgefährdendes wie falsche Techniken beim Einkochen stehen an unendlich vielen Stellen in Büchern, Blogs etc. Hier muss einem klar sein, dass alle was schreiben können, ohne dass es geprüfte Fakten sind.“
Bei Bestsellern wie „50 Sätze, die das Leben leichter machen“ (jenem Buch, dessen Titel mich in der Buchhandlung irritierte) ist die Community geteilter Meinung. Conny schreibt: „Ich habe auf einem Rhetorikseminar für mich das Buch entdeckt. Die Erkenntnis, dass die Wortwahl die Kommunikation verändert, hat dazu geführt, dass ich bewusster damit umgehe. Und lieber nochmal nachdenke, als immer gleich auszuplaudern.“ Marlene sieht das anders: „Furchtbar unsympathische Autorin. Tipps, die wirklich Egoismus fördern. Kein Wunder, dass man dann irgendwann einsam dasteht …“
Ich hege stets Argwohn gegenüber Ratgebern, deren Autor:innen oder Verlagshäuser mir nicht als seriöse Quellen geläufig sind. Was macht also gute Ratgeber aus?
Diese Kriterien helfen beim Ratgeberkauf⬆ nach oben
Das kann mir Frank Wolsiffer beantworten. Er arbeitet bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen im Buchbereich und ist damit bundesweit für das Print-Ratgeberangebot zuständig. Dieses entsteht in Zusammenarbeit mit Expert:innen oder Fachjournalist:innen und Lektorat.
Wolsiffer weiß, dass viele Verbraucher:innen nur schwer zwischen seriösen und unseriösen Informationen unterscheiden können. Sein Rat ist pragmatisch: Man muss auf den Absender schauen. Wer rät hier wem und auf welcher Grundlage?
Gute Ratgeber versteht Wolsiffer als ein Geländer. Sie bieten eine Struktur für Menschen, die sich durch große, komplexe Themen arbeiten müssen. Wenn es um Pflege, Altersvorsorge oder Hausfinanzierung geht, also Bereiche, in denen man „vieles falsch machen kann, was dann auch viel Geld kosten kann“, ist ein strukturierter Ratgeber immens wichtig.
Struktur bedeute, dass Ratgeber ein aussagekräftiges Inhaltsverzeichnis haben und selektiv lesbar sein müssen. Das heißt, dass es ausreichen muss, einzelne Kapitel zu lesen, um die gesuchte Information zu entnehmen. Wonach die Menschen suchen, weiß die Verbraucherzentrale aus ihrer eigenen Beratungspraxis.
Ratgeber können also funktionieren, wenn es um Altersvorsorge, Pflege oder Pflanzen geht. Hier ist ihre Struktur eine Stärke. Aber nicht jede zwischenmenschliche Begegnung lässt sich entlang eines Leitfadens oder eines kurzen Kapitels abarbeiten. Bei der Methodisierung bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke.
Das lässt sich doch aushalten⬆ nach oben
Als Journalistin bin ich es gewohnt, Menschen mit Methode sorgfältig zu befragen. Für Interviews bereite ich mir ein Fragenset vor. Das ist in meinem Beruf nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Doch es gibt etwas, das ich mir verbiete: mich strikt an meine Notizen zu halten. Es muss Platz dafür sein, dass ich Rückfragen zu den Antworten stelle, die mein Gegenüber mir gibt. Bei meinem Date blieb hingegen kein Raum für Resonanz.
Das ist der Kern meines Problems mit Anleitungen. Sie verleiten dazu, Taktgefühl, Präsenz im Moment und die Fähigkeit zur unmittelbaren Reaktion zu vergessen. Die Forschung bestätigt meinen Eindruck: Ratgeber behandeln die Herausforderungen, für die wir nach Lösungen suchen, häufig wie Maschinen, für deren Reparatur es nur eine mögliche Methode gibt. Sie orientieren sich an Fällen, statt an einem konkreten Fall. Das ist der Grund dafür, weshalb sie nur stark vereinfachte, allgemeine Beispiele nutzen, in denen sich jede:r möglicherweise ein bisschen wiederfinden kann.
So begegnen wir unseren Mitmenschen und uns selbst nicht mehr wirklich, sondern glauben, wir müssten sie und uns nur richtig bedienen. Ratgeber, die dies fördern, verschlechtern unser Miteinander. Klar: Wenn wir die Skripte beiseitelegen, müssen wir Pausen aushalten. Oder dass es mit dem Gegenüber einfach nicht so funken will. Aber das zu merken, kann auch sehr hilfreich sein.
Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger.