Im Vordergrund Lineal, Geodreieck und Salamander als Sticker, im Hintegrund eine Schulklasse

National Cancer Institute/Karolina Grabowska/Karl Callwood/Unsplash

Kinder und Bildung

Es ist gut, dass du in der Schule Dinge lernst, die du nicht brauchst

Gedichtanalyse? Kurvendiskussion? Das hat dir mehr gebracht, als du denkst.

In der neunten Klasse holte meine Biologielehrerin Frau Fischer einen Filmprojektor aus der Schrankwand. Sie musste noch mit der Hand kurbeln, um den Film abzuspielen, den sie uns zeigen wollte. (Nein, ich bin nicht in den sechziger Jahren zur Schule gegangen, Frau Fischer war nur etwas altmodisch.)

Über die Leinwand flimmerte ein Schwarzweißfilm über die Paarung des Alpenmolches. Ich weiß noch ganz genau, wie fassungslos ich damals war: Die Paarung des Alpenmolches? Ernsthaft? Wozu brauche ich das? Warum sollte ich das wissen?

Diese Fassungslosigkeit begleitete mich durch meine gesamte Schulzeit und darüber hinaus. Und damit bin ich nicht allein. Erst neulich hat sich die ehemalige Boxerin Regina Halmich in einem SWR-Podcast aufgeregt: „Ich habe so viel in der Schule gelernt, was ich heute überhaupt nicht brauche.“ Gedichtanalyse? Kurvendiskussion? Stochastik? Puh. Shakespeare? Romantik? Goethe? Komm schon. Ich musste seit dem Matheabitur nie wieder die vierte Ableitung einer Funktion bestimmen. Du etwa?

Dieser Text ist an mein Neuntklässler-Ich gerichtet. Ich habe zwei wichtige Botschaften an dich. Erstens: Die Leute hatten recht, als sie meinten, deine Frisur sieht entweder aus wie die von Justin Bieber oder wie die eines Playmobil-Männchens. Und zweitens: Du musst nicht fassungslos über den vermeintlich sinnlosen Stoff in der Schule sein. Denn ob du das Gelernte später mal brauchst, ist eigentlich völlig egal.

Wir lernen in der Schule enorm viele Dinge, die wir später nie wieder brauchen⬆ nach oben

Klar, was du damals gelernt hast, kam dir aus guten Gründen sinnlos vor. Seit du in der Schule warst, hat sich die Gesellschaft enorm schnell verändert. Und eigentlich müsste Schule sich mitverändern. Das tut sie aber enorm langsam. Unterricht muss immer darum kämpfen, relevant zu sein. Sonst interessiert sich kein Kind dafür. Und das gelingt vor allem, wenn das, was man lernt, irgendwie mit dem eigenen Alltag zu tun hat. In der Pädagogik heißt das: Lebensweltorientierung. In meinem Alltag kam ein sich paarender Alpenmolch bisher noch nicht vor.

Wenn du mit 15 etwas gelernt hast, kannst du nicht erwarten, es später, mit Anfang 30, noch genau zu wissen (außer es geht um Alpenmolche). Was du aber hinterfragen kannst, ist der verbindliche Bildungskanon. Wenn du ohnehin das meiste wieder vergisst, könnte die Schule dann nicht viel mehr auf die Interessen und Wünsche der Schüler:innen eingehen? Muss es wirklich die Allgemeine Summenformel der Alkane (CnH2n+2) oder das Balzverhalten der weiblichen Zecke sein?

Um den Lehrplan am Leben der Kinder auszurichten, müsste man die Kinder natürlich erstmal fragen, wie ihr Alltag so aussieht. Schlechte Nachricht: Du, also der fünfzehnjährige Bent, wirst erst in der elften Klasse zum ersten Mal ein Referat zu einem Thema deiner Wahl halten dürfen. An den meisten Schulen sieht das ähnlich aus: Das Deutsche Schulbarometer 2026 von der Robert Bosch Stiftung hat ergeben, dass 84 Prozent der Schüler:innen gar nicht oder wenig an der Auswahl der Themen und Inhalte im Unterricht beteiligt sind.

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Solange es in der Schule also darum geht, Vorgefertigtes wiederzukäuen – ohne, dass die Schüler:innen die Themenwahl mitgestalten können –, brauchen wir uns über das Gefühl von Sinnlosigkeit nicht wundern. Oder wie eine Krautreporter-Leserin schreibt: „Weder hat mich das Auswendiglernen der Kraniche des Ibykus die Liebe zur Lyrik gelehrt noch das ständige Wiederkäuen von Musiktheorie über reine Quarten und Dreiklängen die Liebe zur Musik.“

Schule muss praxisnäher werden – oder etwa doch nicht?⬆ nach oben

Der Glaubenssatz „Schule muss endlich praxisnäher werden!“ gilt im Bildungsdiskurs als selbstverständlich progressiv. Wer dagegen argumentiert, wirkt rückständig. Aber du lagst in der neunten Klasse (und den Jahren danach) falsch. Lebensweltorientierung ist wichtig. Aber: Nur, weil dir das Wissen um das Paarungsverhalten des Alpenmolches nie wieder einen Vorteil im Leben verschafft hat, heißt das nicht, dass es sinnlos war, als Frau Fischer tatkräftig am Projektor gedreht hat.

Denn: Du hast Nützlichkeit mit Bildung verwechselt.

Die Frage „Wann brauche ich das?“ setzt voraus, dass Schule eine Investition ist, die sich später auszahlen muss. Aber das ist eine ökonomische Logik und Bildung ist keine Ökonomie.

Schule ist nicht dafür da, dass du dich nur mit Dingen beschäftigst, die du später im Beruf brauchst. Sie soll dazu führen, dass Menschen sich in der Gesellschaft zurechtfinden, mitreden und Verantwortung übernehmen, und zwar kulturell, gesellschaftlich, politisch, beruflich und wirtschaftlich. Das ist ausdrücklich als Kernauftrag formuliert, zum Beispiel von der Kultusministerkonferenz.

Dieser Text ist gemeinsam mit der Krautreporter-Community entstanden.⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben

Dafür habe ich mein Recherche-Dokument frei zugänglich in unserem Bildungs-Newsletter verlinkt. Alle Leser:innen des Newsletters konnten bei der Recherche mitmachen und ihre Gedanken teilen. Hier kannst du den Newsletter kostenlos abonnieren.

Schule muss allgemeine Bildungsziele für alle sichern und dient nicht nur deinem privaten Zweck. Das ist spätestens seit der Gründung der Weimarer Republik Konsens. Und heute besonders wichtig: Schule soll demokratisches Zusammenleben ermöglichen und schützen. So steht es auch in allen Schulgesetzen.

Diese Ziele kannst du nicht auf „Brauche ich das später im Job?“ reduzieren. Schule soll dich unabhängig, mutig und verantwortungsbewusst machen. Man kann darüber diskutieren, ob Schule diese Ideale heute erfüllt. Aber wenn nicht, liegt das nicht daran, dass du zu viele Gedichte interpretiert hast.

Niemand weiß, was später wichtig wird (auch nicht dein Mathelehrer)⬆ nach oben

Denn Bildung ist nie nur Ausbildung. Peter Bieri, der Schweizer Philosoph und Schriftsteller, hat 2005 in seiner Festrede „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ gesagt:

„Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“

Erst wenn du eine Basis für ein möglichst breites Wissen aufgebaut hast, kannst du wirklich entscheiden, welche Teile des Wissens für dich wichtig sind und welche nicht.

Später im Leben (und zwar nicht nur im Job, sondern auch privat) ist es ziemlich hilfreich, grundlegende Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen zu haben, oder wenigstens ein Gefühl von: „Das hab ich schon mal gehört.“ Außerdem wächst das Gehirn an seinen Aufgaben. Schon im jungen Alter nur pragmatisch auf ein Ziel – du möchtest mal Bauingenieur, Friseur, Tierpfleger werden – hinzuarbeiten, würde dich um viele Wege bringen, die du einschlagen könntest. Ein Krautreporter-Leser schreibt: „Ich fand es toll, in der Schule in ganz verschiedene Fächer tief einzusteigen, weil ich so wirklich das Gefühl hatte, meinen Beruf frei wählen zu können.“

Wie nutzlos etwas ist, ist außerdem oft eine Frage des Zeithorizonts: Allgemeinbildung ist eine Lebensversicherung gegen eine unbekannte Zukunft. Schule muss breite Grundlagen legen, weil niemand mit zwölf Jahren weiß, welche Berufe, Probleme oder Technologien mit 30 wichtig sein werden. Du wirst mit Anfang 30 jeden Tag mit KI arbeiten, aber nie wieder Code schreiben, obwohl dir Informatikunterricht als der heiße Scheiß für deine Zukunft verkauft wurde.

Schüler:innen sollen das Lernen lernen (und das geht eben am besten mit Beispielen)⬆ nach oben

In dem gemeinsamen Recherche-Dokument, das ich mit den Leser:innen unseres Bildungs-Newsletters The Kids Are Alright gefüllt habe, hat jemand geschrieben: „Niemand glaubt, dass ein Fußballspieler Kniebeugen macht, um Kniebeugen zu können.“

Spätestens als ich das gelesen habe, musste ich an Frau Fischer zurückdenken. Sie hat dir, lieber Bent mit der Justin-Bieber-Frisur, natürlich nicht beigebracht, wie sich Alpenmolche paaren, weil sie glaubte, dass du später ständig mit dieser Frage konfrontiert sein würdest. Fußballer machen Kniebeugen, um ihre Muskeln zu trainieren. Schüler:innen lernen, wie der Alpenmolch sich paart, um ihr Gehirn zu trainieren.

Die Lernpsychologie hat einen Begriff dafür, was Alpenmolche leisten: Transfer. Du lernst etwas Konkretes (eine Übung, ein Verfahren, ein Muster) und kannst es später auf Situationen anwenden, die damit auf den ersten Blick nichts zu tun haben. Beim Alpenmolch lernst du eigentlich, wie du ein komplexes System beobachtest und verstehst, warum bestimmte Bedingungen (wie die Umwelt) zu einem ganz bestimmten Verhalten führen. Du trainierst also dein Verständnis für Ursache und Wirkung. Das würde dir wahrscheinlich mehr Spaß machen, wenn es nicht um den Alpenmolch gehen würde, aber Frau Fischer hatte nun mal nur diesen Schwarzweißfilm parat.

Als du gelernt hast, wie du ein Gedicht analysierst, hast du gelernt, ein komplexes Problem in handhabbare Schritte zu zerlegen, systematisch vorzugehen und bei einem unübersichtlichen Ergebnis ruhig zu bleiben. Zugegeben: Diese Funktionen könnten auch Songtexte erfüllen, die nicht Hunderte Jahre alt sind. Technisch wäre es heute sogar leichter, Beispiele stärker an Interessen von Schüler:innen anzupassen. Es gibt Künstliche Intelligenzen, die das können. Dass die Schüler:innen das, was sie so lernen würden, später im Leben wirklich brauchen, ist aber auch unwahrscheinlich. Mehr Spaß würde es aber machen. Und das wäre schon ein großer Fortschritt.

Lebensweltbezug heißt deshalb vielleicht, dass du lernst, was dich interessiert. Aber nicht, dass du nur noch lernst, was im Alltag später (eventuell) mal eine Rolle spielen wird. Du wirst in der elften Klasse lernen, wie man eine Steuererklärung macht, weil deine Erdkundelehrerin das für wichtig hält. Die Steuererklärung ist das Paradebeispiel für alltagsnahen Unterricht. Lass dir sagen: Es werden nach deinem Abi zehn Jahre vergehen, bis du deine erste Steuererklärung machen musst. Du wirst absolut nichts mehr von dem wissen, was du in der Schule darüber gelernt hast.

Brauche ich das später? Das ist die völlig falsche Frage⬆ nach oben

Die vielleicht wichtigste Funktion fast aller Dinge, die du in der Schule so lernst, ist Metakognition – die Fähigkeit, das eigene Denken zu beobachten. Wann verstehst du etwas wirklich, wann bildest du dir das nur ein? Wo bleibst du hängen, und warum? Wie lernst du am besten? Diese Fähigkeiten entwickelst du nicht, indem du Dinge lernst, die dir leichtfallen. Du entwickelst sie, indem du an Stoff arbeitest, der dich herausfordert. Wenn du dich durch „Kabale und Liebe“ quälst, trainierst du, mit Nicht-Verstehen umzugehen. Das ist eine der nützlichsten Fähigkeiten, die es gibt. Als Erwachsener greifst du praktisch immer beim Lesen von Zeitungsartikeln oder politischen Schriften wie Koalitionsverträgen auf diese Kompetenzen zurück.

Ob du den Stoff, den du in der Schule gelernt hast, später mal brauchst, ist also eigentlich die völlig falsche Frage. Die Gedichtanalyse hast du nie wieder als Gedichtanalyse und die Kurvendiskussion nie wieder als Kurvendiskussion gebraucht. Sehr wohl hast du aber gebraucht, was beides in dir trainiert hat: genau hinzusehen, Strukturen zu erkennen, Unsicherheit auszuhalten und dich durch etwas durchzuarbeiten, das sich dir nicht sofort erschließt.


Danke an alle Krautreporter-Leser:innen, die beim Recherche-Doc mitgemacht haben! Eure Beiträge haben mir enorm beim Schreiben des Textes geholfen!

Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Isolde Ruhdorfer, Bildredaktion: Gabriel Schäfer

Es ist gut, dass du in der Schule Dinge lernst, die du nicht brauchst

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