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Bevor ein Kind in die Grundschule kommt, muss es zur Schuleingangsuntersuchung. Das ist überall in Deutschland so.
Ein Fokus der Tests sind die sogenannten schulischen Vorläuferfähigkeiten, also Sprache, Sprechen, Motorik, Feinmotorik, Aufmerksamkeit und das Verstehen von Aufgaben. All das gibt Hinweise darauf, wie gut das Kind in der Schule klarkommen wird.
Die Regenbogenschule in Krefeld hatte damit ein Problem. Denn: Die Untersuchungen zeigten zwar, dass die Unterschiede zwischen den Kindern riesig waren. Aber was sollte man als Grundschule mit diesen Informationen anfangen? Wenn man die Kinder erst ab der ersten Klasse fördert, ist das eigentlich zu spät. Gerade als Startchancen-Schule, bei der viele Familien besonders belastet sind und die meisten Kinder einen großen Förderbedarf haben.
Deshalb geht die Regenbogenschule einen neuen Weg. Sie lädt die Kita-Kinder ein Jahr vor Schulstart zum digitalen Screening mit dem Tool eduLOG ein, ein softwarebasiertes Verfahren, das die Lernausgangslage und den Sprachstand erfassen kann. Es soll Hinweise auf Stärken und Schwächen geben (Kann das Kind seinen Namen schreiben? Kann es nach Silben klatschen?) und die Grundlage für Förderbedarfe einzelner Kinder, Klassen und Jahrgänge liefern.
Als die Regenbogenschule das Tool zum ersten Mal ein Jahr vor der Einschulung angewendet hatte, hat sie festgestellt: Die meisten Kinder liegen schon vor der Einschulung ein bis zwei Jahre hinter dem erwarteten Entwicklungsstand zurück.
Die Schulleiterin Nadine Fahl sagt: „Wir wussten: Wir können diese Kinder jetzt nicht einfach ganz normal die Grundschule durchlaufen lassen, das wird nicht klappen.“ Statt bis zur Einschulung zu warten, werden die künftigen Schulanfänger:innen deshalb nun alle drei Wochen eingeladen.
Sie lernen Schule und Mitschüler:innen kennen, künftige Lehrkräfte arbeiten mit ihnen bereits daran, besser in den Bereichen zu werden, in denen sie Probleme haben. Zusätzlich ist die Testsoftware mit der Förder-App „KönnerKids“ verbunden, die Aufgaben passend zum jeweiligen Screening-Ergebnis anbietet.
Von der Regenbogenschule aus wurde dieses Konzept auf die weiteren Startchancen-Grundschulen der Stadt übertragen und nun auch auf alle anderen. Die Schulen in Krefeld haben die gesammelten Daten genutzt und direkt aus ihnen abgeleitet, dass sie etwas verändern müssen.
Wie stehen die deutschen Schulleitungen zum Thema Daten?⬆ nach oben
Gehört habe ich von dieser Entwicklung vergangene Woche bei einer Veranstaltung der Wübben Stiftung in Berlin, bei der 100 Schulleitungen aus ganz Deutschland zu Gast waren, um über datengestützte Schulentwicklung zu diskutieren.
Klar ist: Heute werden deutlich mehr Daten in Schulen gesammelt als noch zu meiner Schulzeit. Über mein Gymnasium wusste ich eigentlich nur, wie viele Schüler:innen es ungefähr hat (über 1.000). Heute hängen in manchen Schulen Bildschirme mit Daten darüber, wie viel Prozent der Schüler:innen an dem Tag fehlen und welche Noten durchschnittlich in den einzelnen Fächern erzielt werden.
Wie es generell aussieht und wie deutsche Schulleiter:innen zum Thema Daten stehen, hat letzte Woche der Schulleitungsmonitor gezeigt, der ebenfalls bei der Veranstaltung in Berlin vorgestellt wurde. Die repräsentative Studie hat gezeigt:
Die Mehrheit der Schulleitungen nutzt Daten aktiv in ihrem Arbeitsalltag. Fast 78 Prozent der Befragten stimmen (eher) zu, sich intensiv mit Daten ihrer Schule auseinanderzusetzen und 75 Prozent geben an, diese (eher) als Grundlage für die Weiterentwicklung der Schule zu verwenden.
Umgekehrt heißt das aber auch: Etwa ein Viertel setzt sich (eher) selten intensiv mit Daten zur eigenen Schule auseinander (22,3 Prozent) oder nutzt sie (eher) nicht für Schulentwicklungsmaßnahmen (25 Prozent).
Eine Allergie gegen Daten?⬆ nach oben
Da stellt sich mir die Frage: Woran genau erkennen diese Schulleitungen dann, wie gut es bei ihnen an der Schule läuft und wo sie vielleicht gegensteuern sollten?
In der Befragung hat sich gezeigt, dass fast die Hälfte der Schulleitungen einer datengestützten Arbeitsweise grundsätzlich positiv gegenübersteht. Fast 50 Prozent stimmen der Aussage (eher) zu, dass die Arbeit mit Daten einen Mehrwert im schulischen Qualitätsmanagement bietet. Gleichzeitig lehnt etwa jede fünfte Schulleitung diese Aussage (eher) ab.
Bei der Veranstaltung in Berlin hieß es immer wieder, Deutschland habe eine Aversion gegenüber Daten – oder gar: eine Allergie. Hatschie! Immerhin: Nur rund 15 Prozent der befragten Schulleitungen haben angegeben, dass sie die Arbeit mit Daten abschreckt.
Ein Tool, um Gewaltvorfälle zu sammeln⬆ nach oben
Das Beispiel aus Krefeld ist natürlich nur eine Variante, wie man Daten benutzen kann, um Schulen besser zu machen. Die 100 Schulleitungen haben in Berlin auch vorgestellt, wie sie an ihrer Schule Daten nutzen.
Eine Schule in Gelsenkirchen nutzt beispielsweise ein Online-Tool, in dem Lehrkräfte Gewaltvorfälle eintragen können. Denn ja: Das ist dort leider nötig. Die Schulleiterin meinte auf dem Event in Berlin: „Ich komme an meiner Schule ganz häufig an einen Punkt, an dem ich gar nicht mehr in der Hand habe zu entscheiden, womit ich meine Zeit verbringe. Es kommt zum Zwischenfall, ich rufe die Polizei und der Tag ist erstmal gelaufen.“
Die Lehrkräfte können in dem Tool beschreiben, wer an einer Prügelei beteiligt war, was passiert ist, ob die Eltern schon kontaktiert wurden oder noch kontaktiert werden müssen. Und sie können durch das Auswerten der Vorfälle sehen, wann und wo sie sich häufen – beispielsweise in der großen Pause –, um Anpassungen vorzunehmen.
In einer anderen Schule in Nordrhein-Westfalen nutzt der Schulleiter regelmäßige Befragungen seiner Lehrkräfte, um herauszufinden, wie zufrieden sie sind. Ein überraschendes Ergebnis: Ein Thema, das viele der Lehrer:innen dort beschäftigt, sei die Gewalt von Eltern gegenüber Lehrkräften und Kindern.
Mich würde interessieren: Wie nutzt du in deinem Alltag Daten (jeglicher Art), um deine Arbeit mit Schüler:innen anzupassen oder zu evaluieren? Welche Daten erhebt deine Schule und wie werden diese genutzt? Vielleicht sammelt ihr ja sogar Daten, die zu unserer aktuellen Recherche zur Lesekrise passen? Schreib gerne an tkaa@krautreporter.de.
Was wir lesen
📝 Als Ergänzung zur Studie oben: In ihrem Positionspapier „Darum Daten“ wirbt die Wübben Stiftung Bildung dafür, Daten als Instrument für einen besseren Unterricht zu nutzen, statt sie als zusätzliche Bürokratie zu betrachten.
📊 Die neue UNICEF-Studie zum Wohlbefinden von Kindern ist erschienen. Sie zeigt, dass Deutschland beim Kindeswohl nur auf Platz 25 von 37 liegt. Passend dazu: Die Krautreporter-Leser:innen haben mir mal erzählt, wie Deutschland kinderfreundlicher werden kann. Herausgekommen sind diese 77 Ideen.
🏆 „Du bist wie ein Vater für mich. Nicht so ein Arsch wie mein letzter“, das ist die Überschrift eines Artikels von Philipp Daum in der ZEIT. Eingeweihte erinnern sich: Philipp war mal unser Textchef bei Krautreporter. Jetzt hat er für seinen Text über ein Feriencamp, in das nur Häftlingskinder kommen, völlig zu Recht den Stern-Preis gewonnen. Die Reportage ist (gerade für mich als Feriencamp-Leiter) berührend und enorm präzise beobachtet.
Redaktion und Schlussredaktion: Lea Schönborn.