Gerade hat mir mein Partner erzählt, dass er bald mit zwei Freundinnen für das Wochenende wegfährt. Ich frage, mehr aus Spaß: „Du schläfst auf dem Sofa, oder?“ Das war nicht immer so. Anfang meiner Zwanziger hat mich tief verunsichert, dass mein Partner so eng mit zwei Frauen befreundet war. Er machte mit ihnen Spieleabende, ging mit ihnen feiern und quetschte sich in den Fotoautomat.
Ich fand das seltsam. Welcher Mann ist so eng mit Frauen befreundet, ohne „mehr“ zu wollen? Ein paar Jahre später wohnte er mit seiner besten Freundin in einer WG – und ich mehrere hundert Kilometer weg. Ich ertappte mich bei dem Gedanken: „Wieso schon wieder eine Frau? Kannst du nicht mal mit einem Mann befreundet sein?“
Auch ich hatte schon männliche Freunde gehabt. Allerdings wollten oft entweder ich oder der Mann irgendwann mehr als Freundschaft. Wieso sollte es bei meinem Partner anders sein?
Männer haben heute insgesamt weniger Freund:innen als früher und fühlen sich deutlich einsamer als Frauen. Die meisten von ihnen schaffen es nicht, Nähe zu anderen Männern aufzubauen. Warum ist das so? Und was finden Männer bei Freundschaften mit Frauen, was ihnen Männer nicht geben können? Um zu verstehen, was Freundschaften zwischen Männern und Frauen ausmacht und wie sich diese von Freundschaften unter Männern unterscheiden, habe ich mit der Krautreporter-Community und einem Experten für Freundschaften gesprochen.
„Weniger Macho-Scheiß, bessere Gespräche“⬆ nach oben
Mein Partner sagt: „Mit Frauen kann ich eher echte Gespräche führen. Außerdem habe ich keinen Bock auf dieses Abgemännere.“ Ein Krautreporter-Mitglied formuliert es in der Umfrage, die ich für diesen Text erstellte, so: „Weniger Macho-Scheiß, bessere Gespräche.“
Wolfgang Krüger kennt diese Argumentation gut. Der Psychologe und Buchautor ist einer der führenden Experten in Deutschland für das Thema Freundschaft. „Männer sind gerne mit Frauen befreundet, weil sie dort weniger die Schwierigkeit haben, über sich zu reden, denn Frauen fragen nach. Bei Frauen können Männer sich schwach zeigen und entspannter sein.“ In der männlichen Krautreporter-Community herrscht darüber Einigkeit: Freundschaften mit Frauen bieten ihnen offenere, ehrlichere und tiefgründigere Gespräche, weniger Druck, mehr Rückfragen und Empathie.
In der Schulzeit hatte mein Partner nur männliche Freunde, erst in der Studienzeit entstanden seine Freundschaften zu Frauen. Um Männerfreunde hat er sich seither nicht mehr bemüht. Er hat zu häufig klischeehaftes, toxisches männliches Verhalten bei anderen Männern in seinem näheren Umfeld erlebt, das ihm selbst fremd ist. Ebenso wie er wenig mit vermeintlich typischen „männlichen“ Hobbys wie Fußball, Fitnessstudio oder Autos anfangen kann. Laut einer Statista-Umfrage von 2024 sind die beliebtesten Hobbys von Männern in Deutschland dabei gar nicht so „männlich“: Auf Platz eins ist Socializing, gefolgt von Technik/Computer und Outdooraktivitäten.
In der Krautreporter-Community berichten manche Männer davon, schon immer eher mit Frauen befreundet gewesen zu sein. Bei anderen hat die Berufs- oder Studienwahl dazu geführt, ein weiblicheres Umfeld zu haben. Einige schreiben, sich nicht für „typisch“ männliche Aktivitäten zu interessieren und sich an den ständigen Vergleichen zu stören. Trotzdem wünscht sich etwa die Hälfte der Befragten mehr männliche Freunde.
Bei Männern sei alles ein Wettbewerb, so fühlt es sich für viele an⬆ nach oben
Doch für viele sind Männerfreundschaften negativ konnotiert. Denn egal, ob bei Hobbys oder im Beruf: Unter Männern herrsche stets ein Druck, sich zu vergleichen, sagt Wolfgang Krüger. „Wenn zwei Männer zusammenkommen, kann man meistens davon ausgehen, dass jeder von seinen Erfolgen berichtet. Dann entsteht eine Stimmung von Rivalität.“ Das also, was mein Partner als „Abgemännere“ wahrnimmt.
Auch einige Krautreporter-Mitglieder berichten von dem Gefühl, unter Druck und im Wettbewerb zu dem anderen zu stehen. Statt zu reden, unternehmen Männer eher zusammen Radtouren oder gehen Bergsteigen. Es sei zwar wichtig, dass man Erlebnisse miteinander teilt, sagt Krüger. „Aber bei diesen Sachen kommt man sich nicht nahe.“ Das emotionale Gespräch fehle. In einer SINUS-Studie aus dem Jahr 2018 sagten 44 Prozent der Befragten, dass es für eine Freundschaft wichtig wäre, viel gemeinsam erlebt zu haben. Doch für 70 Prozent waren ehrliche Kommunikation, über alles reden können und immer füreinander da sein die Top-Antworten.
Ein Krautreporter-Mitglied schreibt: „In den Freundschaften mit meinen Freundinnen habe ich das Gefühl, nicht performen oder besondere Fakten über Fußball, Politik oder Finanzen raushauen zu müssen. Ich kann über meine Gefühle, Sorgen, Gedanken offen sprechen und werde verstanden, ohne zu riskieren, abgestempelt zu werden.“
Es scheint paradox: Viele Männer sehnen sich nach emotionalem Austausch, können das aber in ihren Freundschaften miteinander nicht leisten. Auch mein Partner konnte mit männlichen Freunden, die er teilweise schon seit der Schule kannte, nie so eine Nähe aufbauen, wie er das jetzt mit seinen Studienfreundinnen hat. Statt Deep Talk zu führen, spielten sie gemeinsam Computer, Siedler oder Magic the Gathering. Statt sich über ihre Emotionen auszutauschen, machten sie ironische Witze und tranken Bier. Alles blieb kumpelhaft und oberflächlich. Sie schaffen es also nicht, ihre Bedürfnisse zu äußern, obwohl sie damit einen Wandel in Männerfreundschaften anstoßen könnten. Mein Partner versuchte das zwar mit seinen Freunden, bekam aber nie etwas zurück. Deswegen gab er irgendwann auf. Und suchte (und fand) schließlich in seinen Freundschaften mit Frauen das, wonach er sich sehnte: echte Nähe und Verbundenheit.
Dazu, wie viele Männer hauptsächlich oder nur mit Frauen befreundet sind, gibt es keine genauen Zahlen. Einige Studien deuten darauf hin, dass Männer mehrheitlich mit Männern und Frauen mehrheitlich mit Frauen befreundet sind. In meiner Umfrage gaben 77 Prozent der Männer an, mehr weibliche Freundinnen als männliche Freunde zu haben. Männer haben aber insgesamt immer weniger Freund:innen. Laut einer Studie des Survey Center on American Life aus dem Jahr 2021 haben nur 26 Prozent der befragten amerikanischen Männer sechs oder mehr enge Freunde, während es 1990 noch 55 Prozent waren. 17 Prozent gaben an, gar keine engen Freunde zu haben – eine fünffache Steigerung seit 1990.
Nur wenige Männer haben überhaupt sehr enge Freunde⬆ nach oben
Wolfgang Krüger schränkt das sogar noch mehr ein: „Nur ein Drittel aller Männer hat überhaupt eine Herzensfreundschaft.“ Bei Frauen wären es hingegen zwei Drittel. „Herzensfreundschaften“ seien Freundschaften, in denen man über alles sprechen könne, über Ängste und peinliche Situationen, und in denen man sich verstanden fühle. Diese Herzensfreundschaften finden Männer, so Krüger, am ehesten bei Frauen. Laut der SINUS-Studie von 2018 stimmten immerhin 73 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass es möglich sei, mit dem anderen Geschlecht „nur“ befreundet zu sein.
Für viele Männer in heterosexuellen Beziehungen ist die Partnerin jedoch die einzige oder hauptsächliche Bezugsperson; mit ihr sprechen sie über Sorgen und bei ihr holen sie sich Rat. Vor allem in langjährigen Beziehungen schaffen es Männer häufig nicht, ihre Freundschaften zu pflegen. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung fühlen sich Männer häufiger sozial einsamer als Frauen. Oftmals entsteht eine Dynamik, in der sich die Partnerinnen dann um die sozialen Netzwerke kümmern oder den Mann daran erinnern, sich mit dem besten Kumpel zu verabreden. „Männer sind in verhängnisvoller Weise von Frauen abhängig, das ist überhaupt nicht gut“, sagt Krüger.
Was aus dieser Abhängigkeit ebenfalls folgt, ist, dass die Partnerin Sorgearbeit für den Mann übernimmt. Die US-amerikanische Entwicklungs- und Sozialpsychologin Angelica Ferrara und der Sozialwissenschaftler Dylan P. Vergara nennen diesen Teil der Sorgearbeit in einer wissenschaftlichen Arbeit „Mankeeping“. Frauen leisten emotionale Unterstützung, oft als einzige Bezugsperson. Gleichzeitig sind viele Männer nicht im gleichen Maße für die Partnerin da. Die Vermutung liegt nahe, dass Frauen in Freundschaften mit Männern eine ähnlich emotionale Arbeit leisten. Es ist eine Arbeit, die an Frauen hängenbleibt, weil Männer es nicht schaffen, sie füreinander zu leisten.
Damit Freundschaften platonisch bleiben, gibt es ein paar Bedingungen⬆ nach oben
Wenn sich Männer bewusst für Freundschaften mit Frauen entscheiden, hängt das laut Krüger mit der frühkindlichen Prägung zusammen. „Solche Männer hatten häufig ein inniges Verhältnis zur Mutter oder Schwester und ein schwieriges Verhältnis zum Vater und/oder Großvater und männlichen Geschwistern, sodass männliche Vorbilder gefehlt haben.“ Jungs hätten dann früh erlebt, dass die Beziehung zu Frauen, zum Beispiel zur Mutter, intensiver und wertschätzender sei.
Freundschaften zwischen Männern und Frauen zeichneten sich häufig dadurch aus, dass Männer feminine Eigenschaften und Frauen eher maskuline mitbrächten, sagt Krüger. „Männer sind dann achtsam, haben soziale Kompetenzen und können gut zuhören.“ In guten Freundschaften näherten sie sich in ihren jeweiligen Eigenschaften einander an. „Männer lernen besser, über sich zu reden, und Frauen werden mitunter handlungs- und entschlussfähiger.“
Männern wurde es in der Vergangenheit selten erlaubt, sich schwach zu zeigen⬆ nach oben
Anders als Freundschaften mit Frauen sind Freundschaften zwischen Männern oft eher locker statt eng. „Männer reden mit anderen Männern zwar über alles Mögliche, aber ungern über sich“, sagt Krüger. Ein Krautreporter-Mitglied schreibt: „Über technische Details, Wirtschaft und Politik kann ich wunderbar mit Männern diskutieren. Ansonsten bleiben Gespräche oft eher oberflächlich.“ Durch den ständigen Vergleich bestehe wenig Spielraum für emotionalen Deep Talk. Angelica Ferrara und Dylan P. Vergara deuten in ihrem wissenschaftlichen Aufsatz zudem an, dass bei Männern auch die Angst mitschwingen könnte, dass ihre gleichgeschlechtlichen Freunde sie für seltsam oder schwach halten könnten, wenn sie sich ihnen anvertrauten. Sie stellen aber auch fest, dass das in jüngeren Generationen weniger der Fall ist.
Mein Partner ist Jahrgang 1992. Wenn in seiner Schulzeit ein Junge weinte oder Gefühle zeigte, wurde er als „Pussi“ oder „schwul“ beschimpft. Als ich meinen eigenen Bruder (Jahrgang 1985) bei der Beerdigung unserer Oma weinen sah, war ich schockiert, weil ich ihn bis dahin noch nie hatte weinen sehen. Er war da bereits über 30.
Schwäche oder Emotionen wurden schlicht als Teil eines Mannes nicht anerkannt, ja, sie wurden regelrecht abgewertet und aberzogen. Selbst wenn das in jüngeren Generationen nicht mehr so extrem ausgeprägt sein mag, die Männer von heute prägen weiterhin die Männer, die nach ihnen kommen. Und damit auch ein Bild davon, wie Beziehungen zwischen Männern vermeintlich auszusehen haben: nämlich unemotional und von Leistungsvergleich bestimmt. Zugleich wurde ich als Frau dazu erzogen, immer freundlich, empathisch und einfühlsam zu sein und bloß nicht „anzuecken“. Kein Wunder also, dass Männer sich eher Frauen zuwenden, wenn sie eine enge Freundschaft suchen.
Das heißt natürlich nicht, dass es enge Freundschaften zwischen Männern nicht gibt. Doch sie sind seltener. Dabei verstand man in der Antike und im Mittelalter unter Freundschaft ausschließlich eine zwischen Männern. Frauen sei abgesprochen worden, tiefgründig und damit freundschaftsfähig zu sein, da sie sich um den Haushalt kümmerten, sagt Krüger. Dass es inzwischen eher gesellschaftlich akzeptiert ist, dass Frauen und Männer befreundet sein können, führt Wolfgang Krüger auf die Studentenbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre zurück. „Davor ging man immer davon aus, wenn ein Mann und eine Frau befreundet sind, dass sie miteinander ins Bett gehen.“ Auch heute gebe es noch soziale und kulturelle Kontexte, in denen Männer nur mit Männern befreundet seien und eine Freundschaft mit einer Frau eher kritisch beäugt werde.
Dabei könnten mehr Freundschaften, gerade mit Frauen, dazu führen, dass Männer seelisch stabiler, gesünder und glücklicher werden und gar länger leben, sagt Krüger. Zudem ist es besser für die romantische Beziehung: „Enge Freundschaften, egal ob mit Männern oder Frauen, außerhalb der Beziehung zu haben, ist für diese eine unendliche Entlastung und Bereicherung.“
Wenn man es so sehen will, profitiere ich davon, dass mein Partner enge Freundschaften mit Frauen pflegt. Inzwischen sind wir seit 13 Jahren ein Paar. Ich habe mich daran gewöhnt, dass er bei Freundinnen übernachtet und stundenlang am Telefon hängt, so wie das bei mir und meinen Freundinnen ist. An dem Punkt, an dem ich früher eifersüchtig gewesen wäre, denke ich heute: Gut, dass er Menschen hat, bei denen er sich verstanden fühlt.
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger